Felix Werdermann
Ausgabe 4113 | 07.10.2013 | 06:00 21

Linke Gentrifizierer

Mietpreise Die Berliner Szene diskutiert die Frage: Darf ich als gut verdienender Antikapitalist ins angesagte Viertel ziehen - oder vertreibe ich so die Alteingesessenen?

Während vor einer Woche deutschlandweit mehr als zehntausend Menschen für bezahlbare Mieten auf die Straße gingen, diskutierte die Berliner linke Szene eine „ethisch fragwürdige Entscheidung“. Darf ich als relativ gut verdienender Antikapitalist in den angesagten Stadtteil Neukölln ziehen oder vertreibe ich dort die Alteingesessenen und mache mich damit mitschuldig an der Gentrifizierung?

Die Frage aufgeworfen hatte Don, der sich nur unter diesem Pseudonym traute, eine Nachricht über einen für alle offenen, großen linken Mailverteiler zu schreiben. Don verdient nach eigenen Angaben rund 100.000 Euro im Jahr und will sich in der Hauptstadt politisch engagieren statt „mit bornierten Grünen und schnöseligen Yuppies im Nobelghetto zu leben“. Aber wie ist das mit der Mitschuld an der Mietpreiserhöhung? Keine leichte Frage, Don suchte ernst gemeinte Ratschläge.

"Wir finden dich"

Lange ließen die ausfallenden Bemerkungen nicht auf sich warten, eine Diskussionsteilnehmerin schrieb etwa: „Tu mir einen Gefallen und zieh einfach in eine Gegend, in der (...) die Luxussanierungen abgeschlossen sind und du dich dann nicht irgendwann doch über stinkende Hartzer oder nicht integrierte Migranten ärgern musst.“ Eine andere drohte sogar: „Mach einen großen Bogen um unseren Kiez, wir kennen dich, und wir finden dich“.

Die meisten Antworten waren jedoch kritisch-konstruktiv. Einige Vorschläge: mit Menschen zusammenziehen, die sonst keine bezahlbare Wohnung finden, und die Miete nach Einkommen aufteilen; politische Gruppen gegen Gentrifizierung unterstützen; bei der Wohnungssuche ein paar Regeln beachten: keine Luxuswohnung nehmen, aber auch keine supergünstige, die für Hartz-IV-Empfänger bezahlbar ist.

Die Schuld der Politiker

Oder ist das alles egal? „In Neukölln leben 300.000 Menschen. Das Risiko, dass durch dich das Mietniveau ins Unermessliche steigt, ist also tendenziell überschaubar“, gibt einer zu bedenken. „Möchte man gegen Gentrifizierung vorgehen, kann man für Zwangsräumungen verantwortlichen Vermietern ans Bein pissen oder Vermieter von Ferienwohnungen in die Suppe spucken.“

Gibt es also gute und schlechte Gentrifizierer? Mag sein, dass es da Unterschiede gibt. Sicher ist aber auch, dass sich Mietervertreibung nur politisch stoppen lässt. Wenn es zu wenige Sozialwohnungen gibt, ist das weder die Schuld von linken Gutverdienern noch von gierigen Miethaien. Es ist die Schuld von Politikern. Und von Linken, die sich lieber selbst beschimpfen als politischen Druck zu machen.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 41/13.

Kommentare (21)

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Ehemaliger Nutzer 07.10.2013 | 06:44

Es ist die Schuld von Politikern. Und von Linken, die sich lieber selbst beschimpfen als politischen Druck zu machen.

würde ich als antikapitalist 100.000 euro verdienen, würde ich überlegen, wie ich der schizophrenie dieser "selbstbezeichnung" entkomme ...

aber da ja dieser zustand unabhängig von jeder politischen ausrichtung zeitgemäss -normal eher die unhinterfragte/akzeptierte regel, als die ausnahme ist, ist es natürlich äusserst kokett+unterhaltsam meinen hang zur originalität öffentlich auszuleben

>>> statt klare kante durch entscheidungen zu treffen, wie z.b. antikapitalistische projekte zu unterstützen ... warum nicht in neukölln ... oder wo auch immer

Sinan A. 07.10.2013 | 10:49

Typisch Berlin, jeder gegen jeden, immer auf Krawall gebürstet. Man kann auch aus allem ein Problem machen.

