Felix Werdermann
Ausgabe 2813 | 25.07.2013 | 06:00 5

Der dritte Weg

Ökologie In dem Buch „Rotes Grün“ plädiert Hans Thie für mehr Kapitalismuskritik in der Ökoszene und mehr Umweltbewusstsein in der Linken

Der dritte Weg

Was haben Wikipedia, Carsharing und das Erneuerbare-Energien-Gesetz gemeinsam? Es sind Projekte von heute für eine Wirtschaft von morgen. In einer Welt mit endlichen Ressourcen müssen sich Ökonomie und Ökologie versöhnen – das ist inzwischen im politischen Mainstream angekommen. Streit gibt es hingegen über die Frage, wie das konkret aussehen soll.

In der Regel stehen sich zwei Lager gegenüber: Die einen wollen die Marktwirtschaft begrünen, setzen auf technische Lösungen und politische Vorgaben. Die anderen sehen die Ursache der Umweltzerstörung im Kapitalismus, hoffen auf ein anderes Wirtschaftssystem und darauf, dass dann alles besser wird. Die Ökologie gilt als „Nebenwiderspruch“, auch wenn dieser Begriff kaum noch verwendet wird. Aber es gibt einen erfrischenden dritten Weg, der die ökologische Herausforderung ernst nimmt und gerade deswegen das herrschende Wirtschaftssystem und seine Ideologie infrage stellt.

Vom Wunschdenken geprägt

Hans Thie versucht diesen Weg aufzuzeigen. Sein neues Buch Rotes Grün ist ein Plädoyer für mehr ökologisches Bewusstsein in der Linken oder auch für mehr Kapitalismuskritik in der Umweltbewegung. Thie, wirtschaftspolitischer Referent der Linksfraktion im Bundestag, vertritt in dem Buch die zentrale These: Grün und Rot gehen nur zusammen. Gerecht kann nur eine nachhaltige Wirtschaft sein – und die ökologische Transformation ist nur dann zu schaffen, wenn auf Kooperation statt Wettbewerb gesetzt wird, auf Gleichheit statt Ungleichheit, auf Planung statt Markt.

Nun ist diese These nicht besonders neu, und sie war schon immer stärker vom Wunschdenken geprägt als von einem tatsächlichen inneren Zusammenhang von Ökologie und Sozialem. Auch Hans Thie baut auf ein paar fragwürdige, unausgesprochene Annahmen. Wenn er etwa diskutiert, wie die endlichen Ressourcen unter den Menschen aufgeteilt werden sollten (er kommt zu dem Ergebnis: nach dem Prinzip der Gleichheit), geht er davon aus, dass „nicht Pragmatismus das Grundsätzliche vernebelt“ und dass „Faustrecht, der Krieg um Ressourcen, vermieden werden soll“.

Ohnehin glaubt Thie, dass solche Kriegsszenarien unrealistisch sind. Die Weltökologie erfordere – anders als etwa das Atomwaffenproblem – von den Nationen „nicht widerwillige Kooperation durch die angedrohte Vergeltung, sondern tatsächliche Zusammenarbeit im eigenen Interesse“.

Werden diese Annahmen infrage gestellt, beginnt die These der gegenseitigen Bedingung von Rot und Grün zu wackeln. Die Stärke des Buchs liegt im Grundsätzlichen. Es entwirft ein Modell der zukünftigen Wirtschaftsordnung, begründet die handlungsleitenden Grundprinzipien Kooperation, Gleichheit und Planung, befasst sich also mit dem großen Ganzen. Gleichzeitig wird die ökonomische Argumentation heruntergebrochen auf Beispiele wie, genau: Wikipedia, Carsharing oder das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Vor allem aber bleibt die Argumentation differenziert. Rotes Grün ist weder eine Kampfschrift für mehr Staat noch für mehr Markt.

