Die Biologische Uhr Tickt

Zukünftig ohne Kinder? DIY Kolumne: Fragen aus der Generation Z. Ich bin 23 Jahre alt und denke darüber nach, ob es eine Zukunft für unsere Kinder gibt. Und wenn nicht, was habe ich davon?
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»Wenn Kinder sich jetzt fragen müssen, ob sie selber Kinder kriegen / Können wir nicht länger warten, tragen’s auf die Straßen« heißt es in dem Mobi-Song "Kein Grad Weiter" von Fridays For Future, Brass Riot und Tin Gonic. Ich bin 23 Jahre alt. Als Kind würde ich mich nicht bezeichnen. Vielmehr verstehe ich mich als jemand, der so "langsam mal über Kinder nachdenken sollte". Ich entspreche dieser Forderung gerne, die tatsächlich so noch niemand an mich gestellt hat. Der Grund hierfür mag in meiner männlichen Sozialisation liegen.

Zuletzt jedoch hatte jemand 'besonderes' das Bedürfnis mit mir über Kinder zu reden. Eine Person, die für mich als potentielles zweites Elternteil in Frage kommend, direkt daran beteiligt wäre. An dem Projekt Familie. Sie fragte mich nach meinen Bedenken bezüglich der Kinderfrage, die sich an einer Spielerei in einem Museum in Berlin auftat, bei welcher unsere Eignung als "Messias" geprüft wurde (ungeeignet). Auf ihre Frage nach meinen Bedenken, erzählte ich ihr von einer dystopischen Zukunft voller Verteilungskämpfe um Ressourcen aller Art, von instabilen ökologischen Verhältnissen und einer "verelendeten Masse". Ist dies die Zukunft einer Welt, in welcher ein Mensch eine solche vollumfängliche Verantwortung tragen möchte, für ein neues Leben? Ein bestimmtes "Nein" bekam ich zur Antwort. Denn diese Unsäglichkeiten, auf welche wir geradeweg hinsteuern, hatten mein Gegenüber schon länger dazu bewegen können, sich ihre Zukunft Kinderlos auszumahlen.

Mit diesem Konsens hatte ich nicht gerechnet. Die Rolle, die ich mir für dieses Szenario zurechtgelegt hatte, war die, dem klassischen Rollenbild des realistisch berechnenden Mannes entsprechend, welcher ohne Emotionen die Problematiken eines Kinderwunsches dieser Tage aufzeigt, sich dann aber, um seine Frau glücklich zu machen, mit erhobenem Zeigefinger erweichen lässt und sich der Aufgabe zur Bildung einer glücklichen Familie widmet. Weit gefehlt.

Jetzt wurde mir das erste Mal bewusst, wie tief ich in der bürgerlichen Vorstellung der Kleinfamilie stecke, wie viele meiner bisherigen Entscheidungen darauf aufbauen und wie ungern ich diese Vorstellung aufgeben wollte. Die Praktiken des 'etwas aus sich machens', des 'gesunden Lebensstils' und nicht zuletzt die Vorstellungen auf die meine Beziehung aufbaut, sind fest verstrickt in die Idee einer Zukunft mit meiner Freundin und ein, zwei, vielleicht drei Kindern (vielleicht auch einem Hund?). Sich von diesem Zukunftsentwurf, der über die Jahre unterbewusst immer mehr Form angenommen hatte, zu lösen, fällt mir schwerer, als es die von mir nach außen vertretene Meinung: "Die Verantwortung, Kinder zu zeugen und damit diese Welt auf sie loszulassen, kann und will Ich nicht tragen!" erahnen ließ.

Hätte ich ein anderes Studium gewählt, wenn ich mir meine Zukunft nicht als (Mit-)Versorger einer Familie vorgestellt hätte? Hätte ich mir als Parameter meiner Beziehung andere gewählt als die einer heteronormativen monogamen Beziehung? Wäre es mir egal gewesen wie viele Zigaretten ich am Tag rauche und wie oft ich Alkohol trinke? Vielleicht. Bricht dieses Schutzbedürfnis für meinen Körper, jetzt mit meiner Vorstellung zusammen? Unwahrscheinlich. Die zwei Zigaretten am Tag sind zur Gewohnheit geworden, ebenso wie der Konsum anderer 'Genussmittel' in ihrer Regelmäßigkeit. Die Frage ist vielleicht eher: was ist zu tun, damit wir uns wieder vorstellen können, Kinder in diese Welt zu setzen? Gibt es diese Option? Kann eine Wende in Gesellschaft und Politik krass genug sein? Oder kommt es dabei nur auf die 'richtige' subjektive Weltsicht an? Meine Weltsicht verurteilt diese Perspektive als Trugschluss, jedoch ermöglicht sie vermutlich eine glückliche Elternschaft.

Nehmen wir nun an, ich emanzipiere mich von der Vorstellung von mir als Vater. Bedeutet dies nicht in erster Linie Freiheit? Freiheit für mich, mein Leben abseits einer bürgerlichen Konstruktion zu entwerfen und dabei doch auch immer 'frei zu sein', zu einer Rückkehr in diese Zukunft? 'Freiheit' könnte hier als auch als Gelegenheit zum Bruch mit meinen Idealen verstanden werden. Der einfachheithalber. "What's the point? Dann mache Ich mir eben ein schönes Leben!" Vielleicht werfe ich die schönen aber schweren Ideale demnächst über Board und steige in ein Flugzeug nach Malé, anstatt zum nächsten Klimastreik von Fridays for Future zu gehen. Das Flugzeug könnte nun ganz befreit aufsteigen in luftige Höhen. Doch ich denke auch hier ist es wie mit dem Rauchen: die Gewohnheit siegt.

Wird dieser Text meinen potentiellen Kindern einmal darlegen können, welcher Zwiespalt mit Blick auf die Zukunft in dieser Generation wütetete? Werden sie, ob ihrer Lebensumstände diese 'Entschuldigung' akzeptieren? Werden sie lachen? Das weiß niemand. Vielleicht ist es meine Kinderlose Zukunft wert, in einem Dasein als verbitterter alter Mann, wütend auf Gesellschaft, besonders die Teile die sich Kinder 'leisten' konnten und wollten, zu enden. Ein Spaß würde das für niemanden.

12:55 20.10.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

f.p.

Geht gerne auf Demonstrationen.
f.p.

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