Und tschüss!

Weltuntergang In den USA sind Weltuntergangsvorstellungen ein florierendes Geschäft. Ein Treffen mit Daniel Pinchbeck, dem Star der 2012-Apokalyptiker

Die Welt geht unter. Und zwar nicht erst, wenn unsere Kindeskinder und deren Kindeskinder längst unter der Erde sind, sondern bereits am 21. Dezember 2012. Das muss zumindest befürchten, wer Roland Emmerichs Film 2012 Glauben schenkt, der zurzeit in den Kinos neue Einspielrekorde aufstellt. Man könnte meinen, und in Europa tun das viele, hier sei die Phantasie mit einem Hollywoodregisseur durchgegangen, der gern mit Spezialeffekten spielt. In den USA erzeugt der Doomsday-Kult aber keineswegs nur Kopfschütteln.

Hier ist die Apokalypse mittlerweile ein eigener Geschäftszweig. Fernsehspartensender und Radiostationen, Internet- und Buchautoren leben gut vom Weltuntergang. Nostradamus, eine beliebte Sendung im History Channel, berichtet jede Woche über eine andere Möglichkeit, wie die Welt zu Ende gehen könnte. Schließlich haben nicht nur die Mayas angeblich den Weltuntergang für den 21. Dezember 2012 ausgerechnet, sondern auch Nostradamus selbst, genauso das chinesische Orakel I Ging und in der Bibel soll es ebenfalls Hinweise geben.

Daniel Pinchbeck ist einer von jenen, die gut davon leben, dass das Ende der Welt bald kommen könnte. Als Popstar der 2012-Bewegung bezeichnete die Süddeutsche Zeitung den 43-jährigen New Yorker kürzlich. Er selbst nennt sich Journalist, befürwortet bewusstseinserweiternde Drogen und ist Autor von Büchern wie Den Kopf aufbrechen. Eine psychedelische Reise ins Herz des Schamanismus und 2012. Die Rückkehr der gefiederten Schlange.


Über 150.000 Exemplare hat er von letzterem Werk verkauft. Reality Sandwich, das Blog, das er mit Gleichgesinnten betreibt, ist eine feste Größe in der esoterischen Apokalyptiker-Szene. Und wenn Pinchbeck einen Vortrag hält, sind die Säle voll. Seine Verschmelzung von christlichen Endzeitvorstellungen und New-Age-Kultur zieht Neo-Schamanisten, Yoga-Klassen und Fans elektronischer Musik an. Und natürlich Althippies, die Pinchbeck aber nicht so nennt. „Leute, die in den Sechzigern aufgewachsen sind und vergessen haben, was sie damals gemacht haben“, sagt er.

Eine Viertelstunde zu spät kommt er zum Treffen in ein Café im New Yorker East Village. Den Ort hatte er vorgeschlagen, aus den Lautsprechern kommt Reggaemusik, an der Wand hängt Hippiekitsch. Pinchbeck ist hochaufgeschossen und etwas fahrig in seinen Bewegungen. Die Haare fallen ihm ungekämmt ins Gesicht, er trägt Dreitagebart und eine Designerbrille.

Also, wie ist das nun mit dem Weltuntergang? Eine Antwort zu bekommen, was denn nun am 21. Dezember 2012 genau passieren wird, ist nicht leicht. Er erzählt lieber, dass die Mayas eine sehr fortgeschrittene Kultur gewesen seien und zudem äußerst fähige Astronomen. Im Jahr 2012 ende zwar nicht ihr Kalender, aber doch ein Zyklus ihres „Langen Kalenders“, der 5125 Jahre umfasse. Diese Zyklen endeten üblicherweise mit der Zerstörung der alten Welt und der Schaffung einer neuen.

