Felix Werdermann
22.09.2013 | 19:00 15

Gesunde Schrumpfkur

Wahlergebnis Die Grünen können sich freuen, dass sie ihren Umfragen-Höhenflug jetzt beendet haben. Die Linke steht auch ganz passabel da, die Piraten sind an den Medien gescheitert

Gesunde Schrumpfkur

Unterstützer der Grünen reagieren auf die ersten Prognosen

Foto: Adam Berry/Getty Images

Dürfen sich die Grünen freuen? Sie haben die FDP deutlich überholt. Doch es bleibt ein fader Beigeschmack. Gab es da nicht mal Umfragewerte, die ungefähr doppelt so hoch waren? Gab es nicht mal die Spekulationen, ob die Grünen zur neuen Volkspartei werden?

Der Wahlkampf ist definitiv nicht so gelaufen, wie es sich die Grünen wohl gewünscht hätten. Umweltthemen haben keine Rolle gespielt, stattdessen gleich mehrere Frontal-Angriffe auf die Partei: Steuersystem, Veggie Day, Pädophilie-Debatte. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Anschuldigungen, die den Grünen gemacht wurden, zwar als haltlos. In den Köpfen vor allem der konservativen Grünen-Sympathisanten (und potentiellen Wählern) bleibt aber vor allem eines hängen: Die Grünen-Vorschläge sind sehr umstritten und irgendwie dubios.

Konzentration auf Stammwähler

Trotzdem ist der Rückgang in den Umfragen auch vorteilhaft für die Grünen: Das konservative Wählerklientel hat sich verabschiedet, nun könnten sich auch die Grünen von ihren neuen Zielgruppen verabschieden und sich wieder auf ihre linke Stammwählerschaft konzentrieren. Das verhindert nicht nur die innere Zerreißprobe, sondern ebnet auch den Weg für eine rot-rot-grüne Koalition in einigen Jahren. Und die Politik wird dadurch sowieso wieder besser.

Die Stammwählerschaft, auch das zeigt das Wahlergebnis, hat die Wahlkampf-Attacken auf die Grünen als solche erkannt und sich nicht abschrecken lassen. Höhere Steuern für die Reichen sind gerecht und die meisten profitieren davon. Der Veggie Day ist kein Zwang, sondern eine sinnvolle Idee, die vom Staat unterstützt werden sollte. Und bei der Aufarbeitung der Pädophilen-Vergangenheit sind die Grünen im Vergleich zu anderen Institutionen wie der Kirche äußerst vorbildlich.

Oppositionsführerin Linkspartei?

Die Linkspartei hat es geschafft, in letzter Minute an den Grünen vorbeizuziehen. Die Fraktion im Bundestag wird kleiner, aber das war seit Langem abzusehen. 

Immerhin hat die Linkspartei keine Negativ-Schlagzeilen produziert. Genauer: Immerhin hat sie keinen Anlass gegeben, dass die Medien Negativ-Schlagzeilen produzieren. Und der eloquente Gregor Gysi sieht in Talkshows so gut aus, dass selbst Bild-Redakteure begeistert sind.

Nun kann sich die Linkspartei zwar als Oppositionsführerin bezeichnen, von den übrigen Bundestagsparteien wird sie aber weiterhin mit Ignoranz gestraft. Das hat schließlich ideologische Gründe, die sich nicht durch ein Wahlergebnis wegdiskutieren lassen. Insofern kann es der Linken herzlich egal sein, ob sie im Parlament stärker als die Grünen vertreten ist oder nicht.

Piraten-Hoffnung Europawahl

Schlimmer hat es die Piraten erwischt. Sie sind spektakulär an der Ignoranz der Medien gescheitert. Als sie vor eineinhalb Jahren ihren Höhenflug bei den Umfragewerten hatten, waren sie die Lieblinge der Journalisten. Als es dann wieder bergab ging, wurden sie einfach fallen gelassen. Langweilig, uninteressant. Zumal sie keine Bundestagsabgeordneten haben.

