Die Polizei dreht durch

Rio de Janeiro Nachdem Bewohner der Nordzone der Stadt eine Demonstration starteten, drangen Einheiten der Militärpolizei in eine Favela ein und töteten mindestens zehn Personen
Die Polizei dreht durch
Ein BOPE-Polizist in Nova Holanda
Foto: YURI CORTEZ/AFP/Getty Images

Dass die vier Buchstaben BOPE tödlich sind, ist für die Bewohner der Armenviertel Rio de Janeiros nichts Neues. Was in der Nacht von Montag auf Dienstag in der Nordzone Rio de Janeiros passierte, ist für das Vorgehen dieser Einheit der Militärpolizei nicht ungewöhnlich. Doch das Massaker geschieht zu einem sensiblen Zeitpunkt. Endlich kommen die perversen Praktiken der Militärpolizei an die Öffentlichkeit. 

Versuchte Demonstration und ein toter Polizist: Blutige Rache

Etwa 200 Personen versammelten sich am Montag Abend im Stadtteil Bonsucesso, um eine der dezentralen Demonstrationen abzuhalten, die die Protestbewegung in Brasilien derzeit charakterisiert. Die Militärpolizei war mit einem Aufgebot von rund 250 Personen sowie einem Panzerfahrzeug präsent. Als die Demonstration die Stadtautobahn Avenida Brasil erreichte, wurde sie von der Polizei mit Tränengas und Schüssen angegriffen. Es kam zu Panik. Gemäß verschiedener Berichte versuchten andere Gruppen die Situation auszunutzen, um Geschäfte sowie Autofahrer auszurauben. Schließlich flüchteten mehrere Personen in die Favela Nova Holanda. Das Territorium wird vom Drogenhandel kontrolliert, der generell keine Polizei in seinem Gebiet duldet. An mehreren Eingängen der Favela kam es zum Schusswechsel mit der Polizei, wobei zwei Bewohner der Favela sowie ein Polizist starben. In der gleichen Nacht begann der Racheakt. Rund 400 Männer der Eliteeinheit BOPE drangen in die Favela ein, schwerst bewaffnet, mit Panzerfahrzeugen und Hubschrauberunterstützung. Als die Sonne aufging, wurde das blutige Ausmaß des Massakers klar: Die Polizisten töteten mindestens zehn Menschen. Einer der Toten, sechzehn Jahre alt, starb durch einen Kopfschuss, scheinbar aus nächster Nähe. Vierzehn weitere wurden mit Schussverletzungen in ein nahegelegenes Krankenhaus eingeliefert. Berichten von Anwohnern zufolge wurden mehrere Bewohner in ihren Häusern erstochen, es zirkulieren Fotos von vollgebluteten Häusern – ohne Leichen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Tote bei Polizeiaktionen von den Verantwortlichen vom Tatort geschafft werden. Deswegen tauchen sie weder in den Aufstellungen der Krankenhäuser, noch denen der Polizei auf. Um Straßenbeleuchtung und Elektrizität in den Häusern abzuschalten, zerschossen die Polizisten zu Beginn der „Operation“ einen Transformator. Auch nach über vierundzwanzig Stunden sind Teile der Favela ohne Strom. Das Viertel Nova Holanda, in dem sich das Massaker abspielte, ist Teil des Stadtteils Maré in der ärmeren Nordzone der Stadt. Es setzt sich aus 16 Favelas mit insgesamt ca. 140.000 Einwohnern zusammen.