Etwas mehr Harmonie täte den Leuten ganz gut. In Köln funktioniert das einfach besser. Mich stört es doch nicht, wenn der Nachbar sein schweres Coupé vor der Garage parkt. De Hauptsach is, et Hätz is joot. Es muss menschlich stimmen. Der Rest findet sich.

JungleJules 07.10.2013 | 10:54

Ich finde es irgendwie unheimlich schade dass gerade dieses Problem von vielen frei nach dem guten alten neoliberalen Dogma "blame it on the individual" behandelt wird. Sicherlich können wir uns gerechtfertigterweise über immerhungrige immobilienfressende "Großgrundbesitzer" ärgern, und sicherlich ist es sinnvoll seinen Unmut auszudrücken über Menschen die mit ihrem Wohnverhalten eine stästische ghettoisierung fördern. Das komplette Gentrifizierungsproblem (und damit auch seine Lösung) auf Menschen und Menschengruppen zu verlagern halte ich allerdings für eine gefährliche Tendenz. Dieses Problem verlangt nach Politischen Lösungen (Mietpreisdeckelung, städtische Verpflichtung an Investoren auf erworbenen Grundstücken Sozialwohnungen (mit) zu bauen, auch in "schicken" Wohnvierteln, aber auch das präsent werden des "Gentrifizierungsproblems" in den bereichen Kultur, Kunst und Bildung.) Bekämpft werden sollten hier komplexe Strukturen im Sozialraum und das ist nicht einfach und erfordert Zusammenarbeit und Zusammenhalt.

Zusätzlich weiß ich auch nicht wo denn die Einkommengrenze eines Antikapitalisten zu liegen hat, um einer Schizophrenie zu entkommen?

h.yuren 07.10.2013 | 11:06

lieber felix,

das problem war gestern auch thema in west art(wdr). in unserem bezirk hier im münsterland ist gut zu sehen, wer der üble täter ist für solche schieflagen. der zentralismus von gottes gnaden. münster ist als zentrum des münsterlandes der einzige platz mit dem gleichen problem wie die oberzentrale berlin.

wer die gleichheit, das geht ohne dezentralisierung nicht, so gering schätzt, darf sich über die staus und knotenpunkte nicht wundern. anders gesagt, ist das wirkliche antidote gegen die drängelei in den zentren die dezentralisierung. schafft die hauptstädte ab!

grüße, h.

balsamico 07.10.2013 | 11:38

Aber wie ist das mit der Mitschuld an der Mietpreiserhöhung?

Mietpreiserhöhungen haben tatsächlich viele Gründe. Einsehbare und nicht einsehbare, wie ich zuverlässig weiß. Man muss sich hüten, jede Mietpreiserhöhung der blanken Gier von Vermietern zuzuschreiben. Aber es gibt eine gesetzliche Regelung in § 558 Abs. 3 BGB, die ins Gesetz kam, um den Mietpreisantieg zu begrenzen und genau das Gegenteil bewirkt. Diese Regelung besagt, dass sich die Miete innerhalb von 3 Jahren um nicht mehr als 20% erhöhen darf. Gut und schön. Aber es hat dazu geführt, dass es von nicht wenigen Vermietern so verstanden wird, dass sie die Miete innerhalb von 3 Jahren um 20% erhöhen müssen, um nicht von der allgemeinen Mietpreisentwicklung abgehängt zu werden. Denn wenn sie die Miete z.B. 5 Jahre unverändert lassen, haben sie das Nachsehen, wenn die Mietpreise zwischenzeitlich um mehr als 20% gestiegen sind, sie aber nur um 20% erhöhen dürfen. Also achten sie - zum Schaden der Mieter - darauf, dass ihnen das nicht passiert, indem sie die Miete alle drei Jahre erhöhen, was sie ohne diese Regelung möglicherweise nicht getan hätten.

