Felix Werdermann
Ausgabe 1414 | 07.04.2014 | 09:50 12

Die Mär vom Wettbewerbsnachteil

Energiewende Die Industrierabatte beim Ökostrom sollen Arbeitsplätze sichern. In Wirklichkeit betreibt die Regierung so aggressive Standortpolitik auf Kosten der Bürger und der Umwelt

Ein Gepenst geht um im Wirtschaftsministerium. Das Gespenst der De-Industrialisierung. SPD-Minister Sigmar Gabriel sagte kürzlich dem Spiegel, er müsse „verhindern, dass wegen der hohen Strompreise die Industrie in Scharen aus Deutschland abwandert“. Die Gefahr der De-Industrialisierung sei „keine plumpe Propaganda der Wirtschaft, sondern bittere Realität“.

Die großen Worte richten sich an einen großen Gegner. Die EU-Kommission kämpft seit Jahren gegen die Industrieprivilegien bei der deutschen Ökostromförderung, an denen die Bundesregierung so vehement festhält. Jetzt muss schnell ein Kompromiss gefunden werden, wenn das Bundeskabinett in dieser Woche den Entwurf des Erneuerbare-Energien-Gesetzes beschließen will. Am Montag erklärte Gabriel, dass 500 Firmen ihre Privilegien verlieren sollen – das heißt aber auch: Mehr als 1.500 Unternehmen werden sie behalten.

Hier zeigt sich idealtypisch die Haltung der schwarz-roten Bundesregierung zur Energiewende: Die Konzerne sollen profitieren – auf Kosten der Bürger und der Umwelt.

Keine belastbaren Zahlen

Angeblich geht es um die internationale Wettbewerbsfähigkeit der großen Stromverbraucher aus dem produzierenden Gewerbe, insbesondere aus der Chemie-, Metall- und Papierindustrie. Angeblich sind Arbeitsplätze gefährdet, wenn die Konzerne genauso viel für die Ökostrom-Umlage zahlen müssten wie kleinere Firmen und Privathaushalte. Nur: Belastbare Zahlen, die das belegen würden, kann die Bundesregierung nicht vorlegen, wie sie auf eine Anfrage des grünen Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer einräumt.

Trotzdem zahlt die Industrie im Extremfall nur ein Prozent der normalen Umlage. Im Gegenzug blechen die anderen in diesem Jahr 5,1 Milliarden Euro zusätzlich. Den durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalt kostet das fast 50 Euro.

Die Behörden prüfen gar nicht, ob ein begünstigtes Unternehmen überhaupt im internationalen Wettbewerb steht. Das zuständige Bundesamt entscheidet nach nur drei Kriterien, wer in den Genuss der Industrierabatte kommt: Im Jahr muss eine Gigawattstunde Strom oder mehr verbraucht werden, das entspricht rund 300 Haushalten; die Elektrizitätskosten machen mindestens 14 Prozent der Bruttowertschöpfung aus; und besonders große Unternehmen brauchen ein zertifiziertes Energiemanagementsystem, mit dem Strom gespart werden soll.

Nicht nur der Strom zählt

Das Problem: Es gibt laut Wirtschaftsministerium keine einfache Definition, anhand derer man entscheiden könnte, ob eine Firma im internationalen Wettbewerb steht. Das Gesetz gehe daher davon aus, „dass Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe und dem Bergbau grundsätzlich im Wettbewerb stehen, da sie handelbare Waren produzieren“.

Der internationale Wettbewerb lässt sich zum Beispiel nicht daran erkennen, wie hoch der Umsatz im Ausland ist. Schließlich können die Firmen auch auf dem deutschen Absatzmarkt ausländische Konkurrenz bekommen, die gar keine Ökostrom-Umlage zahlen muss.

Trotzdem darf man bezweifeln, ob die Ausnahmen nötig sind, um eine De-Industrialisierung Deutschlands zu verhindern. Zum Beispiel profitiert von den Rabatten auch der Bergbau – obwohl sich der Standort wohl kaum verlagern lässt, wenn die zu fördernden Ressourcen am selben Ort bleiben.

Internationale Konzerne entscheiden auch nicht nur nach dem günstigsten Strom. Wichtig sind auch ausgebildetes Fachpersonal, die Verkehrsinfrastruktur oder regionale Absatzmärkte. Und natürlich Steuern, Abgaben und die Kosten für Arbeitskräfte. Nimmt man alles zusammen, ist Deutschland offenbar sehr konkurrenzfähig. Anders lassen sich die Exportüberschüsse nicht erklären, die Jahr für Jahr vermeldet werden.

