„Der Auslöser war LSD“

Im Gespräch Der Name Wenzel Storch steht eigentlich für Trash mit surrealer Optik und Antikatholizismus. Dabei ist der Regisseur ein romantischer Poet, und er kann wunderbar erzählen
Felix-Emeric Tota | Ausgabe 25/2014
„Der Auslöser war LSD“
Wenzel Storch am Set von "Die Reise ins Glück"
Foto: Presse

Er wohnt da, wo seine Filme zu sehen sind – am Rand. Gerade wurde Reise ins Glück beim NRW Theatertreffen gezeigt, Anfang Juli ist Der Glanz dieser Tage an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig zu sehen. Zu Hause ist Wenzel Storch, bekannt als Trash-Surrealist und Katholikenschreck, in Niedersachsen, Hildesheim. Genauer: in einer alten Fabrik, die am Bahngelände der Stadt liegt. Es gibt Kaffee, und Wenzel Storch erweist sich als sympathisch-zurückgelehnter Mann mit einer angenehmen Art, zu reden.

Der Freitag: Sie haben zwar nur drei Filme gemacht, Herr Storch, aber die tauchen immer wieder auf. Gerade schreiben Sie ein Theaterstück darüber, zuletzt ist ein dicker Band erschienen: „Die Filme“. Wie sieht der aus?

Wenzel Storch: Das ist ein Bilderlesebuch mit Hunderten von Fotos. Eine Art Making-of zum Durchblättern. Meine DVDs enthalten umfangreiches Bonusmaterial, und oft finden die Leute die Making-ofs interessanter als die Filme selber. Das liegt vielleicht auch an den einladenden Titeln: Der Cumshot in den Beichtstuhl, Sitzfußball und Gruppensex, Wie man aus Düngerstreuern und Güllepumpen ein Schiff baut. Wenn man eine katastrophale Produktionsgeschichte im Nachhinein erzählt, hat das für Außenstehende immer Unterhaltungswert. Und weil die Dreharbeiten in meinem Fall fast immer von Pannen begleitet waren, erschien es naheliegend, das einmal ausführlich zu dokumentieren.

Wie sehr gehört das Bild denn jetzt zum Schreiben?

Mir kommen beim Schreiben immer Bilder aus meiner Sammlung in den Sinn. Wenn ich ein Bild dann einfüge, gerät der Text aus der Spur, er kriegt einen neuen Bezug. Früher habe ich mir – das mache ich aus Faulheit nicht mehr – das Zimmer mit Bildern vollgehängt. Ich fand es einfach gut, morgens in einem Bildermeer aufzuwachen, vielleicht weil ich kurzsichtig bin und nach dem Aufwachen sowieso alles verschwommen sehe. Das hat dann ausgesehen wie Frühling.

Sie sind nach eigenen Angaben eher zufällig zum Filmemachen gekommen. Wie?

Ich war nie besonders filminteressiert, habe nie einen Videorekorder besessen und bin so gut wie nie ins Kino gegangen. Mein erster Film Der Glanz dieser Tage sollte eigentlich ein christlicher Monumentalfilm werden, eine Art Messdienerreport. Was mir vorschwebte, war ein römisch-katholischer Propagandafilm, hergestellt hinter dem Rücken der Kirche. Das hat damit zu tun, dass ich jahrelang als Ministrant am Altar herumgestanden habe – und das noch zu Zeiten, als ich das alles schon völlig bescheuert fand. Der eigentliche Auslöser war aber ein LSD-Trip. Man überlegt auf Trip immer, wo man hingeht, man sucht sich ein schönes Plätzchen – und in Hildesheim liegt der Weg zum Dom dann nahe. So fand ich mich schließlich mit einem Freund vor dem Tausendjährigen Rosenstock wieder. Und dort stand er als flimmerndes Bild plötzlich vor mir: der römisch-katholische Propagandafilm!

Eine Filmidee, geboren aus einem LSD-Trip in Hildesheim.

So war’s. Filmische Leidenschaft war dabei nicht im Spiel. Wäre ich musikalisch gewesen, dann wäre es vielleicht auf eine Messdieneroper hinausgelaufen. Das Medium war mir eigentlich egal.

Wie ging’s dann weiter?

