Musengespräche

zur modernen Malerei more Lucianico narrata
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Apoll: Es ist herrlich wie immer hier oben auf dem Parnass, ihr Mädchen! Viel zu selten komme ich an diesen wunderbaren Ort. Unsterblichkeit hat doch zu viele Vorteile. Sie ist im Grunde die einzig angemessene Daseinsform. Man muss nur ab und zu einen dieser Sterblichen fragen, die wissen das am besten. Ach übrigens, was machen die Sterblichen zur Zeit eigentlich so? Hat man letztens wieder einen schönen Tempel zu meinen Ehren errichtet oder eine schimmernde Statue gegossen oder wenigstens mit kunstvoller Hand in leuchtenden Farben ein prachtvolles Bild von mir gemalt? Und wer ist da überhaupt zuständig von euch?

Kalliope: Nun ja, direkt zuständig ist von uns keine, und daher irgendwie alle...

Apoll: Dann zeigt mir doch mal, was ihr Hübschen den Sterblichen in letzter Zeit so alles eingegeben habt. Hoffentlich nicht nur immer wieder meine traurigen alten Geschichten mit der Daphne oder dem Hyakinthos, dem Schönen, sondern mal ein paar meiner besseren Erinnerungen, wie meinen Ferntreffer auf Achilleus, oder wie ich den Marsyas seiner gerechten Strafe zuführte, diesen lausigen Angeber...

Kalliope: Lieber Apoll, verehrter Meister, das würde ich ja gern, aber da gäb’ es ein kleines Problem...

Apoll: Problem? Was ist denn bitte ein „Problem“? Götter kennen keine „Probleme“, Kalliope! Probleme sind Erfindungen der Sterblichen.

Kalliope: Äh, ja, wie soll ich es also sagen…Es ist so: Die Menschen preisen dich nicht mehr!

Apoll: Was? Preisen mich nicht mehr? Wie? Wen preisen sie denn dann? Wer hat ihnen denn die Musik und die Künste geschenkt, diesen Nichtsnutzen, und wozu denn wohl?

Klio: Also, wir verstehen es auch nicht. Das geht jetzt schon seit über hundert Jahren so. Seitdem haben sie eigentlich nichts mehr hervorgebracht…

Apoll: Und ihr? Wo wart ihr dabei? Ist es nicht eure Aufgabe, ab und zu mal einem armen Teufel da unten einen Besuch abzustatten und ihn für ein paar Stunden oder Tage am wahren Dasein teilhaben zu lassen? Wie sollen sie denn sonst mit ihren tapsigen Fingern und mit ihrem ewig auf den eigenen Bauchnabel und den fremden Geldbeutel gerichteten Blick ein mir würdiges Standbild formen oder mich in einem leuchtenden Gemälde angemessen darstellen? Wie war das denn damals bei diesen Griechen – die mir ja bei Troja noch nicht sympathisch waren – aber später haben sie doch noch recht schöne Tempel errichtet und Statuen gegossen und gehauen, und mit den Farben waren sie auch recht geschickt.

Polyhymnia: Aber das hatten sie doch alles von uns. Wir haben ihnen das gegeben. Diese Griechen waren nur unser Werkzeug, aber sie waren dankbare Werkzeuge. Die Sterblichen hatten feine Ohren damals. Anders als heute.

Apoll: Heißt das, sie malen und formen und bauen gar nicht mehr?

Polyhymnia: Doch, aber sie wollen uns nicht dabei haben. Wenn eine von uns sich einem Künstler nähert, dann bemerkt der uns meist gar nicht. Wir umarmen ihn von hinten, flüstern ihm ins Ohr, nehmen ihn bei der Hand – aber er macht weiter, als wären wir nicht da. Und so ist dann auch das Ergebnis.

Klio: einmal habe ich einen besucht, der erschien mir vielversprechend. Doch er sagte mir, er brauche keine Götter mehr zum Helfen. Ich solle wieder verschwinden. Er könne das allein.

