Die Reform des Islam?

Muslime in Europa Wie steht die islamische Geschichte zu Reformen? Der Orient, der Okzident und ihre Erfahrungen; zwei völlig unterschiedliche Phänomene. Ein historischer Vergleich
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Farblithographie nach einer Zeichnung von Albert Chereau: Galileo Galilei (in Fesseln) vor der Inquisition, um 1865

In unserer Universitätsbibliothek sah ich neulich ein interessantes Buch, dessen Autor die These vertritt, dass die europäischen Muslime einen grundlegenden Wandel bräuchten. Interessant fand ich jedoch, dass dieses auch die heutigen Probleme der europäisch-muslimischen Minderheit aufgriff. Diese These war nichts Neues für mich, da man selbst in vielen Kreisen in der Politik immer wieder hört, dass der Islam eine Reform brauche. Das nicht zuletzt auch durch den Orientalismus begünstigte Überlegenheitsgefühl dieser Kreise und ihre Versuche eines Paradigmenvergleichs zwischen der islamischen und der europäischen Welt ist im wahrsten Sinne des Wortes populistischer Natur und das Resultat unaufgeklärter Köpfe. Zu unterscheiden ist hier jedoch, ob diese Reform politischer, gesellschaftlicher, moralischer oder wissenschaftlicher Natur sein soll. Mit der Überlegung, dass die Offenheit zum wissenschaftlichen Forschen die Grundlage für gesellschaftspolitischen Wandel bereitstellt, versucht dieser Artikel erst mal kurz zwei völlig unterschiedliche Geographien und ihre jeweilige Haltung gegenüber der Koexistenz zwischen Religion und Wissenschaft historisch, gesellschaftspolitisch und teilweise theologisch zu vergleichen.

Vom 'Religious Doubt' zur Perfektion

Das Christentum hat im Mittelalter Konfrontationen und dialektische Konflikte mit der Wissenschaft und dem freiheitlich rationalen Denken dulden müssen. Die Katholische Kirche reduzierte die Religion auf die Liebe und betrachtete die Natur fortan als einen Schleier, der den Menschen von Gott trennt, vertrat vielmehr das geistige Wesen des menschlichen Seins und schottete sich von der materiellen Welt ab. (1) Die Suche des Westens nach dem „Besseren“ bzw. das Streben nach der Perfektion brachte viele politische, kulturelle und religiöse Reformbewegungen wie den Pietismus, die Reformation, den Puritanismus, sowie geistige Emanzipationen in den Köpfen der Menschen wie den Protestantismus Webers, den „religious doubt“, die Aufklärung oder den kartesianischen Dualismus Descartes’ hervor. Dieser Prozess wurde durch den Machtverlust von Auferlegung, Dogma und Druck gegen Ende des Mittelalters vereinfacht.

Nach Peter Watson erlebte Europa neben eben jenen Entwicklungen – sei es dem Wandel der Religion, der Sprache, dem öffentlichen Raum oder der Stellung Europas als politische Macht – den wichtigsten Wandel überhaupt seit dem Advent des Christentums: das religiöse Zweifeln.(2)

Das europäische Revolutionszeitalter war nicht zuletzt ein Aufstand gegen den psychischen und politischen Druck der katholischen Kirche (die Inquisition, den Despotismus der Könige und Feudalherren, die Verfolgung, bis hin zur Exekution von Wissenschaftlern).

