Felix Werdermann
Ausgabe 1515 | 22.04.2015 | 06:00 29

Das Erbe strahlt

Atomkraft Die Reaktorbetreiber haben Geld für Rückbau und Entsorgung zur Seite gelegt. Aber wer zahlt, wenn sie pleitegehen?

Im Jahr 2022 soll das deutsche Atomzeitalter sein Ende haben. Nach jetziger Gesetzeslage werden spätestens im Dezember die letzten Reaktoren abgeschaltet. Doch dann geht es erst richtig los: Stilllegung, Rückbau, Endlagerung des Atommülls. Eigentlich ist die Sache klar: Die Verursacher müssen zahlen. Doch was ist, wenn die Atomkonzerne pleitegehen? Wenn ihr Geld nicht ausreicht, um die immer teurer werdende Endlagersuche zu bezahlen? Oder wenn sie sich mit juristischen Tricks aus der Verantwortung stehlen? Der Allgemeinheit können Kosten in Milliardenhöhe entstehen.

Bislang waren es die üblichen Verdächtigen, die auf diese Gefahren aufmerksam gemacht haben. Umweltschützer fordern schon seit vielen Jahren einen öffentlich-rechtlichen Fonds, der von den Atomkonzernen das Geld einsammelt und sicher aufbewahrt. Doch nun wird auch in der Großen Koalition über eine solche Lösung nachgedacht, das Wirtschaftsministerium prüft verschiedene Optionen. Es ist aber noch lange nicht ausgemacht, ob es wirklich um die Interessen der Bürger geht oder ob es sich bloß um eine Beruhigungspille für die Öffentlichkeit handelt.

Eigentlich sollte die Sache klar sein: Die Reaktorbetreiber müssen „uneingeschränkt sämtliche Kosten“ für Rückbau und Entsorgung tragen, erklärt das Wirtschaftsministerium. Die Unternehmen haben daher Rückstellungen gebildet. Eon, RWE, EnBW und Vattenfall kommen zusammen auf insgesamt 37,6 Milliarden Euro. Ob das reicht, ist jedoch unklar. Gerade die Suche nach einem Endlager kann schnell teurer werden, sobald neue Standorte ins Auswahlverfahren aufgenommen werden.

Die Unternehmen können die Höhe der Rückstellungen sogar selbst festlegen. Anschließend wird das von Wirtschaftsprüfern kontrolliert, dann sollen die Finanzbehörden einen Blick auf die Rechnungen werfen. Das Deutsche Atomforum, der Lobbyverband der Nuklearindustrie, spricht daher auch von „rigorose Kontrolldichte“ und von „maximaler Transparenz“. Doch ausgerechnet diejenigen staatlichen Stellen, die für die Endlagerung des Atommülls zuständig sind, haben wegen des Steuergeheimnisses keine Einsicht. Von Umweltverbänden, die möglicherweise auf Missstände hinweisen könnten, ganz zu schweigen.

Keine klaren Kriterien

Zwar können Wirtschaftsprüfer und Finanzämter bei den zuständigen Behörden Auskünfte einholen, doch eigenen Sachverstand bringen sie nicht mit. Daher hat schon im Jahr 2010 der Bundesrechnungshof gerügt: „Der Bund und die Länder können die Höhe der Rückstellungen nicht sachgerecht beurteilen.“ Auch die Umweltschützer vom BUND kritisieren, dass die Berechnungen der Atomkonzerne undurchsichtig sind.

Sie haben zudem eine Studie zu den Rückstellungen in Auftrag gegeben. Die Ökonomen vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft rechnen darin vor, dass mindestens 48 Milliarden Euro nötig sind. Die Rückstellungen der Konzerne könnten im Prinzip sogar reichen – allerdings nur, wenn die Zinsen für das zur Seite gelegte Geld hoch genug sind und keine unvorhergesehenen Kosten hinzukommen. Bei der Untersuchung ist den Autoren aufgefallen, dass die Atomkonzerne offenbar sehr unterschiedlich handeln. Die einen rechnen mit höheren Kosten für den Rückbau der Kraftwerke, die anderen mit höheren Kosten für die Endlagerung. Nachvollziehbare Kriterien? Fehlanzeige.

