Felix Werdermann
Ausgabe 1016 | 11.03.2016 | 06:00 15

„Maulkorb für die WHO“

Interview Die gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe in Fukushima werden von offizieller Seite verharmlost, sagt der Mediziner Alex Rosen. Die Atomkraft-Lobby sei zu stark

„Maulkorb für die WHO“

Kei Kobayashi arbeitet zurzeit im Wasserreinigungssystem des Kernkraftwerks Fukushima Daiichi (Fukushima I)

Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Erschüttert schaute die Welt auf die Katastrophe von Fukushima. Wie sicher sind unsere Atomkraftwerke wirklich? In Deutschland wurde ein neuer Ausstieg beschlossen. Andere Länder, etwa Japan, glauben an die Zukunft der Atomkraft. Sie haben wenig Interesse an Zahlen zu den Gesundheitsschäden durch die Reaktorkatastrophe – und sie setzen internationale Organisationen unter Druck.

der Freitag: Herr Rosen, Sie arbeiten für die atomkraftkritische Ärzteorganisation IPPNW und befassen sich mit den Folgen von Fukushima. Der Unfall ist nun genau fünf Jahre her. Aber wer wissen will, wie viele Menschen an der Strahlung erkrankt sind oder noch erkranken werden, findet keine offiziellen Zahlen. Warum?

Alex Rosen: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Kollektivdosis an radioaktiver Strahlung geschätzt, der die Menschen in Japan ausgesetzt sind. Die Berechnung, was das konkret für die Gesundheit der Leute bedeutet, die überlässt sie anderen. Wir haben das mal gemacht und kommen auf 22.000 bis 66.000 zusätzliche Krebsfälle. Die WHO-Ausgangsdaten sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da wurde viel unterschätzt.

Die WHO hat doch auch die gesundheitlichen Folgen abgeschätzt.

Ja, aber die Forscher nennen da nur Prozente. Sie sagen beispielsweise: Die Zahl der Schilddrüsenkrebsfälle wird bei Mädchen in Fukushima um 19 bis 75 Prozent ansteigen. Wichtig sind jedoch die absoluten Zahlen.

Die könnte man doch ausrechnen, oder?

Ja, dazu müsste man wissen, wie viele Mädchen wie alt waren zu welchem Zeitpunkt. Die WHO rechnet das jedenfalls nicht aus. Weil es schlecht aussieht, wenn man absolute Zahlen präsentiert.

Weil die zu hoch sind.

Weil jede absolute Zahl zu hoch ist.

Zur Person

Alex Rosen, 36, ist Kinderarzt in Berlin und sitzt im Vorstand der atomkraftkritischen Ärzteorganisation IPPNW. Er hat zahlreiche Publikation zu Fukushima verfasst, u.a. „5 Jahre Leben mit Fukushima“

Foto: IPPNW

Die WHO versucht also, die Folgen zu vertuschen?

Sie verharmlost die Folgen. Weil sie unter enormem Druck steht, gerade auch vonseiten der japanischen Regierung. Die WHO besteht aus Mitgliedern, die gleichzeitig ihre Geldgeber sind. Die nehmen Einfluss auf die Publikationen. Die WHO kann nicht frei, neutral und unabhängig berichten.

Der Einfluss der japanischen Regierung verhindert das?

Andere Länder sind leider auch nicht besser. Nehmen Sie die USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien oder Südkorea. Das sind alles Staaten, die Atomenergie nutzen. Die wollen ihre Industrie schützen. Und wer Atomwaffen besitzt, hat auch deswegen ein Interesse, die Atomtechnik nicht in Verruf zu bringen. Diese Staaten sind sehr einflussreich.

Die WHO ist eine UN-Organisation, dort haben alle Staaten das gleiche Stimmgewicht.

Formal stimmt das. In Wirklichkeit gibt es aber Mitglieder mit mehr Macht. Das sind die Staaten, die am meisten Geld geben, die auf UN-Ebene einen höheren Einfluss haben, zum Beispiel die Vetomächte im Sicherheitsrat. Sie haben ganz andere Möglichkeiten, ihre politischen Forderungen und Vorstellungen durchzusetzen. Durch Gespräch in Hinterzimmern, durch politischen Druck, und auch durch Androhung, Finanzmittel zu streichen.