Gummi in der Stadt, Blei in der Favela

BOPE steht für „Bataillon für Spezielle Polizeioperationen“, die Einheit wird vor allem in Favelas eingesetzt und ist für ihre Brutalität bekannt. Gefangene werden grundsätzlich nicht gemacht, dafür wird umso mehr gefoltert und getötet. Ihr Symbol ist ein Totenkopf, durchstochen von einem Kampfmesser, vor zwei gekreuzten Pistolen. Doch wie die Morde durch Messerstiche zeigen, ist diese Symbolik Teil der erschütternden Wirklichkeit. „Caveirão“, zu deutsch etwa „Riesentotenkopf“, werden nach dem Logo der Eliteeinheit auch die schwarzen, gepanzerten Fahrzeuge genannt: Ausgestattet mit Öffnungen für Läufe von Maschinengewehren, verbreiten sie einen Hauch des Schreckens, sind Vorboten des Todes. Und den bringen die Männer in Schwarz in der gefürchteten Einheit immer wieder in die Armenviertel der Stadt. Offiziell geht es darum Waffen und Drogen sicherzustellen, den Drogenhandel zu bekämpfen. Doch während das Geschäft mit Koks, Marihuana und Crack floriert, die Gangs ihre Territorien weiter kontrollieren, sind es vor allem die Bewohner der Favelas, die unter den Attacken leiden. „Das BOPE macht keinen Unterschied zwischen Banditen und Arbeitern“, schreit eine Bewohnerin der Maré am Dienstag in die Fernsehkameras. „Für sie gibt es hier nur Kakerlaken, nur Banditen. Aber hier leben ehrliche Menschen, wir arbeiten jeden Tag, um zu überleben.“ Der Polizei fällt es leicht, die Toten zu rechtfertigen: Wer stirbt, war definitiv Mitglied einer kriminellen Vereinigung des Drogenhandels.

„Favelados“, die Bewohner der Armenviertel, sind Bürger zweiter Klasse. Die öffentlichen Dienstleistungen sind, sofern vorhanden, nicht mit denen in den formellen Teilen der Stadt zu vergleichen. Die Versorgung mit Strom und Wasser ist prekär, das selbe gilt für Schulen und Gesundheitsposten. Die Anwohner erfahren eine starke Kriminalisierung, von Schutz durch die Polizei können sie höchstens träumen. Grundsätzlich wird zwischen Bewohnern des „Asphalts“ und denen der Favela mit zweierlei Maß gemessen. „Letzten Donnerstag war ich war auf der Demonstration im Stadtzentrum. Ich wurde wie die anderen von der Polizei brutalst behandelt. Aber die Kugeln dort waren aus Gummi, die Bomben mit Gas gefüllt. Hier in der Favela sind die Kugeln aus Blei, sie töten“, sagt Rodrigo Souza, Bewohner der Maré.

Jorge Barbosa, einer der Leiter des Instituts „Observatório de Favelas“, erläutert: „Die Ausbildung der Polizei ist militärisch, sie bereitet nicht darauf vor, Verbrechen zu bekämpfen. Die Polizei ist nicht dazu ausgebildet, zu schützen, sondern alles zu unterdrücken, was als außerordentlich wahrgenommen wird. Wir leben in einer Stadt, die von tiefster Ungleichheit gekennzeichnet ist. Diese Ungleichheit drückt sich nicht nur durch den mangelnden Zugang zu öffentlichen Einrichtungen aus, sondern auch bezüglich des Rechts auf Leben. Manche Leben sind wertvoller und respektierter als andere. In der Favela wohnen Schwarze und Arme. Der Respekt gegenüber dem Leben dieser Menschen ist viel, viel geringer als der gegenüber Personen der weißen Mittelklasse.“