Wenn Pinchbeck spricht, macht er lange Pausen zwischen den Sätzen, als diktiere er einem die Worte ins Notizbuch. Manchmal buchstabiert er den Namen eines bestimmten Mayagottes oder einer Sekte (die er lieber Religion nennt). Niemand soll ihm vorwerfen können, dass er mit den Fakten schlampig umgehe. Vor der Zeitenwende 2012 sei es nun an uns, ob wir unsere Beziehung zur Erde veränderten und zurückfänden in den harmonischen und natürlichen Zyklus unseres Planeten oder – ja, oder was? „Natürlich können wir nicht wissen, was 2012 passiert,“ sagt Pinchbeck. Er formuliert vorsichtig. Große Schreckensbilder will er nicht ausmalen. Schließlich haben sich viele Apokalyptiker erst zur Jahrtausendwende lächerlich gemacht, als der vorhergesagte Untergang einfach ausblieb.

Dafür weiß Pinchbeck, was nun zu tun ist, um die Welt doch noch zu retten. „Wir müssen unsere Aufmerksamkeit grundlegend verändern, wir brauchen eine globale Veränderung unseres Bewusstseins und müssen einen Wechsel in der technologischen Kultur herbeiführen.“ Geht’s etwas konkreter? Er spricht über den Klimawandel, das Aussterben vieler Arten, die ­Finanzkrise: „Der Grund für den wirtschaftlichen Zusammenbruch ist klar. Der Kapitalismus basiert auf einem Modell endlicher Ressourcen, die nun ausgehen. Wir brauchen ein Gesellschaftsmodell, das mehr die Gemeinschaft als die Konkurrenz fördert.“

Sozialismus also? So deutlich festlegen will er sich nicht. Immer wieder lässt er Namen von anerkannten Denkern fallen: Antonio Negri, Claude Lévi-Strauss, Walter Benjamin. „Keine Ismen mehr. Aber es wäre näher an Sozialismus. Und es passiert gerade ein Wechsel im menschlichen Bewusstsein – weg von Kontrollstrukturen, hin zu Open Source.“ Manchmal klingt er fast wie Frank Schirrmacher.

Dass so viele Menschen seine Bücher lesen und seine Vorträge hören, überrascht ihn nicht: „Ich kann ihnen eine Perspektive anbieten, die wertvoll für sie ist. Und eine Authentizität bei Themen, die sonst nicht viel diskutiert werden.“ Befindet er sich auf einer Mission? Er nickt und lacht, ob der Einfachheit dieser Antwort. Auch dass die New York Times ihn mit negativen Rezensionen niederschreibt, irritiert ihn nicht: „Mainstreamkulturen fühlen sich immer von neuen Gedanken bedroht.“

Kiffen gegen den Untergang?

Pinchbeck bietet, anders als viele andere Endzeitpropheten, eine Lösung an. Die ist zwar so schwammig, dass sie eigentlich keine wirkliche Lösung ist, aber so kann sich wenigstens jeder seine eigene Antwort bei ihm heraussuchen. Dass wir 2012 nicht sterben werden, sondern den Weltuntergang einfach wegkiffen können, lesen einige Anhänger heraus.

Später, wenn er erklärt, was ihn – abgesehen von Buchbesprechungen in der New York Times – von den einfachen Apokalyptikern unterscheidet, wagt er sich etwas weiter vor: „Die Apokalyptiker ignorieren die psychische Dimension des Seins. Meine Erfahrung und Erzählungen anderer haben gezeigt: Das psychische Erleben kann die natürlichen, elementaren Bedingungen verändern.“ Was er sagen will: Wir hätten unbewusst den jetzigen Zustand mit Finanz- und Klimakrise herbeigeführt, um dadurch die Chance für einen Neuanfang zu bekommen. Einen Neuanfang, in dem Außen und Innen, Physis und Psyche wieder eins werden sollen. Und dabei sollen Drogen helfen.

Was das nun wieder heißen soll? Wir haben ja noch drei Jahre Zeit, darüber nachzudenken. So lange einen Joint, jemand?

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18:30 25.11.2009
Geschrieben von

Felix Lüttge

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