Der Krieg um die verborgenen Feuer der Erde

Iran und Saudi-Arabien Das Duell zweier Mächte. Dieser Schein trügt, denn die Diskrepanzen sind mitunter gigantisch, die Probleme weitreichend, ein Konflikt aus unbeantworteten Fragen.
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Vom Bosporus bis an den Persischen Golf

Das Gleichgewicht des Nahen Ostens ist freilich schon länger außer Kontrolle geraten, darüber sind sich die Meisten wohlwollend einig, dabei stellt sich die Frage, wann war diese Region stabil und worum geht es den vielen konkurrierenden Mächten wirklich?
Rückblickend würden viele den Ausbruch des Konfliktes auf das Jahr 1979 und der Islamischen Revolution im Königreich Iran herunterbrechen, doch dies wäre etwas kurzsichtig.
Man müsste tiefer nach den Problemen suchen, jene lassen sich in der Unfähigkeit einer Antwort des Islams auf die Nachbeben der europäischen Moderne und des Nationalstaatsprinzips finden.
Tatsächlich verbindet der Nahe Osten vieles mit dem Europa vor der Französischen Revolution, es stellten sich keine Fragen der Nationalismen, das Gefühl einer Gemeinschaft bot die Umma, dieses Gefühl war jedoch empfindlich gestört, da lange Zeit zwei konkurrierende Sichtweisen in der islamischen Welt einen ideologischen und machtpolitischen Kampf führten.
Die Rede ist vom sunnitisch-hanafitischen Osmanischen Reich und dem schiitischen safawidischen Iran.
Die Safawiden-Dynastie sah sich als Gegner des sunnitischen Prinzips eines Kalifates und stellte somit die Gemeinschaft der Umma
im Sinne der osmanischen Sichtweise fundamental in Frage.

Hier kommt es zur konträren Sichtweise zwischen den beiden Konfessionen des Islams, der sunnitische Islam sieht sich als traditionsgebunden und versucht jede Frage mit einer Lösung innerhalb des islamischen Korpus zu beantworten, die vier Rechtsschulen begrenzen sich somit auf eine Antwort getreu den Schriften. In der sunnitischen Welt heißt das : „Die Tore der Idschtihad“ sind geschlossen.
Der Begriff „
Idschtihad“ ist hier als ein Prinzip zu verstehen, das Prinzip der Erneuerung, welches immer ein heikles Thema in der nahöstlichen Welt war, da der Islam als „perfekt“ angesehen wird.
Während jene „Tore“ in der sunnitischen Welt ab dem 12. Jahrhundert geschlossen waren,
„öffneten“ sich neue Tore in der schiitischen Welt ab dem 17. Jahrhundert.
Eine rege Debatte brach aus zwischen den Akhbari-Schiiten und den Usuli-Schiiten im Iran.
Die Akhbaris sahen sich als Traditionalisten, welche geistig näher den sunnitischen Rechtsschulen waren als die Usulis, die ein neues Prinzip in der Schia aufstellten, die eine Schule anstrebten, die den Koran, die Tradition, aber auch eine Erneuerung der Religion gemäß seiner Zeit vorsah.

Diese Debatte vollzog sich durch die ganze safawidische Epoche im Iran (1501–1702) und endete mit der Durchsetzung der Schule der Usuli im kadscharischen Iran (1779–1925).