Es wäre auch kein Drama, wenn einige Firmen wegen der Ökostrom-Umlage abwandern. In anderen Ländern entstünden dann Arbeitsplätze, eventuell sogar mit höheren Sozialstandards. Nur gäbe es dann in Deutschland weniger Firmen, die sich an der Ökostromförderung beteiligen; und wenn in anderen Ländern der Strom billiger ist, dann wird auch insgesamt mehr verbraucht und die Kohlendioxid-Emissionen steigen. Allerdings ist fraglich, ob es für das Klima unter dem Strich besser ist, den Strom von vornherein für Großkonzerne billiger zu machen.

Beim Mindestlohn käme auch niemand auf die Idee, dass sich große Firmen im internationalen Wettbewerb nicht daran zu halten brauchen. Wer Sozial- und Umweltstandards weltweit durchsetzen will, darf kein Dumping betreiben. Die Industrierabatte Deutschlands setzen auch andere Länder unter Druck, die Standards runterzusetzen, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Die Zahl der Begünstigungen explodiert

Dabei sind die deutschen Börsenstrompreise in den vergangenen Jahren sogar deutlich gefallen, das zeigt der Preisindex des Verbands VIK, der die industriellen Großkunden vertritt. Gleichzeitig hat die Politik den Kreis der privilegierten Firmen deutlich ausgeweitet. Schwarz-Gelb hat die Mindestverbrauch-Schwelle von zehn auf eine Gigawattstunde gesenkt. Seitdem ist die Zahl der begünstigten Unternehmen und Unternehmensteile explodiert. Rund 750 profitierten vor zwei Jahren, heute sind es mehr als 2.000 – von der Weberei über das Sägewerk bis zum Schlachthof.

Die neu hinzugekommen Firmen haben bislang auch ohne die Privilegien überlebt. Warum sollte es jetzt anders sein? Es geht der Politik nicht darum, Abwanderung zu verhindern, sondern die Firmen nach Deutschland zu locken. Wenn die schwarz-rote Bundesregierung bei der aktuellen Regelung bleibt, betreibt sie also aggressive Standortpolitik auf Kosten der Umwelt. Mit einigen negativen Nebeneffekten.

Anreiz zur Stromverschwendung

Die Rabatte belohnen Vielverbraucher und geben ihnen Anreize, Strom zu verschwenden. Zudem verschaffen sie den großen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den kleineren Firmen. Konzerne, die eigentlich gar nicht so viel Energie benötigen, können sogar ihre Struktur so anpassen, dass zumindest einzelne Unternehmensteile die 14 Prozent Stromkosten erreichen und dann begünstigt werden. Andere Firmen verbrauchen vielleicht absichtlich etwas mehr Strom, damit sie über die Schwelle kommen und dann insgesamt weniger zahlen.

Die Gewerkschaften weisen auf ein weiteres Problem hin: Die Rabatt-Regel belohnt Unternehmen, die ihre Stammbelegschaft entlassen und stattdessen auf Werkverträge und Leiharbeit setzen. Das liegt an der merkwürdigen Berechnung der 14-Prozent-Marke bei den Stromkosten, die erreicht werden muss, um die Privilegien zu erhalten.

Gleichzeitig sind die Gewerkschaften aber auch große Verfechter der Privilegien. Die Chemie- und Bergbau-Gewerkschaft IG BCE hält die Rabatte etwa für „absolut notwendig“. Auch die Linken und Grünen im Bundestag wollen die Privilegien nicht abschaffen, jedoch stark einschränken.

Die Linksfraktion schlägt beispielsweise drei Kriterien vor: Eine Firma muss erstens überdurchschnittlich energieintensiv sein. Zweitens muss sie im außereuropäischen Wettbewerb stehen. Nur bestimmte Branchen hätten Anspruch auf die Rabatte. Dabei solle sich die Politik an einer EU-Liste aus 15 Branchen orientieren, die bereits im Zusammenhang mit dem europäischen Emissionshandel erarbeitet wurde. Drittens will die Linksfraktion den Unternehmen vorschreiben, ihre Energieeffizienz jedes Jahr um zwei Prozent zu verbessern.

