Felix Werdermann
Ausgabe 3114 | 31.07.2014 | 06:00 21

Die Schavan-Flüsterer

Wissenschaft Annette Schavan hat ihren Doktortitel verloren. Ein geheimer Bericht enthüllt: Hochrangige Wissenschafts-Funktionäre wollten das mit einer "Rettungskampagne" verhindern

Eigentlich könnte sich Annette Schavan jetzt ein ruhiges Leben machen. Nachdem die CDU-Politikerin wegen ihrer Plagiatsaffäre als Bildungsministerin zurückgetreten war, wurde sie mit einem Posten als Botschafterin im Vatikan versorgt. Doch nun wird sie von ihrer Vergangenheit noch einmal eingeholt. Dass sie bei ihrer Doktorarbeit vor mehr als 30 Jahren getäuscht hat, ist inzwischen zwar gerichtlich festgestellt. Welcher Druck aber zuvor auf die Universität Düsseldorf ausgeübt wurde, die den Plagiatsvorwurf prüfen sollte, das zeigt jetzt ein geheimer „Abschlussbericht“ des Dekans der Philosophischen Fakultät.

Der Bericht wurde im Internet geleakt und beleuchtet das Innere des Hochschulbetriebs, das sonst oft verborgen bleibt. Der Bericht zeigt: In der Wissenschaft geht es nicht um das hehre Ideal der Wahrheit oder des herrschaftsfreien Diskurses. Es geht um gute Freunde, um Netzwerke und Machtstrukturen. Der Autor spricht von „massiven Interventionen“ und einer „Rettungskampagne“ für Schavan. „Aktive Präsidenten von Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen waren ohne Kenntnis der Aktenlage an vorderster Front.“

Es geht nicht ums beste Argument

Erwähnt werden amtierende und ehemalige Chefs der Max-Planck-Gesellschaft, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Wissenschaftsrats sowie des katholischen Cusanuswerks. Und der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, Horst Hippler. Er habe gefordert, „die politischen Dimensionen zu würdigen und den Gleichheitsgrundsatz zu verletzen“. In einem vertraulichen Brief, der im Anhang des Berichts dokumentiert ist, bittet Hippler darum, die „Reichweite der anstehenden Entscheidung“ zu bedenken. Einige dürften das als subtile Aufforderung verstanden haben, Schavans Arbeit mit Nachsicht zu behandeln.

Der Autor des Berichts und ein Kollege von ihm wurden inzwischen mit der Universitätsmedaille ausgezeichnet. Gelobt wurde „ihre beispielhafte akademische Zivilcourage“. Das passte dem Bundestagspräsidenten und CDU-Politiker Norbert Lammert überhaupt nicht. Er sagte nun deswegen eine Rede an der Uni Düsseldorf ab.

Ist der Wissenschaftsbetrieb von der Politik korrumpiert? Es gibt keine Belege dafür, dass die Einflussnahme von Schavan gesteuert gewesen wäre. Auch über die Frage, ob die Wissenschaftselite der Ministerin nur deswegen zu Hilfe geeilt ist, weil ihr das später nützlich sein könnte, lässt sich lediglich spekulieren. Aber eines ist sicher: An den Unis geht es nicht nur ums beste Argument, sondern auch um Macht. Wie überall.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 31/14.

Kommentare (21)

h.yuren 31.07.2014 | 10:12

lieber felix,

dein schluss ist überzeugend vorbereitet. wenn es nur um macht für die eine oder andere person ginge, wäre es noch hinnehmbar. es bliebe im rahmen des allzu menschlichen.

aber in dieser republik, ganz gleich ob in wissenschaft oder medien, geht es um parteipolitik. und das ist mehr als übel. das muss konsequenzen haben, müsste eigentlich...

grüße, hy

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Ehemaliger Nutzer 31.07.2014 | 10:25

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern ...

Der Fall Schavan hat nicht nur den "wissenschaftlichen Status" einer Promotion diskreditiert, sondern auch die berufliche Kompetenz des gesamten Botschaftspersonals.

Parteipolitik ist Vitamin B in allen Bereichen; da wettern deutsche Politiker gegen die Vetternwirtschaft und Korruption anderer Staaten - hier werden Parteischranzen in StaatsÄmtern geparkt.

IgnazWrobel 31.07.2014 | 10:57

Es geht um Macht. Das ist erstmal nix neues, denn die Uni ist genauso hierarchisch wie andere Systeme, etwa Politik usw. Was ich eher fragwürdig empfinde, ist: Woher alles in der Welt nehmen sich einige der oben genannten Personen das Recht heraus, in ein laufendes Verfahren einzugreifen, deren Rechtmäßigkeit in Frage zu stellen und mit allerlei medialer Unterstützung (FAZ) auch noch ganze Promotionsordnungen zu kritisieren? Hat das mit Macht zu tun? Oder mit Netzwerken? oder beidem? In jedem Fall ist es absurd, dass im Fall Schavan Dinge gefordert wurden, die jeder Gleichbehandlung Hohn sprechen. Den wissenschaftlichen Status einer Promotion hat es nicht diskreditiert, dafür aber mein Bild vom Rechtsverständnis deutscher Eliten.

Peter Bachmann 31.07.2014 | 17:49

Als mit der Wende in der damals noch DDR unter anderem bei den Hochschullehrern und -lehrerinnen aufgeräumt wurde, geschah das in Sachsen mithilfe zweier Kommissionen. Eine "Fachkommission" (den damals genutzten Namen habe ich vergessen), die anhand der Publikationslisten und den getätigten Vorlesungen einschätzten, ob die vorgenommenen Berufungen fachlich gerechtfertigt waren. Diese Kommission hatte an mir nichts auszusetzen. Ich fiel der Personalkommission zum Opfer, die "Systemnähe" als ihr Kriterium ansahen.

Angenommen, diese Kommissionen wären wieder mal tätig. Wie würde deren Urteile heute aussehen? Zum Beispiel, wenn die Fachkommission unsere jetzige Bundesministerin für Bildung und Forschung (hatte ja Frau Scharvan beerbt) unter die Lupe nehmen würde. Laut Wikipedia hatte diese bei ihrer Berufung 1993 zur Professorin zwei Publikationen vorzuweisen. Eine war die Dissertation, an einem Tagungsband war sie beteiligt. Die politischen Aktivitäten hatten die bescheidenen wissenschaftlichen offenbar wettgemacht. Das gab es natürlich auch in der DDR, wie wahrscheinlich in jedem Land.

observator 31.07.2014 | 21:15

Es ist nunmehr höchste Zeit und ein Gebot des intellektuellen Anstandes , dass die hoch angesehenen und lautstarken Verteidiger von Frau Schavan , als da sind die Herren Biedenkopf, Winnacker, Schwarz, Kleiner, Mlynek etc. die Universität Düsseldorf offiziell um Entschuldigung bitten, und , soweit sie besondere Ämter bekleiden, ihre Stühle räumen. Das wäre ein wichtiger Dienst für die Wissenschaft in Deutschland.

Achtermann 01.08.2014 | 08:53

Hier noch mal zur Erinnerung das Statement des Plagiatjägers:

Insgesamt gibt es 97 Seiten im Haupttext der Dissertation von S. 11 bis 335, auf denen Übernahmen aus 45 Quellen nicht oder nicht ausreichend kenntlich gemacht werden. Bei 63 von 131 einzelnen Fragmenten handelt es sich um Verschleierungen, d.h. die (wirkliche) Quelle der Ausführungen wird – im Gegensatz zu Bauernopfern – auch im Umfeld der Übernahme nicht genannt. Bedeutendste Plagiatsquelle ist die Habilitationsschrift des polnischen Franziskaners Antoni Jozafat Nowak mit 19 Fragmenten.

Als Muster lässt sich erkennen, dass die Verfasserin oft vorgibt, Primärquellen zu rezipieren, während sie tatsächlich mit leichten Abwandlungen aus der Sekundärliteratur abschreibt, ohne diese zu nennen; dies gilt insbesondere für in den Sekundärtexten enthaltene Interpretationen der Primärtexte. In vielen Fällen werden dabei auch Fehler bei Zitaten oder Literaturangaben mit übernommen bzw. – seltener – korrekte Literaturangaben fehlerhaft übertragen.“

Dass der ehemaliger Leiter des Cusanuswerks, Ludger Honnefelder, zugunsten von Schavan hinter den Kulissen agierte und eine Art Gegengutachten erstellte, das in den Medien rumgereicht wurde, ist klar, da die ehemalige Ministerin selbst Leiterin dieser katholischen Einrichtung war, die u.a. an katholische Begabte Stipendien vergibt.

Neu ist, wie der geleakte Text zeigt, dass Schavan selbst versuchte, massiv Einfluss zu nehmen, um das Düsseldorfer Uni-Gutachten zu ihren Gunsten zu wenden.

Dass sie nun Botschafterin im Vatikanstaat wurde, ist folgerichtig.

Achtermann 01.08.2014 | 09:09

@ Felix Werdermann

"Das passte dem Bundestagspräsidenten und CDU-Politiker Norbert Lammert überhaupt nicht. Er sagte nun deswegen eine Rede an der Uni Düsseldorf ab."

Nicht uninteressant dürfte sein, dass der praktizierende Katholik Lammert selbst in den Genuss eines Stipendiums des Cusanuswerks kam. Es wäre sicher eine für die deutsche Gesellschaft erhellende Aufgabe, würde man den Einfluss auf die Eliteförderung des Cusanuswerks, das unter der Leitung der katholischen Bischofskonferenz steht, kritisch untersuchen.

Totte 02.08.2014 | 10:46

Das kann nur erstaunlich finden, wer noch keine Uni (mit offenen Augen) von innen gesehen hat. Die permanenten Machtspielchen um Posten und Mittel, die länderübergreifenden Kämpfe verschiedener Schulen innerhalb einzelner Fachrichtungen, die sich vielfach über zig Jahrzehnte hinziehen, zuletzt die zielgerichtete Zerstörung des wissenschaftlichen Mittelbaus, der geistige Frische einfach verdunsten lässt – all das hat das System Uni dermaßen korrumpiert, dass glücklich sein darf, wer dieses System erfolgreich hinter sich gelassen hat.

mploe 04.08.2014 | 07:01

Da es hier um ein öffentliches Amt, also Macht und Einflußnahme sehe ich das Aberkennen des Titels als gerechtfertigt.

Was mir allerdings NICHT gefällt ist ein Herausziehen alter Vorgänge und sie zur Diskreditierung einer Person zu verwenden.

Es sind gerade diejenigen, die noch vor Kurzem Internet noch als Zwischengesicht übersetzt haben, die heute mit dem Schlagstock auf Plagiate losgehen.

So klauen sich Parteien gegenseitig Ideen, Wahlslogans und Programme aus dem Netz! Gut ist, was machbar ist und Aufmerksamkeit generiert! Aber auch, was sich gegen den Gegner verwenden läßt.

Mindestens jeder 5 Doktortitel aus den Jahren 1990 – 2000 kann als teilweise Internet inspiriert anzusehen sein. Und gottseidank, dass es das Internet aus den Kinderschuhen herausgeholt hat, denn sonst wären wir noch tiefer in der Steinzeit hängen geblieben.

Es geht hier nicht um Tötungsdelikte die keine Verjährung zulassen, es handelt sich um ein verändertes Denken. Jugendsünden dafür heranzuziehen halte ich für bigott und einer aufgeklärten Gesellschaft für nicht würdig.

Peter Bachmann 04.08.2014 | 18:31

Wobei ich ergänzen möchte, dass ich von vielen Kollegen aus dem Westteil Deutschlands zunächst wenigstens moralische Unterstützung und dann später auch aktive Mitwirkung bei meiner erneuten Berufung erfahren habe. Die Nachfolgerin von Schavan kommt ja aus dem Osten, nur wurde bei ihr (absichtlich) vergessen, dass man (zu recht) aus den Unis der DDR diejenigen entfernte, die nur aus politischen Gründen berufen wurden waren und minimale wissenschaftliche Ansprüche nicht erfüllten.

Die Wertung und der Wert von Dissertationen hat drastisch nachgelassen. Das kann man schon an den Disputationen erkennen, die jegliches Interesse am Hinterfragen des Wissens des Kandidaten oft vermissen lassen.

Ich bekomme regelmäßig e-mails, wo man mir einen (weiteren) Doktortitel antragen möchte. Na ja, früher gab es sowas ja auch: Karl May hatte ich auch einen Dr. aus den USA besorgt, ihm wurde allerdings untersagt, den zu benutzen.

hulu bambu 07.08.2014 | 06:36

Mit grosser Neugierde habe ich den im Internet geleakt en und viele Seiten umfassenden 'Abschlussbericht' gelesen, den letzten Teil neulich bei Sonnenuntergang an der Alster.

Auf dem Rückweg zum Hbf - ich war in Gedanken noch sehr mit der zuvor aufgenommenen Materie beschäftigt - kam plötzlich eine junge Spaziergängerin auf mich zu und fragte, ob ich mich hier auskennen würde. Sie sah von der Kleidung her eher aus wie eine Punkerin und war in Begleitung eines vollbärtigen jungen Mannes.

Als ich ihre Frage bejahte, immerhin bin ich in HH mehrere Jahre als (Aushilfs-) Taxifahrer durch die Gegende gekarrt - kam von ihr folgende für mich völlig überraschende Nachfrage:

"Können Sie mir dann vielleicht sagen, wo ich hier Pornos kaufen kann?"

Als sie meine perplexe Reaktion sah, hackte sie nach:

"mit Bescheissen und so"

Ich murmelte nur so etwas wie "vielleicht auf der Reeperbahn" und setzte meinen Spaziergang fort.

Ich frage mich auch jetzt noch, ob beides, Lesen des Abschlussberichtes und diese kurz darauf passiertte merkwürdige Begegnung, vielleicht etwas mit einander zu tun haben könnte.