Felix Werdermann
28.06.2011 | 11:35 5

Der Zorn der Community

Kernenergie Rainer Moormann hat als Atomforscher Risiken publik gemacht und das an seiner Arbeitsstelle zu spüren bekommen. Nun zeichnet ihn die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler aus

Er hat Träume kaputt gemacht. Träume, der deutsche Kugelhaufen-Reaktor könne in alle Welt exportiert werden. Auf 51 Seiten hat Rainer Moormann die Schwachstellen dieser Technologie beschrieben, das ist gerade mal drei Jahre her. Es war nicht so, dass es bis dato keine Kritik gegeben hätte. Doch Moormann ist nicht irgendwer. Seit nunmehr 35 Jahren arbeitet der Chemiker im Forschungszentrum Jülich, war dort für Sicherheitsfragen zuständig. Doch nachdem er 2008 den Bericht veröffentlicht hatte, wurde er versetzt.

Anscheinend haben ihm viele seiner Kollegen nie verziehen, dass er die in Deutschland entwickelte Reaktortechnik nicht in den Himmel lobte sondern statt dessen auf deren Probleme aufmerksam machte und ihr damit bis heute alle kommerziellen Chancen vermasselte. „Meine Leute wurden mir weggenommen, ich saß alleine im Büro, wurde zu keinen Besprechungen mehr eingeladen“, sagt der Wissenschaftler heute. Dienstreisen seien ihm verweigert worden, dann habe es Probleme mit der Abrechnung von Reisekosten gegeben. Den Zorn, die Wut der Atomforscher-Community – all das bekam er zu spüren. „Ich habe dreimal schriftlich, dass ich verrückt bin.“

Offiziell wird die Geschichte ganz anders erzählt. „Die von Dr. Moormann dargestellten Fakten werden – nach Einschätzung des Forschungszentrums – in der Fachwelt nicht in Frage gestellt“, teilt das Institut in Jülich mit. „Wissenschaftlich kontrovers“ würden aber die Schlussfolgerungen diskutiert. Mit anderen Worten: Fehler in der Studie hat man nicht gefunden, den Glauben an die sichere Kugelhaufen-Technologie möchte man aber nicht aufgeben.

Weltweit den Todesstoß versetzt

Im Unterschied zu anderen Reaktoren werden dabei tennisballgroße Kugeln als Brennelemente verwendet, das soll den Prozess der Kernspaltung „inhärent sicher“ machen. So jedenfalls wird die Technik oft beworben. In Jülich wurde von 1967 bis 1988 ein Versuchsreaktor betrieben, wissenschaftlich vom Forschungszentrum begleitet, auch in Hamm stand ein Prototyp. Nach zahlreichen Störfällen war die Technik tot – zumindest in Deutschland. Weitgehend unbemerkt wurde der Export in Länder wie Südafrika, China oder USA geplant, bislang erfolglos.

Moormann habe der Reaktorlinie „weltweit den Todesstoß versetzt“, glaubt Horst Blume von der Bürgerinitiative Umweltschutz in Hamm. Wie Moormann beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Kugelhaufen-Reaktor. Blume ging auf die Straße, Moormann zur Arbeit. Mittlerweile kennen sich die beiden, duzen sich, sind fast schon Freunde.

Moormann arbeitet inzwischen zu „europäischen Spallationsquellen“, eine alternative Methode, um freie Neutronen für Forschungs- oder Anwendungszwecke zu erzeugen. Er konnte in dem Bereich aber nie Fuß fassen, wie er sagt. 2013 will er mit 63 Jahren in Rente gehen. Zu verlieren hat er nichts mehr, aber zu gewinnen: Am Freitag erhält er den „Whistleblowerpreis“, der von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler und weiteren Organisationen alle zwei Jahre verliehen wird. Dann steht Moormann im Rampenlicht, denn der zweite Preisträger ist anonym: der unbekannte Wikileaks-Hinweisgeber.