Deswegen hält sich die WHO zurück bei der Aufklärung der Fukushima-Folgen?

Es gibt noch einen anderen Grund. Die WHO hat 1959 ein Abkommen geschlossen mit der Internationalen Atomenergie-Organisation, IAEO. Das ist ein Knebelvertrag mit einer Lobbyorganisation für Atomkraft.

Wie bitte?

Ja, die IAEO finanziert sich durch ihre Mitglieder, das sind alles Atomstaaten. Und das Ziel der Organisation ist laut ihrer Satzung, weltweit die friedliche Nutzung der Atomtechnologie zu fördern. Mit dem Abkommen wird der WHO ein Maulkorb verpasst. Darin heißt es, beide Seiten „erkennen an, dass es notwendig sein kann, bestimmte Einschränkungen zur Wahrung geheimer Informationen anzuwenden“.

Sie wollen, dass der Vertrag gekündigt wird?

Er muss geändert werden. Im Prinzip ist ein Vertrag zwischen zwei UN-Organisationen ja nichts Schlimmes. Das Problem ist die Art und Weise, wie die Zusammenarbeit gelebt wird. In der Praxis ist es so, dass auf die WHO ständig Druck ausgeübt wird, bloß nichts zu veröffentlichen, was Atomkraft in Verruf bringt. Das hat man nach Tschernobyl gesehen, das sieht man nach Fukushima. Hier geht es um eine Beschneidung der Unabhängigkeit der WHO. Allerdings sehe ich den Vertrag nicht als Ursache, sondern eher als Symptom einer grundsätzlichen Schieflage.

Was müsste passieren, um die zu beseitigen?

Die WHO muss offen sagen: Wir wollen uns von der Atomlobby nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Das wäre ein erster wichtiger Schritt. Bisher wird das Problem zwar thematisiert von den WHO-Vorsitzenden, allerdings erst, wenn sie aus dem Amt scheiden. Dann berichten sie: Das konnten wir nicht machen, weil die IAEO dagegen war. Aber während sie im Amt sind, ist das ein Tabu.

Warum kann sich die WHO nicht gegen die IAEO durchsetzen? Sie ist viel größer, hat fast drei Mal so viele Mitarbeiter.

Aber die politische Durchsetzungsmöglichkeit auf UN-Ebene ist eine andere. Indien hat auch mehr Einwohner als die USA, trotzdem haben die USA mehr Einfluss. Die IAEO ist innerhalb der UN-Familie auf einem höheren Level angesiedelt als die WHO; sie untersteht direkt dem Sicherheitsrat.

Welche Auswirkungen hat das auf die Untersuchungen der WHO zu Fukushima?

Es gab zwei wichtige Studien, zur Freisetzung der Radioaktivität und zu den gesundheitlichen Folgen. Beide wurden von fast den gleichen Leuten geschrieben, und die Mehrheit der Verfasser arbeitet für die IAEO. Oft kommen diese Forscher auch aus der Atomindustrie. Das Kapitel zu Kinderleukämie wurde beispielsweise geschrieben von Dr. Richard Wakeford. Das ist ein Mann, der jahrzehntelang als Wissenschaftler für British Nuclear Fuels gearbeitet hat. Doch in dem WHO-Bericht fehlen die Angaben zu seinen Interessenskonflikten.

An der Studie haben doch auch andere Forscher mitgearbeitet.

Ja, aber das Gremium besteht einzig und allein aus Wissenschaftlern, die der Atomindustrie unkritisch gegenüberstehen. Die herangezogenen Zahlen sind daher auch selektiv. Da wurde gesagt: Was die Bestrahlung der Arbeiter angeht, da nehmen wir die Daten von Tepco. Was die Kontamination von Nahrung angeht, da nehmen wir die IAEO-Datenbank. Und was die Freisetzung von Radioaktivität angeht, da nehmen wir die Angaben der japanischen Atomenergieagentur JAEA. In allen drei relevanten Punkten hat man sich auf die Atomindustrie und die Atomlobby berufen. Das macht den Bericht zu den gesundheitlichen Folgen wertlos.

Derzeit werden in Fukushima Kinder auf Schilddrüsenkrebs untersucht.

