Felix Werdermann
Ausgabe 4716 | 24.11.2016 | 06:00 9

Packen wir’s an

Klimakonferenz Nach dem Schock der US-Wahl wurde in Marrakesch Zweckoptimismus verbreitet. Doch die bisherigen Zusagen reichen nicht aus

Packen wir’s an

Reinhauen! Klimaschutz ist kein Selbstläufer

Foto: Fadel Senna/AFP/Getty Images

Den Flug konnte er sich sparen und trotzdem war er auf der Klimakonferenz in Marrakesch präsent wie kein anderer: Donald Trump. Ist internationaler Klimaschutz mit dem neuen US-Präsidenten überhaupt möglich? Diese Frage trieb die Diplomaten um – und löste Reflexe aus: Es wird schon alles gut gehen. Doch so wird Klimaschutz nicht funktionieren.

Eigentlich sollte Marrakesch eine Arbeitskonferenz werden. Doch am dritten Tag kam der Schock: An der Spitze der USA steht bald ein Mann, der die Erderwärmung für eine Erfindung Chinas hält, um der US-Industrie zu schaden.

Was bedeutet der Regierungswechsel für die Weltpolitik? In Marrakesch wurde Zweckoptimismus verbreitet, von Staatsvertretern bis hin zu Umweltaktivisten: Wir schaffen es auch ohne Trump! Die Wirtschaft werde es schon richten. Sie setze inzwischen auf erneuerbare Energien, daran könne auch ein US-Präsident nichts ändern.

Doch dieses Argument greift zu kurz. Natürlich sind Wind- und Sonnenkraft deutlich billiger geworden. Aber der Boom der Erneuerbaren reicht nicht aus, sonst könnte man die Klimaverhandlungen ja gleich beenden. Dass der Ausstoß der Klimagase in den USA zurückgeht, liegt vor allem am günstigen Fracking-Gas, das die noch klimaschädlichere Kohle verdrängt. Allerdings werden mit Fracking zusätzliche Vorkommen erschlossen, irgendwann später wird die Kohle auch noch verbrannt.

Für globalen Klimaschutz müssen auch Fleischproduktion sowie Auto- und Flugverkehr deutlich zurückgehen. Doch davon ist bisher nichts zu sehen. Es mutet komisch an, wenn die deutsche Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) verkündet: „Die Transformation hin zu einer klimaverträglichen Welt ist in vollem Gange und nicht mehr zu stoppen.“ Natürlich sollte wegen Trump niemand aufgeben. Aber Klimaschutz ist kein Selbstläufer. Wenn die USA versagen, müssen die anderen Staaten umso mehr leisten.

Die Zusagen reichen jedoch nicht aus, um die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Und obwohl das Paris-Abkommen häufig als „verbindlich“ bezeichnet wird: In Wahrheit sieht es keine Sanktionen vor für den Fall, dass zu viel Kohlendioxid ausgestoßen wird. Der Weg zur CO2-neutralen Welt bleibt unklar.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 47/16.

Kommentare (9)

SigismundRuestig 24.11.2016 | 16:37

Wir erinnern uns:Bei der letzten Klimakonferenz in Paris wurden die Ergebnisse als "historischer Fortschritt" verkauft. Schön wär's.Für mich klingt es wie Augenwischerei. Die Ziele hochsetzen (Erderwärmung auf 1,5 Grad anstelle 2 Grad begrenzen) und sich dafür feiern lassen, aber die Maßnahmen und deren Verbindlichkeit runtersetzen und möglichst nicht hinterfragen. Das kommt jetzt, wo alles konkretisiert werden soll, ans Licht. Die Union, insbesondere die CSU-Bundesminister, wollen mehr Wirtschaftswachstum, mehr ökologiefeindliche Landwirtschaft, mehr schmutzige Autoabgase und weniger Klimaschutz! Und Gabriel fürchtet die Kohlelobby. Doch Merkel schwadroniert von Dekarbonisierung, läßt sich als Klima-Kanzlerin feiern und bringt nur ein Umsetzungsplänchen auf die Beine!Im übrigen war schon in den Rechen-Modellen für das 2 Grad-Ziel z.B. das zwangsläufige Auftauen der Permafrostböden (enthalten fast doppelt soviel Kohlenstoff wie die gesamte Erdvegetation), das zu einer enormen Freisetzung von Kohlenstoff führt, nicht berücksichtigt.Was tun? Warten bis Öl- und Gas-Vorräte erschöpft sind? Auf die nächste Eiszeit warten? Sich anpassen?Diese Fragen hat sich auch Singer-Songwriter Sigismund Ruestig gestellt:http://youtu.be/s7Ivdm2-ZCQ
http://youtu.be/LpxSXYw9tC0
http://youtu.be/-q0gF597WEA
Viel Spaß beim Anhören.

jbernm 24.11.2016 | 23:23

Man hört ja oft, daß der Gesetzgeber den Kohleausstieg beschließen soll.

Das ist aber gar nicht nötig, denn die Erneuerbaren haben bekanntlich Einspeisevorrang. Das bedeutet, solange sie Strom liefern, müssen andere Erzeuger zurückstehen.