Andere Bedingungen für die Privilegien sind ebenfalls vorstellbar: So könnte der Rabatt nur gewährt werden, wenn das Unternehmen nicht gleichzeitig einen Gewinn einfährt. Allerdings werden die Gewinne dann in andere Länder verschoben oder auf wenige Geschäftsjahre konzentriert, um in den anderen Jahren Verluste zu schreiben. Diese Tricksereien gibt es jedoch bei allen Steuern und Abgaben. Trotzdem hätte die Regel einen Nachteil: Es gingen zwar keine Firmen wegen der Ökostrom-Umlage pleite, trotzdem sind die Gewinnaussichten dadurch in Deutschland womöglich niedriger als woanders. Ähnlich ist es, wenn die Rabatte an hohe Börsenstrompreise gekoppelt werden, wie es der Ökostromanbieter Lichtblick vorschlägt.

Die ökologische Wahrheit

Vielleicht muss auf die alte Ordnungspolitik zurückgegriffen werden: Zölle für energieintensive Produkte aus dem Ausland schützen die heimische Industrie und damit die Beteiligung möglichst vieler Unternehmen an der Ökostrom-Umlage. Gleichzeitig sorgen sie dafür, dass die Energiekosten die ökologische Wahrheit sprechen. Nur mit den internationalen Freihandelsabkommen verträgt sich diese Lösung nicht so gut – und mit dem europäischen Binnenmarkt schon gar nicht.

Die EU-Kommission hat inzwischen einen Vorschlag vorgelegt, der in eine andere Richtung geht: Die Privilegien sollen auf 65 Branchen beschränkt werden, hinzu kommen jedoch noch Unternehmen, bei denen die Stromkosten mindestens 25 Prozent ausmachen und die mindestens vier Prozent ihres Handels außerhalb der EU betreiben. Sie alle sollen nicht bloß rund ein Prozent der Umlage zahlen wie heute, sondern 20 Prozent. Allerdings kann der Satz in Ausnahmefällen auf bis zu 2,5 Prozent der Bruttowertschöpfung gesenkt werden. Das Öko-Institut hat ausgerechnet, dass die Industrierabatte dadurch nochmal um zwei Milliarden Euro größer werden könnten, weil die Zahl der Firmen steigen könne.

Gabriel kämpft weiter für großzügiger Rabatte, um „massive Wettbewerbsprobleme“ zu verhindern, wie er in der vergangenen Woche nach einem Treffen mit Vertretern der Bundesländer noch einmal betonte. Das Volumen der Rabatte will er zwar senken, allerdings nur um eine Milliarde Euro – womit lediglich der Stand des Vorjahres erreicht wäre. Eine echte Reform sieht anders aus.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 14/14.

Kommentare (12)

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2014 | 10:49

Man könnte die Energieumlage auch an die Zahl der hier geschaffenen Arbeitsplätze oder die hier gezahlten Löhne knüpfen? Motto: je besser es der Bevölkerung durch diese Firmen geht, desto günstiger ist die bezogene Energie? Oder auch an deren Steueraufkommen in der BRD -unmittelbar, statt mittelbar an die anderwo günstig versteuerten Gewinne?

Das wäre doch der Kreis kurzgeschlossen. Statt zu orakeln und zu hoffen, dass ein Unternehmen mit Gewinnen und Export "gut" für Deutschland sein könnte - was heißt denn "gut"? Bessere Kaufkraft im Inland und Investitionen in marode Infrastruktur.

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2014 | 12:33

"Die Industrierabatte Deutschlands setzen auch andere Länder unter Druck, die Standards runterzusetzen, um konkurrenzfähig zu bleiben."

Tja, harte Nuss, die Sache mit dem Freihandel. Man könnte ja z.B. auf alle Importe eine Energiewendesteuer draufschlagen und sie bei Exporten zurückerstatten. Problem gelöst!

Macht man aber nicht, denn derartige Steuern nennt man auch Zölle und die sind offiziell des Teufels. Wer seinen Marktzugang aber nicht mehr kontrollieren kann: DER HAT KEINE REGIERUNGSHOHEIT MEHR IM LAND, sondern wird zum Sachzwangapostel, zum Standortoptimierer um jeden Preis. Merke: Protektionismus pfui, Demokratie jedoch verzichtbar.