In der Begründung der Jury heißt es, Moormann habe „aufgedeckt“, dass der Jülicher Versuchsreaktor „jahrelang unzureichend gegen überhöhte Betriebstemperaturen im Reaktorkern gesichert war“. Damit habe der Forscher „maßgeblich dazu beigetragen, dass das mit Kugelhaufen-Reaktoren verbundene Risikopotenzial in einem neuen Licht erscheint.“ Preisverdächtig wurde Moormann aber erst durch die Inkaufnahme persönlicher Nachteile. Die Organisatoren des Whistleblower-Preises schreiben, am Forschungszentrum habe das „ungeschriebene Gesetz“ gegolten, „dass keine Negativmeldungen über die Reaktorsicherheit ‚nach draußen‘ gelangen sollten“.

Eine Selbstverständlichkeit

Das sieht man in Jülich natürlich anders: Die Forschungsergebnisse seien „mit ausdrücklicher Unterstützung des Forschungszentrums publiziert“ worden, berufliche Nachteile seien dadurch nicht entstanden. Auch Moormann bestätigt, dass der Vorstand erlaubt habe, den Bericht zu veröffentlichen – allerdings nur „zähneknirschend“, sagt der Forscher. Ein Jahr lang habe er für die Veröffentlichung streiten müssen, immer wieder wurde ihm vorgeschlagen, den Bericht umzuschreiben, Formulierungen zu entschärfen. Kleinigkeiten habe er geändert, bei der inhaltlichen Kernaussage sei er aber stur geblieben.

Vorher hatte Moormann noch mit sich selbst gerungen. „Das war kein ganz einfacher Prozess“, sagt er. Schließlich habe das auch die Beziehungen zu Kollegen auf die Probe gestellt, die entweder „Unsinn geglaubt“ oder „andere getäuscht“ hätten.

Doch die Hoffnung auf das Gute in der Wissenschaftler-Seele hatte Moormann damals noch nicht verloren. Dass er sich mit dem Bericht zum unbeliebten Außenseiter machen würde, hätte er sich nicht träumen lassen. „Damals hatte ich noch die feste Überzeugung, dass es eine Selbstverständlichkeit wäre, Sicherheitsbedenken zu benennen und offenzulegen.“ Wie man es von verantwortungsvollen Wissenschaftlern – insbesondere im Hochrisikobereich – erwarten sollte.

Doch dann wurde Moormann schlauer, lernte nach über 30 Jahren Berufserfahrung eine Lektion des Atomwissenschaftsbetriebs. Hinter vorgehaltener Hand hätten ihm zwar einige Kollegen zugestimmt. Die meisten waren aber nur sauer. Heute hat Moorman dafür auch eine Erklärung: Der Kugelhaufen-Reaktor sei der Stolz der deutschen Atomforscher, werde deshalb gerne „hochgehalten“. Wenn sie nun das Loblied beenden und den Todesgesang anstimmen, dann würden sie sich unglaubwürdig machen. Sie seien „gefangen in ihren marktschreierischen Versprechen“.

Kommentare (5)

gweberbv 28.06.2011 | 17:09

Meines Wissens besteht das Hauptproblem, auf das Moormann in seiner Untersuchung eingeht, in der mangelnden Instrumentierung des Reaktorkerns (die Anlage wurde Ende der 60er gebaut, meine ich). Man ist also blind und muss sich bei der Frage, was für Bedingungen im Inneren des Reaktors herrschen, auf Modellrechnungen verlassen. Kurz vor der Stilllegung der Anlage in Jülich stellte sich jedoch heraus, dass beispielsweise die Temperatur im Inneren der Anlage während der ganzen Betriebszeit um hunderte Grade zu hoch lag. Dies führte zu einer verstärkten Alterung der Brennelemente (Kügeln mit einer Beschichtung) und letztlich zu einer starken Kontamination des Reaktorinneren, welches den Rückbau nun erschwert.

