Oh Boys

Musik Nova Heart schreiben Songs, die zur Sinnkrise vieler Chinesen im modernen Peking passen. Das wiederum gefällt auch in Europa und den USA
Felix Lee | Ausgabe 41/2015

Womöglich ist die Band Nova Heart aus Peking in westlichen Ländern seit einiger Zeit nur deswegen so angesagt, weil sie eben nicht typisch chinesisch klingt. In der Tat ist ihre Musik sehr anders als das, was man in der chinesischen Hauptstadt in den Kneipen und Karaoke-Bars derzeit zu hören bekommt: einfallsloser Elektro-Pop, quitschiger Bubblegum-Gesang oder schnulziger Mando-Pop. Nova Heart hingegen reichern Indierock mit psychedelisch anmutenden New-Wave-Elementen an. Ihre einprägsamen Bassläufe (am deutlichsten wird das in ihrem Song Lackluster No.) erinnern an Blondie, Portishead, New Order oder auch die frühen Depeche Mode.

Und doch wird man dieser Band nicht gerecht, wenn man sie als Abklatsch bestehender Musikrichtungen anderer Regionen dieser Welt abstempelt, wie man das bislang sonst aus China gewohnt ist. Nova Heart verkörpern mit ihrer Musik das moderne Peking: Melancholie, Schwermut und Sinnkrise der Neureichen nach Jahren des doppelstelligen Wirtschaftswachstums. Damit ist es ihnen gelungen, als vielleicht erste chinesische Band mit internationaler Ausstrahlung einen eigenen Stil zu entwickeln.

Mit MTV nach Shanghai

Sicherlich: Auch in China gehört die seit knapp fünf Jahren existierende Band zur Speerspitze einer Independent-Kultur, die in dem bevölkerungsreichsten Land alles andere als stark ausgeprägt ist. Nova Heart klingen zwar, als hätte Peking schon seit Jahrzehnten eine Independent-Szene wie Seattle, Bristol oder Berlin – das ist in dem postsozialistischen Land, das nach wie vor höchst autoritär und bevormundend regiert wird, jedoch nicht der Fall. Aber sie haben es als eine der wenigen, wenn nicht gar als einzige geschafft, aus der Nische zu treten und den Geschmack in Europa und Nordamerika zu treffen.

Sängerin Helen Feng ist 1978 in Peking geboren. Die Suche ihrer Generation nach einer eigenen Identität hat sie unter verschärften Bedingungen erlebt. Als Tochter einer wohlhabenden Familie ist sie früh in die USA gezogen, nach Texas. Eigenen Angaben zufolge hat sie bereits mit zehn Jahren begonnen, Lieder zu schreiben. Später studierte sie in San Diego. 2002 wagte sie den Schritt zurück in ihr Geburtsland China. Dort begann sie, in Shanghai, bei dem chinesischen Ableger von MTV als Moderatorin zu arbeiten. Mit dem Umzug von MTV nach Peking ging sie mit.

In Shanghai musste Feng vor allem chinesische Popgruppen präsentieren. Boybands, die sie schon während ihrer Zeit in den USA gehasst hatte, wie sie in einem Interview mit einem australischen Onlinemagazin sagte. „Nur noch schlechter.“ Sie dachte bereits darüber nach, ihre Arbeit bei MTV zu schmeißen. Der Umzug nach Peking brachte sie jedoch in Kontakt mit der chinesischen Punk-Szene. Als Befreiung habe sie diesen Kontakt empfunden: „Halleluja, ich habe endlich was Cooles in China gefunden.“

Ihren Job bei MTV gab sie einige Jahre später dennoch auf – und gründete ihre erste eigene Band, vor vier Jahren folgte dann Nova Heart. In China seien gerade viele Menschen auf der Suche nach einer Identität, sagt sie. Vieles im Land fühle sich schlecht an. Eine Alternative sei nicht in Sicht. Dies versuche sie in ihren Liedern zum Ausdruck zu bringen.

Die Musik von Nova Heart wirkt geradezu hypnotisierend. Elektronik wird nur minimal eingesetzt. Stattdessen werden einzelne Instrumente dezidiert hervorgehoben. Und auch Feng fügt sich mir ihrer unaufdringlichen und zugleich sinnlichen und melancholischen Stimme in die Gesamtkomposition ein, als wäre ihre Stimme selbst nur ein Instrument – was sie umso präsenter macht. Sehr ungewöhnlich für die chinesische Popkultur, keineswegs aber in der dortigen Indieszene.

Und die wächst in China. Nicht zuletzt wegen der vielen Raubkopien und der weit verbreiteten Internet-Piraterie in der Volksrepublik verdient zwar kaum ein Label am CD- oder Download-Verkauf. Allerdings gelingt es Bands zunehmend, sich über Auftritte bei großen Festivals zu finanzieren. Davon gibt es im Reich der Mitte immer mehr. Gab es vor zehn Jahren gerade einmal eine Handvoll, hat sich die Zahl im ganzen Land auf mehr als 150 erhöht. Helen Feng hat mit FakeLoveMusic schon vor einigen Jahren ein eigenes Label gegründet, das auch andere chinesische Künstler unterstützt, die es nach Europa oder Nordamerika treibt.

Feng singt bei Nova Heart übrigens ausschließlich auf Englisch. Das hat einen Grund. Sie hat zwar für Fatima al Qadiris Album Asiatisch auch schon mal Sinéad O’Connors Hit Nothing Compares To You auf Chinesisch vertont. Doch Feng hält chinesische Lyrik für sehr viel schwieriger. Mandarin an sich hat bereits vier verschiedene Tonhöhen. Da falle es ihr schwer, auch noch auf Chinesisch zu komponieren, sagt sie. So verwestlicht ist sie dann doch.

INFO

Nova Heart Nova Heart Staatsakt 2015

Die Band ist in Deutschland am 11. und 13. Oktober in Köln und im Berlin zu sehen 

 

Felix Lee arbeitet seit 2012 als Korrespondent der taz in China

06:00 21.10.2015
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