Norbert W. Schlinkert 07.10.2013 | 12:25

Ich wohne seit Mitte der 90er im Prenzlauer Berg und habe nach einem Wohnungswechsel vor 12 Jahren innerhalb der Siedlung einen schönen "alten" Mietvertrag. Die erste Wohnung hatte kein Bad, diese hat ein neu eingebautes. Das ist auch schon fast der einzige Unterschied, der Denkmalschutz verhindert Dachausbauten und Aufstockungen. Die Miete macht inzwischen anders als früher über 40% meines Einkommens aus, umziehen könnte ich in meinem Kiez zur Zeit nicht, denn dann stiege die Belastung auf 50% oder mehr. So weit, so einigermaßen erträglich – noch. Mein Problem ist auch nicht die Miethöhe an sich, sondern diese 40%, und das betrifft (in Berlin) viele, die für ihre Arbeit kein, kaum oder immer noch zu wenig Geld bekommen. Ich denke also, man sollte darüber nachdenken, ob man statt Mietobergrenzen eine auf das (Familien-) Einkommen bezogene prozentuale Grenze setzt, die ein Mieter zu zahlen hat, die etwa bei 25% des Einkommens liegen könnte. So wäre das Wohnen für alle gleich billig. Der Vermieter erhielte dann von einer einzurichtenden staatlichen Stelle entweder den Differenzbetrag, oder müßte das zu viel Erhaltene an diese Stelle abgegeben, alles bezogen auf den tatsächlichen Mietwert der Wohnung nach Wohnwert-Kriterien unter Berücksichtigung aller Kosten, die der Vermieter hat. Überschüsse könnten dann sicher sinnvoll verwendet werden. Das hört sich zwar ziemlich bürokratisch an, aber was ist denn bitte in Deutschland nicht bürokratisch – es muß aber natürlich Sinn machen, und das täte es meines Erachtens.

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Ehemaliger Nutzer 07.10.2013 | 13:31

Als alter Berlinliebhaber ohne (momentan) in Berlin zu leben verblüfft mich immer wieder die Engstirnigkeit und Ignoranz der dort Einsässigen (=irgendwann einmal Zugezogenen).

Natürlich fürchtet man - übrigens nicht zu unrecht - einmal dort zu landen, wo heute Städte wie London sind - durchkapitalisiert und unbezahlbar, andererseits entlaven sich viele der Diskutierenden häufig allein durch ihre (dümmlich-militante) Art als kleinkarierter als Nachbars Lumpie.

(Der Horizont reicht vielleicht gerade noch bis zum nächsten Kiez - wobei fraglich ist, ob man von dem eigenen wirklich mehr weiß als das, was man üblicherweise halt so kennt....)

Ein Forist vergleicht die Kölner mit den "Berlinern".

Das sollte man nun bei aller Liebe nicht machen.

Der Fairness halber sei darauf hingewiesen, dass gegen den gemeinen Kölner noch ganz andere Stadtbewohner hinzuzlande ganz schlecht abschneiden würden....

B.V. 07.10.2013 | 15:44

Zur Eingangsfrage: man darf,- so ist die Gesetzeslage. Ob man es sollte, ist dann eine Gewissensfrage. Demjenigen der Verdrängt wird kann es im übrigen egal sein, was für eine Gesinnung die Verdränger haben (ob Faschist, Christ, Muslim, Sozialdemokrat, Grüner, etc. oder um sein Gewissen Absolution bittender reicher Anti-Kapitalist), das Ergebnis bleibt für ihn das selbe!

B.V. 07.10.2013 | 15:55

P.S. Wer eine irgendwie erlangte humane Gesinnung hat, sollte sich einfach, an dem ihm durch den Kapitalismus ermöglichten sozialdarwinistischen Recht des Stärkeren (durch mehr Geldbesitz), nicht an der Verdrängung beteiligen, was er auch immer von sich und seiner Gesinnung halten mag. Es gilt der alte Bibelspruch: an ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Nicht anderes zählt. Auch wenn man nicht das: Aug um Aug, Zahn um Zahn, nicht weiter antreiben möchte.

h.yuren 07.10.2013 | 16:44

Die Verwaltung müsste entweder mit abgeschafft werden oder dezentralisiert werden. Und das birgt natürlich Effizienzverluste und z.B. auch Umweltschäden.

an der talkrunde bei westart (wdr) nahm u.a. ein architekt aus duisburg teil. der nannte aus seiner erfahrung den stadtrat dort ein "dilettantenstadl". genau diesen dilettantismus hatte der berüchtigte j. fischer dem bundestag zugerufen bzw. aus dem bundestag der kohlregierung: "avanti dilettanti!"

das muss ich nicht weiter ausführen. es waren ja auch schon mal ein paar volksvertreter betrunken am rednerpult gefilmt worden...

wenn es davon weniger konzentrationen gäbe, würde niemand einen verlust bemerken. motto: volkstümliche volksvertreter zurücktreten ins volk! wo sie gewiss nicht mehr übel auffallen...

übrigens hat es mehrere versuche in verschiedenen ländern gegeben, die hauptstadt zu verlassen. mir fallen als beispiele die niederlande, die türkei und brasilien so spontan ein. so verließ der französische könig paris vor der revolution.

