Kein Entkommen mehr

Militarisierung Eine Sonderbriefmarke soll die Akzeptanz der Bundeswehr erhöhen. Friedensaktivisten planen schon Proteste. Zu Recht. Das Militär dringt immer weiter in unseren Alltag ein
Felix Werdermann | Ausgabe 22/2013 11
Kein Entkommen mehr
Bild: Deutsche Post

Sie ist wenige Quadratzentimeter klein, kostet 58 Cent und treibt die Militarisierung der deutschen Gesellschaft voran: In der kommenden Woche erscheint eine Sonderbriefmarke für die Bundeswehr und ihre Soldaten. Wer nichts ahnend am Postschalter nach Porto fragt, bekommt also womöglich eine Marke mit Umrissen von Männern, Frauen und Kindern, heilen Familien – alles in grün-braunen Flecktarnfarben. Dazu die Aufschrift: „Im Einsatz für Deutschland.“ Rund zehn Millionen Briefmarken sollen unter die Leute gebracht werden.

Friedensaktivisten planen bereits Protestaktionen vor Postfilialen und eine Petition gegen die Sondermarke. Zudem wollen sie Geld sammeln, um ihre eigene Briefmarke – sicherlich in geringerer Auflage – herauszubringen. Und schon auf der Hauptversammlung der Deutschen Post haben die "kritischen Aktionäre" den unkritischen Umgang der Post mit der Bundeswehr kritisiert.

Ist das nicht zu viel der Ehre für ein kleines Stück Papier? Nein, nicht nur Pazifisten und Philatelisten sollten sich für die Sache interessieren, es geht um keine Kleinigkeit: Das Militär wird normal und dringt immer weiter in unseren Alltag ein. Es gibt kein Entkommen mehr.

Schon die Kinder werden indoktriniert

Die Bundeswehr wirbt inzwischen auch im Fernsehen zu besten Zeiten für ihr Treiben – zwischen den Spots für Waschmittel und Dating-Portalen, als wäre die Armee ein Arbeitgeber wie jeder andere, als wäre der Soldatenberuf ein Job wie jeder andere. Die Abschaffung der Wehrpflicht hat eben eine Kehrseite: Für die Nachwuchsrekrutierung wird eine aggressive Werbekampagne nach der anderen gefahren. In Jugendzeitschriften wie Bravo präsentiert sich die Bundeswehr als großes Abenteuer, was sogar Kinderrechtsvereine auf den Plan rief, die antimilitaristischer Umtriebe eher unverdächtig sind.

Die neue Briefmarke wird der Bundeswehr sicher nicht die händeringend gesuchten Fachkräfte bringen, zumindest nicht kurzfristig. Aber sie dient der Akzeptanzbeschaffung. Das Finanzministerium als Herausgeber der Marke schreibt, die Armee nehme „einen selbstverständlichen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft ein“.

Und: In die Schulen ist die Bundeswehr schon lange eingedrungen. Jugendoffiziere indoktrinieren jährlich mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche, mit Zwang zum Zuhören. Da sollten sich die Schüler im Unterricht stattdessen doch lieber langweilen oder auch Liebesbriefe schreiben. Und am besten persönlich abgeben, ganz ohne Bundeswehrbriefmarke.

 

09:00 04.06.2013

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