Das ist die Studie der Fukushima Medical University. Die läuft seit April 2011, da sollen mehr als 300.000 Kinder ihr ganzes Leben lang in regelmäßigen Abständen untersucht werden.

Die Krankheitsfälle werden dann mit Durchschnittswerten verglichen?

Das ist das Problem. Eine so groß angelegte Studie gab es weltweit noch nie. Das Einzige, womit man es vergleichen kann, ist die Neuerkrankungsrate, die in Japan vor der Atomkatastrophe herrschte. Bei 300.000 Kindern muss man von etwa einem Fall pro Jahr ausgehen. Zwei Jahre nach der Erstuntersuchung hat man allerdings schon bei 16 Kindern neu aufgetretene Fälle von Schilddrüsenkrebs gefunden. Und von einem Drittel der Kinder liegt das Ergebnis der zweiten Runde noch gar nicht vor.

Die zusätzlichen Erkrankungen liegen an der Atomkatastrophe?

Keine Krankheit trägt ein Herkunftssiegel. Aber: Wir wissen, dass enorm viel Radioaktivität freigesetzt wurde. Wir wissen, dass radioaktives Jod zu Schilddrüsenkrebs führt. Und wir haben in der Präfektur Fukushima deutlich mehr Erkrankungen, als zu erwarten waren. Das ist die Aussage. Eine Kausalität wird nicht zu beweisen sein. Wir können allerdings keinen plausiblen anderen Faktor benennen, der das erklärt.

Sind Sie froh, dass es jetzt endlich belastbare Daten zur Gesundheit in Fukushima gibt?

Ich bin kein Fan dieser Studie. Denn sie verdeckt auch viel. Etwa die Tatsache, dass außerhalb der Präfektur ebenfalls Menschen erkranken. Oder die Tatsache, dass nicht nur Schilddrüsenkrebs, sondern auch Leukämien, Brustkrebs, Darmkrebs und ganz andere Erkrankungen zu erwarten sind. Nach denen wird gar nicht gesucht. Die Studie ist auch in anderer Hinsicht angreifbar. Sie wird von der Fukushima Medical University durchgeführt, die Gelder der IAEO erhält. Das ist so, als ob Philip Morris sagen würde: Wir unterstützen die Universität dabei, die Folgen vom Rauchen zu untersuchen. Man macht den Bock zum Gärtner.

Glauben Sie, dass am Ende irgendwelche Zahlen unter den Tisch fallen?

Ich glaube zumindest, dass Druck gemacht wird, die Untersuchung auf eine bestimmte Art und Weise zu machen. Wir hören die Beschwerden der Eltern, die sagen: Die Untersuchungen dauern nur zwei bis drei Minuten. Das reicht sicherlich nicht aus, um eine Schilddrüse ordentlich zu untersuchen. Die Eltern dürfen die Daten und die Bilder nicht mit nach Hause nehmen, es wird alles geheim gehalten. Die Fukushima Medical University hat einen Brief geschrieben an alle Internisten und Kinderärzte in Fukushima, mit der Aufforderung, keine Zweituntersuchung vorzunehmen an Kindern in der Studie. Eine Zweitmeinung ist also unerwünscht.

Wie hat Fukushima die Atompolitik in Japan verändert?

Die damalige Regierung unter Naoto Kan hat nach der Katastrophe gesagt: Wir müssen ausstiegen. Jetzt ist wieder eine Pro-Atom-Regierung an der Macht, die Regierung von Shinzō Abe. Die forciert den Wiedereinstieg in die Atomenergie. Nach Fukushima waren alle 54 Reaktoren vorläufig abgeschaltet worden, jetzt sind vier wieder am Netz.

In Deutschland ist es anders gelaufen.

Als die Kernschmelze geschah, gab es hierzulande ohnehin eine Diskussion über die Atomkraft. Die schwarz-gelbe Bundesregierung wollte den gesamtgesellschaftlichen Konsens für einen Atomausstieg aufkündigen.

Wollte? Zum Zeitpunkt der Atomkatastrophe war die Laufzeitverlängerung für die Reaktoren doch schon beschlossen.

Von der Regierung, aber nicht im Bundesrat. Der Ausstieg aus dem Ausstieg war noch nicht in trockenen Tüchern. Es gab eine aufgeheizte Stimmung im Land, und mitten in dieser Zeit geschah die Katastrophe in Japan. Angela Merkel hat dann eine 180-Grad-Wende vollzogen, um weiter regieren zu können.