Das war der Maler, der immer diesen kleinen aufgeblasenen Franzosen gemalt hat, der damals ganz Europa erobern wollte...

Komisch waren auch damals diese blonden Künstler aus dem Norden – die waren eine zeitlang ganz verrückt nach unseren Bildnissen, und sind nach Rom und Griechenland gefahren und hämmerten und malten...

Apoll: Und? Das klingt doch vielversprechend. Habt ihr ihnen geholfen?

Klio: Wir versuchten es. Sie waren auch willig, aber sie hatten kaum Talent. Nur Euterpe war bei diesen Leuten erfolgreich.

Euterpe: Oh ja. Eigenartige Leute. Doch für Musik waren sie empfänglich, da würdest du dein Schindeisen stecken lassen, Apoll! Sie schufen Musik, wie sie der Götter würdig ist.

Apoll: So lasst mich diese Musik hören.

Euterpe: Nun, sie haben nicht die Olympischen besungen, sondern diesen Gottmenschen aus Judäa, du weißt schon, wegen dem sie deine Tempel abgerissen und deine Bildnisse zerstört haben.

Apoll: Verschon’ mich damit. Wen gibt es sonst noch?

Klio: Ich fürchte, es sieht schlecht aus.

Polyhymnia: Es ist überall das Gleiche. Entweder sind sie taub vor Eigensinn oder wahnsinnig oder einfach nur stumpf. Die besten unter ihnen, ich meine die empfänglichen, sind meist krank an der Seele oder im Selbstmitleid versunken, oder versuchen sich selbst zu zerstören durch die Hingabe an den Trunk. Es ist, als wären sie unter einer Glasglocke gefangen. Sie nehmen uns nicht mehr wahr.

Apoll: Ich verstehe nicht, was das alles heißen soll. Da treibt womöglich jemand seinen Schabernack mit den Sterblichen auf unsere Kosten. Am besten, wir nehmen diese komischen Vögel mal in Augenschein. Wir werden ein paar von denen besuchen, und ihr kommt mit, Kalliope, Polyhymnia und Klio. Ihr anderen bleibt vorerst da. Ich schicke nach euch, wenn ich euch brauche.

Polyhymnia: Wen wollen wir denn besuchen?

Klio: Nehmen wir doch welche, die bei den Sterblichen in hohem Ansehen stehen, da werden wir der Sache am besten auf den Grund gehen.

Kalliope: Als Ersten schlage einen vor aus dem Volk der Gallier, die sich ja jetzt „Franzosen“ nennen. Er heißt Cézanne, ein schüchterner älterer Herr, der in einem kleinen Dorf im Süden seines Landes wohnt.

Apoll: Na dann los.

------

Klio: Guten Tag, Herr Cézanne, wir besuchen Sie, weil wir einen guten Maler suchen. Es heißt, Sie wären einer.

Cézanne: Ich weiß nicht, ob ich einer bin. Alles was ich mache sind Versuche... es ist sehr schwer…

Apoll: Bescheidenheit steht einem Meister immer gut zu Gesicht. Diese hinreißenden Damen hier wünschen sich ein herrliches Gemälde von Apoll, dem schönsten der Götter. Mit glanzvollem Körper soll er dastehen, in angemessener prächtiger Haltung, die Lyra in der einen...

Cézanne: Verehrter Unbekannter, entschuldigen Sie, aber das ist nichts für mich. Ich bin ja kein Auftragsmaler. Ich kann mir auch nichts ausdenken, am allerwenigsten einen Gott. Ich kann nur malen, was vor meinen Augen steht, wie eine Vase mit Blumen und ein paar Äpfel daneben und ein Krug, das Ganze vielleicht auf einem zerknitterten Tuch ausgebreitet.

