Kein IQ-Preis für Edward Snowden

Mauschelei Der Vorstand des Hochbegabtenvereins Mensa will den Whistleblower nicht ehren und setzte die Wahlkommission unter Druck. Danach verschwand Snowden von der Kandidatenliste
Felix Werdermann | Ausgabe 04/2015 35

Hat sich Edward Snowden „mit einer intelligenten Idee um das Wohl der Allgemeinheit“ verdient gemacht und darf man ihn dafür auszeichnen? Darüber gibt es seit Wochen Streit im Hochbegabtenverein Mensa, wie der Freitag erfahren hat. Die Organisation vergibt jedes Jahr medienwirksam den Deutschen IQ-Preis, und diesmal hatten zwei Mitglieder den Whistleblower und ehemaligen Geheimdienstmitarbeiter Snowden vorgeschlagen.

Doch der Vereinsvorstand hat die Nominierung verhindert, Snowden wurde von der Kandidatenliste gestrichen – trotz massiver Proteste mehrerer Mitglieder, die nicht namentlich genannt werden wollen. Intern jedoch werden schon Vorwürfe laut: „Wahlmanipulation“, „Zensur“, „Hongkong-Demokratie“. Mindestens eine Person soll wegen der Affäre schon aus Mensa ausgetreten sein.

Drohungen an die Wahlkommission

Ob die Entscheidung des Vereinsvorstands so intelligent war, darf also bezweifelt werden. Geschuldet ist sie wohl einer Mischung aus politischen Gründen und Angst. Angst vor einer schlechten Presse, Angst vor Kritik aus den eigenen Reihen, Angst vor Unverständnis der Mensa-Sektionen im Ausland. Die Preisverleihung an Snowden hätte als politisches Statement verstanden werden können, und laut Vereinssatzung darf sich Mensa nicht zu politischen Themen äußern. Doch diese Argumentation ist nicht haltbar. Über die Preisträger stimmen die 10.000 Mitglieder demokratisch ab – was auf der Website als „das besondere am Deutschen IQ-Preis“ gefeiert wird –, und in der Satzung heißt es ausdrücklich: „Die Veröffentlichung der Ergebnisse von Mitgliederumfragen gilt nicht als Stellungnahme des Vereins.“

Im Vorstand ist Vanitas Berrymore für den IQ-Preis zuständig. Er sagt, aus der Satzung gehe eben auch hervor, „dass man Umfragen veröffentlichen darf, aber nicht muss“. Aber rechtfertigt das, sich in die Arbeit der Wahlkommission einzumischen und zu drohen, das Ergebnis werde medial totgeschwiegen, sollte Snowden gewinnen? Berrymore sagt offen: „Wir hätten das so klein wie möglich gehalten.“ Beispielsweise wäre keine Pressemitteilung verschickt worden, wie es sonst üblich ist. Das habe er den Kommissionsmitgliedern auch gesagt.

Und es hat offenbar gewirkt: War die Kommission anfangs noch überzeugt, dass Snowden die Nominierungskriterien erfüllt, änderte sie nach den Gesprächen ihre Meinung. Eine Person war weiterhin für die Zulassung, eine dagegen, zwei enthielten sich. Nach diesem Patt hat der Vorstand entschieden: gegen Snowden. Ein Kritiker spricht von einer „nicht satzungsgemäßen Mauschelei-Aktion“.

„Ein gesuchter Verbrecher“

In einem Newsletter an alle Mitglieder begründet der Vorstand seine Entscheidung. Erstens beruft er sich auf die Charta des IQ-Preises. Darin heißt es, der Preisträger müsse sich „in Deutschland“ verdient gemacht haben. Der Vorstand meint, das sei „nicht unbedingt so zu verstehen, dass es ausreicht, wenn er lediglich ,auch Einfluss auf Deutschland hatte'“. Aber wie kann es sein, dass dann der britische Schauspieler Jonathan Lee Miller, der in der US-Fernsehserie Elementary den hochbegabten Sherlock Holmes verkörpert, im Rennen um den IQ-Preis bleibt?