Ohne Fukushima wäre das wohl nicht passiert.

Doch, ich glaube schon. Es wäre nur nicht so schnell gegangen.

Aber die Massen sind erst nach der Katastrophe auf die Straße gegangen.

Auch vorher gab es große Proteste. Im Herbst hatten rund 100.000 Menschen das Regierungsviertel umzingelt. Nach Fukushima wurden es nochmal mehr. Das war einfach unvorstellbar. Am 26. März sind 250.000 Leute auf die Straße gegangen. Diesem Druck konnte die Regierung dann nichts mehr entgegensetzen und hat einen neuen Atomausstieg beschlossen.

Das Interview erscheint online in ungekürzter Fassung.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 10/16.

Kommentare (15)

schna´sel 11.03.2016 | 11:17

"Die WHO kann nicht frei, neutral und unabhängig berichten.

Der Einfluss der japanischen Regierung verhindert das?

Andere Länder sind leider auch nicht besser. Nehmen Sie die USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien oder Südkorea. Das sind alles Staaten, die Atomenergie nutzen. Die wollen ihre Industrie schützen. Und wer Atomwaffen besitzt, hat auch deswegen ein Interesse, die Atomtechnik nicht in Verruf zu bringen. Diese Staaten sind sehr einflussreich."

Doppelmoral, doppelte Standards überall wohin man blickt auf der Welt. Die Atomkraft ist nur eine der Spitzen dieser Eisberge. Andere werden uns tagtäglich durch unsere eigene Regierung, endlose "Gifpel" und Krisentreffen und auch durch das Verhalten derer präsentiert, die nicht müde werden, uns gleichzeitig den Anspruch verkaufen zu müssen, unabhängig zu informieren.

Und was das Schlimmtes ist: Man verliert den Glauben, dass sich daran jemals etwas ändern wird. Ich hab das Gefühl, das Ganze ist dermaßen verkrustet, dass wirklich nur noch eine Katastrophe globalen Ausmaßes diese Erstarrung aufbrechen könnte. Und langsam glaube ich, dass diese schon allein deswegen kommen wird, weil sich die Evolution nicht durch irgendeine Spezies, auch nicht durch den Menschen davon abhalten lassen wird, weiter fort zu schreiten. Die Zerstörung dessen, was wir da angerichtet haben könnte so zu einem Akt "natürlicher Kreativität" werden, der diesem Irrsinn endlich ein Ende setzt. Auch wenn an sich das nun wirklich nicht wünschen kann.

Moorleiche 11.03.2016 | 11:22

Hallo Herr Werdermann.

Vielen Dank, für das informative Interview.

Der Atom-Unfall von Fukushima leider auf eigenartige Weise stark in Vergessenheit geraten. Die Hintergründe und Verflechtungen zu erfahren, finde ich wichtig und interessant und abermals etwas ernüchternd. Wie so oft, auf viel zu vielen Gebieten, macht man den Bock zum Gärtner und man hatte schnell den Eindruck, das Unglück sei zwar technisch schlimm gewesen und katastrophal gemanagt, aber dann, so unterm letzten Strich ja doch nicht so verheerend.

Wenige Tote und irgendwie kehrte Japan schon kurze Zeit später zur Normalität zurück. Man trägt etwas Erde ab, füllt etwas verstrahltes Wasser in ziemlich viele, ziemlich große Kanister und dann geht das Leben weiter. Aber so ist es leider nicht. Das Schlimme an der Radioaktivität sind nicht die Erstfolgen. Für den direkten Strahlentod braucht man schon ziemliche Monsterdosen, da fällt so schnell keiner um, gravierend sind aber die Spätfolgen. Missbildungen, Krebs, das ist alles andere als ein Kindergeburtstag und nichts, was man in wenigen Wochen erlebt, sondern nach Monaten und Jahren.