Apoll zu Kalliope (flüstert): Bist du sicher, dass das ein richtiger Künstler ist? Was wollen wir bei dem? Der sagt ja selbst, dass er keine Phantasie hat.

Cézanne: Sehen Sie, in meiner Jugend, da habe ich auch solche Sachen versucht. Aber heute interessiere ich mich nur noch dafür, Farben auf einer Leinwand anzuordnen. Das ist schwer genug. Ich brauche Wochen für einen einzigen Apfel. Ein jeder Gegenstand besteht für mich aus Farbflecken. Sehen Sie diesen Apfel hier, das sind nur Farbflecken, die Form, das Licht und der Schatten, und das alles....

Apoll: Schon gut, schon gut. Aber aus einem Gott würden Sie doch wohl keine Farbflecken machen...

Polyhymnia: (unterbricht) ...Mein Meister meint, dass das wohl nicht genug wäre, nur Farbflecken. Ein Wesen, sei es eine Fliege oder ein Gott, das braucht doch auch eine angemessene Gestalt und Haltung...

Cézanne: Nein, nein, für mich ist alles Farbe, Farbe auf einer Leinwand. Die Form ist Nebensache. Es geht mir nicht um eine perfekte Illusion. Ob der Arm ein bisschen zu lang ist, oder zu kurz, das ist mir nicht wichtig. Denn alles muss auf der Leinwand richtig geordnet werden. Vielleicht bin ich auch nur einfach kein guter Zeichner. Ich übe und übe, aber es wird nie mehr daraus, als ein Gerüst für meine Farben. Damit mache ich alles: Die Form, den Ausdruck, das Licht, die Komposition...es ist so herrlich... vielleicht schaffe ich es eines Tages... entschuldigen Sie, meine Damen, aber ich muss immer weinen, wenn ich an dieses Großartige denke, dass alles (schnief) durch die Farbe zu mir kommt und ich vielleicht.... (schneuz)

Kalliope: Beruhigen Sie sich, Herr Cézanne, Farben sind auch etwas sehr Schönes...Was meinst du, Polyhymnia?

Polyhymnia:

Wenn ich einen Gott erblicke,

dann sehe ich seine edlen Formen

und jede ist vollendet und passend zu den anderen.

Er hat eine freie und herrschaftliche Haltung und Bewegung,

und man sieht schon von weitem,

dass er niemandes Knecht ist

noch fremdem Gesetz untersteht,

sondern nur durch seinen eigenen starken und klaren Willen geführt wird.

Doch trotz seiner furchtbaren Kraft und Gewalt

ist er maßvoll und weise

und ordnet die natürlichen Dinge

mit sicherer Hand

im Großen und im Kleinen

bis hinunter zu den unbedeutendsten Erscheinungen,

alles mit gleicher Gerechtigkeit und Sorgfalt.

Und all dies scheint mir

bereits an seiner Gestalt ersichtlich,

gleich ob ich ihn

in der rosenen Morgendämmerung betrachte

oder in der hellen Hitze des Mittags

oder in der kühlen Nacht,

wenn nur der Mond sein fahlblaues Licht über den Olymp breitet.

Sind doch die Farben jedesmal verschieden,

und erzählen mir wenig mehr,

als dass sein Körper ewig jugendlich und frisch ist,

und dass sie niemals

den welken gelblichen Ton der Haut eines Alten annehmen werden

Apoll: Vielleicht sollten wir den Herrn nicht länger stören. Ich glaube, Apoll wäre nicht zufrieden, wenn er zu einem Haufen Farbflecken mit zu langen Armen würde, flach wie ein zertretener Frosch...

Cézanne: Entschuldigen Sie, mein Herr, aber meine Bilder sind nicht flach, mit meinen Farben kann ich die Tiefe modellieren, sehen Sie, hier, nehme ich ein bisschen violett und schon haben wir....