Wenn etwa von „Planung“ gesprochen wird, dann ist damit nicht die vollkommene Abwesenheit von Märkten gemeint, sondern die „Ausdehnung und Systematisierung der ohnehin stets stattfindenden Planungsprozesse“. Märkte sind ohne politische Rahmenbedingungen überhaupt nicht vorstellbar, es gibt immer Strukturpolitik. Die deutsche Autoindustrie braucht beispielsweise das Autobahnnetz.

Private Unternehmen werden von Thie nüchtern gesehen. Sie können einige Aufgaben erfüllen, andere nicht. „Die Privatwirtschaft kann singuläre Öko-Effizienz hervorbringen, aber keine systematische: verbrauchsarme Autos, aber keine effizienten Verkehrssysteme; Öko-Häuser, aber keine ökologisch sinnvollen Siedlungsstrukturen; effiziente Heizungen und Elektrogeräte, aber keine nachhaltigen Energiesysteme; Bio-Lebensmittel, aber keine Bio-Agrarsysteme.“ Trotzdem will Thie keinen grünen Kapitalismus. Er sieht durchaus ökologisches Veränderungspotenzial im derzeitigen Wirtschaftssystem, glaubt aber nicht an „die gesamte bisherige von Konkurrenz, Expansion und Naturausbeutung geprägte Produktionsweise als durchgehend ökologische Veranstaltung“.

Rettungsboote für alle?

Durch den Zwang zum Wachstum läuft die Wirtschaft stets Gefahr, die natürlichen Grundlagen übermäßig zu nutzen und somit zu zerstören. „Die Wirtschaft braucht nicht nur einen grünen Rahmen, sondern auch eine innere Verfassung, die ökologisches Handeln ermöglicht und belohnt.“

Der Kern der Kritik zielt somit auf das Wirtschaftswachstum – eine Kritik, die mit der Enquete-Kommission des Bundestags immerhin, aber leider auch nur rhetorisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Dabei ist Wirtschaftswachstum nicht per se schlecht, es kann aber auch „unökonomisches Wachstum“ geben, bei dem die heute nicht eingerechneten ökologischen Kosten höher sind als der Nutzen. Das eigentliche Problem – das macht die Lektüre deutlich, auch wenn es leider nicht explizit gesagt wird – ist nicht das Wachstum, sondern der Wachstumszwang.

Vermutlich steige ja auch bei einem ökologischen Umbau der Wirtschaft das Bruttoinlandsprodukt, schließlich müssten effizientere und damit in der Regel auch teurere Geräte eingesetzt werden. Der gleiche Effekt ergibt sich, wenn die knapp werdenden Ressourcen immer teurer werden. Thie hat das auch erkannt: „Die gerechnete Wirtschaftsleistung steigt weiter, aber der Lebensstandard stagniert oder sinkt.“

Die Wachstumszwangskritik richtet sich sowohl gegen die Apologeten der Marktwirtschaft als auch gegen die klassische (Gewerkschafts-)Linke, die auf dem ökologischen Auge blind ist. Die Kritik an der Linken hat Thie in ein vermeintlich harmloses Bild gefasst: „Man ist dabei auf der dampfenden Titanic und bildet dort die Vereinigung kritischer Passagiere. Weniger Kronleuchter und bessere Mannschaftsdecks! Rettungsboote für alle! Beobachtungsposten rund um die Uhr doppelt besetzen! Das sind die Forderungen. (…) Aber niemand aus der Sprecherriege der kritischen Passagiere spricht aus, was heute auch zu sagen wäre: Wir sind auf dem falschen Dampfer!“

Rotes Grün: Pioniere und Prinzipien einer ökologischen Gesellschaft Hans Thie VSA 2013, 173 S., 16,80 €

Das Buch kann auf der Seite der Rosa-Luxemburg-Stiftung kostenlos im pdf-Format heruntergeladen werden.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 28/13.

Kommentare (5)

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Ehemaliger Nutzer 25.07.2013 | 13:58

Ach ja, die Zukunftsgucker. Würden sie doch wenigstens ihre Gedanken beim Schreiben ordnen und dann das ganze Buch nochmals schreiben. Dadurch bekäme man dann eine Broschüre, mit den wichtigsten Gedanken.