Das haben Sie also ganz richtig erkannt, Herr Werdermann. Die Argumentation läuft schon seit 20 Jahren so, auch wenn das der blinde Fleck in der linken Weltsicht ist (in der Grenzen etwas sinnlos anachronistisch-völkisches sind).

Jetzt könnte man natürlich argumentieren, wir müssen halt die Gesetze und Steuern auch alle global machen. Blöd, dass das auf EU-Ebene schon scheitert. Mit TTIP, Ceta und WTO ist aber schon für den unwahrscheinlichen Fall vorgesorgt, dass die EU sich jemals bei irgendwas Wichtigem einig wird.

Die Reichen, Konzerne und Banken werden ihren Teil beisteuern, dass es nie dazu kommt. Denn mit starken Nationalstaaten gäbe es auch wieder starke AN-Rechte und das schöne Double Irish with a Dutch Sandwich, wäre auch Geschichte.

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2014 | 13:59

Nahles klaut die staatliche Mütterrente aus der Rentenkasse, die eine Gemeinschaftskasse der Beitragszahler ist und dummerweise von Staatsbeamten verwaltet wird.

Warum sollte Gabriel sich da ehrlicher verhalten, als seine Parteigenossin; alle Parteioligarchen haben schon immer von dem gelebt, was sie bei den Bürger-Innen abzocken können.

h.yuren 07.04.2014 | 16:01

Hier zeigt sich idealtypisch die Haltung der schwarz-roten Bundesregierung zur Energiewende: Die Konzerne sollen profitieren – auf Kosten der Bürger und der Umwelt.

lieber felix,

das meiste sehe ich auch so. ohne druck von außen können diese politmarionetten nichts. von außen hieß fukushima und hierzulande die starke ökobewegung, vor allem anti-akw.

wenn jetzt der druck auf die herrschaften nachlässt, tun sie das, was sie am liebsten tun, nämlich nichts außer lobbyspielchen.

was die rabattfirmen betrifft, ist ein besonders schönes beispiel die aluminiumherstellung in der brd. sie verschwendet riesige strommengen, beschäftigt aber nur relativ wenige leute. wenn diese industrie dahin verabschiedet würde, wo strom günstig und ökologisch zu haben ist, entstünde hierzulande kein großer verlust. denn das meiste aluminium wird ohnehin importiert.

wozu sind denn die gewählten vertreter da, wenn nicht zur sanften regulierung des marktes in die ökologische richtung?!

die Kroko nimmt die energiewende nicht ernst. das ist die wahrheit und nichts als die wahrheit.

einen schönen tag.

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Ehemaliger Nutzer 07.04.2014 | 22:55

"die Kroko nimmt die energiewende nicht ernst. das ist die wahrheit und nichts als die wahrheit."

Mehr als das, sie bekämpft sie und versucht sie in Misskredit zu bringen. Das muss sie mit einem Fuß auf der Bremse tun, da sie weiß, dass die Energiewende beim Volk immer noch recht populär ist.

Daher hat man zuerst die Ausnahmen geschaffen, um dann heftige Krokodilstränen über die hohe Belastung der Bürger zu weinen (die selben asozialen Politiker, die andererseits einen Mindestlohn ablehnen).

Würde sich Merkel nicht total lächerlich damit machen, würde sie sicher sogar den Ausbau der Atomkraft befürworten. Ehrlich gesagt, warte ich noch darauf. Sollte Russland seine Gasversorgung reduzieren (worauf Merkel im Dienste der USA ja hinarbeitet), wird sie mit traurigem Hundeblick den alternativlosen Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg verkünden, jede Wette...