Kalliope: Wir sehen die Mühe, die Sie sich geben, und die Sorgfalt, mit der Sie jeden Pinselstrich setzen. Aber es ist Ihnen gleich, ob die Blume, die Sie malen, aus Kunststoff ist oder von der Natur geschaffen. Weil es Ihnen auf den Gegenstand nämlich gar nicht ankommt. Da die Götter Ihnen die Phantasie versagt haben, brauchen Sie irgendetwas Äußeres, das Sie vor sich hinstellen können. Wenn Sie einen Apfel malen, dann meinen Sie keinen Apfel, denn ihr Apfel ist weder knackig noch schrumpelig, weder fruchtig noch mehlig, weder glänzend noch matt, ja er ist noch nicht einmal schwer. Was sie meinen, ist, ein Stück Leintuch auf schöne Weise bunt einzufärben, und das gelingt Ihnen, denn Aphrodite hat Sie mit Geschmack begabt, einer Menge Geschmack.

Apoll: Lieber Herr Cézanne, bemühen Sie sich nicht weiter! Doch bevor wir gehen, möchte Ihnen meine Begleiterin Polyhymnia noch ein kleines Geschenk machen, sagen wir, ein Geheimnis verraten.

Polyhymnia:

Es schenkte ein Gott einst den Sterblichen die Künste.

Und sein Geschenk war zwiefältig:

Zum einen gab er ihnen das Vermögen und die Kraft,

das Göttliche,

das sie zuvor nur dunkel und wie von ferne erahneten,

ganz nah und in sich zu fühlen, gleich einem durchströmenden Hauch.

Doch wär dies Geschenk nichts ohne das andere,

den SINN,

wie das Göttliche erscheint in der FORM,

in welcher Gestalt es sichtbar dem Auge und dem Ohre vernehmbar wird.

Den würdigen Menschen gab dieser Gott, des Göttlichen Form in sich zu finden,

sie fühlend zu bilden zum Preis seiner Mitwelt.

Cézanne: Verehrte Fremde, ich ahne, Sie haben Großes gesagt, aber mir dreht sich der Kopf, ich muss mich setzen.

Klio: Also, Herr Cézanne, danke für Ihre Zeit, aber wir wollen Sie jetzt nicht länger aufhalten.

Cézanne: Ja, ja, gehen Sie nur, ich kann leider sowieso nichts für Sie tun. Au revoir.

Kalliope: zu den anderen Musen: Eigenartiger Kauz. Hat sich da in eine Sache reingefressen und vergisst den ganzen Rest der Welt. er betreibt nur eine Hälfte der Malerei, oder noch weniger.

Polyhymnia: Läster nicht! Ich mochte ihn, er hat so etwas Lyrisches. Er musste weinen, als er von der Großartigkeit der Malerei sprach.

Apoll: Wie heißt der nächste?

Klio: Ich dachte an einen Mann, der sich Mondrian nennt. Er wohnt oben im kalten Norden.

Apoll: Dann wollen wir uns den mal anschauen, diesen Wunderknaben.

Klio: Guten Tag, Herr Mondrian, Sie sind uns empfohlen worden, als ein großer Maler!

Mondrian: Das ist sicher schmeichelhaft! Allerdings bin ich auch selbst der Ansicht, dass ich einen wichtigen Beitrag zum Fortschritt der Malerei leiste. Die Malerei hat sich bislang stets mit der Wiederholung der Natur beschäftigt. Doch damit ist es jetzt vorbei. Wir müssen darüber hinaus gehen. Bislang wurde das Absolute immer vermischt mit den zufälligen Dingen gezeigt...

Apoll: Wohl gesprochen! Sie scheinen der Richtige für uns zu sein. Denn um Absolutes malen zu lassen, sind wir gekommen. Bestimmt ist Ihr Atelier voll mit prachtvollen Darstellungen der Olympischen, wie sie, losgelöst von den irdischen Beschwernissen, das Regiment über Leben und Schicksal der sterblichen, zufälligen Wesen ausüben...

