Fabian Schild

Historiker, Lehrer: Master of Education in Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften, 1. & 2. Staatsexamen in Deutsch und Geschichte
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RE: Verschwörungstheorien - vom CIA erfunden? | 05.04.2018 | 01:18

Mit Verlaub, wenn Sie einen ganzen Artikel über die von Ihnen angenommene Entstehung und Verwendungsweise des Begriffs "Verschwörungstheorie" schreiben, dann hatten Sie genügend Gelegenheit darzulegen, "wie sie es denn meinten" und müssen sich öffentliche Kritik zu einem öffentlichen und doch wohl sorgsam geplanten und geschriebenen Artikel gefallen lassen.

Ich habe nicht in Frage gestellt, dass die CIA damals den Begriff als politischen Kampfbegriff zur Denunzierung eigener Kritiker eingesetzt hat. Ich habe darauf hingewiesen, dass der Begriff älteren Ursprungs ist und darum nicht durch die Nutzung durch die CIA verbraucht wurde.

Der Begriff macht wissenschaftlich nach wie vor Sinn, wenn es um die Abgrenzung wissenschaftlich begründeter Theorien und Beschreibungen der Realität von selbstreferentiellen und irrationalen Erklärungsmustern geht. Leider ist der Begriff missverständlich, suggeriert er doch außerhalb der Wissenschaft, dass jede Theorie, die als Ursache für ein Ereignis oder eine Entwicklung eine Verschwörung annimmt, abzuwerten sei. Das ist sie natürlich nicht, da Verschwörungen selbstverständlich in der Geschichte vorkamen und sich auch manche Verschwörungstheorien bewahrheitet haben.

Natürlich ereignen sich Verschwörungen, doch nicht hinter allem steckt eine Verschwörung. Geschichte lässt sich nicht planen, Gesellschaften nicht lenken. Insofern ist es legitim eine Verschwörungstheorie als Theorie über eine Verschwörung aufzustellen. Illegitim sind aber solche Verschwörungstheorien, die sich nur auf sich selbst beziehen, also "selbstreferentiell" sind. Sie verweisen auf "Fakten", die nur innerhalb der Theorie selbst existieren und nicht in der Relität überprüfbar sind. Sie versuchen nämlich die Existenz und das Handeln der Verschwörer durch deren Unsichtbarkeit zu beweisen, indem sie auf "geheime" Verträge, Gruppen, Abmachungen, Dokumente etc. verweisen, die man ja nicht überprüfen kann, weil sie "geheim" sind. Das ergibt keinen Sinn und ist der reinen Logik halber (völlig unabhängig vom Inhalt einer so strukturierten Theorie) als Erklärungsmuster abzulehnen. DAS ist es, was die Wissenschaft mit dem Begriff "Verschwörungstheorie" meint. Zugegeben: klarer wäre es, wenn man "selbstreferentielle Verschwörngstheorie" sagen würde. Aber mit dieser Bedeutung macht der Begriff nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch im öffentlichen Diskurs Sinn, um irrationale Argumentationen von solchen mit wissenschaftlichen Standards abzugrenzen.

Was Sie hier versuchen ist übrigens ebenfalls selbstreferetiell. Sie schreiben in einem Kommentar oben: "Nachdem hier der Nachweis erbracht wurde, dass der Begriff Verschwörungstheoretiker vom CIA bewusst gegen alle Kritiker dieses JFK-Reports erfunden wurde [Anmerkung: Wurde er nicht.] - reicht es völlig aus, jene die damit andere beflegeln wollen einfach als CIA_Verschwörungsprkatiker zu titulieren . . ."

Wenn also jemand darauf aufmerksam macht, dass eine Theorie selbstreferentiell auf unüberprüfbare (weil angeblich geheime) Gruppen, Abmachungen, Dokumente etc. verweist und sie darum als "Verschwörungstheorie" bezeichnet, dann schlagen Sie vor, dass man diesen Kritiker zum Teil der Theorie machen soll, indem man ihn als "CIA_Verschwörungsprkatiker" denunzieren soll, ohne den Funken eines Beweises, dass er ein solcher ist.

Sie schlagen damit das gleiche Mittel vor, das Sie an der CIA kritisieren.

RE: Verschwörungstheorien - vom CIA erfunden? | 24.03.2018 | 14:57

Die Grundaussage des Beitrags ist leider faktisch falsch:

Sowohl die Aussage von Pregetter Otmar ("Im Zusammenhang mir der Ermordung von JFK tauchte das Wort: "Verschwörungstheoretiker das erste Mal auf. ") als auch die von Rainer Mausfeld ("Der Begriff Verschwörungstheorie stammt von der CIA [...] das war ein Begriff, um politische Diskurse zu leiten") sind falsch.

Der Philosoph Karl Popper gebrauchte und prägte den Begriff "Verschwörungstheorie" schon 1945 in seinem Werk "Die Offene Gesellschaft und ihre Feinde":

„[…] Verschwörungstheorie der Gesellschaft. Diese Theorie behauptet, daß die Erklärung eines sozialen Phänomens in dem Nachweis besteht, daß gewissen Menschen oder Gruppen an dem Eintreten dieses Ereignisses interessiert waren und daß sie konspiriert haben, um es herbeizuführen. (Ihre Interessen sind manchmal verborgen und müssen erst enthüllt werden.) Diese Ansicht vom Ziel der Sozialwissenschaft entspringt der irrigen Theorie, daß, was immer sich in einer Gesellschaft ereignet, das Ergebnis eines Planes mächtiger Individuen oder Gruppen ist. Besonders Ereignisse wie Krieg, Armut, Mangel, Arbeitslosigkeit, also Ereignisse, die wir als unangenehm empfinden, werden von dieser Theorie als gewollt und geplant erklärt.“

Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. II. Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen, Tübingen 1992, 7. Aufl. (Erstauflage 1945), S. 111f.

Der Begriff "Verschwörungstheorie" wurde also nicht von der CIA "erfunden", sondern höchstens "missbraucht".

Insofern nutzen auch nicht alle, die diesen Begriff heute verwenden (z.B. Wissenschaftler wie ich) den Begriff als politischen Kampfbegriff. Zu behaupten, der Begriff "Verschwörungstheorie" wurde von der CIA erfunden ist nicht nur falsch, sondern grenzt schon an den Versuch, alle die den Begriff gebrauchen, als Verschwörer zu denunzieren. Es bestehen große Unterschied zwischen dem, was Wissenschaftler, Journalisten, die CIA, Politiker und der allgemeine Sprachgebrauch unter dem Begriff verstehen. Jeder, der ihn gebraucht, sollte erklären, was er damit meint. Die von Pregatter Otmar gelieferte Erklärung ist jedenfalls faktisch falsch, da der Begriff nachweislich älter ist.