Der Widerstand formiert sich

„In der Favela gibt es keine Gesetze im eigentlichen Sinne. Es regiert, wer die Waffe hat“, sagt Mariana da Silva, Anwohnerin der Maré. Und das ist entweder der Drogenhandel oder die Polizei. Die Angst vor beiden ist so groß, dass Verbrechen praktisch nie angezeigt werden. Und so kann auch die Polizei in den Armenvierteln morden, wie es ihr beliebt. In den letzten zwei Monaten häuften sich die Interventionen der Spezialtruppen. Immer wieder gab es Schießereien, Schulen und Geschäfte blieben geschlossen. Erst im Mai drangen Polizisten der BOPE in mehrere Häuser in der Maré ein, zerstörten das Interieur vollständig. Immerhin: Zwei der Betroffenen hatten den Mut, Anzeige zu erstatten, das ist neu. Durch die Unterstützung einer NGO schaffte es der Fall sogar in die Zeitung. Einer der beiden, Bruno Paixão, Lehrer, hat sein Haus seitdem nicht mehr betreten. Aus Angst vor den Drohungen der Polizei flüchtete er nicht nur aus der Stadt, sondern setzte sich unmittelbar nach Europa ab. Und die Gewalt geht weiter: Nur zwei Wochen später töteten Mitglieder der Spezialeinheit einen Motorradtaxifahrer bei der Arbeit, er wurde aus einem Caveirão heraus erschossen. Keine Zeitung der Stadt berichtete über den Fall.

Was die BOPE nun in der Maré anrichtet, ist qualitativ nichts Neues. „Was hier passiert ist, war nicht anders als andere Operationen der Polizei. Sei es im großen Stil, so wie von gestern auf heute mit all den Toten, oder in kleinerem Maßstab: Die Aktionen der Polizei sind extrem aggressiv, sie dringen in Häuser ein, es gibt Tote, seien es ein oder zwei Personen, seien es Anwohner oder Drogenhändler.“, sagt Rodrigo Souza. Dennoch bedeutet das Massaker eine neue Spitze der Gewalt, und sie kommt zu einem Zeitpunkt, in dem die Geister in Brasilien erwachen, die bisher größten Demonstrationen der Geschichte des Landes stattfinden. Nachdem die Gewalttaten in der Maré bekannt wurden, formierte sich am Ort des Geschehens ein Protestzug von rund 200 Personen, eine absolut ungewöhnliche Reaktion auf die Polizeigewalt. „Die Polizei, die auf der Straße unterdrückt, ist die gleiche, die in der Favela tötet“, war auf einem großen Banner zu lesen.

Zum Zeitpunkt des Umzugs befand sich noch ein Caveirão und etwa zehn schwerst bewaffnete Polizisten in der Favela. Normalerweise leeren sich die Straßen schlagartig, wenn eines der gespenstigen Vehikel auftaucht. Heute war die Reaktion anders: Die empörten Anwohner umzingelten das Gefährt, riefen „Nein, Nein, ich will kein Caveirão! Ich will mehr Geld für Gesundheit und Bildung!“ Schließlich bestiegen die Polizisten das Gefährt und verließen fluchtartig die Favela. Das mutige Verhalten der Anwohner zeugt von der unglaublichen Wut gegenüber der Polizei, ist aber auch auf die Präsenz von großen Medien und Menschenrechtsbeobachtern zurückzuführen. „Die Bewegung, die sich hier heute formiert hat, hat mich glücklich gemacht.“, sagt Rodrigo. „Es ist gut, dass die Leute sich zusammengefunden haben, um zu rufen: 'Basta! - Es reicht!'“ Für Mittwoch ist eine weitere Demonstration in der Maré angekündigt sowie eine Kundgebung vor dem Sicherheitsministerium von Rio de Janeiro. Anders als sonst erregt das Massaker Aufmerksamkeit, erzeugt Solidarität in der Massenbewegung, die Brasilien im Griff hat. Die Zivilpolizei, das Amt der Pflichtverteidiger und die Menschenrechtsabteilung der Organisation der Rechtsanwälte Brasiliens ermittelt. Doch wie so oft wird es vom Druck der Straße abhängen, ob die politisch Verantwortlichen endlich handeln, um die perverse Polizeigewalt in Rio de Janeiro zu beenden.

Über den Verlauf der Vorkomnisse in der Maré berichten auf Facebook u.a. das Institut Observatório de Favelas sowie der Verein Redes da Maré (beide auf portugiesisch).

13:25 26.06.2013
Geschrieben von

Felix Martens

Lebt in Rio de Janeiro und studiert Urbanistik und Soziologie.
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