Zweitens sorgt sich der Vorstand um den Ruf im Ausland. „Es gibt viele Länder, in denen Snowden ein gesuchter Verbrecher ist und eine solche Nominierung auf völliges Unverständnis stößt.“ Den Medien wird unterstellt, sie würden unerwähnt lassen, dass nur deutsche Mensa-Mitglieder abstimmen dürfen und dass die Preisbegründung nicht politisch zu verstehen sei. „Viele tausend Mensaner“ in aller Welt müssten dann eine Handlung der deutschen Sektion rechtfertigen, „die aus ihrer Sicht sowohl völlig unverständlich als auch hochgradig politisch ist“.

Hat sich der Vorstand etwa dem internationalen Druck gebeugt? Vanitas Berrymore räumt ein, dass die Nominierung bei einer der monatlichen Telefonkonferenzen zwischen den verschiedenen Sektionen zur Sprache kam. „Andere Länder waren wenig begeistert.“ Aber darf der Vorstand deshalb den deutschen Mitgliedern die Entscheidung vorenthalten? In einer Mail kommentiert ein empörter Mensaner: „Das Ausland nimmt ja auch keine Rücksicht darauf, dass der Begriff Mensa von den meisten Deutschen gleichgesetzt wird mit labbrigem Kantinenessen.“

Der Vorstand führt ein drittes Argument an: Die Zulassung Snowdens wäre „als ein politisches Statement aufgefasst worden, ganz gleich, mit welcher Begründung er nominiert wurde“. Der Vorschlag selbst wurde tatsächlich mit der Intelligenz gerechtfertigt. In einer der beiden Begründungen heißt es: „Dass Edward Snowden hochintelligent ist, zeigt nicht zuletzt seine abenteuerliche Flucht, bei der er eine Supermacht, die praktisch über unbegrenzte wirtschaftliche und militärische Ressourcen verfügt, an der Nase herumführte.“ Allein die Beschaffung der Informationen über die Überwachungsprogramme sei „eine intellektuelle Meisterleistung“.

Eine politische Komponente gibt es jedoch: Snowden habe seine Intelligenz „in den Dienst der Allgemeinheit“ gestellt – das sieht nicht jeder so. Die verhinderte Snowden-Nominierung will Berrymore vom Vereinsvorstand dennoch „weder als Statement für noch gegen Snowden“ verstanden wissen. Es sei „überhaupt kein politisches Statement“.

Kritik wird abgebügelt

Warum vertraut er nicht den hochintelligenten Mitgliedern, dass sie Snowden einfach nicht wählen, wenn dies den Ruf von Mensa schädigt oder gegen die politische Neutralitätspflicht verstößt? In dem Fall hätten Mensa-Mitglieder auf der ganzen Welt abstimmen müssen, meint Berrymore. Dafür fehlten aber die technischen Voraussetzungen und die finanziellen Mittel.

Die interne Kritik an der Nichtzulassung wird vom Vorstand offenbar leichtfertig abgetan. Nur drei Tage, nachdem die Streichung Snowdens von der Kandidatenliste bekannt gegeben wurde, begann die Abstimmung. Mehrere Mitglieder hatten gefordert, noch eine Woche zu warten, um über den Fall diskutieren zu können. Als nichts mehr zu ändern war, rief ein Kritiker dazu auf, stellvertretend für Snowden einen anderen Kandidaten zu wählen: Jonathan Lee Miller. So sollte die Preisvergabe „ad absurdum“ geführt werden. Und es ist anscheinend gelungen: Miller bekam die meisten Stimmen und wird den Deutschen IQ-Preis 2014 erhalten. Ob der Verein das der Presse irgendwann noch mitteilen wird, ist eine andere Frage. Das Jahr ist schließlich schon vorbei.

Dieser Text wurde für die digitale Ausgabe ergänzt

11:11 21.01.2015

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