Das Wirtschaftsministerium will die Rückstellungen nun einem „Stresstest“ unterziehen. Jahrelang blieb die Politik untätig, jetzt kommt Bewegung in die Sache. Woran liegt’s? Schon unter der rot-grünen Bundesregierung wurde über einen öffentlich-rechtlichen Fonds diskutiert, doch damals haben die Grünen das nicht durchgesetzt, weil ihnen der Atomausstieg wichtiger war. Inzwischen ist aber auch einigen Sozialdemokraten klar geworden, dass Handlungsbedarf besteht. Die großen Energiekonzerne haben wirtschaftliche Schwierigkeiten, nun zeigt sich, dass eine Insolvenz immer nur unmöglich schien, aber nie unmöglich war.

Außerdem ist bekannt geworden, dass Eon einen Konzernumbau plant: Der zukunftsträchtige Ökostrom-Bereich soll von Kohle und Atom getrennt werden. Die finanziellen Atom-Verpflichtungen hingen dann an einem relativ unprofitablen Überbleibsel des fossilen Energiezeitalters. Der Vattenfall-Konzern plant ebenfalls eine Umstrukturierung.

Zudem läuft im Jahr 2022 eine Vereinbarung aus, die dem Staat garantiert, dass die vier Energiekonzerne für alle Kosten ihrer jeweiligen Atom-Tochtergesellschaft aufkommen. Und vielleicht hat der Tatendrang in der Politik auch etwas mit Rainer Baake zu tun, dem neuen grünen Staatssekretär im SPD-geführten Wirtschaftsministerium, der zuvor bei der Deutschen Umwelthilfe gearbeitet hat.

Die Bundesregierung verhandelt bereits mit den Energiekonzernen, und das Wirtschaftsministerium hat ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das Ergebnis hat aber möglicherweise einigen Mitarbeitern missfallen. Die Studie ist auf den 10. Dezember datiert, monatelang wurde sie nicht veröffentlicht. Erst nachdem Medien darüber berichteten, kam sie auf die Website des Ministeriums. Die Experten warnen darin vor Risiken, dass die „finanzielle Vorsorge im Kernenergiebereich nicht ausreicht“ und „nicht auszuschließen ist, dass auf die öffentliche Hand erhebliche Kosten“ zukommen. Sie schlagen vor, dass die Konzerne für den Rückbau einen internen Fonds einrichten, der eine höhere Sicherheit im Insolvenzfall bieten soll. Für die Endlagerung solle es einen externen Fonds unter staatlicher Kontrolle geben.

Die Atomkonzerne haben einige finanzielle Privilegien zu verlieren. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft beziffert die Vorteile von 1970 bis 2014 auf insgesamt 79 Milliarden Euro in heutigen Preisen. Dabei geht es jedoch nicht darum, dass die Rückstellungen als Ausgaben gelten und somit die heutige Steuerlast senken. Das ist vorteilhafter als wenn sie erst in einigen Jahren die Steuerlast senken, da man das gesparte Geld anlegen kann und es sich vermehrt. Dieser Vorteil bestünde jedoch auch bei einem externen Fonds, daher wird er vom Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft auch nicht näher untersucht.

Die in der Studie errechneten 79 Milliarden Euro haben die Konzerne vielmehr durch die sogenannte Binnenfinanzierung eingestrichen. Das Prinzip: Die rechtlich eigenständige Atomsparte legt ihre Rückstellungen nicht auf einer Bank an, sondern gibt einen Kredit an den Mutterkonzern. Der bekommt dadurch relativ günstiges Geld, denn der Zinssatz ist deutlich niedriger als auf dem freien Markt. Das bedeutet aber auch, dass bei dieser Kreditvergabe ein geringeres Risiko angenommen wird, als es in Wirklichkeit ist. Letztlich trägt also der Bürger ein Risiko, dass die Rücklagen am Ende weg sind – dafür kommt der Energiekonzern an billigeres Geld und kann dadurch seine Gewinne steigern.