Herr Zhao 08.04.2014 | 00:14

Energiesteuer und Externalitäten

Es gibt eine elaborierte Steuerart für das Energiesteuerproblem - die Exergy Tax. Dabei wird der Wirkungsgrad der Energienutzung besteuert, dafür gibt es physikalische und betriebswirtschaftliche Grundlagen - d.h. Buchhaltung und Buchhaltungssoftware. Neben der Industrie sind die Immobilien der größte Energiefresser auf die man die Exergy Tax anwenden sollte. Energiesteuern sollen negative Externalitäten durch das Marktversagen auf den Finanz-, Güter- und Konsumentenmarkt korrigieren. Konsumenten bevorzugen energieintensive Konsumgüter, Finanzdienstleister investieren in energieintensive Industrien im Inland- und Ausland und Güterproduzenten können Schmutzindustrien wandern lassen. Der Vorteil der Besteuerung des Wirkungsgrades ist eine Technologie-Präferenz für energiesparende Technologien zu setzen. Industrie und Privathaushalte erzeugen mit ihrem Energieverbrauch negative Externalitäten und vernutzen Global Commons wie die Stratosphäre, Öl-Verschmutzung der Weltmeere, Waldsterben, ...die man bisher immer falsch mit verbrauchsorientierten Energiesteuerarten in das Preissystem integrieren wollte. In einem globalen Freihandelssystem bricht das System zusammen, und man kann die Global Comons nicht rational bewirtschaften. Verbrauchsorientierte Energiesteuern waren schon immer falsch, und sie werden auch nicht richtiger indem man Ablasshandel für Arbeitsplatz-Schaffung damit betreibt. Seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der Zuführung von hunderten von Millionen Arbeitskräften in Osteuropa, China, Vietnam,...sind solche Überlegungen im Grunde provinzielles Denken. Diese Staaten haben einleuchtende Argumente, um ökologische Gesetzgebung gerade nicht anzuwenden - sie wollen nicht ihre Industrialisierung gefährden und sie zeigen richtigerweise auf das kumulierte Vernutzung der Global Commons durchdie alte Industriestaaten Triade Westeuropa-USA-Japan. Mit einem verbrauchorientierten Energiesteuersystem kommt man in üble Mehrparteien Trade Games- das öffentliche Interesse der Mehrheit der Weltbevölkerung kann da nur leiden. Klimaveränderungen machen vor niemanden halt.

Nationalismus und Schutzzölle

Starke Nationalstaaten sind auch nicht, dass A und O der Wachstumspolitik - sondern Städte-Netzwerke. Das war schon immer so. Zur Zeit der Hanse waren politische Koalitionen unter den Kaufleuten entscheidend für das Wirtschaftswachstum in Westeuropa - ebenso sind italienische Städtebünde wegweisend für den Kapitalismus gewesen. Der Grund für die Aussichtslosigkeit des Nationalismus sehen Sie schon an der chronischen Erfolglosigkeit der am Nationalstaat ausgerichteten Entwicklungsökonomie - mit Schutzzollpolitik ist da kein Staat zu machen. Um erfolgreich Schutzzollpolitik zu machen, bracuht man einen grossen Binnenmarkt - das hat die BRD eindeutig nicht. Bei den USA ist das etwas anderes.

Die nationalstaatliche Sozialisierung trügt den Blick für das Wesentliche. Das Deutsche Reich als Land der nachholenden Industrialisierung mußte sich auf Produktionsgüter spezialisieren, da Groß-Britannien das erste industrialisierte Land mit Konsumentengüter war. Die USA brauchte lange Zeit Londoner Kapital, um mittels eines grossen Binnenmarkt Importsubstitution zu betreiben - im Falle der USA machen Schutzzölle Sinn, weil sie durch Massenmigration die Größe des Binnenmarktes dimensionieren konnten. Im Falle Japan war die institutionelle Innovation das MITI, um die japanische Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu industrialisieren. Taiwan wurde durch US Hilfen und die japanische Outsourcing Politik industrialisiert. Japan und Taiwan wären niemals nach dem Zweiten Weltkrieg industrialisiert worden, ohne einen US Marktzugang und US Hilfen - merkantilistische Schutzzollpolitik hätte niemals etwas da ausgerichtet. Heutzutage ist das chinesische Industrialisierungs-Rezept ein Hybrid-Regime aus förderalistischer Partei-Diktatur mit Sonderwirtschaftszonen und Hong Kong als Kontaktzone zur Anglossphäre und Singapur als Kontaktzone zu den Kapitallieferanten der Übersee-Chinesen und einen Zugang zum Konsumentenmarkt in den USA. Man ist verleitet zu denken, dass die Nationalstaaten die entscheidenden Akteure sind - das ist aber nicht so: Territorialstaaten müssen immer über Finanzstandorte, Hafenstädte, Gateway Städte... etc. ihr Wachstum organisieren, und das Städtewachstum ist zu einem höheren Anteil ihrer Netzwerkposition in der globalen Ökonomie geschuldet als ihrer hierarchischen Einordnung im Territorialstaat. In all diesen Fällen sind World City Netzwerke London, New York, Tokio, Hong Kong, Singapur,... die eigentlichen langreichweitigen Akteure und nationalstaatliche Institutionen kanalisieren nur Ressourcen, um dieses Städte-Netzwerk zu beeinflussen. Städte-Netzwerke sind mit ihren Kanzleien, Werbefirmen, Versicherungen, Buchhaltungsdienste, Planern und Lobby- und Politiknetzwerken das im Wesentlichen zu steuernde System durch das Teilsystem Politik. Je nachdem wie sich die Funktionalität des dispositiven Faktors auf das Städte-Netzwerk aufteilt entstehen gänzlich unterschiedliche Outputs auf Reize durch nationalstaatliche Inputs in Form von Budgetausgaben. Das World City Netzwerk ist nun nicht unter der Souveranität eines einzelnen Nationalstaates und daher existieren auch transgovermentale Netzwerke von Bürokraten, Richter, Zentralbankern und Parlamentarier als Steuereinheiten für das World City Netzwerk.

