Zwei Söhne

Festival Die kleine Reihe „Best of Arab Cinema“ in Berlin zeigt Klassiker des arabischen Nachkriegskinos
Ausgabe 24/2014

In einer der zentralen Szenen in Cairo Station gerät die Getränkeverkäuferin Hanuma mitten hinein in eine Gruppe ausgelassen tanzender Halbstarker. Minutenlang verharrt die Kamera im Inneren eines Eisenbahnwagens, schwelgt in der Zeit- und Ortlosigkeit des Vergnügens. Ein kurzer Moment der Entspannung. Cairo Station erzählt eine Dreiecksgeschichte um drei Menschen, deren Leben sich am Hauptbahnhof von Kairo kreuzen: Der Gepäckträger Abu Seri liebt Hanuma ebenso wie der Krüppel Kenawi. Geschickt verwebt Regisseur Youssef Chahine realistische Elemente mit einer sehr US-amerikanischen Figurenführung und Erzählweise. Kenawis Kampf um Hanuma wird im Lauf des Films immer verzweifelter, und parallel dazu werden immer rasanter die Register gewechselt: vom anfänglich prägenden Realismus zur Poesie, über die Träume der Protagonisten zu einem Kriminalfilm, schließlich zur Tragödie.

In jener kleinen Reihe von acht Filmen, die das Berliner Kino Arsenal in Kooperation mit dem Filmfestival von Dubai aus einer Liste der 100 besten Werke des arabischen Kinos destilliert hat, ist Youssef Chahines Arbeit die älteste. Cairo Station aus dem Jahr 1958 ist nicht der schlechteste Einstieg in die arabische Filmgeschichte der Nachkriegszeit – so wie der Eröffnungsfilm West Beyrouth (1998) einen aufschlussreichen Blick in die Gegenwart vor allem des nordafrikanischen arabischen Films liefert.

Ziad Doueiris unterhaltsames Coming-of-Age-Stück inmitten der Anfänge des libanesischen Bürgerkriegs steht für ein anderes Modell. Bei West Beyrouth hat sich die Produktionsgeschichte als belgisch-französisch-norwegisch-libanesische Kooperation deutlich in den Film eingeschrieben. Ziad Doueiris Werk markiert einen Wandel, dessen Ausläufer bis in die Gegenwart reichen. Dem wachsenden Interesse Europas an den Ländern Nordafrikas Anfang der 90er Jahre folgte ab Mitte des Jahrzehnts das mediale Interesse.

Gespeist zunächst aus nationalen Töpfen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, später aus europäischen Mitteln, entstanden Filme, die die europäischen Märkte und entsprechend den Wissensstand und die Seherwartungen der Zuschauer dort mitdachten. Ziad Doueiris West Beyrouth markiert den Beginn der „Arte-isierung“ des europäischen Bilds von der arabischen Welt.

Wie sehr sich diese Art der Zusammenarbeit von früheren unterscheidet, wird im Film selbst fühlbar: Während die übrigen Produktionen von einer starken Gegenwärtigkeit durchzogen sind, ist Doueiris Film in erster Linie Geschichtslektion. Der Kontrast zu den beiden anderen historischen Filmen der Reihe, Youssef Chahines Al-ard (The Land) von 1969 und vor allem Shadi Abdel Salams brillantem Werk Al-mummia (The Night of Counting the Years) aus dem gleichen Jahr, könnte kaum größer sein.

Al-mummia handelt von einem Grabräuberstamm Ende des 19. Jahrhunderts, als Ägypten Teil des Osmanischen Reichs war. Nach dem Tod des Stammesältesten sollen seine Söhne an dessen Stelle treten, doch beide weigern sich, weiter vom Plündern der Mumien zu leben. Die kargen Wüstenbilder erzählen in eigentümlich spröder Weise die Geschichte einer Abkehr. Das bisherige Leben erscheint den beiden Söhnen des Verstorbenen wie Frevel an der eigenen Geschichte.

Die ägyptischen Kulturbehörden nahmen sich des Projekts erst an, als der italienische Regiegroßmeister Roberto Rossellini sich für Abdel Salam verwandte. Die Entdeckung der Vergangenheit sollte Abdel Salams Schaffen prägen, das nur wenige Filme zählt: Seine letzte Arbeit über die Herrschaft des Pharaohs Achenaton (aus ebenjener 18. Dynastie, um deren Gräber es in Al-mummia geht) blieb unvollendet.Abdel Salam weigerte sich, sie mit ausländischem Geld zu finanzieren.

Best of Arab Cinema 13. bis 18. Juni 2014 im Berliner Kino Arsenal

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