Felix Werdermann
Ausgabe 2213 | 04.06.2013 | 09:00 11

Kein Entkommen mehr

Militarisierung Eine Sonderbriefmarke soll die Akzeptanz der Bundeswehr erhöhen. Friedensaktivisten planen schon Proteste. Zu Recht. Das Militär dringt immer weiter in unseren Alltag ein

Kein Entkommen mehr

Bild: Deutsche Post

Sie ist wenige Quadratzentimeter klein, kostet 58 Cent und treibt die Militarisierung der deutschen Gesellschaft voran: In der kommenden Woche erscheint eine Sonderbriefmarke für die Bundeswehr und ihre Soldaten. Wer nichts ahnend am Postschalter nach Porto fragt, bekommt also womöglich eine Marke mit Umrissen von Männern, Frauen und Kindern, heilen Familien – alles in grün-braunen Flecktarnfarben. Dazu die Aufschrift: „Im Einsatz für Deutschland.“ Rund zehn Millionen Briefmarken sollen unter die Leute gebracht werden.

Friedensaktivisten planen bereits Protestaktionen vor Postfilialen und eine Petition gegen die Sondermarke. Zudem wollen sie Geld sammeln, um ihre eigene Briefmarke – sicherlich in geringerer Auflage – herauszubringen. Und schon auf der Hauptversammlung der Deutschen Post haben die "kritischen Aktionäre" den unkritischen Umgang der Post mit der Bundeswehr kritisiert.

Ist das nicht zu viel der Ehre für ein kleines Stück Papier? Nein, nicht nur Pazifisten und Philatelisten sollten sich für die Sache interessieren, es geht um keine Kleinigkeit: Das Militär wird normal und dringt immer weiter in unseren Alltag ein. Es gibt kein Entkommen mehr.

Schon die Kinder werden indoktriniert

Die Bundeswehr wirbt inzwischen auch im Fernsehen zu besten Zeiten für ihr Treiben – zwischen den Spots für Waschmittel und Dating-Portalen, als wäre die Armee ein Arbeitgeber wie jeder andere, als wäre der Soldatenberuf ein Job wie jeder andere. Die Abschaffung der Wehrpflicht hat eben eine Kehrseite: Für die Nachwuchsrekrutierung wird eine aggressive Werbekampagne nach der anderen gefahren. In Jugendzeitschriften wie Bravo präsentiert sich die Bundeswehr als großes Abenteuer, was sogar Kinderrechtsvereine auf den Plan rief, die antimilitaristischer Umtriebe eher unverdächtig sind.

Die neue Briefmarke wird der Bundeswehr sicher nicht die händeringend gesuchten Fachkräfte bringen, zumindest nicht kurzfristig. Aber sie dient der Akzeptanzbeschaffung. Das Finanzministerium als Herausgeber der Marke schreibt, die Armee nehme „einen selbstverständlichen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft ein“.

Und: In die Schulen ist die Bundeswehr schon lange eingedrungen. Jugendoffiziere indoktrinieren jährlich mehr als 100.000 Kinder und Jugendliche, mit Zwang zum Zuhören. Da sollten sich die Schüler im Unterricht stattdessen doch lieber langweilen oder auch Liebesbriefe schreiben. Und am besten persönlich abgeben, ganz ohne Bundeswehrbriefmarke.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/13.

Kommentare (11)

h.yuren 04.06.2013 | 09:43

lieber felix,

das ist ein wahrlich dicker hund, den du in den blick rückst. die mit ruhm bekleckerten präsentieren sich selbstverständlich in der mitte der gesellschaft, da, wo angeblich alle sind. in der mittelmäßigkeit.

mit der marke drängen die siegreichen sich unters volk. wir haben nicht genug mit militärs gepflasterte straßen und plätze.

aber klar, die normalität des staates ist, bewaffnet zu sein. kennst du einen staat ohne kasernen? der krieg ist bestandteil der politik und geschichte.

es ist ein jahrzehntelanger weg vom ersten uniformierten polizisten im städtchen nach dem krieg bis zur selbstverständlichkeit der briefmarke mit den befleckten. ein zielstrebiger weg. das ende ist die normalität der wiederholung.

danke für das blog.

grüße, h.

oranier 04.06.2013 | 10:42

In der Mitteilung, die das Bundesfinanzministerium (gibt es keinen Postminister mehr?) auf seiner Seite eigens dazu veröffentlicht, heißt es:

"Für die gesellschaftliche Wertschätzung der Leistungen der Angehörigen der Bundeswehr zu werben, ist Anliegen dieser Briefmarke."