Auch der NSA-Skandal konnte da nicht mehr helfen. Es ist nicht so, dass die Piraten ihn verschlafen hätten. Sie schrieben eine Pressemitteilung nach der anderen. Nur interessiert hat es irgendwie niemanden.

Immerhin gibt es für die Piraten ein Licht am Ende des Tunnels: Im Mai kommenden Jahres wird das Europaparlament neu gewählt und dort gilt keine Fünf-Prozent-Hürde, sondern bloß eine Drei-Prozent-Hürde. Die könnten die Piraten durchaus überspringen.

Dann wären sie in den Medien zwar immer noch kaum präsent, weil diese sich sowieso kaum für Europapolitik interessieren. Aber sie wären ganz nah dran am Zentrum der Macht, wo die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen werden. Und ein paar bezahlte Abgeordnete können den Piraten auch nicht schaden.

Kommentare (15)

Magda 22.09.2013 | 20:00

Also ich finde, diese Analyse misst den Medien nun wieder eine Bedeutung zu, die sonst immer geleugnet wird.

Aber sie wären ganz nah dran am Zentrum der Macht, wo die wirklich wichtigen Entscheidungen getroffen werden.

Also die wirklich wichtigen Entscheidungen werden eher in der Europäischen Kommission getroffen. Martin Schulz, der gegenwärtige Präsident der Parlaments, klagt ja andauernd darüber.

Und ein paar bezahlte Abgeordnete können den Piraten auch nicht schaden.

Willkommen im politischen Alltag. Paar gute Leute für die Kommunikation wären aber auch nicht schlecht.

koslowski 22.09.2013 | 20:24

"und sich wieder auf ihre linke Stammwählerschaft konzentrieren." - Das haben sie in diesem Wahlkampf getan und sind damit gescheitert. Links ist für die Grünen (Linke, SPD) nichts zu holen. Das Schlimmste, was den Grünen passieren könnte, wäre jetzt ein Union, die sie zur Koalition einlädt (keine absolute Mehrheit, SPD-Basis will nicht).

Pedder 23.09.2013 | 11:13

Ich bin nicht der Überzeugung, dass der Veggiday, auch wenn ich mich nicht gerne Zwangsernähren lasse, oder die Steuerdiskussion entscheidend waren. Meiner Meinung nach, hätte Jürgen Tritin das tun sollen, was er von allen anderen vor allem aus dem gegenerischen politischen Lager bei der Pädophilendebatte gefordert hätte, nämlich zrückzutreten und damit wirklich die Verantwortung zu übernehmen. Gerade dieses Rumgeiere und die Inkosequenz hat mit Sicherheit viele davon abgehalten bei den Grünen ihr Kreuzchen zu machen.

Niklas Buhmann 23.09.2013 | 11:35

Und ich folge nicht nur dem Link zu BILD, sondern klicke auch noch die Fotostrecke durch (so ein Wahlergebnis kann halt demoralisieren). Dort treffe ich auf einen Bild-Mitarbeiter namens Christian Kitsch. Schöner Name und tolles Statement: Da wird zunächst die Armut beklagt - „und die Grünen habe nichts Besseres zu tun, als mit einem Veggie Day auf Stimmenfang zu gehen“. Journalismus als selbsterfüllende Prophezeiung, so klebt die Konservative an ihrer eigenen Leimspur fest.

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rioges 23.09.2013 | 11:51

Irgendwie ist es den Medien gelungen diesen ganzen Wahlkampf auf das Duell der hängenden Mundwinkel Merkel /Steinbrück zu reduzieren. U.a. auch durch diesen Abend der gleichgeschalteten Medien der als Duell verbucht wurde. Als Duell zwischen zwei, die gar nicht direkt wählbar waren.

Das Ergebnis ist ein Sog hin zu den beiden größeren Parteien, ein abflachen der Inhalte und ein einlullen des Wahlvolkes.

Dass erneut fast 30% nicht wählen gegangen sind spielt keine Rolle. Man hat ja die Stimmen einkassiert. Die Posten werden besetzt - jetzt hat das Wahlvolk gefälligst wieder still zu halten.