Die Unternehmen haben also ein Interesse, das jetzige System beizubehalten. Trotzdem ging vor knapp einem Jahr ein bemerkenswerter Vorschlag von Eon, RWE und EnBW durch die Medien: Die Atomsparten und die Rückstellungen könnten komplett in staatliche Hand übergehen, dafür wären die Konzerne auch ihre gesamten Verpflichtungen los. Umweltschützer waren entsetzt, die Konzerne würden sich aus der Verantwortung ziehen.

Einen Vorteil habe diese „Bad Bank“ jedoch, sagt heute die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl: Sie „zeigt, dass die Atomkonzerne die Mittel grundsätzlich lockermachen können. Daher sollten diese jetzt so schnell wie möglich in einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführt werden“ – ohne die Konzerne aus der Verantwortung für mögliche weitere Zahlungen zu entlassen. Von der Bundesregierung fordert sie Mut zu Reformen: „Es darf nicht sein, dass nur die Rückstellungen erhöht werden und sonst alles beim Alten bleibt.“

Ein bewährtes System?

Das wäre der Industrie wohl das Liebste. Das Atomforum hat 2008 eine Studie veröffentlicht, die Aussagen seien im Grundsatz nach wie vor gültig. Zu lesen ist unter anderem: „Das deutsche Rückstellungssystem für die Kernenergie bewährt sich seit Jahrzehnten.“ Strom brauche „jeder und auf Dauer“, daher sei auch der Fortbestand der Unternehmen absolut sicher. Die Situation sei auch nicht mit der Versicherungswirtschaft vergleichbar. Dort gelten besonders strenge Anlagevorschriften, davon will man beim Atomforum nichts wissen.

Als großer Vorteil des Rückstellungssystem wird angeführt, dass der gesamte Konzern hafte und nicht bloß auf die eingezahlten Mittel im Fonds zurückgegriffen werden könne. Wenn es so wäre, müssten die Konzerne jedoch ein Interesse am Fondsmodell haben. In Wirklichkeit diskutiert die Politik jedoch über einen Fonds und will trotzdem die Verantwortung für mögliche Nachzahlungen bei den Konzernen belassen. Das jedoch wäre aus Sicht der Atomforum-Studie rechtlich schwierig: „Erst wird den Unternehmen die Verfügungsbefugnis über die Finanzmittel entzogen und danach sollen sie für die unzureichende und fehlerhafte Verwaltung durch staatliche Verwalter haften.“ Worüber sich das Atomforum empört, ist aber unumgänglich. Schließlich kann man genau umgekehrt argumentieren: Wenn es so bleibt wie bisher, muss der Staat am Ende für die unzureichende Verwaltung der Mittel haften, obwohl er selbst keinen Einfluss darauf hat.

Es gibt eine Lösung: die Bad Bank, auch wenn sie bei Umweltschützern verhasst ist. Natürlich müssten realistische Kosten für Rückbau und Endlagerung angesetzt werden – und ein Risikopuffer für mögliche Kostensteigerungen. Unter dem Strich kann der Staat sogar finanziell profitieren, wenn der Puffer am Ende nicht benötigt wird.

