Twitter - die neue Fußballkneipe

Ohnmacht und Isolation In der Pandemie sind wir sehr direkt mit unserer eigenen Ohnmacht konfrontiert - aber das muss uns nicht zu unangenehmen Menschen machen
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An diesem wolkenverhangenen Morgen Ende März schaue ich, wie so häufig in diesen Tagen, zunächst auf mein Handy und öffne Twitter.

Es ist 2021, immer noch Pandemie, aber ohne das anfängliche Gefühl des Ausnahmezustands, der das Frühjahr des letzten Jahres zumindest spannend gemacht hat. Der neue Alltag ist längst Routine und zieht sich zäh und repetitiv.

Die Trends in Deutschland sind so frisch und originell, wie ein abgestandenes Kölsch und ich frage mich, was hinter diesen immer wiederkehrenden Themen steckt, wieso die immer gleichen Twitteruser*innen die immer gleiche Energie an den Tag legen um über die immer gleichen Themen zu wettern.

Zum Beispiel der Trend #Mallorca, der eine Ansammlung wütender Gutmenschen symbolisiert, deren neustes Hassobjekt diejenigen Mitmenschen sind, die grade nach Malle fliegen sowie der Politik, die so etwas erlaubt. Ich finde es ermüdend, dieses Lamentieren und Beschweren über dieses oder jenes.

Natürlich ist es scheiße, dass es Flüge für 13 Euro nach Mallorca gibt, vollkommen unverhältnismäßig, grade angesichts des Schadens, den Flüge dieser Art unserer Umwelt bescheren. Und ja es ist auch ätzend, wenn die nächste Welle der Pandemie durch besoffene Ballermanntourist*innen ausgelöst wird, das ist schon von einem ästhetischen Gesichtspunkt her höchst problematisch.

Jedoch stellt sich mir die Frage nach der Motivation, denn die Themen, die Ankerpunkte für derlei Emotionsausbrüche scheinen mir höchst austauschbar zu sein. Im Sommer waren es die „jungen Erwachsenen“ die Partys feierten, die inkonsistente Verhängung von Lockdownmaßnahmen, oder die offenen Kirchen bei geschlossenen Restaurants. Ich sehe hier zwei Motive die sich durchziehen.

Es gibt immer wieder eine Gruppe, die sich schlecht verhält, die an den Pranger gestellt und zur Verantwortung gezogen wird, denen die Schuld für die Pandemie oder für die Entbehrungen zugeschrieben wird. Das zweite Motiv ist die Entrüstung über die Politik, aber immer bezogen auf kleine Inkonsistenzen oder Verfehlungen.

Was diese Tweets und Wutanfälle eint ist bei dem oder der Urheber*in zu suchen. Was befeuert diesen rightous anger, wie es im englischen so schön heißt? Auch hier gibt es immer zwei Motive, die mir auffallen. Zunächst das Herausstellen einer moralischen Verfehlung bei Anderen, sowie der Dummheit gewisser politischer Entscheidungen die aus der Ferne und aus einer Position der Nichtverantwortlichkeit kritisiert und Vorgeführt wird.

Das Subjekt welches kritisiert stellt die eigene moralische Überlegenheit zur schau, vom Sofa aus, und hat dabei immer treffsicher ein vollständiges Bild, was grade schiefläuft. Mich erinnert diese Mentalität stark an besoffene Fußballfans, die in der Kneipe sitzend den Fernseher anschreien - sich mit diesen kleinen Auftritten kurz beteiligt und wichtig fühlen können.

Nur dass die Kneipen heute zu sind, und diese Personen in ihrer Isolation vorm Handy sitzen und verzweifelt in den Digitalen Raum hinaus brüllen. Es scheint mir, als ginge es nur um Selbstversicherung.

Mit den Mitteln die dieses soziale Wesen nun mal hat, denn es leidet unter der Einsamkeit und Bedeutungslosigkeit, die es in diesem System erdulden muss. Unter der nicht kontrollierbaren Komplexität gesellschaftlicher oder der biologischen Prozesse, denen wir alle ausgeliefert sind. Und welches Pflaster könnte hier besser helfen als sich der eigenen Überlegenheit zu vergewissern, indem man sie herausbrüllt.

Ich möchte hiermit nicht dafür plädieren, keine Kritik mehr zu äußern, absolut nicht.

Ich zweifle nur daran, dass die kurzen repetitiven Ausbrüche das darunterliegende Bedürfnis wirklich stillen können.

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich selbst einmal die Aufmerksamkeit zu geben und richtig in sich hinein zu horchen.

Was diese produziert diese Wut und Ohnmacht und wie kann ich mich endlich wieder gesehen fühlen? Kann ich mich, trotz der notwendigen Isolation auf bedeutungsvolle Weise mit Menschen verbinden?

Denn schlussendlich ist diese Art, andere herunter zu machen und fortwährend aus unbeteiligter Position die eigene Überlegenheit zu postulieren sehr unangenehm. Wer dieses Verhalten lange wiederholt wird vielleicht irgendwann zu diesem stänkernden Menschen, der alleine in der Kneipe sitzt und den Fußballspieler(*innen) erklärt wie es funktioniert.

10:37 22.03.2021
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