Fragt sich allerdings, wieso das nötig sein soll, wenn anders es weiter oben heißt:

"Die Bundeswehr genießt hohes Ansehen und großes Vertrauen. Sie nimmt einen selbstverständlichen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft ein..."

IronCandy 04.06.2013 | 13:18

Eigentlich muss man dieses Thema gar nicht so weit auswalzen.

Fakt ist: Eine Briefmarke sollte möglichst neutral sein und bestenfalls noch unseren Wertekonsens abbilden. Was hier passiert ist dass einige Wenige willkürlich der Masse ihre hässliche Gesinnung aufdrücken wollen, was sich schon am Aussehen dieses widerlichen Teils zeigt.

Vielleicht sollte man eher eine Debatte anstoßen wie wir die Gestaltung der Briefmarken demokratisch gestalten.

frikling 04.06.2013 | 17:48

In diesem Zusammenhang sehr interessant ist der Beschluss des Deutschen Bundestages vom 29.05.13, in der ganzen BRD 30 neue Unterstützungskompanien zu stationieren. "Die Bundeswehr wird bis zum Jahr 2014 insgesamt 30 sogenannte Regionale Sicherungs- und Unterstützungskompanien in Dienst stellen." (http://www.bundestag.de/presse/hib/2013_05/2013_287/02.html). Ja, damit kommt die Bundeswehr dann wirklich in der Mitte des Volkes an. Vermutlich möchte man zukünftig möglichen Protesten oder Demonstrationen der Zivilbevölkerung überzeugender begegnen, als es die Polizei mit Pfefferspray und Schlagstöcken kann. Oder wie soll man die Begründung verstehen, die von einer"„weniger wahrscheinliche[n], aber mittel- und langfristig nicht auszuschließende[n] Veränderung der sicherheitspolitischen Lage“" ausgeht? Selbst wenn mein Verdacht völlig unbegründet ist, so wüsste ich dennoch als Bürger gerne, welche Veränderungen der sicherheitspolitischen Lage im Land dazu führen, dass diese Umstrukturierungen nötig sind. Es ist beunruhigend wenn Militär stationiert wird, ohne klar erkennbaren oder genannten Grund.

schorsch klunie 05.06.2013 | 10:50

naja,schön und gut.....

aber auf welcher (gleichbehandelten) grundlage soll die empörung stattfinden? was soll die konsequenz sein?

dass es vor allem kinder heute mehr den je lernen müssen sich einerseits auseinanderzusetzen und andererseits abzuschotten um sich nicht allzu sehr von interessensgruppen beeinflussen zu lassen ist ohnehin klar.

http://de.wikipedia.org/wiki/Katholikentag#Briefmarken

die antwort auf den liebesbrief könnte im religionsunterricht geschrieben werden.....

Ludwig Hasselberg 06.06.2013 | 00:21

Allerdings, einige Wenige. Nämlich:

Ernst Hinsken (CSU), Ulrich Petzold (CDU), Klaus Brandner (SPD), Jürgen Koppelin (FDP). Die Vier sind der sog. "Programmbeirat", der über Motive entscheidet.

Siehe http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/004/1700462.pdf

Ich überlege mir, den verehrten Abgeordneten mal eine der zahlreichen, wunderschönen NVA-Briefmarken zu schicken. Um zu zeigen, wie weit wir gekommen sind.

Helmut Eckert 14.06.2013 | 09:38

Die Bundeswehr muss in der Mitte dieser Gesellschaft sein. Ist sie es nicht, dann besteht die Gefahr, sie wird zu einer Gesellschaft –Sekte innerhalb der Gesellschaft. Wollen wir das wirklich?

Die Bundeswehr ist eine Heimatarmee. Ihre Aufgabe ist die Verteidigung unseres Staates. Sprüche wie sie einst ein Herr Struck tat: „Die Heimat wird am Hindukusch verteidigt“, sind fehl am Platz.