Irgendwann werden die Konzerne sowieso aus ihrer Verantwortung entlassen, schließlich wird es sie in tausend Jahren vermutlich nicht mehr geben, aber den Atommüll schon. Warum also nicht jetzt Verpflichtungen und Geld auf den Staat übertragen? Dann könnte endlich eine ordentliche Endlagersuche beginnen. Bisher krankt sie daran, dass die Atomindustrie aus finanziellem Eigeninteresse verhindert, dass noch weitere Standorte neben Gorleben ausführlich untersucht werden. Das wäre mit einem Bad-Bank-Deal auf einmal problemlos möglich. Zudem könnte der Staat einige Atomkraftwerke vorzeitig abschalten, wenn die Kraftwerke in sein Eigentum übergegangen sind. Bezahlte Atomlobbyisten gäbe es auch nicht mehr.

Ist es denn so gut, wenn der Staat für Rückbau und Endlagerung zuständig ist und sich selbst kontrollieren soll? Es muss eine Abteilung für die Durchführung und eine für die Aufsicht geben, sie sollten so unabhängig wie möglich voneinander sein. Grundsätzlich ist es aber sinnvoll, wenn der Staat die Aufgaben übernimmt, immerhin vertritt er die Interessen aller Bürger und nicht nur die von wenigen Aktionären. Das ist wichtig, wenn es darum geht, ein sicheres Endlager für Millionen von Jahren zu finden. Ob die Atomkonzerne ein paar Milliarden Euro gespart haben, wird in ein paar Generationen niemand mehr fragen. Aber bestimmt will jemand wissen, ob wir alles getan haben, um das beste Endlager zu finden.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 15/15.

Kommentare (29)

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Ehemaliger Nutzer 22.04.2015 | 12:05

..."realistische Kosten für Rückbau und Endlagerung angesetzt"... ___________ Was für ein Deathtrap: wie will man denn realistisch Kosten überhaupt ansetzen bei Halbwertzeiten von bis zu 250.000 Jahren? Selbst ob die Mittel für die Rückbauten überhaupt realistisch angesetzt wurden steht noch in den Sternen, ganz zu schweigen von der tatsächlichen Verfügbarkeit der Mittel im Fall dass...

Joachim Petrick 22.04.2015 | 13:30

"Das bedeutet aber auch, dass bei dieser Kreditvergabe ein geringeres Risiko angenommen wird, als es in Wirklichkeit ist. Letztlich trägt also der Bürger ein Risiko, dass die Rücklagen am Ende weg sind – dafür kommt der Energiekonzern an billigeres Geld und kann dadurch seine Gewinne steigern."

Jawohl!

Darüberhinaus werden Gewinne durch die Tatsache möglich, weil Zinslasten von Krediten als Betriebskosten steuermindernd wirken

"!Einen Vorteil habe diese „Bad Bank“ jedoch, sagt heute die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl: Sie „zeigt, dass die Atomkonzerne die Mittel grundsätzlich lockermachen können. Daher sollten diese jetzt so schnell wie möglich in einen öffentlich-rechtlichen Fonds überführt werden“ – ohne die Konzerne aus der Verantwortung für mögliche weitere Zahlungen zu entlassen."

Ist das nicht geradezu eine dynamisierte Einladung an die AKW- Betreiber, dass sich diese Konzerne irgendwann juristisch trickreich mit Durchgriffsrecht auf hinterlegte Rückstellungen iin staatlichen Fonds im Fall der Insolvenz selber plattmachen, nachdem sie die dynamisiert steuerverkürzende Wirkung ihrer Rückstellungen, je höher die Rückstellungen desto höher die Steuerverkürzung, der Veräußerung ihrer Atom- und Kohlesparten verfrühstückt haben?

"„Das deutsche Rückstellungssystem für die Kernenergie bewährt sich seit Jahrzehnten.“ Strom brauche „jeder und auf Dauer“, daher sei auch der Fortbestand der Unternehmen absolut sicher"

Das klingt irgendwie nach dem voreiligen Wort des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer zur Dynamiserung der Renten 1957

"Die Renten sind sicher! Denn Kinder werden immer geboren"

Inzwischen sind wir Deutschen uns als "Heutige" selber Kind genug, dass wir immer weniger Kinder zur Welt bringen.