Während das europäische Abendland nach dem 5. Jh. allmählich in ein dunkles Zeitalter fiel, erlebte der Orient seine Blütezeit. Doch mit der Aufklärung und besonders durch das dualistisch-rationale Paradigma wurde dem Verstand auf Kosten der christlich-moralischen Tugenden, ethischen Werte und Spiritualität neue Räume freigegeben. Der revolutionäre Eifer an (auf Rationalität basierendem) wissenschaftlichem Fortschritt war zweifellos das extreme Gegenstück zum finsteren Mittelalter. Der Okzident hatte nun eine neue Religion, die des Humanismus, sagt Cemil Meric. Der moderne Mensch wurde zu einem „sturen, eigensinnigen, egoistischen Menschen, der einzig und allein darauf ist, seine materiellen und fleischlichen Gelüste zu befriedigen und seine persönlichen oder bestimmte nationale Interessen, die zufällig mit seinen eigenen übereinstimmen, durchzusetzen.“, so Ali Ünal(3). Der Erste und Zweite Weltkrieg, der Kolonialismus, das NS-Regime sowie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind nur einige der Erfahrungen, die dieser Prozess mit sich brachte.

Problematisch wird es jedoch dann, den Fall des europäischen Abendlandes, abgesehen von seinen kulturellen, religiösen und gesellschaftlichen Hintergründen auf die islamische Welt zu übertragen und von ihr dieselben strukturellen Gesellschaftsentwicklungen zu erwarten, um ihr auf einer Augenhöhe zu begegnen. Denn der Islam hat in der Zeit des europäischen Mittelalters die Menschen erst recht zum Forschen angeregt. Doch wie war diese religiös-wissenschaftliche Koexistenz möglich?

Der Mensch, die Natur und die Offenbarung

Wichtig hierbei ist, das Verhältnis zwischen dem Universum, dem Menschen und dem Koran aus islamischer Perspektive zu betrachten. Gott habe mit dem Menschen ein Lebewesen erschaffen, der dazu in der Lage ist, seine Attribute („al-Esma al-Husna, die 99 Namen und Attribute Allahs im Koran) zu widerspiegeln. Zu jenen gehören „der Allwissende“, „der Sprechende“ oder „der Wollende“. Gott manifestiere seine Eigenschaften auf diesen drei Bereichen. Insofern seien das Universum, der Mensch bzw. das gesellschaftliche Leben und der Koran, das Wort Gottes, Ausdrücke ein und derselben Wahrheit. Daher beständen prinzipiell kein Widerspruch und keine Unvereinbarkeit zwischen den Wahrheiten des Korans (der Gottes Attribut „Sprache“ entstammt) und den Wahrheiten, die dem objektiven Studium seines Gegenstücks, des erschaffenen Universums, entspringen (das aus seinen Attributen „Kraft“ und „Wille“ hervorgeht). Das „Buch der Offenbarung“ (der Koran) und das „Buch der Schöpfung“ (die Natur) sollten zeitgleich gelesen werden. Eben aus diesem Grund waren viele muslimische Philosophen und Wissenschaftler des späten Mittelalters wie Al-Khawarizmis (Algorithmus der Mathematik), Al-Farabi, Ibn Sina, Ibn al-Haytham, Al-Biruni, Al-Ghazali zugleich auch Mystiker, Sufiker oder Theologen.(4) Das Zusammenwirken des Verstandes, der Vernunft und des Herzens und ihre Integrität ist hier essentiell. Der Mensch soll diese Attribute Gottes erkennen, seine eigenen Antriebskräfte wie Verlangen, Zorn und Verstand disziplinieren und durch Selbstkritik, Bittgebete, den Rezitationen der Namen Gottes, Beharrlichkeit, Geduld, Dankbarkeit seinem Schöpfer dienen. Gemäß den sozioökonomischen Grundsätzen des Islam soll der Mensch Konfrontation, Korruption, Anarchie und Terror vermeiden und somit in dieser und in der kommenden Welt sein Glück finden. Hier finden sich zweifelsohne auch die Grundlagen für demokratische und menschenrechtliche Werte wieder. Ich möchte nicht noch tiefer in die theologische Erörterung der Stellung der Wissenschaft im Islam eingehen; dies würde den Rahmen des Artikels sprengen.

Dem Leser wird auffallen, dass die Idee, Religion und Wissenschaft gälten als zwei im Widerspruch zueinanderstehende Disziplinen, der Haltung des Abendlandes zu Religion und Wissenschaft zu verdanken ist.

