Greenstream

Internetradio Die Grünen machen mit "Grüne Welle Berlin" Internetradio für ihre Wähler. Das klingt nicht immer so, als nähme die Partei ihre Klientel ernst

Die Zeitung ist tot, das Internet ist die mediale Zukunft. Soweit der Tenor all derer, die sich um die Zukunft der Medien Gedanken machen und ihr Geld nicht ausgerechnet bei einer Zeitung verdienen. Radio und Fernsehen befinden sich höchstens in einer Niveaukrise, ihren Tod sagen die Untergangspropheten der Medien aber noch nicht voraus. Die Zukunft vermutet in ihnen allerdings auch niemand. Außer den Grünen aus Berlin.

Die, vor allem ihr Pankower Kreisverband, haben Anfang Juni das „Grüne Welle Radio“ gestartet, ein Internet-Radiosender von Grünen für Grüne. Gemeinsam mit der Berliner Multimedia-Agentur „Tonjuwelen“ produzieren sie ein Programm mit Musik und lokalpolitischer Parteiinformation. Gesendet wird Pop und Rock von Achtundsechzig bis heute, immer nach vier Songs ist ein Beitrag über grüne Themen wie Atomkraft und Öko-Strom oder ein Bericht aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, beziehungsweise der Grünen-Fraktion, zu hören.

Dass die Grünen Internetradio machen, könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie, anders als die meisten Parteien, mit dem Internet umzugehen wissen. Wie sie es machen, ist ein Zeichen dafür, dass sie weder vom Internet noch vom Radio mehr Ahnung haben als die anderen, sich aber mutig ins Gefecht stürzen.


Das Team von „Grüne Welle“ besteht zwar aus erfahrenen Rundfunkjournalisten. Die Beiträge klingen aber alle wie für die Sendung mit der Maus produziert: Viel atmosphärisches Hintergrundgeräusch und alles sehr langsam und manierlich betont erklärt. Kinder sind jedoch nicht die erklärte Zielgruppe der „Grünen Welle“. Das Radio richtet sich, so Chefredakteur Frank Dittrich, an die Wähler und Mitglieder der Grünen. Doris Hammerschmidt, die Projektleiterin „Grüne Welle“ bei der Produktionsfirma beschreibt den Radiosender denn auch als „Kundenbindung“. Die Partei tritt für ein Wahlrecht ab 16 ein, scheint aber selbst die volljährigen Wähler (und eigenen Mitglieder) intellektuell nicht ganz ernst zu nehmen.

Manches auf „Grüne Welle“ hört sich mehr nach einer Persiflage auf die Loha-Eltern aus dem Prenzlauer Berg an:

„Wenn die Biolebensmittel besorgt sind, das Altpapier entsorgt und der Ökowein entkorkt ist, ist es Zeit für den Abend auf der Grünen Welle mit feinstem Livestyle-Swing und Jazz, Popsongs in ungewöhnlichen Versionen und - für den weiten Blick über den musikalischen Horizont - ein bisschen Country. Der Abend auf der Grünen Welle Berlin ist wie ein Picknick am Meer oder ein Sonnenuntergang am Wannsee.“

Ein Wahlkampfradio ist „Grüne Welle Berlin“ nicht, sagt Dittrich. „Das Radio ist ein mittel- bis langfristiges Projekt, der Bundestagswahlkampf ist zufällig dazwischen gefallen. Es ist auch keine Verkündungszentrale, aber ganz klar grün eingefärbt.“

Die Grünen öffnen sich als progressive Partei dem Internet. Das ist, wenn auch unbeholfen, ein Schritt in Richtung Zukunft. Die Musikauswahl für die Sendung, in der „die schönsten Protestsongs“ gespielt werden, macht aber unmissverständlich klar: Zumindest die Musik war früher besser.

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Geschrieben von

Felix Lüttge

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