Ferner die Unmengen an Radioaktivität die ins Meer gelangen und über den Fisch in die Nahrungskette überall auf der Welt gelangt. Klar, auch da hat man ein Interesse alles schönzurechnen. Alles nicht so schlimm, alles kein Problem, gibt ja ganz schön viel Wasser im Meer und so weiter. Wären da nicht noch gleichzeitig so viele andere gesundheitsschädigende Einflüsse, von denen man uns versichern möchte, dass sie alle harmlos seien. Oft genug die, welche direkt oder über Bande, mit freundlicher Unterstützung der daran verdienenden Industrie finanziert wurden. In der Addition – und durch Synergieeffekt könnte es auch deutlich mehr als bloße Addition sein – sind diese gesundheitsschädigenden Stoffe dann kein Spaß mehr.

Nur, wie es auch im Interview anklang, ist die Beweisführung, die Kausalkette oft nicht nachvollziehbar. Auch darüber muss nachgedacht werden. Jeder, der sich eine wenig mit diesen Themen auskennt, weiß, Korrelation (der statistische Zusammenhang zweier Größen) ist keine Kausalität (der nachgewiesene, ursächliche Zusammenhang). Nur, was für Laborbedingungen seine Berechtigung haben mag, ist für das echte Leben oft unzureichend. Man müsste es, im Falle verstrahlt in Fukushima, mit Menschen zu tun haben, die niemals etwas getan haben oder keinerlei genetische Disposition haben, die ihren Darmkrebs auch erklären könnte. Hatte der Onkel Darmkrebs, haben sie mal ein Verdauungsschnäpschen getrunken, tja, sofort ist die Kausalitätskette gerissen. Monokausale Einflüsse gibt es, wenn man einen Schrotschuss in die Birne bekommt, ansonsten steht man im echten Leben mit der Beweisführung in Form von eindeutigen Belegen, dass der Krebs oder das Nervenleiden oder was es auch sei, eindeutig auf diesen Einfluss zurückzuführen ist, alleine und im Regen. Da kann man in Arbeits- oder Umweltgiften gebadet haben: Raucher? Sorry, no bonus.

Hier gilt es grundsätzlich umzudenken, doch vermutlich sind die finanziellen und machtstrategischen Verflechtungen bereits so eng, dass der Ruf ins Leere geht. Und täuschen wir uns nicht: Das betrifft eben nicht nur die Wirtschaft und die Politik, von deren Allianz in ungesunder Weise wir heute leider allzu oft ausgehen müssen, es betrifft immer mehr auch die Wissenschaft, die mit im Boot sitzt, der man aber immerhin noch am ehesten abnehmen möchte, dass die redlichen ihrer Vertreter das selbst stört.

Und das ist das bedrückende Metathema. Vertrauen ist für unser aller Zusammenleben wichtig, eminent wichtig. Was passiert wenn bestimmten Institution in breitem Stile misstraut wird erlebt gerade die Politik und die Presse. Menschen geben auch gerne einen Vertrauensvorschuss, nur wird es in dem Moment eng, wo man nicht einmal mehr einige gute Gründe für einen gut gemeinten Selbstbetrug findet. War die Jagd auf diverse Verflechtungen dieser und jener Art ein Sport, dem man durchaus mit Lust nachgehen konnte, so löst die nächste Meldung heute bei immer mehr Menschen nur noch Frust und Resignation aus. Aktuell und beliebig. Das ist so sehr Normalzustand geworden, dass man verstehen kann, warum sich immer mehr Menschen nicht mehr vertreten fühlen und mit grundsätzlicher Skepsis die Welt betrachten. Das ist persönlich bedauerlich und für die Gesellschaft zerstörerisch. Es führt dazu, dass sich immer mehr Menschen in Nischen zurück ziehen, unter vermeintlich Gleichgesinnte und mit dem Rest nichts mehr zu tun haben wollen. Es ist die Stimmung, die wir in einem wachsenden Maße gerade erleben.

schna´sel 11.03.2016 | 12:40

"Allerdings gilt für die meisten Industrienationen: Etwa 40 dieser 100 Menschen würden in ihrem Leben ohnehin an einem Tumor erkranken. Im statistischen Rauschen verliert sich somit der direkte Zusammenhang zwischen Krebs und Radioaktivität."