Es ergibt sich die Schlussfolgerung, dass an dem Kugelhaufen-Reaktordesign noch lange und mit hohem finanziellen Aufwand geforscht werden müsste, bevor das Konzept sich für die Serienfertigung eignet. Die potentiellen Vorteile dieses Reaktors stehen damit bisher nur auf dem Papier und der Testbetrieb hat gezeigt, dass alles nicht so einfach wird, wie geplant.

Warum man dem wackeren Moormann daraus von Seiten der Kollegen einen Strick gedreht hat, ist mir völlig unverständlich. Ein Ergebnis a la "prinzipiell machbar, aber im Detail ungeheuer schwieirg" ist eigentlich typisch für Testanlagen/Prototypen von Großforschungsprojekten. Große Versprechungen führen vielleicht am Anfang dazu, dass Mittel etwas reichlicher fließen, doch wenn danach nicht geliefert werden kann (und das ist meistens so), werden in der folgenden Enttäuschung leicht ganze Forschungsgebiete zurecht gestutzt.

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fraus 28.06.2011 | 19:54

Beim Lesen des Artikels habe ich an den mutigen Ingenieur des Atom-Forschungszentrums am Wannsee (!!) , Thilo Scholz, gedacht, der so mutig und beharrlich war und ist, auf eklatante Sicherheitsmängel in diesem City-Reaktor (!!) hinzuweisen:

www.morgenpost.de/berlin-aktuell/article1667144/Forscher-bestreiten-Riss-in-Wannsee-Reaktor.html

www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste_vom_23_06/wie_gefaehrlich_ist.html

www.tagesspiegel.de/berlin/am-atomreaktor-wannsee-schlaegt-der-geigerzaehler-aus-/4048666.html

Felix Werdermann 29.06.2011 | 02:12

Soweit ich das verstanden habe, ist das Problem, dass sich die Temperatur nicht sofort messen lässt, sondern erst einige Zeit (ich glaube mehrere Jahre) später festgestellt werden kann.

Schlussfolgerung ist genau, dass noch sehr viel geforscht werden müsste, bevor sich der Reaktor für den Betrieb eignet.

Ich verstehe aber nicht die Aussage: "Warum man dem wackeren Moormann daraus von Seiten der Kollegen einen Strick gedreht hat, ist mir völlig unverständlich."

Die Antwort steht doch direkt danach im Kommentar: "Große Versprechungen führen vielleicht am Anfang dazu, dass Mittel etwas reichlicher fließen, doch wenn danach nicht geliefert werden kann (und das ist meistens so), werden in der folgenden Enttäuschung leicht ganze Forschungsgebiete zurecht gestutzt." Genau dieses Zurechtstutzen dürfte einigen Forschern nicht gefallen - nicht unbedingt, weil ihr Arbeitsplatz bedroht ist, sondern weil viele sich freuen würden, wenn sie nicht nur an einem Luftschloss arbeiten (und das ist der Reaktor, solange er nicht kommerziell betrieben wird).

gweberbv 30.06.2011 | 14:37

"Soweit ich das verstanden habe, ist das Problem, dass sich die Temperatur nicht sofort messen lässt, sondern erst einige Zeit (ich glaube mehrere Jahre) später festgestellt werden kann."

Genau. Im Reaktorkern gab es nicht die nötigen Messgeräte (Instrumentierung) - und die Modellrechnungen, denen man stattdessen vertraute, waren offenbar nicht genau genug bzw. fehlerhaft.

"Genau dieses Zurechtstutzen dürfte einigen Forschern nicht gefallen - nicht unbedingt, weil ihr Arbeitsplatz bedroht ist, sondern weil viele sich freuen würden, wenn sie nicht nur an einem Luftschloss arbeiten (und das ist der Reaktor, solange er nicht kommerziell betrieben wird)."

Die Erwartung, dass man mit dem Schüren bzw. Aufrechterhalten ungerechtfertigter Erwartungen ewig durchkommt, die hat mich in diesem Fall so gewundert. An sich ist Einsicht "erstens ist es schwieriger, zweitens dauert es länger" fast das Standardergebnis solcher Forschungsanlagen.