Ein Schiff wird umkehren

Tatort Der Bremer "Tatort" fährt zur See auf großem Schiff. Ist ansonsten aber relativ unspektakulär: "Schiffe versenken" mit Inga Lürsen und Kollege Stedefreund

Fälle aus Bremen sind selten, Radio Bremen ist der kleinste ARD-Sender. Wenn Inga Lürsen (Sabine Postel) und der vornamenlose Stedefreund (Oliver Mommsen) mal randürfen, wird sich also gleich was Großes ausgedacht. Zumindest dieses Mal: ein großes Schiff.

Auf dem sucht Lürsen den Mörder eines Seemanns, von dem sie nur ein Photo besitzt und weiß, dass er einen Wartburg fährt (ein überraschend prophetisches Gespür, das die Drehbuchschreiber Huismann und LaZebnik hier unter Beweis stellen, überlegt der käufersuchende Opelkonzern doch neuerdings, das Auto aus der DDR als Discount-Limousine wieder aufzulegen). An Bord hat die Arme dann mit lauter fiesen Seemännern zu kämpfen. Sie reden weder miteinander noch mit ihr (erstes Klischee), der Erste Offizier nimmt ihr die Dienstwaffe ab, der versoffene Kapitän (zweites Klischee) lässt sie in der Koje des Ermordeten einschließen und der schwule Schiffsingenieur vergewaltigt sie nur nicht, weil er plötzlich an Deck gebraucht wird. Das Schiff hat nämlich die staatlichen Hoheitsgewässer verlassen und steht nun unter der Gewalt des Flagstaates, der sich für die Geschehnisse an Board nicht interessiert: Deutsche Polizisten haben hier nichts mehr zu melden.

Aber Lürsen und Stedefreund wären keine guten Tatort-Kommissare, wenn sie sich für rechstaatliche Gesetze interessierten. Mommsen stiehlt deswegen Akten aus der liberischen Botschaft und erscheint ohne richterliche Vorladung mit der Staatsanwaltschaft bei der aristokratisch anmutenden Reederei (drittes Klischee), während Lürsen mutig-naiv weiter auf dem Schiff rumschnüffelt. Dass sie dabei beinahe erdrosselt wird, hat sie nach dem Telefonat mit Stedefreund, während dessen ihr Gesicht dem Zuschauer kurz "Angst!" zuruft, fast wieder vergessen (erstaunlich, wie weit das Handynetz auf hoher See doch reicht). Vom schmuggelnden Schiffskoch und -klempner Juri (Jevgenij Sitochin) abgesehen (viertes Klischee), fehlt es diesem Tatort gänzlich an Witz. Das ist erholsame Abwechslung von den Albernheiten aus Münster und gelegentlich sehr gewollten Späßen aus dem Rest der Tatort-Republik, aber eben auch nicht sonderlich unterhaltsam.

Die Kamerarundfahrten als Lieblingsstilmittel des Kameramanns nerven ziemlich schnell, und logische Fehler sind nicht schlimm, aber doch unnötig. So steuert der Wasserschutzpolizist, der Lürsen an Bord bringt, erst sein Boot, um ihr dann, auf dem Heck stehend, zuzuwinken, während es wieder Richtung Hafen fährt. Lürsen selbst versteckt sich erst vor der Crew, um ihr im nächsten Moment selbstbewusst gegenüber zu treten.

Am Ende war’s der Erste Offizier und seine Komplizin war die Tochter des Reeders, die, um mehr Profit zu machen, das Leben ihrer Crew aufs Spiel setzt. So ähnlich stellt Lürsen den Mörder dann auch, indem sie sich und die Besatzung in vermeintliche Lebensgefahr bringt, damit er sich verrät. Dramatisch wird das Ende trotzdem nicht und so bleibt der Tatort mit dem billigsten Titel seit Tödlicher Einsatz (Schiffe versenken) hanseatisch unspektakulär.

Abgedroschenste Kommisardrohung aller Zeiten: „Das Schiff wird umkehren“ (oder andere Varianten von „Ich kriege dich")
Was wir auch gerne hätten: Orthopäden, die auch nachts noch Sprechstunde haben.


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21:45 24.05.2009
Geschrieben von

Felix Lüttge

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Ausgabe 41/2021

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