Was ist, wenn wir dazu noch als Energiebauern unserer Energie auf dem Balkon, auf gemeinschaftlichem Dach selber anbauen?, den Strom bisheriger Energie- Giganten, genossenschafltich dezentral verankert, zurückweisen?, bzw. selber ertragsorientiert europaweit Strom ins Energienetz einspeisen.

Statt nun aber die Atomindustrie als atmar strahlenden

"New Deal- Credit Spending" "Weltexportschlager"

ersten Ranges after World War Two einiger systemrelevanter Globalplayer, voran General Elektric, Westinghouse Electric, Siemens, endlich als das zu kommunizieren, als dass diese anfänglich vom Stapel gelassen wurde, nämlich als Aufbruch einer, lokal verankert, global haftenden Verantwortungsgemeinschaft in Fragen der Rest- Risiko- Gefahrenlagen, Tschernobyl 24. April 1986, Fukushima 11. März 2011, GAU über GAU, Unwägbarkeiten der Kernenergie als Grundlastenträger verstanden wurde, wird jetzt in Old Germany eine Verdeckungsdebatte über Zwischen- , Endlager- und Rückbaukosten von AKWs als Beruhigungspille virtuell in Szene gesetzt, um über das Versagen, die Unterlassungen nationaler Politik auf dem Internationalen Parkett hinwegzutäuschen.

Wenn überhaupt, reden wir in Deutschland aus dem Bauch heraus über Zwischen- , Endlager- und Rückbaukosten von AKWs, die hierzulande mit Beginn des

"Yes!, we can"

eines selbstgewissen Atomkanzlers Helmut Schmidt ab 1974 errichtet wurden.

Was aber ist mit diesen denkbar undenbaren Kosten in Ländern und Weltregionen, Krisengebieten, wie der Ukraine, Israel, Iran, Irak, Pakistan, Indien, Brasilien, Argentinien, Südafrika, Syrien, in die deutsche u. a. Weltkonzerne AKW- Know How exportiert, dort AKWs errichtet haben, die nicht einmal ansatzweise substanziell in der Lage sind auch nur eine Debatte der gegenwärtig virtuellen Kostenanalyse Art Debatte zu führen, geschweige denn Rückstellungen für einen nationalen Fond zu bilden, noch ein entsprechend staatliches Steueraufkommen für wenigstens einige Eventualtäten erwirtschaftet zu gernerieren?

Werden wir nicht, wie das Amen in der Kirche, global verantwortlich, auch zur Deckung deren Zwischen- , Endlager- und Rückbaukosten von AKWs herangezogen sein?

Joachim Petrick 22.04.2015 | 13:58

Die Szenarios dürften längst durchgespielt sein." Inwiefern durchgespielt?, wenn ja, für und durch wen, zu wessen Gunsten, zu wessen Lasten? Liegt in solcher Art virtueller Kostenanalysen nicht eine Versuchung, ganze Weltregionen mit inatkten aber auch absehbar maroden AKWs aus nichtigem Anlass zu "No Go Areas" mit der Folge zu bomben, dass heute bereits an die sechzig Millionen Menschen inner- und außerhalb ihrer Heimatländer auf der Flucht sind?

Joachim Petrick 22.04.2015 | 18:54

Ach!, bevor ich es vergesse!

Dieser Beitrag erscheint mir ausgezeichnet gut recherchiert, mit Biss unterwegs. Dass ein jeder, der mag, der will, jetzt ahnt, wo das Nachhaken lohnt. Danke! Felix Werdemann.

Nachzuhaken wäre z. B. bei den global bisher eher undurchsichtig schwer ermittelbaren Zusammenhängen national aufgestellter Atomindustrien und deren Versagen als "Große Erzählung" der Internationalen Verantwortungsgemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bei der zivilen Nutzung der Kernenergie

iDog 23.04.2015 | 02:49

"Die Reaktorbetreiber haben Geld für Rückbau und Entsorgung zur Seite gelegt. Aber wer zahlt, wenn sie pleitegehen?"

