Eine Million Unterschriften für die Frauenrechte

Iran Fast alle Gesetze im Iran betrachten die Frauen als ein zweitrangiges Geschlecht – aber immer weniger Iranerinnen finden sich mit dieser Situation ab

Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung lautet der jüngste Dokumentarfilm von Rakhshan Bani Etemad, der bedeutendsten Regisseurin Irans. Mit beeindruckenden Bildern zeigt sie in ihrem Film, wie die Menschen- und Frauenrechte im Iran verletzt werden. Die Protagonistinnen dieser bewegenden Dokumentation sind alle Frauen; bekannte und unbekannte Frauen, die selbstbewusst oder schüchtern, herausfordernd oder zurückhaltend wirken. Manche verbergen ihr Gesicht; aus Angst erkannt zu werden und manche schauen direkt in die Kamera. Einige erzählen von ihren bitteren Schicksalen und andere stellen eine einzige Frage: „Wie wollen Sie die Menschenrechte im Iran bezüglich der Frauenrechte praktizieren?“

Die Adressaten dieser Frage sind die vier Präsidentschaftskandidaten: Mahmud Ahamadinedschad, Mir Hossein Mussawi, Mehdi Karrubi und Mohsen Rezai. Rakhshan Bani Etemad leitet die Frage stellvertretend nach einer privaten Vorführung des Filmes an die Kandidaten weiter und dokumentiert ihre Antworten. Nur der – laut offiziellen Angaben der iranischen Behörden – „Sieger der Präsidentschaftswahlen“ am 12. Juni ist im Film abwesend: Mahmud Ahamadinedschad. Er hatte in seiner Amtzeit in vier vergangenen Jahren schon gezeigt, wie seine Regierung mit Frauenforderungen umgeht: rücksichtslos, willkürlich und brutal.

Brutalität ist ein Bestandteil des islamisch-iranischen Strafgesetzes. Demnach ist etwa ein neunjähriges Mädchen vollständig strafmündig. Wenn das Mädchen eine Rechtswidrigkeit begeht, die mit der Todesstrafe geahndet wird, kann das Gericht die Todesstrafe verhängen. Zuletzt hat etwa ein Gericht im Norden Irans am 2. Mai dieses Jahres von diesem Gesetz Gebrauch gemacht: Nach dessen Urteil wurde eine zum Tatzeitpunkt noch minderjährige Straftäterin hingerichtet. Ihr Name: Delara Darabi. Sie sollte eine Verwandte umgebracht haben. Sie wurde gehängt, obwohl der Iran die UN-Konvention über die Rechte von Kindern unterzeichnet hat. Demnach sind Hinrichtungen nicht erlaubt, wenn die zugrunde liegende Tat noch vor dem achtzehnten Geburtstag begangen wurde.

Institutionalisierte Diskriminierung

In Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung kommt auch eine junge Frau zu Wort, die vor ihrem achtzehnten Lebensjahr und damit minderjährig mehrmals von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde. Als die Mutter vom Verbrechen erfährt, tötet sie ihren Ehemann in einer Auseinandersetzung. Sie wurde nach dem Gerichtsurteil hingerichtet. Die verzweifelte Tochter fragt vor der Kamera weinend: „War es nicht die ‚Ehre meiner Mutter’, die verteidigt werden musste? Wenn die Männer ihre ‚Ehre verteidigen’ und ihre Ehefrauen töten, werden sie freigesprochen, ja als Helden bezeichnet, das gilt aber für die Frauen nicht. Ist das nicht Diskriminierung?“