Man denke nur an die vielen Beamten, die regelmäßig von Bonn nach Berlin und wieder zurück fliegen.

das ist doch gerade eine folge des betunkenen zustands der volksvertreter und des zentralismus/nazionalismus, dass sie unbedingt in das alte reichszentrum zurück wollten. jetzt schieben und mogeln sie daran herum, damit in berlin noch mehr lobbyisten eine teure wohnung brauchen...

grüße, h.

janto ban 07.10.2013 | 17:31

"Gut verdienender Antikapitalist" ist ja lustig. Wie muss ich mir das vorstellen..? Ist das jemand, der gut arbeitet, gut verdient, seinen Lohn überwiesen bekommt, fürchterlich erschrickt und sofort alles zurück an die Arbeitgeberin schickt..? Oder ein Selbstständiger, der gut arbeitet, gut verdient, der Kundin eine Rechnung schreibt, das Geld überwiesen bekommt, erschrickt usw. s.o. ..?

Ich behaupte mal, dass es nicht möglich ist, als voll integriertes Rädchen innerhalb eines kapitalistischen Systems ein Antikapitalist zu sein. Gutverdiener nicht - und Niedriglöhner auch nicht. Jedenfalls sind wir alle Marktteilnehmer, ob wir wollen oder nicht.

100.000 Euro im Jahr oder mehr zu verdienen, politisch links zu sein, sich so seine Gedanken zu machen, ein reines Gewissen unterhalten zu wollen und/oder nicht zu wissen, wohin mit dem ganzen Geld, das geht natürlich. Sehr gerne sogar.

Mein Vorschlag: Den Zaster am besten zu möglichst großen Teilen in den Konsum ballern. Das kann eine teure Wohnung in einem teuren Viertel sein, muss aber nicht. Streuen ist immer gut. Auf den dicksten Haufen scheißt der Teufel ganz von allein. Dieser kapitalistischen Grundregel mit eigenem Spielgeld entgegenzuwirken, halte ich für eine gute Sache.

Wenn alle zu IKEA rennen, einfach mal was bei Möbel-Fritz um die Ecke kaufen. Wenn alle bei amazon bestellen, einfach mal dem kleinen Einzelhändler (und dessen Angestellten!!) eine Freude bereiten. Mein Gott, warum denn eigentlich nicht..?

Profiteur eines Systems zu sein, dass man - vorsichtig gesprochen - zumindest in seiner aktuellen Ausprägung ablehnt, geht übrigens auch. Das ist ja der unaussprechliche Wahnsinn. "Deutschland ist [wirtschaftlich] stark" weil es mit seiner exportorientierten Unternehmens- und Arbeitsmarktpolitik halb Europa das Blut aus den Adern gesogen hat. Ob man darüber lachen oder weinen soll, wenn der kalte Winter so kurz vor der Tür steht, weiß ja immer keiner. Und wir alle, die wir vor unseren Endgeräten sitzen, profitieren leider davon, dass gerade wieder hunderte von Menschen signalwirksam ihr Leben im Mittelmeer lassen mussten. Ob wir wollen oder nicht. Gentrifizierung hin oder her.

Aber darüber darf man nicht nachdenken, sonst geht man kaputt.

janto ban 07.10.2013 | 18:52

Ich stimme bedingt zu, denn letztlich ist es doch ein individualisiertes Problem.

Dass das Restaurant, in dem man Wein nicht im Glas, sondern aus der ganzen Flasche (zu 80 Euro oder so) serviert bekommt, baulich direkt an Demir's Döner (Kebapzu 2 Euro außer Haus oder so) grenzt, ist kein Problem. Das bekämen Städteplaner und Bauherren mühelos hin.

Das Problem sind die Leute im Restaurant, die beim Blick aus den getönten Fensterscheiben nicht auf die nebenan anstehende Jogginghosen-Hood gucken wollen.

Gentrifizierung ist ja nicht, wenn jemand irgendwo hinzieht, sondern wenn die privatwirtschaftlich/halb-öffentlichen Strukturen beginnen, sich dem Geldbeutel der Hinziehenden/Hingezogenen anzupassen. Wodurch Inseln mit gehobenen Standards entstehen, die dazu neigen, sich in die Fläche auszudehnen. (Stichwort nochmal: Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen.)

