Fast wie Gott

Porträt Das Klima ist nicht zu beneiden: Alle Politiker wollen es angeblich schützen. Nur leider gelingt das irgendwie nicht. Die Situation ist für das Klima dramatisch wie nie
Felix Werdermann | Ausgabe 27/2013 36
Fast wie Gott
Eines ist sicher: Es wäre sehr fahrlässig, wenn wir nicht handeln würden. Denn die Erde erwärmt sich immer mehr

Karte: Copyright DWD

Es war ein irrer Plan, und er ging auch noch schief. Zum Auftakt der Weltklimakonferenz in Berlin sollte ein Artist in schwindelerregender Höhe auf einem Drahtseil balancieren und damit die „Gratwanderung der Menschheit zwischen Natur und technischer Entwicklung“ zeigen. 50 Meter hoch, ohne Sicherung. 620 Meter weit, vom Fernsehturm zum Dom. Es regnete und stürmte an dem Sonntagabend, der Artist stieg trotzdem aufs Seil, Tausende Menschen verfolgten das Spektakel. Doch dann kam er ins Straucheln, verlor die Balancierstange, konnte sich gerade noch mit den Händen am nassen Seil festhalten.

Die „Klimabalance“ ging glimpflich aus, aber was lernen wir daraus? Der Mensch kann die Gesetze der Natur nicht außer Kraft setzen, die Ökologie gibt den Rahmen menschlichen Handelns vor. Man kann die missglückte Performance aber auch als schlechtes Omen für die internationalen Klimaverhandlungen werten. Damals trafen sich die Diplomaten aus aller Welt in Berlin zur ersten Klimakonferenz der Vereinten Nationen. Seitdem wird Jahr für Jahr verhandelt. Heute, 18 Jahre später, ist der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen so hoch wie nie zuvor.

Religiöse Leugner des Klimawandels

Das Klima ist also nicht zu beneiden: Alle Politiker geben vor, das Klima schützen zu wollen, aber irgendwie gelingt das nicht. Vielleicht liegt es an der Ähnlichkeit zu Gott: Das Klima ist zwar überall, aber man kann es nicht sehen, nicht fühlen, nicht riechen, nicht schmecken. Es gibt tatsächlich Leute, die halten den Klimaschutz für eine Religion: die sogenannten Klimaskeptiker, die man besser als Klimawandelleugner bezeichnet. Mit einem gesunden Maß an Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen haben ihre Verschwörungstheorien nichts zu tun.

Richtig ist: Es gibt große Unsicherheiten in den Zukunftsprognosen der Klimaforscher. Richtig ist aber auch: Dass die Erde sich erwärmt, ist so sicher, dass es fahrlässig wäre, nicht zu handeln. Umfragen zeigen, dass 97 Prozent der Wissenschaftler vom menschengemachten Klimawandel überzeugt sind. Solche Zahlen kann man sich aber schenken. Entscheidend ist, dass sich die Klimawandelleugner einen Dreck um wissenschaftliche Standards scheren und es deswegen mit ihren Theorien auch nicht in wissenschaftliche Fachzeitschriften schaffen, weil dort jeder Artikel von anderen Wissenschaftlern auf Plausibilität geprüft wird. Insofern gehört die Gruppe der Klimawandelleugner selbst einer Religion an.

Ist Obama der neue Klimaretter?

Das Klima braucht sich an diesen ungläubigen Gläubigen nicht zu stören. Das Problem sind die Lobbyisten der fossilen Industrie und die Politiker, die sich für das Klima bloß wegen der nächsten Sonntagsrede interessieren. Manchmal gibt es kleine Lichtblicke, beispielsweise, als US-Präsident Barack Obama in der vergangenen Woche seinen Aktionsplan zum Klimaschutz vorgestellt hat. Um die republikanischen Blockierer im Kongress zu umgehen, setzt Obama nun auf Verordnungen. Die Umweltbehörde EPA soll strengere Grenzwerte für Kohlekraftwerke erarbeiten.

Obama garnierte seine Rede zum Aktionsplan mit einer kämpferischen Liebeserklärung an das Klima. „Die Frage ist nicht, ob wir handeln müssen. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, zu handeln, bevor es zu spät ist.“ Schon bei seinem Besuch in Berlin hatte er den Klimawandel als „globale Bedrohung unserer Zeit“ bezeichnet. Läuft Obama jetzt der Klimakanzlerin Angela Merkel – zumindest rhetorisch – den Rang ab?

Die Zeiten der Klimakanzlerin sind vorbei

In Merkels Politik spielt der Klimaschutz schon seit Langem nur noch eine untergeordnete Rolle. Bei der Diskussion über erneuerbare Energien geht es um die angeblich zu hohen Kosten, der Umweltnutzen wird nicht erwähnt, geschweige denn in eine volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbezogen. Noch schlimmer aber ist Merkels Blockade bei der Reform des europäischen Emissionshandels, dem wichtigsten Klimaschutzinstrument auf EU-Ebene. Die Verschmutzungsrechte gibt es im Überfluss, CO2-Einsparungen lohnen sich nicht. Das kritisiert inzwischen sogar der eines Öko-Images unverdächtige Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Aber Merkel blockiert die Reform, weil FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler sich sträubt.

Was waren das noch für Zeiten, als Merkel im August 2007 nach Grönland reiste, um sich als Klimakanzlerin in roter Jacke vor einem schmelzenden Gletscher ablichten zu lassen. Da war viel Inszenierung mit im Spiel, aber das Klima stand immerhin auf der politischen Agenda. Schon wenige Wochen zuvor hatte Merkel das Thema ganz oben auf die Tagesordnung des G8-Gipfels in Heiligendamm gesetzt und damit den Anti-G8-Protesten geschickt den Wind aus den Segeln genommen.

Befeuert wurde die Diskussion über den Klimawandel damals durch zwei Berichte: vom Weltklimarat IPCC und vom ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern. Der IPCC-Report sagt: Die globale Durchschnittstemperatur ist seit Beginn der Industrialisierung um rund 0,7 Grad Celsius gestiegen, für die kommenden 100 Jahre ist mit einer Zunahme um weitere 1,1 bis 6,4 Grad zu rechnen – mit unabsehbaren Folgen. Der Stern-Report bringt dazu Zahlen, die auch bei Wirtschaftspolitikern die Alarmglocken schrillen ließen: Wenn jetzt begonnen wird, den Klimawandel zu bekämpfen, kostet das jährlich ungefähr ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Kosten einer ungebremsten Erderwärmung liegen bei fünf Prozent oder mehr.

In diesem Jahr erscheint ein neuer IPCC-Bericht, aber ob das Klima irgendwann gerettet wird, ist fraglich. Nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen im Jahr 2009 ist es ruhig geworden. Oder wissen Sie, wann und wo die nächste UN-Klimakonferenz stattfindet? Im November in Warschau. Große Erfolge sind nicht zu erwarten.

09:30 08.07.2013
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