Felix Werdermann
08.06.2010 | 12:30 17

Das Netz erliegt dem Gauck-Fieber

Netzgeschichten Twitter-Bilder, Online-Petitionen, Werbebanner: Im Einklang mit den Massenmedien gibt sich die Netzgemeinde dem Gauck-Hype hin. Woher kommt diese plötzliche Faszination?

Selten marschiert die Netzgemeinde so im Einklang mit den Massenmedien, wie bei der Frage, wer neuer Bundespräsident werden soll. Nicht nur in der Presse – in einer großen Koalition von taz über Spiegel bis Bild –, auch im Internet ist Joachim Gauck auf dem Weg zum neuen Super-Star. Blogger und Twitter-Nutzer betreiben Wahlkampf für den Kandidaten der Opposition.

Auf der-gute-tweet.de/mygauck gibt es ein verpixeltes Gauck-Portrait zu sehen, zusammengesetzt aus vielen einzelnen Gesichtern. Das Mosaik besteht aus einer stetig steigenden Zahl von Twitter-Avataren – von Menschen, die einen Tweet mit #mygauck abgesendet haben. Aus ihren Twitter-Profilbildchen werden Gaucks Züge zusammengesetzt. Rund 1.500 Einzelfotos sind zu sehen, verrät der Programmierer Thomas Pfeiffer. Kommen neue hinzu, fliegen alte raus.

Wer nicht so gern twittert, aber ein Blog oder eine Webseite betreibt, kann seine Gauck-Unterstützung mit einer Idee von pottblog.de Ausdruck verleihen. Dort haben die Betreiber animierte Wahlwerbung eingebunden: In der rechten, oberen Ecke ist zunächst ein kleines Bild von Gauck zu sehen. Wenn man mit der Maus darüber fährt, wird es größer: „Ich unterstütze Joachim Gauck bei seiner Kandidatur zur Wahl des nächsten Bundespräsidenten!“ Solch prominente Werbeplätze waren in der Blogosphäre bislang Forderungen nach mehr Datenschutz und grenzenloser Netzfreiheit vorbehalten.

Für Gauck-Sympathisanten ohne eigene Webseite gibt es zudem den Klassiker: die Online-Unterschriftensammlung. Bei petitiononline.de kann man an die Bundestagsabgeordneten appellieren, für den ehemaligen Bürgerrechtler zu stimmen. Dazu gibt auch eigens eingerichtete Websites, etwa wir-fuer-gauck.de.

Woher kommt aber diese Aufmerksamkeit für die Bundespräsidenten-Wahl – eine Veranstaltung, die in der Vergangenheit höchstens Politologie-Studenten interessiert hat? Vielleicht ist es das Gerücht, Horst Köhler sei durch einen Blogger gestürzt worden, an dem sich einige berauschen. Vielleicht der kurzzeitige Schrecken, als „Zensursula“ von der Leyen für einen Tag als Nachfolgerin genannt wurde.

Dass nun aber mit solch einem Enthusiasmus für Gauck geworben wird, ist unverständlich. Die Argumente bleiben bei all den Netzspielereien ziemlich auf der Strecke. Während die Regierung ein Sparpaket mit extremen sozialen Einschnitten verabschiedet, gibt sich die Netzgemeinde lieber dem Personenkult hin.

Kommentare (17)

Onkel Wanja 08.06.2010 | 16:03

"Dass nun aber mit solch einem Enthusiasmus für Gauck geworben wird, ist unverständlich."

Ich finde das gar nicht unverständlich. In Ermangelung der Direktwahl des Bundespräsidenten, versuchen die Menschen diesmal ein Druckszenario gegen über der politischen Klasse aufzubauen, um einen Mann ins Amt zu verhelfen, der nicht aus dem politischen Sumpf von Schwarz/Gelb kommt, wohl aber diesem Sumpfe immer die richtigen "Menschenopfer" zuführte. Die Leute spüren, dieser Held der Stasiakten hat auch im "Sumpf" genug Freunde um eine echte Chance gegen das sonnengebräunte „Corega Tabs-Model“ aus Niedersachsen zu haben.

Gauck hat genug pastorales Sendungsbewusstsein und Charisma, um die Menschen für sich einzunehmen.
Dass er ohne seins Kumpels von der Atlantikbrücke und die Journaille in Kapitalhand keine Chance hätte, ist der Netzgemeinde wenn nicht bewusst, so doch egal.

