Raus aus der Krise – mit Fairtrade

Gute Geschäfte Mit Bio-Bohnen und fairen Arbeitsbedingungen behauptet sich eine Kleinbauernorganisation in Honduras am umkämpften Kaffeemarkt. Ihr Modell trotzt wirtschaftlichen Krisen
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Mit seinen acht Millionen Einwohnern gehört Honduras zu den kleinsten Staaten Südamerikas. Die Gewaltbereitschaft ist hoch, die staatliche Souveränität wird oft missachtet, jeder Vierte muss mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Viele Hondureños verlassen das Land, suchen verzweifelt ein besseres Leben in den USA. Doch es gibt auch ein anderes Gesicht des oft unterschätzten Landes: Fernab von den Küstengebieten in den Bergen liegt zwischen 1.200 und 1.600 Metern das traditionelle Kaffeegebiet Marcala. Schon vor über 100 Jahren haben deutsche Auswanderer hier Kaffee angebaut und ihr Wissen an die Nachkommen der Lencas weitergegeben. Um die Jahrtausendwende, als die Kaffeepreise nicht einmal die Hälfte der Produktionskosten abdeckten und die vorhandenen Kaffeekooperativen nahezu alle in Konkurs gingen, entstand hier die Organisation Café Orgánico Marcala Sociedad Anónima – kurz COMSA.

Auf dem Weg zum Erfolg

Gegründet wurde die Initiative von vier Kleinbauern und fand schnell weitere Anhänger. Gemeinsam wollten sie einen Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere finden. COMSA kämpfte in den Anfangsjahren hart um das Überleben, denn als neue Organisation fehlten ihr Geschäftspartner. Der Zugang zu internationalen Märkten war alles andere als einfach. Außerdem war die Vorfinanzierung der Ernte für die mittlerweile 64 Mitglieder mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die 300 US-Dollar Startkapital waren schnell aufgebraucht. Die Mitglieder mussten die Verluste der ersten fünf Jahre mit großem persönlichem Verzicht überbrücken.

2006 gelang es dem damaligen und heutigen COMSA-Präsidenten Juan David Chaves Dominguez, erstmals die Kaffeemesse in Atlanta zu besuchen. Im Gepäck hatte er sieben Pfund Kaffeeproben. Die gute Qualität des Rohkaffees überzeugte einen ersten US-amerikanischen Käufer. Damit wendete sich das Blatt und verhalf COMSA zum Durchbruch. Noch im selben Jahr bekam die Initiative die Fairtrade-Zertifizierung. Heute zählt die Organisation rund 830 Mitglieder, die sich mit ganzem Herzen dem Bio-Anbau unter fairen Bedingungen verschrieben haben. Viele neue Kaffeebauern wollen Teil dieser Erfolgsgeschichte werden. Das Markenzeichen von COMSA – ein „Eichhörnchen“ – ist an immer mehr Orten zu finden. In der diesjährigen Ernte konnten täglich zwei Container der Kaffeebohnen verarbeitet werden.

Zu Besuch bei Doña Sonia

Auf dem Weg zur Finca von Sonia Alejandra Medina sieht man die zerstörerische Kraft des Kaffeepilzes. Doña Sonia gehört dem indigenen Volk der Lenca an und ist eine spirituelle Heilerin. Je tiefer wir in das Gebiet der Lencas kommen, umso schlechter werden die Straßen, umso ärmer die Hütten. Es ist nicht zu übersehen, dass Honduras die traditionellen Provinzen der Mayavölker vernachlässigt und in ihren Gebieten keine Infrastruktur aufbaut. Die Schotterpisten geizen nicht mit Schlaglöchern. Hügel um Hügel fährt man an grünen Kaffeesträuchern vorbei, teilweise unter Bananenstauden und Kiefern angebaut, dann säumen wieder unberührte Waldstücke den Weg. Plötzlich stoppt Doña Sonia und zeigt auf ein verwildertes Stück Land. „Vor zwei Jahren zerstörte der Kaffeepilz meine gesamte Ernte.“ Von ihrem verstorbenen Mann hat sie neun Hektar Land geerbt, auf dem sie acht Kinder großgezogen hat.

Befällt der Pilz die Pflanze, sterben die Blätter ab und die schwarze Kaffeekirsche ist unverkäuflich. Der Schaden im Kaffeesektor war vor zwei Jahren so groß, dass der honduranische Staat finanzielle Unterstützungsprogramme für Kleinbauern auflegte. Doña Sonia erreichte mit Hilfe ihrer Tochter, die bei COMSA das technische Beratungsteam leitet, eine staatliche Anschubfinanzierung. Damit konnten Mutter und Tochter drei Manzanas neu bepflanzen.