Die Bundeswehr ist eine Bündnisarmee. Sie ist eingebunden in die NATO und somit Teil dieses Bündnisses. Mein Sohn ist Bundeswehrangehöriger. Er ist Teil dieser Gesellschaft. Diese Teilhabe verdient er sich täglich, auch im Auslandseinsatz! Daher begrüße ich diese besagte Briefmarke. Eine Briefmarke bezeichnen wir als Wertmarke. Jeder Bürger hat das Recht der freien Meinungsbildung. Kein Diktator befiehlt ihm, diese Wertmarke zu erwerben! In der „SBZ“ gab es eine Briemarke mit dem Konterfei von diesem Spitzbart W.U. Obwohl dieser Mann sehr wenig Rückhalt in der Bevölkerung genoss, wurde diese Marke millionenfach erworben. Niemals war sie Sympathisieträger für das SED Regime! Die Bundeswehrmarke macht keinen Gegner der Bundeswehr zu einem Jünger der Armee. Im Umkehrschluss bedeutet es, dass der Befürworter des Heeres, mit dem Erscheinen dieser Marke, jetzt zum kritiklosen Hurraschreier wird.

Eine Briefmarke mit dem Bildnis eines W. Piecks; T. Heuß konnte jeder Bürger von der Rückseite lecken. Das kann er mit der neuen Marke ebenfalls.

Helmut Eckert 14.06.2013 | 09:44

Eine Anmerkung an alle,welche diese Bundeswehr abschaffen wollen: Fragen sie die Menschen in den Hochwassergebieten, was sie von dieser, unseren Bundeswehr halten? Wie würden die ewigen Kritiker denken, wenn ihr Häuschen, ihr Hab und Gut am Absaufen wäre und die Kameraden dieser Bundeswehr das Eigentum dieser Kritiker retten? Jede Münzer hat zwei Seiten! Das sollten die radikalen Denker einmal bedenken!

kai1 04.08.2013 | 17:47

Nach der Lektüre dieses Artikels musste ich unwillkürlich den Kopf schütteln. Aufgrund einer Briefmarke, die alles andere als "militaristisch" ist (vielmehr hätte ich mir - was das Motiv angeht - eine wesentlich bundeswehrspezifischere Briefmarke gewünscht) davon zu reden, hier werde der Militarisierung der Gesellschaft Vorschub geleistet, vor der es kein Entrinnen gebe, grenzt an - nein - überschreitet die Grenze zur Paranoia.

Das gilt ebenso für die Behauptung, schon KInder würden indoktriniert. Wer solches behauptet, weiß nicht, wovon er redet, weiß nicht, was wirkliche Indoktrinierung ist. Die Bundeswehr ist ein integraler Bestandteil dieses demokratischen Staates, sie ist eine Parlamentsarmee, die wie kaum eine andere irgendwo auf der Welt parlamentarischer Kontrolle unterworfen ist. Als Freiwilligen- und Berufsarmee ist sie ein Arbeitgeber, wie andere auch (muss sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten) und hat ein Recht, für sich zu werben (Übrigens sind die viel kritisierten Jugendoffiziere keine "Werbeoffiziere", wie das in vielen NATO-Staaten der Fall ist, eine Indoktrinierung findet auch in den Schulen keineswegs statt). Nach dem Aussetzen der Wehrpflicht wird niemand "gezwungen" (schon zuvor konnte in der Realität kaum mehr von "Zwang" die Rede sein), Soldat zu werden. Wer destruktive Kritik an der Art und Weise äußert, wie die Bundeswehr auf sich aufmerksam macht, kann dies eigentlich nur aus polemischer Bösartigkeit tun, es sei denn, er lebt in einer realitätsfernen "Parallelwelt".

Gennaro Soldi 25.10.2013 | 11:53

Nach der Aussetzung der Wehrpflicht kann man wohl davon reden, dass das Militär noch nie weiter außerhalb der Gesellschaft stand als heute und ihr ein eisiger Wind entgegenbläst.

Der Autor macht sich zu Unrecht Sorgen, wenn er sich denn welche macht. Wir sind von einer Militarisierung der Gesellschaft unendlich weit entfernt.

Auch kann von einer Indoktrination der Kinder keine Rede sein. Indoktriniert werden sie maximal von ihren Betreuuern und Lehrern. Die stehen eher im Lager der militanten Pazifisten.

Diese militanten Pazifisten wiederum gehören oftmals zur Kaste der die DDR verklärenden Gestrigen. Aber gerade diese DDR hat massenweise Briefmarken herausgebracht, die militärische Motive darstellten - auch den Kampfgruppen gewidmete.

Nein, wir können mit unserer Armee schon ganz zufrieden sein. Mit deren politischen Herren mitunter nicht. Aber das ist etwas anderes!