Den Konjunktiv können Sie sich sparen. Alle gehen pleite, auch die, nach denen hier anscheinend gefragt wird. Und das ist das eigentliche, weil unlösbare Problem, zumindet in Bezug auf die Nuklearwirtschaft. Die Konsequenzen sind und werden in keinem Fall getragen, sondern ausschließlich ertragen. Es wird nie und nichts zurückgebaut werden und entsorgt erst recht nicht. Es sei denn man schießt den Mist ins All. Was schwierig sein wird, denn auch das will keiner leisten. Superman?

Ganz allgemein kann man daher die nun gültige Aussage machen: Sicherheit war Gestern... nämlich bevor man diesen Wahnsinn angefangen hat.

Der Zug ist abgefahren und die meisten ahnen es nicht mal oder wollen es nicht ahnen. Nur die Nuklearlobby wusste es schon immer.

Der ganze Tatbestand ist ein einwandfreier Beweis für die Dummheit von Herrschaft und deren Basis.

Columbus 23.04.2015 | 14:31

Ja, es gibt zwei Fronten, an denen sich was bewegen muss:

a) Den Begriff "Endlager" zu entsorgen und stattdessen endlich von Dauerlagern auszugehen, die unproblematisch rückholbar, nach dem Stand der Technik, einlagern.

b) Die Finanzierung der praktisch ewig anfallenden Versorgungskosten sicherzustellen. Ein oder mehrere Endlager (nicht leicht rückholbar) bedeuteten nämlich auch, dass diese Einrichtungen am Ende eines von jedem Bürger über den Staat abwickelt werden müssen, ohne je an den Gewinnen der Vergangenheit beteiligt gewesen zu sein. Ganz besonders dann, wenn eine Katastrophe mit dem Endlager eintritt.

Im Kleinen, haben wir das ja schon bei der Asse, in der die Industrie auf sehr einfache Art und Weise, die Entsorungskosten aus Versuchsreaktoren und jene für die weniger gefährlich eingeschätzten Abfällen im Experimental- und Erprobungsstadium endgültig loswurde. Nun heißt es, das Risiko zuschütten oder aber alles wieder herausschaffen, um kein Risiko einzugehen. Die ökonomische Versicherung für beide Vorgehensweisen, übernimmt der Bürger mit Steuern und Abgaben.

Beste Grüße

Christoph Leusch

Joachim Petrick 23.04.2015 | 15:37

"Im Kleinen, haben wir das ja schon bei der Asse, in der die Industrie auf sehr einfache Art und Weise, die Entsorungskosten aus Versuchsreaktoren und jene für die weniger gefährlich eingeschätzten Abfällen im Experimental- und Erprobungsstadium endgültig loswurde"

ist das nicht vorschnell kühn genagelt?

Vonwegen im Kleinen?

Wissen wir denn überhaupt was in der Asse an atomar strahlendem Giftmüll zwischengelagert wird?

bestes Tschüss
JP

Columbus 23.04.2015 | 16:14

Ja, sehr klein im Verhältnis zu dem, was in ein, geplant immer noch ewiges, nicht rückholbares Endlager soll.

Sie haben Recht, über den Inhalt von Asse weiß man nur noch ungefähr was, weil da bei der Aufzeichnung (privat und staatlich)getrickst wurde (z.B.,schwach radioaktiv- mittelstark radioaktiv, Bewehrung der Behältnisse (Fässer), Buchführung über Einfuhren (mehr eingelagert, als vereinbart), und nun Schritt für Schritt rekonstruiert werden muss, was noch dazu dort landete. Aber es ist noch überschaubar und der Schaden begrenzbar.

