Säkulare Religionen. Eine kurze Übersicht

Ideologiekritik In unserer Gesellschaft sprießen quasireligiöse Bekenntnisgemeinschaften mit dem Hang zu einer oftmals aggressiven Umerziehung der Bevölkerung
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Vor etwa anderthalb Jahrhunderten konstatierte Nietzsche den Tod Gottes, ein allmählich eingetretenes Ereignis, das sich damals bereits über ein gutes Jahrhundert erstreckt hatte.

Mit dem Tod Gottes, also dem Absterben der Überzeugungskraft des Christentums, starb allerdings die Neigung zur Religiosität im europäischen Menschen nicht gleich mit, stattdessen entstand eine Unzahl neuer religiöser Lehren, diesmal im säkularen Gewand, die ihren Jüngern oft Halt und Kraft geben.

Nun ist Religion ein ziemlich unscharfer Begriff, und ich will nur ein paar Merkmale davon erwähnen, eingedenk, dass weder alle Religionen diese jeweils aufweisen, noch dass diese Aufzählung vollständig ist. Es geht also nur um einen bestimmten Typus moderner säkularer Religiosität, den wir in unseren Regionen vorfinden. Man könnte diese „Religionen“ noch unterteilen in naturwissenschaftlich-technische und moralorientierte, ebenso in individualistische und soziale und weiteres, aber das liegt jeweils auf der Hand.

Was zeichnet nun diese Lehren als Religion aus?

Erlösung durch den Neuen Menschen

Im Zentrum steht üblicherweise eine Utopie vom Neuen Menschen. Dieser Neue Mensch wird entweder durch einen Bewusstseinswandel erreicht, oder aber durch wissenschaftlich-technischen Fortschritt. Der Gläubige ist dessen Verkünder. Er selbst steht dadurch im Zentrum der Wahrheit und des Guten. Das Paradies tritt ein, wenn die ganze Gesellschaft seine Lehre übernommen hat, darum muss er missionarisch wirken. Hier kommt also das Motiv der Erlösung ins Spiel. Wenn der Neue Mensch endlich da ist, ist die Menschheit erlöst.

Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen ist ein Topos der meisten dieser Religionen. Es ist das vielleicht die tragischste Erkenntnis im Zusammenhang mit dem Niedergang des Christentums, dass der Mensch zwar den Glauben an Gott verloren hat, aber anscheinend nicht das Bewusstsein von der eigenen Erlösungsbedürftigkeit. Während im lebendigen Christentum das Bewusstsein dafür wach war, dass die Gnade von außen kommt und nicht hergestellt werden kann, versuchen sich die Neoreligionen an Konzepten der Selbsterlösung.

Diesen Religionen ist zu eigen, dass man davon mehrere gleichzeitig haben kann, die dann zu einer Art Superreligion verschmelzen. Gerade bei den moralzentrierten unter ihnen liegt eine Verschmelzung auf der Hand, da ihr inneres Prinzip sich ähnelt, und nur der Anwendungsbereich ein verschiedener ist.

Es folgt nun eine lockere Aufzählung und Charakterisierung von nur einigen dieser Religionen. Natürlich gibt es weit mehr.

Sozialismus und Kommunismus. Das sind natürlich die Klassiker und auch die ältesten unter den neuen Religionen. Zigfach ausprobiert und immer wieder gescheitert, gibt es dennoch weiterhin unverdrossene Anhänger. Die Verlockungen dieses irdischen Paradieses, für das andere bezahlen, sind anscheinend zu groß. Und wenn man seinem Nachbarn erst einmal das richtige Bewusstsein beigebracht hat, sei es mittels freundlicher Indoktrination, oder, falls das nicht hilft, im Umerziehungslager, ist die Erlösung der Menschheit zum Greifen nah.

Feminismus. Der ist primär eine Opferreligion, in der die Gläubige permanent selbst geopfert wird. Das Gute ist eindeutig benannt: Die Frau. Das Böse auch: Der Mann bzw. das Patriarchat. Die inzwischen fast klassische Formulierung lautet: „Wer eine menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“ Bewusstseinswandel bzw. Umerziehung großer Teile der Bevölkerung (Männer) sind auch hier gefragt, bevor die Erlösung eintritt. Bei dieser Religion handelt es sich inzwischen um eine ziemlich heterogene Lehre, die bereits in viele Konfessionen zerfallen ist, die sich gegenseitig oft nicht grün sind. Das liegt daran, dass Feministinnen oft viel Zeit haben, weil sie gerne halbtags beim Staat angestellt sind.

Gendertheorie. Diese teilt mit dem Feminismus ihre Aversion gegen ein robustes männliches Selbstbild. Der Neue Mensch dieser Religion hat sich von Geschlechterstereotypen befreit, und kann nun frei zwischen allen 386 Geschlechtern oszillieren. Es ist die Religion derjenig*innen, die sich aufgrund einer Laune der Natur in einer bipolaren Geschlechterordnung nicht genügend anerkannt finden, und deren Erlösungslehre vorsieht, diese Ordnung komplett aufzulösen, damit sich alle in der gleichen Wirrnis befinden.