Ich habe mich hingesetzt und ein Drehbuch geschrieben. Oder besser: etwas geschrieben, was ich für ein Drehbuch hielt. Das hat ungefähr zwei Jahre beansprucht. Da sind Ideen von Freunden eingeflossen und viel dummes Zeug, das vor unserer Haustür geredet wurde. Ich habe damals, Anfang der 80er Jahre, in einem gammeligen Backsteinhaus gewohnt, in dem unten ein Tante-Emma-Laden war. Dort hat sich die Trinkerszene des Viertels versammelt, pünktlich morgens um acht, um sich bis abends um sechs zuzulöten. Wenn man mittags das Fenster aufstieß – wir sind immer erst spät aufgestanden –, konnte man dem Geplapper der Trinker zuhören, hochwertige Gespräche. Die besten Sprüche sind dann im Drehbuch gelandet, einem Konglomerat aus Selbstausgedachtem und Aufgeschnapptem.

Ihr letzter Film „Die Reise ins Glück“ stammt von 2004. Man könnte auch sagen, dass Sie sich gerade mehr auf das Schreiben konzentrieren.

Ha, das ist richtig. Das merke ich daran, dass die Zahl meiner Bücher die Zahl meiner Filme überstiegen hat. Die Produktion von Die Reise ins Glück war einfach zu schrecklich. Jahrelang stand ein Kulissendorf meterhoch und auf 1.000 Quadratmetern am Hildesheimer Hafen herum, und kein Mensch wusste, wann der Film endlich abgedreht sein würde. Zwischen der ersten Förderzusage im Herbst 1994 und dem Tag, als die Nullkopie aus dem Werk kam, lagen fast zehn Jahre. In diesen zehn Jahren wurde nicht nur gebaut und gefilmt, es gab lange Phasen, in denen die Maschine einfach stillstand, in denen absolut nichts mehr ging. Die Reise ins Glück hat mich so ausgepowert, dass ich danach vom Film erst mal die Nase voll hatte.

Wie hält man solche zehn Jahre überhaupt durch?

Ich hatte keine Wahl. Es fing irgendwann an, aus dem Ruder zu laufen – und als ich’s gemerkt hatte, war’s zu spät. Da waren einfach zu viele Zwänge im Spiel.

Ihre Filme schaffen sich ganz eigene Welten. „Der Glanz dieser Tage“ zeigte ein Katholizismuswunderland, „Sommer der Liebe“ war ein surreales Kaleidoskop der 70er Jahre. Und „Die Reise ins Glück“ ist in einem Märchenreich angesiedelt. Wie würde ein Wenzel-Storch-Film aussehen, der in der Realität spielt?

Für die Realität fühle ich mich nicht zuständig. Da würde ich die Kamera gleich wieder ausschalten. Ich habe keine Lust, die Wirklichkeit abzubilden. Mit der Kamera irgendwohin zu gehen, wo es aussieht, wie es aussieht, das möchte ich nicht. Das habe ich schon, wenn ich das Fenster aufmache. Dadurch, dass meine Sets aus Sperrmüll sind, ist die Realität eh wieder mit drin: poetischer Realismus, vielleicht vermischt mit etwas Romantik.

Wie kommt man auf die Ideen zu den Fantasiewelten?

Mein Ausgangspunkt ist immer der Kulissenbau. Und weil das Budget jedes Mal knapp war, haben wir uns Rohmaterial vom Sperrmüll geholt. Da ist man limitiert. Für Sommer der Liebe haben wir monatelang Matratzen, Plastikwäschetruhen und Sitzkissen von Hollywoodschaukeln eingesammelt. Die Bezüge haben wir dann abgetrennt und an die Wände genagelt – fertig war das Rockkloster. Der Vorteil einer solchen Arbeitsweise: Beim Ausstatten wirst du selber permanent überrascht, weil das Material bestimmt, wie es am Ende aussieht.

Hauptdarsteller in Ihren Filmen ist ein Laie: Jürgen Höhne, der als Fernfahrer gearbeitet hat.

