Neonazis rufen zur Jagd auf Journalisten

Fake-Todesanzeigen Dortmunder Rechtsextreme haben im Netz gefälschte Todesanzeigen mit Namen kritischer Journalisten veröffentlicht. Doch die Morddrohungen wirken anders als beabsichtigt

Haben Sie schon Ihre eigene Todesanzeige gelesen? Fünf Journalisten aus dem Ruhrgebiet mussten diese Erfahrung nun machen. Auf den schwarz umrandeten Annoncen sind ihre Namen zu lesen, dazu Sprüche wie „Bald ist es Zeit zu gehen“, „Brenne Jude Brenne“ oder „Sein Tod wird für uns DEUTSCHE alle ein Freudentag sein“. Die Morddrohungen kommen offenbar von Dortmunder Neonazis und richten sich gegen Journalisten, die regelmäßig über die rechte Szene berichten, etwa für die Ruhr Nachrichten oder für das Blog Ruhrbarone. Ist das die Konsequenz aus dem Gerede über die angebliche Lügenpresse?

Die gefälschten Todesanzeigen wurden im Internet veröffentlicht, unter anderem auf einer Facebook-Seite mit dem Namen „Jagd eröffnet jetzt“. Inzwischen ist die Seite nicht mehr zu finden, vielleicht auch, weil die Polizei ermittelt. Die Verfasser könnten wegen Bedrohung, Beleidigung oder Volksverhetzung belangt werden. Fraglich ist aber, ob herausgefunden wird, wer für die Tat verantwortlich ist.

Anfeindungen mit Adresse

Felix Huesmann und Sebastian Weiermann, zwei der betroffenen Journalisten, haben trotzdem Strafanzeige gestellt. Huesmann erzählt, schon im Dezember sei er von Neonazis mehrmals persönlich angefeindet worden. Er habe dumme Sprüche zu hören bekommen, und die Rechten hätten die Straße genannt, in der er wohnt. Die Recherche war keine große Kunst: Huesmann arbeitet als freier Journalist, hat eine eigene Internetpräsenz, im Impressum steht seine private Adresse.

Die Neonazis wollten im vergangenen Jahr sogar schon vor der Privatwohnung eines anderen Journalisten demonstrieren, bis die Polizei das verboten hat. Und es gab bereits eine ähnliche Todesanzeige mit dem Namen eines Journalisten, damals allerdings ohne Aussagen, die auf die Zukunft gerichtet sind. Nun hat die Eskalation eine neue Stufe erreicht.

"Scheiß auf sie"

Die Journalisten lassen sich jedoch nicht einschüchtern – oder zeigen sie es bloß nicht nach außen? Die Reaktionen auf die Todesanzeigen sprechen dafür, dass sie weitermachen wie bisher. Huesmann hat kurz nach den Morddrohungen im VICE-Magazin einen Artikel veröffentlicht. Der Titel: Dortmunder Neonazis wollen mich tot sehen – scheiß auf sie. So schreibt keiner, der sich tatsächlich verängstigt fühlt.

Damit stellt sich die Frage, was die Verfasser der Anzeigen eigentlich bezwecken wollten. Haben sie geglaubt, eine kritische Berichterstattung verhindern zu können? Wollten sie mit dem Hass nur ihren Spaß haben? Oder war es eine Marketingaktion? In den Annoncen wird auf die Internetseite antisem.it verwiesen, einen rechten Onlineversand. Der Betreiber streitet zwar ab, die Anzeigen lanciert zu haben, aber finanziell dürfte sich die öffentliche Aufmerksamkeit für ihn auf jeden Fall gelohnt haben. Zahlreiche Medien haben über die Vorfälle berichtet, vom Neuen Deutschland bis zur Welt.

Solidarität unter Kollegen

Aber auch die betroffenen Journalisten könnten beruflich profitieren. Jetzt sind ihre Namen in den Redaktionen bekannt, und selbst in Berlin weiß man nun, dass die Dortmunder Neonazi-Szene ein Thema für die überregionalen Medien ist. Den Freiberuflern dürfte es dadurch leichterfallen, ihre Texte zu verkaufen. Huesmann hat zudem innerhalb von nur einem Tag 700 neue Follower bei Twitter bekommen, wie er sagt. „Ich hätte gern drauf verzichtet, aber jetzt nutze ich das natürlich.“

Einige ihm bislang unbekannte Journalisten haben ihm sogar per Mail Hilfe angeboten. Der Deutsche Journalisten-Verband hat die Morddrohungen verurteilt. Die Neonazis haben also etwas erreicht, was sie sicherlich nicht bezwecken wollten: Die „Lügenpresse“ rückt enger zusammen.

06:00 12.02.2015

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