Für den Kohleausstieg müssten die Erneurbaren lediglich Strom so liefern, daß der Bedarf rund um die Uhr gedeckt werden kann. Dann kämen die Kohlekraftwerke nicht mehr zum Zug und könnten stillgelegt werden.

Dieser Aspekt wird m.M.n. in der Diskussion viel zu wenig beachtet.

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Ehemaliger Nutzer 24.11.2016 | 23:52

Bei all Ihren berechtigten Pessimismus: Die Aussage

"Die Union, insbesondere die CSU-Bundesminister, wollen mehr (...) schmutzige Autoabgase und weniger Klimaschutz!

ist doch etwas zu schlicht-polemisch. Grundsätzlich will auch die CSU (- wie andere Parteien) nicht weniger Klimaschutz, sondern wie überall stellt sich die Frage, was die Partei ihrer jeweiligen Klientel zuzumuten bereit ist.

Und dabei zeigt sich bei CDU/CSU und SPD, dass es ziemlich enge Schmerzgrenzen (- möglicherweise auch nur vermutete Schmerzgrenzen) gibt. Gemeinsam ist diesen Parteien, dass die deutsche Autoindustrie als sakrosankt angesehen wird, da hat Kanzlerin Merkel höchstselbst vor geraumer Zeit in Brüssel die schon eingeschlagenen Pflöcke wieder herausreissen lassen: Die CO2-Grenzwerte wurden so gesetzt und die Regelungen (mit Bewertung von Hybrid- und E-Autos) so formuliert, dass die lukrativen grossen, hochvolumigen Modelle ungeschoren davon kommen. Mit diesen Fahrzeugen verdient die deutsche Autoindustrie ihr Geld und erhält ihre Arbeitsplätze.

So hat jede Partei ihre Tabus, auch die Linken: Wo in den Ost-Bundesländern die Braunkohle ökonomisch wichtig ist, sind die Linken auch Kohlelobbyisten. Das Tabu der Grünen sind die sog. Alternativen Energien - für diese wird unvernünftig viel Geld ausgegeben (bzw werden die privaten Haushalte gezwungen zu bezahlen), obwohl es volkswirtschaftlich günstiger wäre, CO2 anderswo zu sparen - beispielsweise mit reduziertem Energieverbrauch. Aber damit lassen sich die Grünen-Anhänger nun einmal nicht so begeistern wie für Solar und Wind, Biokraftstoff und Batterieautos, ausserdem kann das grüne Bürgertum mit den Alternativen Energien gut Geld verdienen.

(Um ehrlich zu sein: Sind nicht die erzwungenen Einspeisevergütungen für Alternativ-Strom nicht auch eine Umverteilung von den Armen-Haushalten an die grün investierenden Grünen-Wähler?)

Mein Überblick soll zeigen, dass keine der deutschen Parteien konsequent für effektiven Klimaschutz eintritt. Angesichts der vielen Gruppeninteressen ist das politisch erklärlich, und vielleicht sollten wir froh sein, dass diese Bundesregierung sich überhaupt in Richtung CO2-Reduktion bewegt. (Dass Hendricks eine Fehlbesetzung des Umweltressorts ist, zeigt sich nicht nur beim Klimaschutz, auch bei m Gesundheitsschutz - siehe NO2, Feinstaub.)

Dass die USA bremsen bzw nichts tun, ist nicht neu - schon das Kyoto-Protokoll haben sie nicht ratifiziert, dass Obama zwischendurch andere Töne angeschlagen hat, hat eher für das Verhandlungsklima, aber nichts für die Klimabilanz gebracht. Was an CO2-Abnahme kam, war ein Nebeneffekt anderer ökonomisch-technischer Trends. (Sie haben das beim Erdgas benannt.)

Wenn global anthropogene CO2-Emissionen abnehmen, dann ist das eher ein Nebeneffekt von anders intendierten Entwicklungen. China wird die schmutzige Kohle weiter reduzieren, in Megastädten wird das Autofahren eschwert, um überhaupt Mobilität in dichten Wohnlagen zu erhalten.

Ich habe mehr als 25 Jahre meines Berufslebens mit den Themen Emissionsreduzierung, Klimaschutz und Energieeffizienz verbracht und bin sehr ernüchtert, was die Bereitschaft der Politik zu wirksamen Maßnahmen angeht. Die ist nur unwesentlich grösser als Null.

Der Kommentar wurde versteckt
Anelim Aksnesej 10.12.2016 | 20:04

Guten Abend Nordlicht! Danke für ihre Aussage ,,...-beispielsweise mitreduziertem Energieverbrauch.Aber damit lassen sich die Grünen-Anhänger...,außerdem kann das grüne Bürgertum...'' Das ist eine Aussage,der ich nur zustimmen kann.Ich habe diesbezüglich bis jetzt noch keine Aussage gehört von einem Parteimitglied der Grünen.Und auch das Wort Verzicht habe ich von keinem Parteimitglied gehört,denn das kommt nicht gut.