Der Rolling Stone hat Jürgen Höhne mal als eine Mischung aus Louis de Funès und John Wayne bezeichnet. Ich finde das Bild sehr treffend. Jürgen hat eine unglaubliche Präsenz, man muss ihn beim Drehen nicht führen. Ich habe ihm kaum Regieanweisungen gegeben. Der hat seinen Text gekriegt und sich dann was zusammengereimt. Was er dann präsentierte, war meist viel besser als das, was du dir hättest ausdenken können. Ich glaube, dass ausgebildete Schauspieler neben Jürgen Höhne ziemlich alt aussehen würden. Vielleicht ist es aber so, dass professionelle Schauspieler in selbstgebaute Kulissen nicht hineinpassen und es stimmiger aussieht, wenn Laien im Spiel sind.

Da wir gerade bei Pressestimmen sind: Die „Titanic“ nannte Sie erst „Deutschlands besten Regisseur“ und ein Jahr später dann den „besten Regisseur der Welt“. Andere Kritiken fallen dagegen ziemlich hart aus. Wie gehen Sie damit um?

Der erste richtige Verriss kam nach der zweiten oder dritten Festivalaufführung von Der Glanz dieser Tage und stand in den Westfälischen Nachrichten: „Ein Schundprodukt aus der Unterhose gefilmt. Die angestrebte Pose der antiklerikalen Aufklärung erweist sich als postpubertäre Idiotie eines rotznäsigen Pseudofilmers. Ihr seid gewarnt.“ Das ist natürlich toll, über so was freut man sich doch. Auf meiner Internetseite sind die besten Verrisse nachzulesen. Ich hätte positive Kritiken dazwischenschummeln können, aber ich finde, dass durch die Verrisse doch ganz gut zu erkennen ist, was das für Filme sind, die ich mache. Mit Verrissen hatte ich nie ein Problem, vielleicht, weil sie in meinem Fall oft lustig sind. „Ein Film, der einem den Feierabend gründlich vergällt“, stand zum Beispiel im katholischen film-dienst. Was will man mehr? Das ist doch ein tolles Kompliment. Na ja, wenn alle Welt meine Filme verreißen würde, wäre ich schon traurig.

Gibt es Ideen für einen neuen, vierten Wenzel-Storch-Film?

Wenn ich überhaupt noch einen mache, dann einen lustigen über Depressionen. Am liebsten einen Kafka-Film, schon deshalb, weil ich alle Kafka-Filme, die es gibt, grauenhaft finde. Als Franz Kafka stelle ich mir einen gut aussehenden 16-Jährigen vor, der sportlich ist und tauchen kann, weil viele Szenen unter Wasser spielen. Beziehungsweise in der Luft. Denn immer, wenn Kafka ganz dolle Depressionen hat, verwandelt er sich in Super-Kafka. Das wäre nicht nur ein Film mit komplizierten Spezialeffekten, sondern auch wieder ein Ausstattungsfilm. Man müsste eine depressive, okkulte Welt erschaffen, eine riesige Zuckerbäckerwelt mit Tausenden von Schnörkeln und Verzierungen. Als Höhepunkt dann ein Ringkampf zwischen Kafka und dem britischen Okkultisten Aleister Crowley, ein Ringkampf zwischen dem traurigsten und dem bösesten Mann der Welt. Dafür müsste man Crowleys Abtei von Thelema und die Altstadt von Prag nachbauen, am besten in Originalgröße.

Das würde man gern sehen.

Ich unternehme überhaupt nichts, um eine Umsetzung in die Wege zu leiten. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass ich noch im Altersheim an dem Film herumarbeite.

Das Gespräch führte Felix-Emeric Tota

 

Der Bulldozer Gottes

Wie Lothar Matthäus wurde Wenzel Storch am 21. März 1961 geboren, allerdings in Braunschweig. Er lebt und arbeitet in Hildesheim, sein Œuvre besteht aus den drei ziemlich psychedelischen Filmen Der Glanz dieser Tage (1989), Sommer der Liebe (1993) und Die Reise ins Glück (2004); außerdem aus den Schriften Der Bulldozer Gottes (Ventil-Verlag 2009), Arno & Alice. Ein Bilderbuch für kleine und große Arno-Schmidt-Fans (konkret 2012), Das ist die Liebe der Prälaten (Ventil Verlag 2012) und Die Filme (Martin Schmitz Verlag 2013). Siehe auch wenzelstorch.de.Storch hat sich das Rauchen abgewöhnt, und seine Katze heißt Wilma. TOT

 

06:00 02.07.2014
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Felix-Emeric Tota

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