Heute mal kein Rabatt auf die Flucht

Verkaufte Idylle Die Verkäuflichkeit von Illusionen beruhigt nicht nur die Märkte
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Der gedruckte Spiegel berichtet, in der Ausgabe dieser Woche, von der „Flucht in die Idylle“.

Damit meint er natürlich die Flucht in die Illusion der Idylle.

Gleichzeitig wirft er, unter der vorhandenen Ober-Überschrift die zeitgeistliche Frage auf.

Die Sichtweisen von schwerreichen Aussteigern, Bio-Beutelschneidern, Bio-Technokraten, Satirikern und der Landjugend werden vorgetragen.

Der Widerspruch zwischen Druckerzeugnissen wie „Landlust“ dem Zentralorgan träumerischer Mittelstandsblödel und „Top Agrar“ dem Journal ehemals bäuerlicher Maschinen-Fetischisten wird aufgezeigt.

Die nahezu einhellige Überzeugung der vorgestellten Probanden: die Idylle ist nicht auffindbar, trotzdem sie gnadenlos vermarktet wird.

Eine gewerblich vorsitzende Landjugendliche gibt sich visionär: Landwirt zu werden muss in Zukunft noch cooler sein, als BWL zu studieren!!!

Mag in ihrem Kopf perspektivisch klingen, verfügt aber nur über den verlockenden Faktor von städtischer Hundescheiße.

Die ebenfalls befragte Werbe-Strategin berichtet von dem zu erzeugenden >>Gefühl<< „ein Stück Natur zu kaufen und kein Stück Industrie“. Der Kundschaft reiche das zumeist.

Die kauffreudige Kundschaft ist also ausgesprochen bescheiden: sie will nur die >Fata Morgana<, ohne unter realem Durst zu leiden.

Der ländlichen Ureinwohnerschaft wird die Forderung nach einer angeblich realistischeren Betrachtungsweise ihres Lebensmittelpunktes in den Mund gelegt. Weder Schweine-KZ noch Rinder-Ghetto oder vergiftete Äcker, auch nicht der debile Jungbauer sollen aber das Bild kolorieren. Erst recht nicht „Kitschbilder von handgestreicheltem Salat“ vom „Glück in Gummistiefeln und Kühen die nie sterben“.

Ja watt dann?

Da wird es ein wenig eng im Artikel, eingesetzt wird lediglich ein Irgendetwas das: „jeden Tag nach draußen zieht wie ein Kind“. Spärlich soll damit erläutert werden, das „das Land“ ein Ort sei wo – als Gegensatz zur Stadt, wo „das moderne Leben oft nicht hält, was es verspricht“ – Verheißungen eingelöst würden.

Eine vermeidbare Verklärung allzu ekliger Realität.

Wie der erfahrene städtische Ghetto-Bewohner den Freigang in die rush hour meidet, hütet sich die vorsichtige Landbevölkerung vor Spaziergängen wenn das Bäuerlein mit dem Spritzgeschirr arbeitet oder seinen monströsen Fuhrpark zwecks Silobefüllung ausführt.

Klüger ist das.

Erfreuliche Erwähnung im Artikel finden ehemals sinnvolle, heute untergegangene, ländliche Traditionen nur noch bei einem Kabarettisten. Der erinnert sich noch an Zusammenarbeit weil „man sich brauchte“, gegenseitig wohlgemerkt. Da wurde gearbeitet und anschließend heftig gefeiert. „Aber nur gemeinsam feiern und saufen ist langweilig. Man muss vorher arbeiten.“

Der Selbe bringt die geizig geile Realsatire noch weiter auf den Punkt:

die Mitgliedschaft bei der freiwilligen Feuerwehr im Dorf sei reell, die koste 20 Euro Beitrag im Jahr, man müsse nichts tun, wird aber in Uniform zu Grabe getragen.

Die Idylle in Strandform wurde vor langer Zeit unter dem Pflaster vermutet. Persönliche Stranderfahrungen haben vielfach erwiesen, dass auch die Strände schon längst vom Zeitgeist zugeschissen sind.

Bescheiden wir uns weiter mit dem Anschein der Idylle, oder beginnen wir mit den Ausgrabungen?

P.S.:

Einen wichtigen, auf dem Land Asylsuchenden, hatte ich doch glatt vergessen: den, im eindeutigsten Sinne, begüterten in Schleswig Holstein. Der besitzt ein, als Urlaubsbleibe für lächerliche 3600 Euros mietbares, Landgut nicht etwa zur Nutzung als Idylle, sondern quasi als Arche.

Er geht davon aus, das sich Wirtschaftssystem und bisherige Landwirtschaft baldigst verabschieden. Mangels erdöliger Betriebsstoffe meint er, ginge die verschwenderische Zeit ihrem sicheren Ende endgegen.

In seiner Situationsanalyse verbaut glaubt er den Instinkt von Wildtieren die den Wald vor herannahenden Stürmen zeitig verlassen, bevor noch die Meteorologen eine Ahnung bekommen.

Er rechnet dann damit, das wieder 10 – 16 % der Bevölkerung ihr Auskommen in der Landwirtschaft suchen und der Bauer mal wieder auf den Gaul kommt.

Wem das zu Apokalyptisch erscheint, der kann beruhigt weiter den Glaubensformeln einer Frau Merkel lauschen.

Der Spiegel Ausgabe Nr. 44

14:46 01.11.2012
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Geschrieben von

fahrwax

Lieber auf dem Wagen, als unter den Rädern.... Bekennender, autonomer Pferdeknecht
fahrwax

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