Ein Wachstumszwang besteht ja nicht grundsätzlich. Er wird durch die im Westen überbordenden Ansprüche einer fürstlich-feudal lebenden Oberschicht und seiner vielen Diener erzeugt, die auch gut versorgt sein wollen.

Bevor die Menschen sich unmäßig und ungebremst vermehrten, lebten in Europa auch nur ein verleichsweise kleines Häuflein von ihnen, so, wie auch in Asien. Und zwar, ohne das wir ausgestorben sind. Das genaue Gegenteil trat ja ein. Der Wachstumszwang scheint eher in der Vermehrung der Menschen begründet zu liegen. Das zieht dann eine Ausweitung der technischen Produktion nach sich.

Bremste man den Zuwachs an Menschen und reduzierte gleichzeitig die überbordenden Ansprüche der Oberschicht und ihrer Diener, wäre auch schon was erreicht. In China versucht man das, wohl mit geringem Erfolg. In Europa hingegen herrscht die Irrationalität schlechthin. Dauernd werden hier Schreckensnachrichten verbreitet, wir würden aussterben.

Eine bessere und andere Technik, die keine Abfälle kennt, und die auch dadurch eine bessere Nutzung der Stoffe ermöglicht, löste sicher auch einige Probleme. Vorschläge dazu gibt es, die aber weder von den Parteien noch von den Gewerkschaften aufgegriffen werden. Vereinzelt stellen Unternehmer ihre Produktion und ihre Produkte nach dem von dem Ingenieur und Chemiker Michael Braungart vorgestellten Cradle to Cradle Konzept um. Einen richtigen Durchbruch dieses Konzepts gibt es wohl noch nicht. Es gibt ja auch zu wenig Unterstützer. So, wie schon seit Jahrzehnten.

dietz 26.07.2013 | 09:34

Keine dritter Weg – der einzige Weg

Hans Thies Entwurf zwingt zum Innehalten. Er liest allen die Leviten, Konservativen, Liberalen, Marxisten, Grünen. Das wäre der Rede wert, aber nicht des eigenen Stockens bei der Suche nach Alternativen. Sein Entwurf zwingt und drängt dazu, die eigene persönliche, parteiliche, traditionelle, durchaus poitive Haltung zu überdenken, die man als ökobewusster Bürger doch zur Frage der Überlebensfähigkeit der Menschheit einnehmen sollte.

Klar ist: es geht um Grundsätzliches, Reparaturen – geschweige denn ein "weiter so" reichen nicht mehr, grundsätzliche Alternativen bleiben Utopien, wie sie Thie auch sehr anschaulich und wortgewaltig-überzeugtend darstellen kann.

Was konkret bleibt, ist dagegen immer sehr dünn, sehr unklar oder allgemein – da hilft das Buch auch nicht viel weiter.

Aber es bietet einen Anfang und aller Anfang ist immer Theorie, Wissen und Bewusstheit. Thie fordert und entwickelt, wie Gesellschaftstheorie, ökonomische und politische Theorie anfangen muss entgegen bisherigen Ansätzen, dass die Grundbedingung für humane Existenz, nämlich ihre natürliche, ökologische Begrenztheit und Verfassung Voraussetzung jeder weiteren Überlegung werden muss.

Selbstverständlich steht er mit dieser Forderung nicht allein und als Erster da. Aber er versteht es, die vorhandenen Ansätze, die dieser Denknotwendigkeit bzw. Denkumkehr gerecht werden, vorzustellen. Und das in einer Länge – besser Kürze – die man als Ganzes und sofort verdauen kann. Das Buch könnte in diesem Sinn als Kompendium, als Wörterbuch und 'Bibel' fungieren.