Die Endlagergeschichte für hochradioaktive Reste aus den großen AKW/KKWs, wird aber um Dimensionen größer, riskanter und teurer. Die Nicht- Rückholbarkeit ist eine eingeplante Schwachstelle, die sich so fatal auswirken könnte, wie die nicht entriegelbare Tür am Piloten- Cockpit.

Die größte Schwachstelle bleibt eben, dass Menschen irren, sich verplanen, Fehler nicht rechtzeitig eingestehen, sich ihrem Profit oder dem ihrer Firma verantwortlich fühlen, und manche auch kriminell und/oder absichtlich böse handeln. Die Asse hatte und hat von allem was.

Die Meisten, die trotzdem relativ unbeschadet aus allem auftauchen und schlicht mit ihren Karrieren weitermachen, sind Berufspolitiker und Beamte. Parteizuordnungen spielen übrigens keine Rolle mehr. Alle Altparteien beteiligten sich, durch Unterlassung oder Aktivitäten im Sinne der Vertuschung.

Beste Grüße

Christoph Leusch

iDog 23.04.2015 | 17:04

Auffällig ist vor allem, dass diese Problem immer nur auf nationalen Ebenen wenn überhaupt debattiert wird. Das ist absurd und nicht logisch, geschweige denn wissenschaftlich. Nukleare Kontamination macht ja nicht an Nationalgrenzen halt. Fukushima kontaminiert zB. die gesamte nördlich Hemisphäre und es ist kein Ende abzusehen. La Hague in der Bretagne versaut die französische , belgische, niederländische und die deutsche Küste seit 1966 durch permanenete Einleitung kontaminierter Wasser über das berüchtigte unterseeische Rohr. Stört keinen, man spricht nicht davon, man findet keine Lösungen, weil kein Problem bekannt ist - angeblich. Ich spar mir all die anderen Beispiele, sind ja bekannt. Auch Frankreich findet kein "Endlager, sondern "mietet" Lagerstätten an der frischen Luft in Russland, da wo Menschen sich nicht beschweren können und ungehört an den Folgen sterben dürfen. usw usf.

Wann hören wir endlich mit der falschen Debatte über Lagerstätten auf. Warum fragen wir uns nicht warum nicht ad hoc alle Energieunternehmen , die nukleare Anlagen betreiben verstaatlicht werden, inklusive aller jemals erzielten Gewinne aus der Atomwirtschaft? Klingt auch absurd, aber Regressforderungen und Verursacherprinziep scheinen ja hier das Therma zu sein. Wann fangen wir an uns zu fragen, wie es passieren konnte, dass eine Energiepolitik, die Atomenergie immer noch höher subventioniert ( siehe die geplanten EDF AKWs , die von Brüssel in der UK hoch subventioniert werden sollen) als jeder erneuerbaren Energie?

Man kann also sagen, dass wir immer, wenn wir das "Endlager" debattieren , vom Wesentlichen Problem abgelenkt werden (sollen ?) . Wir müssen konstatieren, dass das "Endlager" unsere Existenzgrundlage, die Umwelt ist und immer sein wird.

Um jeden weiteren Schaden so weit wie möglich reduzieren zu können , müsste die Vernunft uns diktieren , jede nur verfügbare dieser Katastrophe vinb Idee ursächlich zuzuordenende finanzielle Akkumulation, und sei diese noch so sehr in Privathand, zu reklamieren und für die nötigen Maßnahmen zu vergesellschaften - weltweit. Von einem absolut zu setzenden Stopp der Nuklearwirtschaft mal abgesehen. Investitionen in diese müssen gesetzlich verboten sein, genau wie der Besitz spaltbaren Materials ja eigentlich schon lange verboten ist.

iDog 23.04.2015 | 19:06

Atommüllexporte kann es nicht geben ... wie gesagt hieße das Weltraum. Ihr Kommentar ist also etwas einseitig, wenn man vom Spektrum meines Kommentars ausgeht.