Gentrifizierung passiert da, wo wohlhabende Kundschaft sich nicht dagegen wehrt, dass tüchtige Geschäftsleute Witterung aufnehmen/aufgenommen haben. Und natürlich da, wo Menschen aus finanziell gutem Hause Transparente schreiben, die sie auf der Straße hochhalten, um gegen Hinziehende/Hingezogene aus finanziell weniger gutem Hause zu protestieren.

Gentrifizierung ist das Bestreben nach Einklassen-Sandkästen innerhalb eines Zweiklassen-Wohnviertels. Und das Problem tritt auf, weil die junge Doktor-Mutter gehört hatte, dass im Künstlerviertel total entspannt und relaxt Kindergroßziehen ist. Dass die Künstler aber arme Schlucker sind, die Tür an Tür mit den Eltern der Kevins und Chantals wohnen, das hat ihnen vorher natürlich niemand gesagt. Typisch.

Ja, wenn sie das gewusst hätten, wären sie doch nicht hergezogen, erzählen sie sich auf den Spielplätzen und benicken sich mitleidig. Dass gute Nachbarschaft heute schwer zu finden ist, darin sind sich aber ausnahmsweise alle einig. Die Papas der reichen Richards (deutsche Aussprache) und der armen Richies.

Land unter.

janto ban 07.10.2013 | 19:29

Jetzt habe ich vor lauter Plakatieren vergessen zu schreiben, was ich sagen wollte.

|| Bekämpft werden sollten hier komplexe Strukturen im Sozialraum und das ist nicht einfach und erfordert Zusammenarbeit und Zusammenhalt ||

Dem stimme ich ausdrücklich zu, nur kann ich den Willen zu Zusammenarbeit und Zusammenhalt nicht erkennen. Jedenfalls nicht in dem Maße, das vonnöten wäre, um das Blatt zu wenden.

Ich befürchte, dass Geld gar nicht das eigentliche Problem ist, sondern die Vorstellung vom ganz normalen Leben (vgl 'ganz normale Ausbeutung'), die viel Geld allzu häufig mit sich bringt. Das ist auch der Grund, warum ich hoffe, dass ich niemals im Lotto gewinnen werde. Dem gegenüber stehen allerdings einige Gründe, warum ich im Lotto gewinnen muss. Das will ich ehrlicherweise dazu sagen :o)

gweberbv 07.10.2013 | 21:26

Sollte ein waschechter linker Antikapitalist eigentlich nicht immer nur gerade soviel Geld zu seiner Verfügung haben, dass es so zum menschenwürdigen (Über-)Leben reicht? Denn mit allem, was er darüber hinaus erhält, unterstützt er ja sicher Waisenkinder in Angola, das Flüchtlingscamp am Oranienplatz, Anarchosyndikalistische Gewerkschaften, Blogger beim Freitag, etc.?

Oder habe ich da ganz falsche Vorstellungen?

gweberbv 09.10.2013 | 15:16

Das Problem sind die Leute im Restaurant, die beim Blick aus den getönten Fensterscheiben nicht auf die nebenan anstehende Jogginghosen-Hood gucken wollen.

So kann Gentrifizierung, also Verdrängung der Habenichts, aber nicht funktionieren.

In dem beschriebenen Fall würde eher die Gutbetuchte Kundschaft ausbleiben, als dass die Herren in den bequemen Hosen das Feld räumen. Siehe einige Innenstädte in den USA, wo zunächst immer mehr Brothas und Sistas ihr Wesen trieben und dann plötzlich die Whasp-Bevölkerung schwarz sah und in die Vorstädte floh. Zumindest in Deutschland kann unser Luxus-Gastronom auch nicht einfach bei der nächsten Polizeidienstelle anrufen und um schlagkräftige Unterstützung bei Aufwertung des Viertels nachsuchen.

Was wirklich passieren wird: Das hochwertige Futter und der gute Wein werden gerade durch den Kontrast zu einer eher schäbigen Umgebung umso interessanter für Schwaben und vergleichbar gutverdienende Antikapitalisten. Probleme bekommt stattdessen Herr Demir, dessen Dönerladen bei der nächsten Mietanpassungsrunde plötzlich mit einem jung-dynamischen Eisverkäufer konkurrieren muss, der Shiitake-Wacholder-Eiscreme für 2 Euro die Kugel an die Schwaben verkauft. Döner Demir muss sich also einen anderen Standort suchen. Dumm für die Jogginghosen und deren Träger, aber deren Mieten steigen auch bald und sie müssen dann ihrem Dönerladen hinterherwandern.