Felix Werdermann
22.05.2014 | 12:44 10

Der APO-Abgeordnete

Porträt Hubertus Zdebel ist Umweltpolitiker in der Linksfraktion. Er trifft sich nicht mit Wirtschaftslobbyisten, dafür glaubt er an die Kraft der außerparlamentarischen Bewegung

Der APO-Abgeordnete

Bild: Hubertus Zdebel

Es gibt nur wenige Menschen, die sich freiwillig in überfüllte Zugwaggons setzen. Hubertus Zdebel ist einer von ihnen. „Ich wurde schonmal von einer Schaffnerin aufgefordert, mich in den Wagen der ersten Klasse zu begeben“, erzählt er. Als Bundestagsabgeordneter besitzt er nämlich automatisch eine Netzkarte der Bahn, kann kostenlos durch Deutschland fahren, auch in der ersten Klasse. „Aber ich will wissen, was die normalen Menschen denken, worüber sie reden.“ Darum fährt er zweite Klasse.

Zdebel, graue Haare, Pferdeschwanz, sitzt für die Linkspartei im Bundestag. Seit September pendelt er zwischen Berlin und Münster, seiner Heimat. In der Hauptstadt wohnt er im Hotel, er hat noch nicht die richtige Wohnung gefunden. Auch auf seiner Internetseite sind bislang lediglich seine Kontaktdaten zu sehen, während andere Politiker schon Positionspapiere, aktuelle Berichte und Videos veröffentlichen. Immerhin: Für sein Bundestagsbüro hat Zdebel seine Mitarbeiter zusammen, auch sein zweites Wahlkreisbüro in Gelsenkirchen wurde vor wenigen Wochen eröffnet.

"Was soll ich mit denen besprechen?"

Der 59-Jährige ist eben kein Politiker wie jeder andere. Treffen mit Wirtschaftslobbyisten interessieren ihn nicht, die Einladungen schlägt der Umweltpolitiker regelmäßig aus. „Ich könnte jeden Abend irgendwo hingehen. Aber was soll ich mit denen besprechen?“

Stattdessen trifft er sich mit Aktivisten, er glaubt an die Kraft der außerparlamentarischen Bewegung. „Wenn auf der Straße nichts passiert, wehen im Bundestag nur die Gardinen“, sagt Zdebel. Er nimmt auch selber an Protesten teil: Ostermarsch, 1. Mai, Energiewende-Demo, Blockupy.

Zdebel gehört zum linken Flügel seiner Partei. Er ist Unterstützer des Netzwerks „Marx21“ und arbeitet auch mit der gewerkschaftsnahen Strömung „Sozialistischen Linken“ sowie mit der „Antikapitalistischen Linken“ zusammen. Nordrhein-Westfalen gilt innerhalb der Partei als linker Landesverband, Münster als linker Kreisverband.

Die Grünen-Vergangenheit

Früher war Zdebel bei den Grünen, zählte dort auch zum linken Flügel. Als Rot-Grün an die Regierung kam, arbeitete er als Mitarbeiter für den Bundestagsabgeordneten Christian Simmert, der zu den vier Grünen gehörte, die gegen den Kosovo-Krieg stimmten. Nach vier Jahren wendete der sich resigniert von der Politik ab und Zdebel ging zu Rüdiger Sagel, der für die Grünen im Düsseldorfer Landtag saß. Als sich dann im Jahr 2007 die Linkspartei gründete, wechselten Zdebel und Sagel gemeinsam die Partei.

Zu einigen Grünen hat Zdebel immer noch Kontakt, große Hoffnungen setzt er aber nicht in den linken Flügel seiner ehemalige Partei. „Christian Ströbele ist doch längst nur noch ein Feigenblatt.“

Ungeliebte Umweltpolitik

Das Interesse für die Umweltpolitik hat Zdebel behalten. In der Linksfraktion ist das – anders als bei den Grünen – kein besonders prestigeträchtiges Thema. Bei den Linken reißt sich kaum jemand um einen Sitz im Umweltausschuss.

In dieser Legislatur sitzen sie dort zu viert: Eva Bulling-Schröter ist schon seit vielen Jahren dabei, sie ist die Sprecherin für Energie- und Klimapolitik. Ralph Lenkert hat auch schon vier Jahre im Umweltausschuss hinter sich, er ist nun zuständig für Ressourcenschutz und Energienetze. Heidrun Bluhm kümmert sich um Bau- und Wohnungspolitik, war in der vergangenen Legislatur im Bauausschuss, doch nun ist der Umweltausschuss zuständig.

Und dann ist da Hubertus Zdebel, der sich mit Atompolitik, Natur- und Tierschutz befasst. Er ist zudem Mitglied der parteiübergreifenden Atommüll-Kommission, die über die Endlagersuche diskutieren soll. Am heutigen Donnerstag ist die erste Sitzung.

Aktuelles im Münsterland

Seine Themen passen zu seinem Wahlkreis. Im westfälischen Ahaus steht ein Atommüll-Zwischenlager, in Gronau die bundesweit einzige Urananreicherungsanlage. Zdebel hat dazu direkt eine Anfrage an die Regierung gestellt – und die Atomkraftgegner im Münsterland sind froh, dass sie einen Ansprechpartner haben, der sich in Berlin für ihre Forderungen nach Abschaltung der Anlage stark macht.