Linke Politik

Das Problem mit sozialdemokratischer (meinetwegen auch sozialistischer) Politik ist ihr Staatsfetisch und ihre kontinuierliche Orientierung auf das territoriale Parlament. Auf privater Seite löst sich der dispositive Faktor vom Territorialstaat und das territorialstaatliche Korrektiv steuert mittels transgovermentalen Netwerken und Expertokratien entgegen. Das ist natürlich nicht demokratisch. Diese Politik-Netzwerke sind (unvollkommende) Meritokratien und durch demokratische Massen-Politik, auf der linke Politik traditionellerweise beruht schlecht zu beeinflussen.

kaygeebee 08.04.2014 | 11:45

Deutschland hat sich in den letzten Jahren zum Billiglohnland gemacht, die Ausnahme von der EEG Umlage für viele Firmen ist da nur ein weiterer Schritt.
Wie zu Beginn der Industrialiserung trägt man den Konzernen den Arsch hinterher damit diese nicht abwandern. Die Politik tut so, als ob Konzerne wie scheue Rehe wären: Ein Knall und weg sind sie. Das gleiche gilt übrigens auch für die finanzielle Elite: Bloß nicht zu sehr besteuern, sonst wandern sie alle in die Schweiz ab.

Blöderweise muss trotzdem jemand am Ende die Zeche zahlen: Die berühmten 99%.

Gerd Taddicken 09.04.2014 | 10:55

Moin die Runde!

In fast allen Sachen kann ich dem Auto Herrn Werdemann und den Kommentierenden vor mir zustimmen.

Es ist der ewige Kampf ,Arm gegen Reich'! Nur jetzt haben sich alle Blockparteien auf die Seiten der Industrie geschlagen - sogar die ehemals soziale SPD.

Vermutlich wäre einmal ein Paradigmenwechsel in der Politik erforderlich. Fast alle hängen aber an ihren Posten und Pöstchen. Echte Kritiker in den eigenen Reihen - nicht nur zu diesem Thema - werden mundtot gemacht. Leider trauen sich diese aber auch nicht, alles hinzuschmeißen. Echte Idealisten gibt es da oben nicht mehr.

Wie kann man unser schönes Deutschland denn nun beschreiben? Eine Demokratie ist sie doch nur noch dem Anschein nach. Sind es nicht CDUSPDGrüne-Oligarchen, so wie in Russland?

Irgendwann kann man schon resignieren. Drei Parteien habe ich schon durch: ab 89 fünf Jahre SPD, ab 98 zehn Jahre Grüne, 2012 = acht Monate Piraten. Und jetzt kommt der letzte Versuch: AfD!

Ich hoffe, mit 64 genügend Langmut zu haben, um alles durchzustehen. Aber es macht auch Freude, eine kräftige Streitkultur zu betreiben. Das hält einen richtig in Schwung!

Ihnen allen einen schönen Mittwoch!

Gerd Taddicken - Nordenham

2014-04-09, Mittoch, gg. 10.55 h, B7 / PC01-S / ArbZi.

Link vom ,Freitag': https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/die-maer-vom-wettbewerbsnachteil

P.S.: Vielleicht treffe ich nicht immer die richtige Wortwahl - aber es geht ja nur über das Schreiben... - hauen wollen wir uns nicht mehr!

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