Einfluss haben ab jetzt wieder die Lobbygruppen außerhalb und die Juristen innerhalb des Parlaments.

Irgendwie ist es ja nicht viel besser geworden - von der FDP-Bruchlandung mal abgesehen. Und eben dem herlichen Durcheinander.

richter169 23.09.2013 | 12:00

Ich bin gespannt wer sich mit der CDU einläßt. Der ist in der nächsten Wahl der große Verlierer. Alle Parteien die Partner der CDU unter Merkel waren, haben es bitter bereut.

Ich schätze es gibt eine Rot/Rot/Grüne Koalition oder eine Minderheitsregierung der CDU. Alls Basis der Parteien würde ich den nicht zustimmen und als Pateichefs wären mir die anderen Partner der CDU eine Warnung.

Im Grunde müsste es Neuwahlen geben für eine Handlungsfähige Regierung.

Bis dann

lg von Richter169

pirat

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Ehemaliger Nutzer 23.09.2013 | 15:44

Obwohl viele Umfragen zeigen, dass eine Mehrheit der Menschen in Deutschland mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Kontrolle der Finanzmärkte und eine friedliche Außenpolitik wollen, setzten sie auf "Königin Mutti"! Was macht linke Politik falsch?

Wahlen 2013, eine erste Bilanz aus linker Sicht: http://wipokuli.wordpress.com/2013/09/23/wahlen-2013-eine-erste-bilanz-aus-linker-sicht/

Andreas Schlüter

Soziologe

Berlin

Heimatloser 23.09.2013 | 17:53

Ich bin mir sehr sicher, dass die Spezialdemokraten in die große Koalition gehen werden, natürlich nicht wegen der Ministerämter sondern aus Staatsräson. Sie werden u.a. den Finanzminister stellen und damit wird alles, was in der nächsten Legislaturperiode auf die Bürger zu kommt (u.a. Kosten der Euro-Krise; Folgen der Schulden-Bremse im GG) der SPD angerechnet werden und die CDU ist fein raus. 2017 startet die SPD dann das Projekt 18. Aber sie haben's nicht besser verdient.

Ichhaltsnichtmehraus 23.09.2013 | 18:25

Herzlichen Glückwunsch, SPD und Grüne!

Was habt ihr da plötzlich nach dieser Wahl mit diesem Ergebnis für ein im Grunde völlig unverdientes Glück!! Was für eine Jahrhundertchance! Ich lese, so ganz doll wolltet ihr euch dann doch nicht mehr weiter ruinieren, ihr Armen? Geniesse ich da gerade tatsächlich ENDLICH das verwirrte Wispern einiger selbstkritischer Tönchen? Mein Gott, solltet sogar ihr es nach all diesen furchtbaren Jahren unglaublicher Fehleinschätzungen und kriminell dümmster politischer Hämmer nunmehr tatsächlich begreifen? Jetzt, wo euch die sehr wahrscheinlich EINMALIGE Chance geboten wird, euch ENDLICH!! wieder aus der Gosse einer auch von euch selbst mit bis zur Zukunftslosigkeit verseuchten Geschichte emporzufegen? Sollten politische Chance und politisches Begreifen plötzlich und völlig unerwartet sogar auch bei Euch bislang ja völlig vernagelten Selbstzerstörern tatsächlich zeitlich zusammenfallen?

Ganz recht, ihr wißt, wovon ich rede: ROT-ROT-GRÜN ist DIE Jahrhundertchance - WAS SONST?!!.. und das GENAU JETZT!
Und wenn ihr die jetzt vergeigt... BEI GOTT, das SCHWARZE LOCH wird euch in Zukunft so ZERFRESSEN, daß ihr euch bis an euer Ende ewig wünschen werdet, Himmel, bitte, lass es wieder September 2013 sein..

Der neoliberal dumme, hinterhältige, menschenverachtende und bösartige Terror der schwarz-gelben Zerstörung ist abgewählt!!! - JETZT!

Ihr habt nun vier Jahre, um wieder mehr Wähler zu gewinnen - und nebenbei Geschichte zu schreiben...

GO!