Auch die umstrittene Gasfördermethode „Fracking“ fällt in Zdebels Themenbereich. Im Münsterland ist das aktuell: An einigen Orten wollen Konzerne wie ExxonMobil die Technologie ausprobieren, Bürgerinitiativen fürchten die Verseuchung des Trinkwassers.

Wenn Zdebel in Berlin etwas unternimmt, bespricht er das mit dem gesamten Büro. Er war lange genug selbst Mitarbeiter, nun will er als Chef eine Art Demokratie leben. „Die Meinungen und Erfahrungen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fließen in alle Entscheidungsprozesse ein.“

Aber in welchem Zugwaggon er fährt, das entscheidet er immer noch selber.

Kommentare (10)

namreH 23.05.2014 | 00:05

Bei Negri sollte man es sich nicht zu leicht machen. Ich habe mich durch das Buch „Empire“, das er gemeinsam mit Hardt geschrieben hat, durchgequält. Überzeugt haben mich damals zwei Dinge: 1. Seine Schilderung des kapitalistischen Empires, das in der Lage ist mit den modernen Kommunikationsmitteln im weitesten Sinne kritische Bewegungen sich einzuverleiben und damit für des System unschädlich zu machen. 2. Der konsequente Abschied von der Hoffnung auf die revolutionäre Kraft des Proletariats. Bekannt ist sein Begriff der „Multitude“, die für ihn an die Stelle des Proletariatstritt.

Ich schreibe das hier nur, um nicht ganz unter den Tisch fallen zu lassen, dass DIE LINKE sich immerhin gebildet hat, weil mit einer SPD kein „sozialistischer Staat“ in seiner wirklichen Bedeutung zu machen war.

Das fand ich im Internet zu Negri:

Negri gehört zu den leider seltenen linken Denkern, die unanfällig für Nostalgie sind. Er erinnert mit Verve und ohne Bedauern an die Revolte der sechziger Jahre, enthusiastisch wird er aber, wenn er die Gegenwart auf Potenziale für eine künftige Befreiung befragt. Dem Realsozialismus weint Negri daher keine Träne nach. Die sowjetische Realität hatte ihn schon in den frühen sechziger Jahren verstört, sagte er kürzlich dem Corriere della Sera. Negri hatte die UdSSR mit einer Delegation der italienischen Sozialisten besucht und schockiert auf Diktatur und bürokratische Gesellschaft reagiert. Zurück in Italien habe er mit der offiziellen Arbeiterbewegung gebrochen und sich der Neuen Linken angeschlossen. Scelsi erzählt er, wie er 1989 tief bewegt mit Claus Offe auf den Fall der Mauer anstieß. Das „Goodbye“ des Buchtitels gilt dem Realsozialismus ebenso wie der Sozialdemokratie. Beide weisen keinen Weg in eine postkapitalistische Zukunft, sondern verbauen ihn vielmehr. Der Sozialismus repräsentiert für Negri eine Variante kapitalistischen Managements.

Siehe unter http://www.getidan.de/kritik/steffen_vogel/17546/goodbye-mr-socialism

ebertus 23.05.2014 | 07:53

Mache mir das mit Negri nicht zu leicht, habe "Empire" bislang lediglich in Auszügen bzw. Besprechungen gelesen und die Frage ist schon, ob es bei Hardt&Negri dann auf Resignation hinaus läuft.

Nur steht Negri in meinem Verständnis für die hier basales Blogthema seiende Außerinstitutionelle Linke, macht in dem von mir genannten Buch deutlich, dass Parteien, gerade sog. linke Parteien in der aufziehenden Postdemokratie im Grunde lediglich als Marionetten für "Die Herren der Welt" (Chomsky) Demokratie spielen dürfen.

Die Multitude als dezentralisierte Bewegung und ohne konkrete Strukturen, gar Hierarchien kann nur funktionieren, soweit ihr die modernen Kommunikationsmittel nicht entzogen bzw. verweigert, sie eingehegt und komplett überwacht werden.

ch.paffen 23.05.2014 | 10:18

danke für´s porträt * ach herr werdemann, augen auf bei der auswahl der überschrift * die APO (Außerparlamentarische Opposition – Wikipedia) ist außerparlamentarisch nicht im parlament (bundestag) * ein mdb ist mitglied im bundestag (parlament) also nicht außerparlamentarisch * sie mögen die überschrift für die steilste erfindung des tages halten, ich als leser krieg da irgendwie schnappatmung wegen ist sachlich voll falsch * hz ist zu jung für apo + die 68 * seine begeisterung für aktiv gelebte demokratie (außerpalamentarische, also mehr die gesamtgesellschaftliche (no mdb - nicht nur er, sondern auch die menschen um ihn rum) aktiv gelebte) würde ich eher dem sds (Sozialistischer Deutscher Studentenbund – Wikipedia) als der apo zuordnen * wobei der sds so etwas wie der kern der apo war * feinsten resttag noch cp