Vielleicht mal hierzu ein konkretes Alltagsbeispiel: In Istanbul fand Ende letzten Jahren ein koranwissenschaftliches Symposium statt. Es trug den Titel „Der Koran und wissenschaftliche Tatsachen“.(5) Das 20. Jahrhundert ist reich an Koranwissenschaftlern, die den Koran mit der Wissenschaft zu vereinen versuchten und somit aktiv für eine Reform im wissenschaftlichen Sinne appellierten; darunter könnte man prominente autoritäre Namen wie Muhammad Abduh, Muhammad Asad oder Said Nursi zählen. Doch interessant ist nun, dass die islamische Welt sich nun auf einer völlig anderen Stufe befindet: Der Koran wird als wissenschaftliche Inspiration für neue Projekte, Experimente und naturwissenschaftliche Arbeit empfunden. Maximilian Friedler schreibt dazu:

„Die Erforschung des naturwissenschaftlichen Wunders des Korans trachtet danach, ausgehend von der göttlichen Botschaft neue wissenschaftliche Erkenntnisse aktiv zu entwickeln”(6)

Das sind zwar mutige und gewagte Versuche, aber es zeigt zweifellos ein starkes Selbstbewusstsein religiös motivierter wissenschaftlicher Kreise in der Türkei, aber auch eine gewisse Motivation.

Was hat dies alles – übertragen auf den Islam in Deutschland – zu bedeuten? Muslime brauchen weder eine Reform noch eine seelische Aufklärung. Muslime brauchen eine neue innermuslimische Debattenkultur. Sie stehen mitten in Europa vor einer großen Herausforderung. Die Entscheidung vor dem Schmelzen oder einer zur Gesellschaft beitragenden Inklusion, die das Wahren der eigenen Identität nicht ausschließt. Themen wie Schwimmunterricht, Liebe, Scheidungsrecht, Partnerwahl, Polygamie, Erbrecht, gesellschaftliche Teilhabe, Leitungsanspruch, Diskriminierung und Gewalt in der Familie, so genannte „Ehrenmorde“ und viele andere Frauen- und Familienfragen sollten offensiv in Vorträgen, Seminaren und Konferenzen aufgegriffen werden und somit eine einheitliche Konsensbildung angestrebt werden. Diese gegenseitige Beratung sollte von – ich betone – muslimischen Theologen, Philosophen und Religionspädagogen geführt werden, um “Islamkritikern” den Wind aus den Segeln zu nehmen und Verschwörungstheorien in Themenbereichen wie “Ehrenmorde” oder “Geschlechterungleichberechtigung” vorzubeugen. Die nichtmuslimische herabschauende, reformerwartende Diskussionsszene in Deutschland hat sich bereits als nicht nützlich erwiesen.

Dieser Beitrag wurde erstmals am 30.April 2012 auf dem Internetportal MiGAZIN veröffentlicht.

[1] http://www.zie-m.de/index.php?option=com_content&view=article&id=429%3Aislam-und-reform&catid=103%3Amiddle-east&lang=de

[2] The German Genius – Europe´s third renaissance – the second scientific revolution – and the twentieth century“)

[3] Ali Ünal, Zeitgenössische Themen im Spiegel des Islam, Fontäne Verlag, 2009

[4] http://fontaene.de/Issue/detail/wisse-und-wissenschaft-april-juni-2012

[5] Uluslararasi Kuran ve Bilimsel Hakikatler Sempozyumu. Istanbul, 14-15.05. 2011

[6] http://fontaene.de/Issue/detail/religion-und-wissenschaft-april-juni-2012

Studium der Wirtschaftswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum (BSc.), Master-Studium an der SOAS University of London, Religion in Global Politics

Twitter: @fthcck

16:11 08.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fatih Cicek

Volkswirtschaft Ruhr-Universität Bochum (BSc.), Religion in Global Politics SOAS University of London (MA)
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Fatih Cicek

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