„Wir haben nach den biologischen Erkenntnissen von COMSA die neue Finca angepflanzt“, sagt Doña Sonia stolz. Einige Kaffeepflanzen tragen nach weniger als zwei Jahren jetzt schon die ersten Fruchtstände. Doña Sonia ist eine beeindruckende Person, die mit ihren 68 Jahren eine ansteckende Fröhlichkeit und Zuversicht ausstrahlt. Die fairen Standards für den Kaffeeanbau lobt sie in höchsten Tönen. „Ich bin sehr zufrieden, dank Fairtrade erhalten wir einen höheren Preis, die Fairtrade-Prämie erreicht hier die Menschen und gemeinsam kommen wir voran. Ich freue mich, wenn wieder ein Kind eines Mitglieds ein Stipendium erhalten hat, denn die Kinder sind unsere Zukunft.“

Der Aufbau von Doña Sonias Farm beruht auf den Erkenntnissen der Finca Fortaleza. Auf der Versuchsfarm, die allen 830 Mitgliedern gemeinsam gehört, wird nach der anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner eines ganzheitlichen biodynamischen Anbaus gelebt und gelehrt. Eigener Dünger, mineralische Schädlingsbekämpfung, Diversifizierung wird auf dieser Musterfarm entwickelt und an die Mitglieder weitergegeben.

Es werden eigene Kaffeesetzlinge gezogen, junge Kaffeesträucher wachsen unter Schattenbäumen. Für die eigene Düngerherstellung nutzt COMSA Ernteabfälle und organisches Material, angereichert mit Mineralien aus gemahlenen Steinen oder Muscheln. Es entstehen Tonnen und fässerweise flüssiges oder festes „Gold“. Mit Hilfe des Mondes und des Kosmos entwickeln diese Mittel eine ungeheure Kraft. Mit diesem Wundermittel hat COMSA auch den Kaffeepilz „La Roya“ in den Griff bekommen. Alle acht Tage werden die Kaffeesträucher mit einer Flüssigkeit aus Mineralien und biologischen Zutaten bespritzt, damit die Pflanze stark genug ist, um den Pilz abzuwehren.

Auf dem lokalen Markt sorgt der Verkauf von Mandarinen, Pfirsichen sowie Gemüse und weiterem Obst aus der Musterfarm für ein zweites Einkommen. Trotz aller Erfolge ist das Kaffeegeschäft hoch kompliziert. Der schwankende Weltmarktpreis, Qualitätsunterschiede, verursacht durch den Klimawandel und die Vorfinanzierung, trieben COMSA während der letzten Ernte fast in den Konkurs. Doch dank langfristiger Handelspartnerschaften und neuer Kaufverträge konnte COMSA weitere Kredite aufnehmen, um ihr Tagesgeschäft zu finanzieren. Mit der Fairtrade-Prämie werden nicht nur Weiterbildungen für ihre Mitglieder ermöglicht, sondern auch zehn Dorfschulen unterstützt. Je nachdem was gebraucht wird, stellt COMSA Geld oder Arbeitskräfte zur Verfügung, hilft beim Aufbau eines Schulgartens oder organisiert Unterrichtsstunden zu gesunder Ernährung. Die Kinder der Dorfschulen wissen jetzt schon, wie sie nachhaltig biologischen Mais, Radieschen, Salat oder Zwiebeln anbauen könnenDieses Jahr wird die Generalversammlung über ein Prämienvolumen von 1,5 Millionen US-Dollar entscheiden. Die 13-köpfige Directiva und der Geschäftsführer Luis Rodolfo Peñalba Sarmiento arbeiten derzeit intensiv an einem Investitionsplan. Und Pläne hat COMSA viele. Sie wollen den Bio-Anbau vorantreiben, mehr Schulungen anbieten oder die kindliche Früherziehung erweitern. Geplant ist auch, die eigene „Raiffeisenkasse“ auszubauen und mehr für die Gleichstellung der Frauen zu tun. Wichtig ist der Organisation, ihr Wissen an andere Initiativen weiterzugeben. „Wir leben wie die Eichhörnchen im Einklang mit der Natur, sind fleißig und schnell und bauen für schlechtere Zeiten vor“, sagt Geschäftsführer Don Rodolfo.

Dieser Beitrag ist Teil des Freitag-Extra in Zusammenarbeit mit TransFair e.V.

06:00 21.09.2015
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