Sicher hätte Gauck bei einer Direktwahl keine Chancen, denn in den Ostländern war er kein Held der Massen, die mögen dort keine Steigbügelhalter der neuen Macht, die man ihnen übergestülpte. Dass dabei eine Projektion ihres eigenen Lebens mit dem Staat DDR einherging, sie mit der von Gauck betriebenen Dämonisierung der DDR auch ihr eigenes Leben beschmutzt sahen, sei eher Herrn Gauck zu gute zu halten. Man darf aber auf der anderen Seite nicht übersehen, dass die ehemalige Bevölkerung der DDR zu gut ausgebildet und klar im Kopfe war, als dass sie in den Nachwendejahren nicht erkennen konnte: "Gott im Himmel, die Propaganda der SED gegen die bösen kapitalistischen Brüder im Westen, entbehrte nicht einer gewissen Grundlage“!
So sagt mein Schwiegervater einmal zu mir, ich hätte recht behalten, mit meiner Prophezeiung, sie die Osis würden mit dem Kapitalismus noch ihr blaues Wunder erleben.

So ist der Mann halt für viele nur ein Kompromisskandidat, für mich ja auch, ist er mir doch „lieber“ als das „politische Abziehbild“ aus Niedersachsen

Felix Werdermann 08.06.2010 | 17:36

"In Ermangelung der Direktwahl des Bundespräsidenten, versuchen die Menschen diesmal ein Druckszenario gegen über der politischen Klasse aufzubauen, um einen Mann ins Amt zu verhelfen, der nicht aus dem politischen Sumpf von Schwarz/Gelb kommt, wohl aber diesem Sumpfe immer die richtigen "Menschenopfer" zuführte."

Zunächst geht es bei der Pro-Gauck-Werbung nicht um die Direktwahl des Bundespräsidenten. Dann ist es auch nicht so, dass Gauck im Gegensatz zu Wulff nicht aus politischen Gründen aufgestellt worden wäre: www.freitag.de/politik/1022-blogentry-redirect-12538

Und, gerade wenn Gauck nur ein "Kompromisskandidat" ist, verstehe ich nicht, warum auf einmal alle sich so für ihn einsetzen. Vor allem, weil als Argument ja häufig das Merkel-Zitat angeführt wird (explizit zumindest bei wir-fuer-gauck.de und der animierten Werbeecke): "Weil wir immer wieder Debatten brauchen, weil wir uns immer wieder miteinander austauschen müssen, ist es so gut, dass wir Sie haben.“ Die Oppositionsparteien können Merkel und Co. damit sicherlich ärgern. Aber seit wann lässt sich die Netzgemeinde von so einem Politiker-Blabla überzeugen?

Onkel Wanja 08.06.2010 | 18:35

Jeder setzt sich ja gar nicht für Gauck ein, man kann seine politischen Feinde ja auch dort sehen und hinwünschen, wo sie sich selbst entzaubern.

Kann er den soviel schaden in diesem Amt anrichten? Ja und nein würde ich sagen.
Darum: Uns als Bürger kann er nicht schaden wie Merkel als Kanzlerin, er kann aber dieses Land in Richtung politische Reformen treiben -Ohne es wirklich zu wollen!

Und ist doch unser politisches und wirtschaftliches System genau das was all diese "Bürgerrechtler" wie er wollten. Ihr Traum von der Herrschaft des Bürgertums ging in Erfüllung. Mit dazu bekamen sie gut bezahlte Posten, jede Menge unverdientes Lob von Mietmäulern aller Art und Anerkennung für ihr armseliges Los in den Ritzen des DDR-Systems -wo sichs nebenbei auch gut leben ließ, als Pfaffe in Rostock, oder so.