Das ist der letzte Satz und damit das Fazit des Artikels in der Zeit:

Der Super-GAU [findet primär] in den Köpfen der Menschen statt. Eingebildete Kranke könnte man zynisch überspitzt formulieren. Letztlich bleibt es dabei: Intelligenz, Wissen, Sprache im Dienst unserer ökonomischen und strategischen Interessen. Die weltweit 1.000.000.000 hungenden Menschen, die 24.000 Hungertoten pro Tag, täglich verlassen 43.000 Menschen ihre Heimat. 60 Millionen Flüchtlinge weltweit schockieren: Ein Zusammenhang mit der Mentalität, die auch zu der Katastrophe in Fukushima geführt hat ist reine Einbildung: Die Katastrophe war der Tsunami, schreibt die Zeit in ihrem Artikel. Also nicht die Gier der Atomlobby, nicht die Reaktoren, nicht die Hybris der Menschen. Schuld war nur der Bossa Nova. In Europa führen all die Menschen, die vor der direkten Vernichtung ihrer Existenz hierher fliehen dazu, dass Deutschland mit der Türkei, einem Land das seine Bürger bombardiert die Presse massiv zensiert die Menschenrechte missachtet die Scheinheiligkeit sich weiter in der Politik und im Selbstverständnis der Menschen breit machen kann. Frau von der Leyen darf ihren Doktortitel behalten, weil die Staatsräson nahelegt, sie nicht mit den gleichen moralischen Standards zu messen, wie andere Politiker. Volker Beck zum Beispiel über den sich die Republik jetzt zwei Wochen lange das maul zerrissen hat. Alles nur Kopfsache. Objektiv nachweisbare Zusammenhänge mit der Katastrophe in Fukushima zu der mangelhaften wissenschaftlichen Arbeit von der Leyens. mit nachgewiesenen 43% Plagiatsanteil sind nur konstruiert, wie eine Verschwörungstheorie. Wissenschaft hat den Bedürfnissen der Auftraggeber unterzuordnen. Katastorphen sind Kopfgeburten und finden in Wahlergebnissen oder Börsencrashs statt. Da kann man sich doch beruhigt zurück lehnen. Die Politik macht ihre Hausaufgaben. In Fukushima wie in Brüssel. Die Atomkraftwerke laufen wieder. Ursula von der Leyen darf weiter neue Gewehre für die Bundeswehr ordern und den Flüchtlingen haben wir auch gezeigt, das wir anders können, wenn sie uns keine Wahl lassen.

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h.yuren 11.03.2016 | 20:35

Ich hab das Gefühl, das Ganze ist dermaßen verkrustet, dass wirklich nur noch eine Katastrophe globalen Ausmaßes diese Erstarrung aufbrechen könnte.

ganz richtig. der beste beweis ist fukushima und die 180°-wende der atomregierung in berlin.

und: die nächste katastrophe kommt mit mehr bestimmtheit als der nächste winter. aber das ist schon ein anderes thema mit der zugeordneten eigenen katastrophe.

h.yuren 11.03.2016 | 21:01

lieber felix,

das ist ein passendes thema zum exakt treffenden zeitpunkt und - vor allem - ein kritischer blick auf die fakten.

die größere katastrophe als fukushima ist das festhalten trotz der katastrophe in fukushima an der goldeselei atomkraft.

Andere Länder, etwa Japan, glauben an die Zukunft der Atomkraft.

hm, wir müssen ganz genau sein mit unseren worten. denn nicht andere länder und auch japan hält zur atomkraft, sondern immer dieselben verdächtigen, die abkassierer in wirtschaft und politik. die glauben auch nicht an akw, sondern hängen wie junkies am geldstrom des atomstroms. das gewissenlose pack regiert hier und da.

aber, die leutchen mit dem dicken konto sind zum teil unschuldig in ihrer gewissenlosigkeit. denn die distanzen zwischen diesen personen und den leidtragenden am ende der kette sind so groß, dass ein normaler mensch nichts mehr merkt, nichts mehr fühlt als fernwirkung seiner unterschrift oder zustimmung.

wenn wir die künstliche gewissenlosigkeit abschaffen wollen, müssen die gigantischen distanzen abgebaut werden.

sonst bleibt nur die hoffnung und das warten auf die nächste katastrophe, damit sich ein klein wenig ändert wie z.b. die wende in teu(t)schland, die nur eine halbe und halbherzige war und ist. in gronau und lingen werden weiterhin brennstäbe produziert für akw in aller welt. wenn das ein ausstieg ist, heiße ich hugo...

gruenschwarzrot 12.03.2016 | 15:57

darum ist die deutsche Energiewende so wichtig

Alernative Energie kann problemlos AKWs ersetzen. Die Stromtrassen könnten sofort neben den Bundesstrassen und Autobahnen im Boden verlegt werden. Es müssten dann keine Freileitungen mit langwierigen Bewilligungsverfahren gebaut werden. Auch Speicherwerke wären genügend vorhanden. Das wird vermutlich durch AKW Befürworter verhindert. Dabei ist der nächste Supergau vorprogrammiert.