Political Correctness. Das ist eine schillernde Religion mit unscharfen Rändern. Im Zentrum steht der gute Mensch, dessen Credo lautet: „Alle Menschen sind gleich, und zwar in jeder Hinsicht.“ Entsprechend lautet der Name der Todsünde: „Diskriminierung“. Das Böse ist daher ein jeder, der behauptet, es gäbe echte Unterschiede zwischen den Menschen, und auf diese müsse man Rücksicht nehmen. Die Praxis dieser Religion besteht zum größten Teil nicht im Weglassen eigener diskriminierender Handlungen, denn da gäbe es kaum etwas zu tun, sondern im Benennen und Bekämpfen des Bösen, und dafür hat sie einen Katalog von Maßnahmen entwickelt. Das beginnt mit Tabuisieren bestimmter Ausdrücke. Ferner steht ein ganz eigenes Lexikon mit magischen Bannformeln („Rassist“, „Sexist“, „Faschist“, „Biologist“ etc., sowie „krude“, „perfide“, „dumpf“ etc.) zur Verfügung, und wenn das nicht hilft, schreitet man zur öffentlichen Verdammung der Ketzer in ganzer Person. Früher nannte man das Scheiterhaufen. Es handelt sich also um eine strafende Religion.

Inklusion. Das ist eine relativ neue Sonderreligion, die als eine Konfession der PC-Religion angesehen werden kann, aber derzeit flugs an eifernden Gläubigen gewinnt. Auch hier besteht die Erlösung im Verschwinden von Unterschieden zwischen den Menschen, wenn man die magisch-religiöse Praxis des Nichtbenennens und Tabuisierens derselben nur konsequent genug durchführt.

Veganismus. In der veganischen Religion erfolgt die Selbsterlösung mittels der Erlösung der von den Menschen ausgebeuteten Tiere. In der Verbindung mit der Religion des radikalen Tierschutzes besteht der Neue Mensch in der Erkenntnis, dass Tiere genau so wie Menschen sind, und Menschen nichts als Tiere. Leider ist auch in dieser Religion die Opposition der Ungläubigen zum Verzweifeln stark, was allerdings der Gewissheit der eigenen moralischen Überlegenheit zugute kommt.

Atheismus. Dass Atheismus eine Religion sei, wird von seinen Vertretern in der Regel bestritten. Eine Glatze sei schließlich auch keine Frisur.

Darum muss man unterscheiden: Ein nichtreligiöser Atheist ist einer, der sich mit der Frage nach Gott überhaupt nicht auseinandersetzt, dem das Thema völlig egal ist und eigentlich gar keine Meinung dazu hat. Das Thema existiert für ihn nicht. Ob eine solche Haltung für einen gebildeten Menschen überhaupt möglich ist, lasse ich hier mal dahingestellt sein.

Es gibt aber auch den bekennenden Atheisten, den, der den Glauben an Gott aktiv ablehnt und bekämpft, und der die Religion als solche für ein Übel hält. Das ist jedoch selbst eine religiöse Haltung, denn auch hier findet sich ein Bekenntnis, auch hier gibt es gibt den Neuen Menschen, einschließlich des Versprechens auf Erlösung zu einer gewaltfreien Welt aufgeklärter Menschen. Dass die großen totalitären Ideologien und Regime des 20. Jahrhunderts mit ihren Hunderten Millionen Toten sämtlich atheistisch waren, wird in der eigenen religiösen Verzückung zwar übersehen. Man ist offenbar noch zu sehr durch die Erinnerung an die Kreuzzüge von vor 900 Jahren bzw. an die erst 500 Jahre zurückliegende spanische Inquisition erschüttert.

Klimawandel. Die Religion des Klimawandels ist eine apokalyptische. „Poenitentiam agite!“ rufen ihre Prediger, und die Erlösung besteht darin, dass durch Selbstkasteiung und Bezahlen hoher Ablässe alles so bleiben darf, wie es ist.

Hirnforschung. Im Unterschied zu den sozialen Erlösungsreligionen zu Beginn unserer Aufzählung verspricht die Hirnforschung ein neues Menschenbild auf dem Wege der naturwissenschaftlichen Erkenntnis. Leider liegen die dafür zentralen Thesen gar nicht im Erkenntnisbereich der Naturwissenschaften.

Man kann vielleicht nicht behaupten, dass sie eine reguläre Erlösungslehre anzubieten hätte, aber dafür etwas anderes: Die endgültige Wahrheit über das Selbstverständnis des Menschen. Und auch das hat Folgen. Die religiöse These, dass der Mensch sein Gehirn, und dass dieses Gehirn wiederum determiniert sei, soll auf Betreiben der Hirnforscher tiefgreifende Konsequenzen für zentrale Institutionen unserer Gesellschaft haben. Das Rechtssystem mit seiner Praxis des Bestrafens, die Pädagogik und überhaupt die Steuerung der Gesellschaft durch politische Maßnahmen sollen den behaupteten und den angekündigten Erkenntnissen angepasst werden und damit eine wissenschaftliche Grundlage erhalten.

Wie auch andere Religionen, die naturwissenschaftlich-technische Glaubenslehren vertreten (Genetik, KI, künstliches Leben etc.), kann man die Hirnforschung unter die eschatologischen Lehren einreihen: Die Eschatologie besteht in der Ankündigung: „Wir werden in wenigen Jahren/Jahrzehnten diese und jene Erkenntnisse/Fähigkeiten haben, und dann wird ein neues Zeitalter anbrechen.“

Evolutionsbiologie. Während die Hirnforschungmit der Ankündigung naturwissenschaftlichen Erkenntnisse auch eine Verheißung anzubieten hat, bietet die Evolutionsbiologie, und speziell ihr Unterfach Evolutionspsychologie nur Aufklärung über den Menschen an, ohne ein Versprechen zu liefern. Als Religion ist sie letztlich fatalistisch. Aber dennoch ist sie als solche zu bezeichnen, denn sie will darüber belehren, was der Mensch eigentlich sei (ein chemischer Prozess) und worum es geht (um nichts).

17:17 19.06.2014
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