Joachim Petrick 08.06.2010 | 19:00

Horst Köhler ist der Täufer Johannes, der uns durch seinen Eilschritt Rücktritt mit dem Bundespräsidenten Kandidaten Joachim Gauck endgültig in das Scheitern getauft, medial verliebt machen soll.
So wie das Neue Forum als Zentrum der Bürgerbewegung der letzten Tage der DDR, sang- und klanglos untergegangen, gescheitert ist.
Joachim Gauck wird, willentlich, wie unwillentlich, von Rotgrün im Bunde mit einem beachtlichen Teil der Medien spekulativ wie spektakulär als „Trojaner“ für einen Angriff auf unser Grundgesetz per Test instrumentalisiert, ob die Vierte Säule der Macht unserer Gesellschaft, die Medien, den Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten einer anderen, der Partei Koalitions- Säule der Macht, Christian Wulff, unwählbar wirkungslos machen können.

tschüss
JP

Joachim Petrick 09.06.2010 | 03:21

stimmt! Gauck erzählt etwas von Freiheit..

Gauck ist mir durchaus nicht unsympathisch.

Gauck erzählt im pastoralen Stil und habitus von Freiheit als einem Land der Seligen, als stiatschem Modell, als wolle diese Freiheit nicht privat wie gesellschaftlich täglich neu errungen sein, um diese zu spüren.

Die Freiheit im Westen wie im Osten war 1955 eine andere als 1968, 1977, 1982, 1989 u. u.

Dabei geht mir zusehr unter, dass das Leben im Westen im Ringen um politische wie zivilrechtliche Freiheit von der heranwachsenden Generation ebenso im Hübe wie Drüben gegen erheblich, gar ostqwestlich verbunden vernetzte Widerstände, ausfindig gemacht sein wollte.

Davon erzählt mir Gauck zu wenig.

tschüss
JP

siehe dazu:

www.freitag.de/community/blogs/joachim-petrick/droht-schwarzgelbem-regierungsmeiler-ein--wahrer-gauck

08.06.2010 | 18:52
Droht Schwarzgelbem Regierungsmeiler ein wahrer GAU(CK)?
Droht Schwarzgelbem Regierungsmeiler ein wahrer GAU(CK)?
Alarm!,
„wg. Politischer Personality „PP“ Brennstoffelemente Klemme?“
Noch auf der Leibziger Buchmesse im Frühjahr 2010 hat Joachim Gauck, gerade siebzig Jahre alt geworden, gefragt, wie angesagt, augenzwinkernd launig geunkt:
“Wenn jetzt die Siebzigjährigen für hohe Ämter im Staat und Gesellschaft reaktiviert würden, wäre das ein Armutszeugnis für unser Gemeinwesen“.
Inzwischen liegt das Armutszeugnis unseres Gemeinwesens schwarz auf weiß in Form eines überstürzten Rückrittbescheids Horst Köhlers vom Amt des Bundespräsidenten zur allgemein verwundernden Besichtigung vor.

Onkel Wanja 09.06.2010 | 15:09

Eben das was alle Seilschaften in einer offenen Gesellschaft betreiben: Aufbauen von informellen Kanälen, Protektion seiner Mitglieder, Aushöhlung der gesellschaftlich kontrollierten Institutionen bzw. die Herstellung von Entscheidungen, bevor sie dort getroffen werden können.
Dass heranziehen junger "Talente" innerhalb der Politikergilde -Korrumpierung eingeschlossen.

Kurz: Sie helfen dabei, wirtschaftliche und finanzielle Macht in politische Macht zu gießen. Sie halfen und helfen dabei, die Demokratie umzutransfomieren.
Sie tragen dazu bei, den Abstand zwischen Verfassung und Verfassungswirklichkeit beständig zu vergrößern,
sie unterminieren unsere Demokratie.

Die Atlantikbrücke ist eine Organisation, die von beiden Seiten des A. dazu geschaffen wurde, die BRD auf außenpolitischen Kurs zu halten, sie besteht aus Mitgliedern des, Militär, Kapital und der Funktionselite. Sie sind wie Logen organisiert und hinter ihnen stehen die Geheimdienste in staatlicher und privater Hand. Sie sorgen dafür das alles so bleibt wie es ist, egal wie gewählt wird!

de.wikipedia.org/wiki/Atlantikbr%C3%BCcke

koslowski 10.06.2010 | 00:46

Einfach nicht mehr hinhören und zuschauen, lieber General. Mir geht es mit Gauck übrigens genau anders: endlich mal einer, der die Rhetorik der politischen Klasse vermeidet, desen Plädoyer für die Freiheit durch sein Leben beglaubigt wird und der der deutschen Tradition der Anpassung an die herrschende Staatsform nicht gefolgt ist.