Der Geschmack der Kürze

Konzentrat Der persische Filmemacher Abbas Kiarostami bietet seine Lyrik in einem Verkaufsstand an

"Romane sind beleidigend, wirklich menschenunwürdig, sie erklären uns das kleinste beschissene Detail, als ob wir zu dumm wären, es selbst zu begreifen". Das sagt der bekannteste und erfolgreichste Regisseur aus dem Iran. Abbas Kiarostami, der in den achtziger Jahren die Kritiker im Westen mit seiner "Erdbeben-Trilogie": Wo ist das Haus meines Freundes? (1988), Und das Leben geht weiter (1992) und Quer durch den Olivenhain (1994) begeistert hat. In letzterem läuft ein machohafter Mittelloser in Gestalt eines Laiendarstellers namens Hossain einem betuchten Mädchen in wunderschönen Landschaften eines abgelegenen Dorfes im Norden Irans auf allen Wegen hinterher und drängt sie, zu seinem Heiratsangebot "ja" zu sagen. Der Grund, der im Film als "Liebeserklärung" dargestellt wird, lautet: "Es ist gut für dich. Du hast keinen Beschützer! Du bist alleine. Ich kann für dich sorgen!"

Hossain "belästigt" nicht nur ständig das absolut desinteressierte Mädchen, er philosophiert auch zuweilen und spricht vor der Kamera "kluge Statements" teilnahmslos aus, die ihm Kiarostami gewissermaßen in den Mund gelegt hat: "Wenn Reiche Reiche heiraten, und Analphabeten Analphabeten ..., dann entsteht nichts daraus. Es ist besser, wenn sich die Gebildeten mit den Ungebildeten zusammentun, ... damit sie sich gegenseitig unter die Arme greifen können." Mit dieser naiv geschilderten Einstellung, gepaart mit einem unbedarft propagierten Sozialismus tauchen Hossain und sein Double Kiarostami - oder umgekehrt - wieder im Gedichtband des Regisseurs In Begleitung des Windes auf. Weil Kiarostami die Romane wegen ihrer Länge "unerträglich" findet, - ein Roman sei wie ein Bollywoodfilm!- fasst er sich ganz kurz, ohne Punkt und Komma, ohne Anfang und Ende:

Das Lastpferd/ Verlangsamt/ Im Klee/ Den Schritt
Der Totengräber/ Unterbricht die Arbeit/ Für einen Brocken/ Brot und Käse
Gelbe Veilchen/ Lila Veilchen/ Beisammen/ Und getrennt voneinander
Eine schwangere Frau/ Weint lautlos/ Im Bett eines schlafenden Mannes
Ein roter Apfel/ Dreht sich in der Luft/ Tausendmal/ Und fällt/ Einem ausgelassenen Kind in die Hände

Mit schlichten haikuartigen Sätzen, beschreibt Kiarostami Dinge aus dem Alltag, jedes "kleinste beschissene Detail, als ob wir zu dumm wären, es selbst" wahrnehmen zu können. Er versucht dabei, diesen Bildern, durch "lyrische" Masken eine übergroße Bedeutung zu verleihen. Leider mangelt es ihm vor allem an Einbildungskraft, Bilderreichtum und schillernder Kreativität. Keines der mehr als 200 Minigedichte in diesem Band, der 1999 in Teheran erschienen ist, entwickelt sich in eine Idee. Sie entsprechen weder der japanischen Form der Dichtung (Haiku), die aus 17 Silben besteht, noch sind sie originell. Das Bild etwa im Minigedicht Der Wind wird mich/(uns) mit sich tragen stammt aus der Feder der berühmtesten iranischen Dichterin Forough Farokhzad, die übrigens in den fünfziger Jahren auch als Dokumentarfilmemacherin viele internationale Auszeichnungen erhielt. Sie integriert jedoch dieses Bild als eine bezaubernde Idee in einem langen Liebesgedicht mit demselben Namen.

Der Wind wird uns mit sich tragen ist auch der Titel des Films, der 1999 den Großen Preis der Jury in Venedig erhielt. 1997 bekam Kiarostami die Goldene Palme für den Film Der Geschmack der Kirsche in Cannes. Die Schlusssequenz dieses Filmes, die von fast allen Kritikern als meisterhaft bezeichnet wurde, drehte nicht der Regisseur Kiarostami, sondern sein Sohn: "Wir hatten das Ende auf 35 mm gedreht, aber es wurde im Labor zerstört. Wir haben das gesamte Material verloren. Wir konnten auch nicht nachdrehen, weil der Frühling vorbei war, die Blüten waren abgefallen, die Gräser waren vergilbt und wir wollten nicht auf den nächsten Frühling warten. Deshalb habe ich ganz einfach das Material von meinem Sohn genommen, der die Dreharbeiten mit einer Videokamera begleitet hatte", so Kiarostami. Nach dieser "befreienden" Erfahrung drehte er 2002 die Filme Ten und Five (2004) ebenso mit der Digitalkamera. In fast allen seinen Filmen stellt Kiarostami die Begegnung seiner Protagonisten, die normalerweise aus der Teheraner Mittelschicht stammen und gebildet sind, mit Menschen mit einem anderen sozialen Hintergrund dar und portraitiert die letztere Gruppe; wie etwa die Figuren der Regisseure in Quer durch den Olivenhain, Der Wind wird uns mit sich tragen und Und das Leben geht weiter, und nicht zuletzt die Fotografin in Ten. Sein eigener von außen kommender Blick bleibt aber immer transparent und zuweilen dominant.

Kiarostami beschäftigt sich neben dem Filmemachen und Fotografieren auch mit der Theater-Regie. 2003 inszenierte er zum ersten Mal ein vom Passions- und Märtyrerkult geprägtes Theaterstück, Taziye, in Rom. Taziye ist eine Art inszenierte Trauerfeier, bei der vor allem das "Massaker von Kerbela" 680 dargestellt wird und die den Kristallisationspunkt der schiitischen Religiosität widerspiegelt. In diesem Jahr begaben sich Hossain, ein Enkel des Propheten Mohammed und Alis jüngerer Sohn, von Medina nach Kufa im heutigen Irak, um sich mit Hilfe der dortigen Anhänger seines Vaters die Nachfolge des Propheten zu erkämpfen. Bei diesem Massaker wird Hossain von Muslimen ermordet.

Von der Religiosität findet sich jedoch im Gedichtband In Begleitung des Windes keine Spur. Er ist eine Sammlung von immerzu wiederkehrenden Motiven, die schnörkellos kraftlose Haltungen oder seltsam verschwommene Momente widerspiegeln. In diesem Gedichtband ist Kiarostami ein "Dichter" der Konzentration und des Konzentrats, des knappen Bildes und der erschütternden Nüchternheit. Er bleibt jedoch immer aufrichtig und der eher schwachen Nachfrage seiner künstlerischen Angebote ganz bewusst: Von hundert Passanten einer/ Bleibt stehen/ Vor meinen Habseligkeiten.

Dieses Minigedicht könnte man als markantes Beispiel für einige andere Gedichte herauspicken, bei denen die Übersetzer dem Dichter Kiarostami "unter die Arme greifen", in dem sie das persische Wort "Bassaat" als Habseligkeiten übersetzen. Das Wort bedeutet jedoch schlicht und einfach und immer, besonders in diesem Kontext: Warenauslage, Verkaufsstand.

Abbas Kiarostami: In Begleitung des Windes. Gedichte. Aus dem Persischen von Shirin Kumm und Hans-Ulrich Müller-Schwefe. Mit einem Nachwort von Peter Handke. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, 240 S. 19,80 EUR


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