Institutionalisierte Diskriminierung ist das wichtigste Motto, dem die islamischen Gesetzgeber immer gefolgt sind. Fast alle Gesetze im Iran betrachten die Frauen als ein zweitrangiges Geschlecht, obwohl mehr als 60 Prozent der immatrikulierten Studenten weiblich sind. Das Gesetz zum „Schutz der Familie" ist ein eklatantes Beispiel. Die kritischen Stimmen nennen es „das Gesetz zum Schutz der sexuellen Gelüste des Mannes“. Demnach dürfen Männer gleichzeitig mit mehreren Frauen verheiratet sein und dürfen ihre Frauen verstoßen, d. h. sich scheiden lassen, sobald ihnen danach zumute ist. In das aus grauem Beton gebaute Teheraner Familiengericht, das am Vanak-Platz im Norden der Stadt liegt, pendeln stets Frauen, die sich mit dieser erniedrigenden Situation nicht abfinden wollen. Einige von ihnen traf die Regisseurin Bani Etemad in langen Fluren des Familiengerichts. Auf einer Wartebank hockend, blätterten sie nervös in einem Stapel Dokumente auf ihrem Schoß und erzählten vor der Kamera von ihren trostlosen Leben.

Steinigungen stoppen

Da die zahlreichen Frauen, die angeblich wegen des „Ehebruchs“ gesteinigt worden sind, ihre Geschichten nicht selbst erzählen konnten, stellen die Aktivistinnen der Kampagne "Eine Million Unterschriften für mehr Frauenrechte" ihre Schicksale in Bani Etemads Dokumentation vor. Eine von ihnen ist die Anwältin Shadi Sadr, Chefredakteurin der Webseite Women in Iran. Sie sagt in einem Interview: Unter der Regierung Ahamadinedschads wurden erstmals seit circa 15 Jahren Steinigungen wieder durchgeführt, immer wieder. "In den letzten vier Jahren gab es ungefähr acht Steinigungen, und es gibt jetzt noch viele Menschen, die in Gefängnissen sitzen und damit rechnen müssen, bald gesteinigt werden." Laut Amnesty International sind es sieben Menschen; sechs Frauen und ein Mann. Shadi Sadr: „Wir haben eine Kampagne gegründet zum Stopp aller Steinigungen. Eine Gruppe freiwilliger Anwälte hat es in letzter Zeit geschafft mit ihrer Kampagne, neun Frauen und zwei Männer vor der Steinigung zu bewahren.“

Shadi Sadr ist wie die Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi, eine der Gründerinnen der Kampagne Eine Million Unterschriften für mehr Frauenrechte, die nach einer von der Polizei gewaltsam aufgelösten Demonstration im Juni 2006 auf dem Haft-e Tir Platz im Zentrum Teherans ins Leben gerufen wurde. Ihre Hauptforderung: Anerkennung der Frauenrechte als Menschenrechte und „die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen auf allen Ebenen des Gesetzes.“ Die Aktivistinnen dieser Kampagne werden immer wieder massiv unterdrückt, bedroht, vor Gericht gestellt und zu Haftstrafen verurteilt. „Einschüchtern können uns Ahamadinedschads Diener nicht“, lautet die Devise.

Auf ihrer Webseite läuft ein Banner mit ermahnendem Slogan: „Gefängnis ist keine Antwort auf Forderungen der Frauen.“ In den vergangenen Jahren wurde die Homepage der Kampagne mehrmals blockiert. Der Redaktion wird vorgeworfen, eine von den USA finanzierte Revolution anstiften zu wollen. Trotz all dieser Repressalien entwickeln die Frauenrechtlerinnen stets Ideen und Initiative. Sie setzen auf Solidarität aller Menschen und die „Ansteckungskraft“ der gerechten Forderungen: „Wir sind die Hälfte der iranischen Bevölkerung“.

Die Autorin und freie Journalistin Fahimeh Farsaie wurde 1952 in Teheran geboren und lebt heute in Köln. Nach der iranischen Revolution war sie 18 Monate in Haft. 1983 verließ sie ihr Heimatland. Von ihr erschienen die Romane und Erzählungen: Die gläserne Heimat (1989), Vergiftete Zeit (1991), Flucht und andere Erzählungen (1994), Hüte dich von den Männern, mein Sohn (1998)

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