Der stringente Aufbau der Abhandlung von den Voraussetzungen über die Schlussfolgerungen und Notwendigkeiten bis hin zur Integration bemerkenswerter praktischer Ansätze unterstützt diese Funktion eines Leitfadens. Die klar dargelegte Logik verdeckt allerdings auch, dass die Welt nicht nach Logik funktioniert – auch wenn sie das um des eigenen Überlebens willen tun müsste.

Hier kann Hans Thie auch nur hoffen und appellieren trotz aller geschilderten positiven Anfänge. Am überzeugendsten wird sein Appell, wenn er ihn an die Wissenschaft richtet, die ja nach eigenem Anspruch logisch aufgebaut sein will. Zu allererst und konkret spricht er die Ökonomie an, deren Voraussetzungen und Maße das tödliche Wachstum rechtfertigen und der Politk die falschen Argumente liefern.

Für jeden politischen Menschen liefert das Buch daher die überzeugenden Grundlagen für das mögliche Überleben und eine humane Perspektive.

Allerdings: wenn diese Möglichkeit nicht Raum gewinnt und eine Umkehr nicht gelingt – was weniger optimistische Gutmenschen real befürchten müssen – was dann? Was bleibt als Grundlage politischer Handlungsfähigkeit, um den Untergang zu 'gestalten', wenn er nicht noch zu stoppen wäre. Ein Ende mit Schrecken, wenn die Hände in den Schoß gelegt werden, oder ein geplanter, wenn auch unvermeidlichr Rückzug in eine bedürftige, aber immer noch humane Umwelt? Eine negative Utopie entwirft HansThie nicht. Angesichts der realen Machtverhältnisse und Strukturen eine Leerstelle.

Nun wäre eine 'negative Utopie' das Letzte, was Visionäre, Politik und Medien entwerfen und verbreiten sollten. Entmutigung verschärft das Desaster noch vor dem Erreichen der Talsohle. Das Wort von der 'Exit-Strategie' – auch wenn es an vollständig gescheiterte 'Missionen' wie Irak und Afghanistan erinnert – passt da schon besser. Die Frage zur Exit-Strategie lautet: "Wenn wir die Niederlage eingestehen müssen – wie kommen wir mit Anstand raus aus der Katastrophe?"

Passt man sie auf den Fall der Menschheitskatastrophe "globaler Kapitalismus" an, müsste man formulieren: "Kapitalismus als selbstgesteuerte gesellschaftliche Dynamik führt in den Rette-sich-wer- kann-Untergang – wie stellen wir einen humanen Übergang in die Rettungsboote her?"

Hans Thies Vergleich mit den Maßnahmen, die Besatzung und Passagiere auf der untergehenden Titanik herstellen endet mit der richtigen Antwort, dass ein anderes Schiff nötig wäre. Wenn dieses Schiff aber noch nicht einmal in Sicht ist, kann man die Passagieren kaum überreden, ins kalte Wasser zu springen.

Heinz Lambarth 28.07.2013 | 14:30

@AQUA-JEDI

...soviel blödsinn auf ein mal! Vielleicht lesen Sie erstmal das fragliche buch von herrn Thie, und wenn Sie dann schonmal beim lesen sind, könnten Sie auch noch Ihre antiquierten demographischen ansichten auf den neusten stand bringen, z:B. indem Sie das buch "Weltbevölkerung. Zu viele, zu wenige, schlecht verteilt?" (Pro-Media, 2011) lesen...

lebowski 28.07.2013 | 18:57

"Das genaue Gegenteil trat ja ein. Der Wachstumszwang scheint eher in der Vermehrung der Menschen begründet zu liegen. Das zieht dann eine Ausweitung der technischen Produktion nach sich."

Ja, aber irgendwas muss schiefgelaufen sein, wenn die produktiven Potenzen, die der Kapitalismus ja durchaus hervorbringt, überhaupt nicht dafür eingesetzt werden, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen, sondern hauptsächlich um einen kleinen Teil dieser Bevölkerung konsumistisch zu beglücken.

Es wächst nicht Zahl der Wohnungen, die sich jeder leisten kann, sondern die Zahl der Luxusapartments fürs Geldgesindel.