Mondrian: Ich glaube, Sie haben mich nicht ganz richtig verstanden...

Apoll: Was soll’s! Lassen Sie uns einfach einen Blick auf Ihre meisterlichen Werke werfen, ein großes Bild braucht schließlich keine Worte!

Mondrian: Nun, so bitte ich Sie herein in mein Atelier, verehrte Herrschaften! Hier sehen Sie die Bilder der Neuen Gestaltung, die uns das Absolute unvermischt zeigt, in denen die tiefe und ewige Wahrheit in Reinform dargestellt ist, zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit!

Kalliope: Huch, was soll das denn sein?

Mondrian: Ah, ich verstehe! Noch ist das Auge der Betrachter nicht an die Darstellung des Reinen, des Abstrakten gewöhnt. Noch erwarten alle, Gegenstände zu sehen, und Fleisch, und tragische Schicksale sollen sich vor ihren Augen abspielen.

Aber das war gestern! Uns Malern ging es doch immer nur um die Harmonie, das Gleichgewicht! Ein kleines kurzes Rechteck hier und ein großes längliches da, und diese beiden treten in eine Beziehung, und dann kommt das nächste Feld dazu – da zeigt sich die ewige Harmonie, rein und unvermischt, wie sie früher immer nur in der Verkleidung auftauchte.

Kalliope: Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen. Sie denken also, dass auch die Künstler, die früher einen Gott oder einen Halbgott gemalt oder geformt haben, nie etwas anderes angestrebt haben, als Harmonie zu zeigen, und dass es ihnen auf den Gott selbst gar nicht ankam?

Mondrian: Ja, denn für den Künstler ist diese Harmonie das Entscheidende, nicht der Gegenstand. Der ist vielleicht für den Auftraggeber wichtig. Die Harmonie aber steckt im Verhältnis der reinen Linien zueinander und der reinen Farben.

Apoll: (lacht) Mein lieber Herr Mondrian, Sie verwechseln da etwas. ....Reine Harmonie – reine Farben? Davon wissen nicht einmal die Götter etwas! Da haben Sie sich ein Gespenst gebastelt.

Mondrian: Natürlich! In Ihrer Voreingenommenheit sind Sie nicht vorbereitet auf meine Revolution. Doch wir müssen weg von den Gegenständen. Es ist falsch, Dinge abzubilden. Wir müssen die Gegenstände eliminieren! Dann können wir das Absolute zeigen! Die Gegenstände behindern uns Künstler, das Absolute darzustellen.

Polyhymnia zu Apoll: Sollen wir es ihm sagen?

Apoll zuckt die Schultern: Wenn du möchtest? Sag’s ihm!

Polyhymnia: Herr Mondrian, Ihr Streben nach dem Absoluten ehrt Sie, und hat Sie empfohlen, denn im Streben nach dem Absoluten liegt die wahre Größe der Sterblichen.

Kalliope: Sie kommen mir vor wie ein Schuster, der eines Tages beschließt, keine fertigen Schuhe mehr herzustellen, sondern seine Ahle nimmt, um Löcher in ein Leder zu stoßen und dabei ausruft: Endlich habe ich die Löcher von der Knechtschaft befreit, den Zwirn festzuhalten. Ich habe das reine, das absolute Loch erfunden!

Apoll: Kinder, ich habe genug von diesen Schwachköpfen. Ich muss wieder auf den Olymp, eine zünftige Maß Nektar trinken.

Kalliope: Wir hätten da noch ein paar Kandidaten gehabt!

Klio: Welche denn?

Kalliope: Da gibt es zum Beispiel so einen kleinen Hispanier, der sehr verehrt wird. Er soll dunkle Augen und einen stechenden Blick haben, bei dem Menschenfrauen schwach werden.

Polyhymnia: Ich würde auch gerne einmal „schwach werden“ (kicher). Auf dem Parnass ist es oft etwas eintönig.

