Chemnitz ist Drama

Chemnitz Ich sehe die Szenen in Chemnitz – und ich verwende das Wort Szenen nicht zufällig, denn ich denke dabei an Heiner Müller. Und an Brecht.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich sehe die Szenen in Chemnitz – und ich verwende das Wort Szenen nicht zufällig, denn ich denke dabei an Heiner Müller. Und an Brecht.

Gemeinsam mit dem Auto aus Berlin angereist um den sächsischen Schauplatz mit eigenen Sinnen zu erfahren, stehen sie vor dem Karl-Marx-Monument.

Wie glücklich die Dichter sind!

Vor ihnen entwirft sich das Drama:

Die Straßen der ehemaligen sozialistischen Bezirksstadt sind die Bühne.

Der Nischel im Hintergrund macht sich von allein zur Kulisse.

Zwei Gruppen säumen den Platz, erregt und doch koordiniert, der deutsche Volkszorn skandiert und gestikuliert aus ihrer Mitte.

Beide Gruppen reklamieren dasselbe Erbe für sich.

Welches Erbe?

Ein Mann, ein Mischling - womöglich ersten Grades, denkt Brecht - ein Mensch mit Migrationshintergrund, ist erstochen worden,

erstochen worden von

einem Fremdling,

einem Juden,

einem Gottesmörder,

einem Brunnenvergifter,

einem Affen, denkt Heiner Müller.

Es ist das Erbe eines getöteten Menschen, ein Kind, das hier auf teutschem Boden oder irgendwo in Chicago von zwei Müttern beansprucht wird.

Brecht und Heiner Müller mustern die Parteien.

Heiner Müller wird interviewt; mit welcher von beiden er sympathisiere,

Brecht wird gefragt, ob er hier die Bereitung des Bodens für den Sozialismus sähe.

Sie antworten und bleiben an ihrem Ort.

Wer glaubt, dass Heiner Müller sich auf die Seite schlägt, die mit Plakatporträts von Monika Maron, Neo Rauch und Uwe Tellkamp demonstriert, wird enttäuscht.

Wer Brechts Einschluss in die Menge der von Friedrich Schorlemmer, Herbert Grönemeyer und Petra Kelly angeführten Gruppe erwartet, tut dies vergebens.

Stattdessen zückt Brecht sein Smartphone, macht einige Fotos.

Eine Nummer wählt, eine Stimme regt sich in New York.

Brecht sagt:“Wann können Sie in Berlin sein, Weill?“, unterdessen Heiner Müller in seinem Journal „Brief an Jünger!“ notiert.

Einige weitere Minuten beobachten die Dichter das Treiben, bevor sie sich unvermittelt abwenden und in das Auto steigen.

Schneller als sie dorthin kamen, lassen sie Chemnitz hinter sich und fahren zurück nach Berlin.

Denn der Rest ist Politik und sie sind Dichter.

Auf der Fahrt hört Brecht in seinem Geiste schon die Chöre der Demonstranten „Blüht im Glanze dieses Glückes, blühet, blühende Landschaften!“ singen.

Und in Heiner Müllers Gedanken bewerfen sich vor der affengesichtigen Büste von Karl Marx die Schimpansenköpfigen und die Orangutanköpfigen mit Bananen und werden dabei von einer Crew aus Gibbonarmigen gefilmt.

Wie glücklich die Dichter sind!

Oder sind sie es nicht?

Bertolt Brecht fragt Müller, ob Dichter wie sie überflüssig werden.

Müller nickt und sagt: „Wir sind gleich da.“

Ein Jahr später werden die Stücke in Chemnitz uraufgeführt:

Brechts Operette und Heiner Müllers Komödie.

Die Dichter weilen nicht im Publikum.

Sie sind mit dem Auto unterwegs.

14:00 02.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare