Der Karneval der alten Männer

Karneval #steltergate greift zu kurz: Wie sich der Karneval jeder kulturellen Weiterentwicklung verweigert
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Wohl dem, der dieser Tage nicht im Rheinland lebt: Karneval ist, gerade für die verklemmtesten und verspießertsten Naturen unserer Gesellschaft, die ideale Entschuldigung so ziemlich allen aufgestauten Trieben mal freien Lauf zu lassen. Danach aber schön wieder brav einordnen ins Wertegerüst des Jens Spahn - mit allen Ressentiments, Vorurteilen und Hemmungen, die zuverlässig am Aschermittwoch zurückkehren.

Karneval ist, ähnlich wie die christlichen Kirchen, seit etwa 30 Jahren auf einem stabilen Stagnationslevel angelangt. Wurden in den 1980er Jahren noch alternative Formen erprobt sind die Protagonisten dieser "Stunksitzungen" mittweile so alt und im WDR eingefilzt, dass sie ihre alten Feindbilder an Schnarchigkeit und Gestrigkeit schon fast wieder eingeholt haben. Bernd Stelter, schon vor 25 Jahren 50 bei "7 Tage, 7 Köpfe" flache Kalauer aufsagend, ist das vollflächenversiegelte Fundament dieses Sitzungskarnevals: Garantiert sickert in dieses luftdichte Hirn kein Zeitgeist mehr ein. Wie an der Resopalplattenküche, die sich Stelter vor 25 Jahren in sein RTL-finanziertes Reihenhaus wemmste, perlt jeglicher zeitgemäße Umgang mit feministischen Themen an ihm ab - und nebenbei: Der Name "Kramp-Karrenbauer" ist wirklich das am wenigsten Schlimme an dieser homophoben und apparatischikhaften CDU-Vorsitzenden.

Lokalxenophobe Kölner Tradition wird hochgehalten

Die per Stadträson toleranten Kölner Karnevalisten jedenfalls haben der blöden Ossidoppelnamenträgerin jedenfalls ordentlich gezeigt was sie für ein tolerantes, weltoffenes Völkchen in ihrer derzeit vor Frohsinnsharn glänzenden schönsten Stadt der Welt sind: Sie soll sich nach Weimar verpissen, da wo sie hingehört. Köln, ohnehin in Sachen lokalxenophober Ansichten sich nur knapp hinter der sächsischen Provinz einordnend, zeigt hier sich hier wieder einmal von seiner typischsten Seite: Wer hier nicht herkommt, gehört über die Stadtmauer geworfen weil er nix versteht auch nix vom achso lässigen und toleranten Lifestyle dieser Stadt - dem man sich aber unbedingt anzupassen hat. Ist ja Karneval.

Die "Doppelnamengrüne" ist in der Dieter-Nuhr-Ära des Kabaretts nach wie vor salonfähig - das zeigt auch wieder einmal Fleischhauers notorische Kolumne auf Spiegel Online - ist offenbar immernoch ein Jux erster Güte. Warum kramt man, wenn man schon geistig in den 80ern wühlt, nicht gleich noch den NATO-Doppelbeschluss aus? Ist aktueller denn je - und wäre auch wirklich geistreich mal etwas zu diesem Thema im achso politisch-frechen Karneval zu hören. Herr Stelter kann sich gerne mit seinen Mitmumien dahin begeben, wo man solch trefflichen Humor noch schätzt, zum Korrespondentendinner ins Weiße Haus vielleicht.

Hörempfehlung an dieser Stelle zum Beitrag: Nit für Kooche Teil II von BAP - auch nach über 40 Jahren zeitgemäßer als jeder Stelter. Unbedingt anhören und vorzugsweise laut auf dem Weg im Auto von Deutz nach Ehrenfeld aufdrehen: https://www.youtube.com/watch?v=LotxOlVAEcI

15:33 02.03.2019
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