Sandra Felber

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RE: Leuchte, mein Turm, leuchte | 06.06.2010 | 18:15

@archinaut: der meinung bin ich auch. das ding soll bitte per höchstbieterverfahren - in diesem kontext wäre es dann endlich mal eine sinnvolle methode, versteigert werden. dann wäre "das ding" auch viel schneller fertig und ließe seine herausragende ästhetik der bevölkerung entgegen strahlen, die sich aber auch ohne teure eintrittskarte daran erfreuen kann.

@zelotti: man muss hier gar nichts keynesianistisch sehen. und schon gar nicht derartig undifferenziert.
ihr vergleich entbehrt jeglicher grundlage und kann auch politisch ziemlich aufs glatteis führen...
neuschwanstein ist ein landschaftlich solitäres historisches objekt mit einer eigenen geschichte. und sicher als solches heute ein publikumsmagnet in einer ansonsten ruhigen, idyllischen gegend. mehr aber auch nicht.

RE: Leuchte, mein Turm, leuchte | 05.06.2010 | 14:15

Ich finde, nicht wenige der Kommentatoren hier und so auch die an diesem Kulturgau verantwortlichen Standortpolitiker der Kulturbehörde, Stadtentwicklung Finanzbehörde in Hamburg, überschätzen den Gesellschaftlichen Nutzen solcher Postkartenobjekte ganz gewaltig. Und das sich, wenn die Elbdisharmonie einmal fertig sein sollte, dann "alle" darüber freuen würden ist eine pauschale unreflektierte Aussage, die ebenso verkennt, dass Hamburg weder Bilbao noch Bonn noch Berlin ist. Hamburg ist schon lange eine sehr schöne Stadt, sie gehört noch zu den Wohlhabendsten in Deutschland und gilt als die am besten für die globalisierte Wirtschaft aufgestellte Stadt in Deutschland. Die Touristen strömen zahlreich. Es gibt keinen Grund, hier mit Hilfe von Kunst und Kultur irgendetwas im wahrsten Sinne des Wortes "künstlich" reannimieren zu wollen.

Die Elbphilharmonie steht des Weiteren nicht alleine im blinden Prestigebau und Projekte-Shopping Wahn. Da hätte die Stadt z.B. noch das gigantische HafenCity Projekt und die IBA in Wilhelmsburg anzubieten. In allen drei Projekten sollen Künstler und Kulturschaffende als Aufwertungsbeigabe zur Steigerung der Immobilien und Mietpreise eingesetzt werden.
Leider gibt es da noch ein Haushaltsdefizit von ca. 1Mrd Euro...aber die werden jetzt u.a. mit Kürzungen in der Projektförderung im Kunst und Kulturbereich und einer saftigen Anhebung der Kita-Gebühren refinanziert.

Die Elbphilharmonie: hier wurde von privaten Investoren und dem Bauunternehmen Hochtief ganz klar einkalkuliert, auf dem Rücken gesellschaftlicher Ressourcen Profit zu erwirtschaften. Das geschieht nun nicht nur zu Lasten von Familien, sondern schon länger und vor allem auf unbestimmte Zeit auf Kosten der freien Kunst- und Kulturszene Hamburgs, die ganz maßgeblich von konstruktivem und kreativen Widerstand, Engagement und Kritik an den etablierten Verhältnissen geprägt ist und damit schon immer einen wichtigen Beitrag zur kritischen und demokratischen Kultur in dieser Stadt geleistet hat. Das schließt meiner Auffassung nach einen Daniel Richter, Fatih Akin, Rocko Schamoni, Die Goldenen Zitronen, aber auch den tief in der Arbeiterkultur verankerten Fussballverein FC St. Pauli ein, um nur die bekanntesten Vertreter einer aussagekräftigen und schon immer politisch kreativen Klasse zu nennen.

Für alle, die das vielleicht noch nicht mitbekommen haben aus Hamburg kommt ein vielbeachtetes Künstlermanifest, welches sehr genau beschreibt was das Problem mit unreflektierter, rein vermartungsorientierter Kultur- und Stadtentwicklungspolitik ist: www.buback.de/nion/

Um es dann auch mal abzuschließen: Sollte Kulturpolitik endlich mal aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit heraustreten wollen, dann wird sie nicht umhin kommen, Position zu beziehen, welches Gesellschaftsbild sie vertreten will. Erst dann wird Kulturpolitik in der Lage sein, sich eigenständiger und selbstbewusster in die Prioritäten der Finanz-, wirtschafts- und Bildungs- und Sozialpolitik einzumischen.
Aber solange sie die Freiheit der Kunst, mit der Freiheit zur eigenen Profillosigkeit verwechselt, muss man sich nicht wundern, wenn ihr kaum einer Bedeutung beimisst.
So wundert es mich auch überhaupt nicht, dass zum Beispiel die Junge Union in Hamburg dafür plädiert, die Kulturbehörde gleich ganz abzuschaffen und in ein Senatsamt umzuwandeln.
Damit wäre Kultur dann vollständig zum Handlanger des Finanzamtes und der florierenden Immobilienwirtschaft degradiert.

"Unnötig, so die JU, sei eine eigenständige Kulturbehörde. Gespart werden könne auch bei den Zuwendungen an Dritte. Im Jahr 2008 waren das 861,4 Millionen Euro. Knapp die Hälfte davon ging an das Universitätsklinikum Eppendorf, an die Hamburg Port Authority, die Staatsoper, die Bücherhallen und das Deutsche Elektronen-Synchrotron (Desy). Die Einführung der Stadtbahn müsse auf den Prüfstand gestellt werden."
bit.ly/b1a4Ko
(die artikel überschrift bei google eingeben und unter news suchen, dann kann man ihn auch kostenfrei lesen)

Nee, ist klar, wer braucht schon öffentliche Bücherhallen oder eine Staatsoper, wenn man schon 350mio+ Steuergelder in eine Elbphilharmonie gesteckt hat. Und hey, es soll dort ja auch einen öffentlich zugänglichen Aussichtsschlitz geben, der dem Pöbel immerhin den Blick auf Dinge ermöglicht, die ihm nie zugänglich sein werden. Bleibt nur zu hoffen, dass dadurch die Aussicht der Gäste des ebenfalls in der Elbphilhamonie befindlichen 5Sterne-Hotels und der Eigentumswohnungen dadurch nicht beeinträchtigt wird.
Obwohl, so ein bisschen Pöbel-durch-Gucci-Brille-gucken ja manchmal auch besser als Botox sein soll.