Diese Epoche ist als ein Knackpunkt der islamischen Welt zu betrachten, die Französische Revolution und das Nationalstaatsprinzip trafen nun allmählich auch die Imperien des Nahen Ostens, während sich das Osmanische Reich verständlicherweise als Vielvölkerstaat ähnlich schwer tat wie die Habsburgermonarchie, traf das kadscharische Iran auf einen schier übermächtigen Gegner im Norden, das zaristische Russland.
Auch wenn das Russland der Zaren als Hort der reaktionären Kräfte Europas zu betrachten war, führte der Russlandfeldzug
(Отечественная война) von Napoléon Bonaparte zu einem Umdenken der Ideologie in Russland. Das imperiale Wesen, der Klerus mischte sich mit dem Wettrennen der Völker. Das europäisch-kulturalistische Zeitalter begann und brachte den Panslawismus und den Panlatinismus hervor, somit ein neues Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches anachronistische Reiche wie Österreich-Ungarn oder das Osmanische Reich vor existentielle Probleme stellten.
Dieses Problem wurde nun ein regionales Problem für den gesamten Nahen Osten.
Im Iran kam es durch die Begrenzungen der imperialen Politik der Briten und der Russen zu einem Jahrhundert der Veränderungen, die Ideen aus Europa nahmen langsam Kontur an.
Der iranische Staat orientierte sich in dieser Zeit immer mehr an das zaristische Russland, man wandelte sich zum autoritären und zentralistischen Staat, zerstörte Jahrhunderte alte Strukturen und versuchte das Land nach russischem Vorbild zu ändern, jenes kam vor allen Dingen auch durch den regen Austausch der iranischen Intelligenzija mit ihrem russischen Pendant in Baku und St. Petersburg zustande.
Als nach der Niederlage der Russen im russisch-japanischen Krieg 1905 und dem Blutsonntag von Petersburg die Revolution von 1905 ausbricht, bricht ebenso im Iran eine Revolution aus, die das absolutistische System in die Schranken wies und aus dem Iran eine konstitutionelle Monarchie machte. Die Verfassung und die Einführung des Parlamentes machten den Monarchen der Kadscharen zu einer symbolischen Figur ohne große Einflussnahme.
Die erstaunliche Neuerung daran war, dass auch die Religiösen sich an das neue Prinzip des Parlamentes beteiligten und fortan dies zum Prinzip der Erneuerung machten, dies hat bis 1979 weitreichende Folgen, weswegen der Iran die Monarchien der arabischen Welt wie einst das Osmanische Reich als einen sunnitischen Anachronismus sieht, wiewohl aus einer konservativ-republikanischen Sichtweise.

Arabische Hoffnungen – iranische Beben

Auch in der sunnitischen Welt veränderte sich vieles, mit der Zerschlagung des Osmanischen Reiches kam es zu einer fundamentalen Neuordnung der Region gemäß den Ressourcen, die man vorfand.
So erfand man die Nationen des Iraks, Syriens, Jordaniens und verhalf Staaten wie Saudi-Arabien zu ihrer Entstehung, mit weitreichenden Folgen bis heute.
Der von den Autoritäten oktroyierte Nationalismus führte zu viel Ablehnung und Unverständnis in den Bevölkerungen des Nahen Ostens, anders als im Iran, kamen diese Bewegungen nicht aus dem Volk, sondern waren gewollt importiert, um ein Mindestmaß an Sicherheit für die Infrastruktur der westlichen Mächte zu sichern.
Schnell entwickelte sich innerhalb der sunnitisch-islamischen Welt eine Antwort auf das als Unterdrückung empfundene westliche Gemeinschaftsprinzip, nämlich der Panislamismus, welche von den Muslimbrüdern in Ägypten ausgehend eine überregionale Bedeutung bekam.
Grundlegend änderte sich die arabische Welt mit der Gründung des Staates Israel (1948) und des Sturzes der ägyptischen Monarchie 1952 durch die Freien Offiziere.
Die zerstrittenen arabischen Staaten einigten sich auf die Infragestellung des R
aison d’Être des Staates Israel.

Dies führte zum ersten Mal zu einer Zusammenführung arabisch-nationalistischer Kräfte, zum ersten Mal gab es eine arabische Gemeinschaft abseits der Umma, vielmehr ging man sogar nun offensiv gegen den politischen Islam vor und strebte eine säkulare arabische Welt an.
Sukzessiv baute man sich eine Welt auf, mit einfachen Feindbildern wie Israel, die zu Einigkeit führen sollten.
Doch die vielen verlustreichen Kriege und Niederlagen gegen Israel führten zu einem Abflauen der Nationalisten und mit dem Tod des arabischen Führers Gamal Abdel Nasser fing nun die Renaissance der Islamisten an.
Das Königreich Saudi-Arabien, welches zu den engen Verbündeten der USA gehörten und Gegner der Sowjetunion war, versuchte nun seinen Einfluss im Nahen Osten zu erweitern, mit ihren Unterstützungen islamistischer Kräfte in Afghanistan und Tadschikistan zwang man die Sowjetunion und später die Russische Föderation in teure und verlustreiche Kriege.
Der arabische Nationalismus verlor mit der Sowjetunion ihren größten Förderer und mit der Islamischen Revolution im Iran veränderte sich die Geopolitik grundlegend.
Der Iran geriet schnell in einen verlustreichen Krieg, der Überfall Saddam Husseins auf den Iran schwächte das Land - welches in Revolutionswirren versank - massiv.
Die Golfmonarchien unterstützten seinerzeit das irakische Regime gegen den Iran, dies führte zu tiefen Verstimmungen und zum ersten Abbruch der iranisch-saudischen Beziehungen 1987.
Der einzige arabische Staat, der den Iran unterstützte, war das Syrien von Hafiz al-Assad, welche auf interne Probleme in den Baath-Parteien Syriens und des Iraks zurückgingen.

Da Syrien durch den Libanesischen Bürgerkrieg und dem Aufstand der Islamisten in Hama selbst mit der Einflusssphäre islamistischer Kräfte zu kämpfen hatte, stellte sich dies als weiteres Argument heraus gegen den Irak und Saudi-Arabien vorzugehen.

Das Gleichgewicht des Nahen Ostens verschob sich in einen religiösen Krieg, der Diskurs der Aufklärung war endgültig begraben, westliche Werte verpönt.

Geopolitische Albträume

Die Region erscheint nunmehr desolat, im Irak, in Syrien, im Jemen herrschen zermürbende Kriege, die saudische Monarchie versucht mit allen Mitteln ihre wahabitische Doktrin zur dominierenden sunnitischen Ideologie aufzubauen, setzt es mit der Unterstützung anderer Golfmonarchien ganze Länder - wie schon einst in Afghanistan - in Brand.
Mit der Unterstützung von Milizen, die als „gemäßigt“ angegeben werden, führt Saudi-Arabien einen völkerrechtswidrigen Krieg in vielen Ländern und möchte seine Ansprüche gegenüber dem Iran geltend machen.

Der Iran seinerseits versucht mit der Unterstützung des syrischen Staates und der Houthi-Miliz im Jemen seinen Einfluss zu erweitern, um Saudi-Arabien sukzessiv zu schwächen.

Dennoch merkt man die Ungleichheit beider Staaten, beide entstammen aus zwei verschiedenen Sichtweisen des Islams, beide sind anderweitig geprägt.
Ein Kräftemessen auf Augenhöhe ist dies wahrlich nicht, der Iran hat einen gänzlich anderen Hintergrund und ist bisher die einzige Konstante in diesem konfessionellen Konflikt, während auf sunnitischer Seite die Opponenten ständig wandeln, die Sichtweise der beiden Völker ist gigantisch, das iranische Volk ein gänzlich anderes ist, als jedes arabische Volk.
Der Iran als ein Nachfolgestaat verschiedener persischer Imperien hat ein anderes Selbstverständnis als jeder arabische Staat und setzt somit andere Energien frei, affiner für europäische Ideen, da sie mehr verbindet.
Der saudisch-iranische Konflikt ist ein ungleiches Duell, die Reaktionen des saudischen Königshauses zeigt vielmehr, dass die klaren Blöcke zwischen den USA und dem Iran aufweichen, der niedrige Ölpreis ihnen zu schaffen macht und die teuren Stellvertreterkriege die Kapazitäten des saudischen Königshaus bei weitem übersteigt.
Die Frage ist, welche Ziele nun verfolgt werden, falls die Krise zu einem höheren Ölpreis führt, wird das saudische Königshaus aber auch die Iraner und zum Missfallen der US-Amerikaner die Russen profitieren.
Der Konflikt gestaltet sich als ein geopolitischer Albtraum und als eine unbeantwortete Frage der islamischen Welt, wie man mit den Errungenschaften der Aufklärung umzugehen hat.

Literaturangaben : Die globale kapitalistische Expansion und Iran, Philosophie Magazin "Der Koran".

17:33 12.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Feilong

Viel ist passiert und ich schreibe mal wieder ein wenig ;)
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