Mit meiner Feststellung im ersten Satz desselben meine ich allerdings nicht den Export des Probleme, sondern eine internationale Lösungserörterung unter den Ländern, denen dieses Problem gemeinsam ist, die AKWs haben. Das ist etwas anderes, oder? .. und das war doch einigermaßen verständlich.

"Atommüllexport" klingt ähnlich unfreiwillig komisch wie "Regierungserklärung zur nuklearen Entsorgung". Wer wird wodurch entsorgt? Ich nehme an wir alle durch unsere abgrundtiefe Dummheit, die sich in diesem Fall in purer Uneinsischtigkeit ausdrückt. Kleinkinder sind dagegen Genies.

Columbus 24.04.2015 | 13:39

Bisher galt die Devise, verklappt, was lange, sehr lange, eigentlich Menschengedenken überfordernd lange gefährlich ist, an einer Stelle, die ihr nach eurem menschlichen Ermessen für sicher haltet.

Das ist die größte Illusion und sie verhindert, rational mit dem Müll umzugehen, der nun einmal existiert.

Offensichtlich ist auch, dass der Traum von einer effzienten und sicheren, internationalen Kontrolle und Verwaltung, z.B. durch die IAEO, nicht taugt und derzeit sehr unsicher ist, ob Europa in diesen Fragen noch die Kraft und den Willen aufbringt, mehr Integration durchzusetzen. Derzeit sind doch auf allen wichtigen Politikgebieten Renationalisierungen und bilaterale, bzw. multilaterale, Neben - und Doppelpolitiken modisch.

Die EU- Mitglieder könnten, wenn sie das wollten, eine europäische Atommüll- Lagerung aufbauen, Russland wäre ein wirklich sicherer Partner, wäre es Teil der EU.

Die Frage, wo der Müll befristet und gesichert gelagert werden kann, sollte, muss, ist weit weniger entscheidend, als die Entscheidung ihn nun, im Gegensatz zu den bisher geltenden Ansichten, für immer und ewig, sowie schlecht zugänglich unterzubringen, oberirdisch mit den jeweils besten Methoden zu sichern. Wenn das Russalnd kann und poltisch stabil bleibt, warum nicht, u. a., dort?

Beste Grüße

Christoph Leusch

Joachim Petrick 24.04.2015 | 13:50

"Aber es ist noch überschaubar und der Schaden begrenzbar.

Für die Menschen vor Ort klingt das wohl eher unerträglich in den Ohren, denke ich.

Atomarer Gilftmüll in noch so kleinen Mengen, Dosen radioaktiv strahlend wirkt im Fall des Erlebens gleichermaßen lebensunwirtlich

Die Endlagergeschichte für hochradioaktive Reste aus den großen AKW/KKWs, wird aber um Dimensionen größer, riskanter und teurer. Die Nicht- Rückholbarkeit ist eine eingeplante Schwachstelle, die sich so fatal auswirken könnte, wie die nicht entriegelbare Tür am Piloten- Cockpit."

Da haben Sie es wahrlich auf den Punkt gebracht. Danke!

bestes Tschüss
JP

Columbus 24.04.2015 | 14:28

Vor Ort wird ja versprochen, wann auch immer, das Bergwerk zu sanieren, das ursprünglich ebenfalls in der Schwachstellen- und Sackgassen- Philosophie angelegt wurde: Abkippen und vergessen.

Der Müll ist da und irgendwo werden Menschen das Risiko, das sie selbst mit eingingen, -vielleicht waren auch einige von Anfang an dagegen-, trotzdem mittragen müssen. Es geht anders derzeit nicht. Technisch wird man vielleicht in einigen Jahrzehnten in der Lage sein, radioaktive Elemente effektiv und ohne erneute Risiken zu wandeln).

Ich bin auch sicher, es werden noch einige andere Standorte für die Dauerlagerung, die nicht mehr Endlagerung genannt werden kann, hinzukommen.

Gutes Wochenende

Christoph Leusch