Apoll: Ohne mich, Mädels, auch Götter haben ihre Zeit nicht gestohlen. Was ich sah, das reicht mir. Vielleicht schauen wir uns eines Tages noch andere Burschen an, aber jetzt habe ich Wichtigeres zu tun. Mein Halbbruder Ares ist sauer, weil die Sterblichen auf seinen Stern fliegen wollen. Ich soll ihm helfen, diese Anmaßung zu verhindern

Kalliope: Schade, wir hätte außer diesem Picasso auch noch einen anderen gehabt, von dem es heißt, er sei ein Meister des Erhabenen.

Apoll: Wo kommt der her?

Kalliope: Aus Amerika, du weißt schon, diese große Insel im Westen, von der Vater gesagt hat, da wäre nichts los.

Apoll: Na, wenn er so erhaben ist, dann kann er etwas warten. Wie heißt der Kerl?

Kalliope: Newman, glaube ich, Barnett Newman.

Polyhymnia: Hat der auch so einen stechenden Blick (kicher)?

Kalliope: Ich hörte, der sieht eher aus wie ein Buchhalter.

Polyhymnia: Was ist denn ein Buchhalter?

Apoll: Na schön, Mädchen, geben wir diesem Typen noch eine Chance. Außerdem wollte ich schon immer mal Amerika sehen. –

Guten Tag, Herr Newman, es heißt, Sie seien ein Mann, der Erhabenes darzustellen versteht. So einen suchen wir.

Newman: Dann haben Sie ihn jetzt gefunden. Ging es doch in der Kunst immer nur um das Erhabene!

Kalliope: Ich sehe gar kein Bild in Ihrem Atelier. Aber hier, Ihre Farbtöpfe. Rot und Gelb und Blau. Ist das alles, was Sie brauchen?

Newman: Ja, meistens. Wissen Sie, wenn man etwas Erhabenes macht...

Polyhymnia: Machen? Ein Mensch kann Erhabenes machen?

Newman: Na klar, was denn sonst? Dachten Sie, das kommt vom lieben Gott?

Polyhymnia: Nun, so ähnlich, ja.

Newman: Dann will ich es Ihnen mal erklären. Sie haben nämlich das Glück, dass ich nicht nur ein hervorragender Maler bin, sondern auch ein großer Philosoph, der alles genau durchdrungen hat. Ich mache nichts, ohne es mit der Schärfe meines Geistes genau erfasst zu haben.

Das Erhabene, verehrte Fremde, ist eine Ursehnsucht des Menschen, und zu diesem Zweck schuf er sich die Phantasiebilder dieser Götter, um nämlich dieser Sehnsucht eine Gestalt zu geben. Früher waren es eben menschenähnliche Gottheiten, welche diese Sehnsucht erschuf, aber heute ist es abstrakt und rein. Der Mensch braucht diesen Legendenkram nicht mehr, die Götterwelt mit Zeus, Jehova oder Shiva, sondern wir zeigen es jetzt ganz rein und unmittelbar, das Erhabene. Das tue ich mit meinen Bildern. Das Erhabene ist etwas Menschliches, das hat mit Göttern nichts zu tun.

Kalliope: Das heißt, es gibt in Wirklichkeit gar keine Götter? Das sind nur Erfindungen der Menschen? Und die Kunstwerke machen die Menschen auch von ganz allein?

Newman: Natürlich! Götter waren eine nette Metapher, die heute überholt ist. Menschen können alles aus sich selbst erzeugen.

Polyhymnia: Haben Sie nicht doch ein Bild im Haus? Wir würden gerne eins sehen.

Newman: Sie stehen doch direkt vor einem! Es heißt: „Wem graust vor grau gelb lila?“

Apoll: Ahhh ja! Es war interessant hier in Amerika oder wie das heißt. Vielen Dank und auf Wiedersehen, Herr Newman.

19:08 23.05.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare