Falsche Freunde des Klimas

IPCC-Bericht Im neuen Report des Weltklimarats präsentieren die Wissenschaftler auch zwei umstrittene Maßnahmen: Atomkraft und CCS-Technik. Können wir nur so die Erderwärmung stoppen?
Felix Werdermann | Ausgabe 16/2014 21

Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern fünf nach zwölf. Um die Erderwärmung zu stoppen, reicht es nicht mehr, weniger Abgase in die Welt zu pusten. Nein, der Atmosphäre muss das Kohlendioxid sogar wieder entzogen werden, wenn das Zwei-Grad-Ziel noch erreicht werden soll. Der neueste Bericht des Weltklimarats IPCC ist ein Warnruf. Die Experten schlagen zur Weltrettung die weitere Nutzung der Atomkraft vor und die Verpressung von Klimagasen in tiefe Gesteinsschichten – die sogenannte CCS-Technik. Dürfen die das?

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Einige Umweltschützer relativieren: Atomkraft werde doch gar nicht „empfohlen“, sondern nur als CO2-arme Technologie genannt. Im Abschnitt über CCS werde auch auf die Sicherheitsrisiken hingewiesen und darauf, dass derzeit noch völlig offen ist, ob es jemals technisch und wirtschaftlich in großem Maße funktionieren wird, das Kohlendioxid sicher unterirdisch zu lagern. In Kombination mit der Verfeuerung von Biomasse ließe sich so das schädliche Klimagas aus der Atmosphäre holen.

Über die Formulierungen im IPCC-Bericht haben die Politiker bereits tagelang gestritten. Egal, ob man das als Empfehlung wertet oder nicht: Jetzt wird über Atomkraft und CCS diskutiert. Da ist es eigentlich egal, was ursprünglich im Text stand.

Nicht blind befolgen

Wer den wissenschaftlichen Anspruch des Weltklimarats ernst nimmt, muss im Bericht alle Optionen nennen. Manche Möglichkeiten zu verschweigen, wäre inakzeptabel. Aber die Politik darf auch nicht alle Ratschläge blind befolgen.

Ein nuklearer GAU würde manch negative Folgen der Erderwärmung durchaus in den Schatten stellen. Zudem kann die Atomkraft ohnehin nur einen winzigen Beitrag zur CO2-Minderung leisten, weil sie nur Strom produziert, aber weder Wärme noch Treibstoff. Und die CCS-Technik mag notwendig sein für Industrieprozesse, bei denen sich die CO2-Produktion nicht vermeiden lässt. CCS darf jedoch nicht als Feigenblatt dienen für den Weiterbetrieb oder Neubau von Kohlekraftwerken.

Das ist die wichtigere Botschaft des Berichts: Die Menschheit muss sich von der Nutzung der Kohle verabschieden. Darüber sollte diskutiert werden, nicht über die falschen Freunde des Klimas.

06:00 17.04.2014

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