Ein AKW freies Deutschland könnte dann seine technischen Erfahrungen gewinnbringend exportieren.

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Ehemaliger Nutzer 13.03.2016 | 16:31

Ende der neunziger Jahre habe ich an mehrere Vorträgen mit Bildern eines unkrainischen Arztes (Dr. Doroschenko) teilgenommen. Er leitete ein Krankenhaus und war abends mit einer mobilen Arztpraxis und Freiwilligen im Land unterwegs.

Er operierte kostenlos Kranke, denen durch die Strahlung unglaubliche Tumoren gewachsen waren. Z. B. Nasen, die zu kleinen Rüsseln gewachsen waren oder Fleischberge, die das Kinn so vergrößert hatten, dass der Mund nicht mehr geöffnet werden konnte, Nahrungsaufnahme war dadurch unmöglich geworden. Kinder hatten Arme in Wellenform durch Knochenerweichung, so was hatte ich bei Opfern von Agent Orange gesehen.

In den verstrahlten Gebieten waren Erdbeeren so groß wie Äpfel und Apfel wie Fussbälle.

Solche Bilder zeigte man natürlich nicht öffentlich.

In Fukushima wird es ähnlich verlaufen. Ich verstehe die Japaner nicht.

Moorleiche 14.03.2016 | 12:40

Ja, klar.

Wenn das dann auch berücksichigt wird (z.B. neben der Entsorgung auch als Kostenfaktor der ach so günstigen Energie) dann ist das ja gut, nur offensichtlich hat Ihr Interviewpartner ja diesbezüglich auch seine Zweifel.

Z.B.: "In allen drei relevanten Punkten hat man sich auf die Atomindustrie und die Atomlobby berufen. Das macht den Bericht zu den gesundheitlichen Folgen wertlos."

chrislow 02.04.2016 | 15:10

Wie ist das nun mit der WHO?

Ist sie vertrauenswürdig oder nicht?

Hat sie neulich nicht das gängigste Pestizid/Herbizid als Krebserregend erklärt? Wäre das nicht ein Indiz für seine Vertrauenswürdigkeit?

Oder ist das auch wieder nur Beweis für dessen Belanglosigkeit, weil nur geredet wird, was irgendwo gerade in den Kram passt (so öffentlichkeitsmäßig)?

chrislow 02.04.2016 | 15:19

Zum Thema großfächiger radioaktiver Verseuchung und die Folgen haben wir doch in Europa schon den allergrößten Versagenbeweis.

Da braucht keiner mehr Fukushima zum Beispiel.

In der Sache brauchen wir weder absolute noch relative Zahlen, bevor wir nicht über die ganze Bandbreite der Folgen für den Menschen aufgeklärt werden. Krebs ist da doch nur ein kleiner, aber extremer Teil davon.

Die Auswirkungen auf unser Bewusstsein und Empfinden hat bisher noch niemand beschrieben/öffentlich erklärt. Dabei ist das Vergiften mit Schwermetallen unmittelbar, aber subtil wirksam. So subtil, das wir es gar nicht merken, was in uns vorgeht, wenn wir radioaktiv konterminiert werden - auch, wenn es nur Kleinstmengen sind.

Es ist keine große Sache wenn man etwa die Häufung von psychiatrischen Diagnosen auf die Kontamination mit Schwermetallen durch Tschernobal zurückführt. Allerdings besteht wissenschaftlich das Problem, dieses hinreichend plausibel zu erklären, weil sich die Wissenschaft weigert, entsprechende Auswirkungen auf unser Bewusstsein (also primär Gehirn) für wahr zu nehmen. Sie täten sich in Metaphysik verstricken, welche sie doch ansonsten konsequent leugnen.