Pressesprecher oder Presseverschweiger?

Eon-Konzern Wenn Journalisten kritisch nachfragen, tricksen Unternehmen. Der AKW-Betreiber Eon behauptet erst, die Zeit reiche nicht, um zu antworten – später will er dann nicht mehr
Pressesprecher oder Presseverschweiger?
Will Eon etwas verbergen oder fehlte der Pressestelle wirklich die Zeit?

Foto: Belga/Imago

Selten bekommen die Leser mit, was sich zwischen Journalisten und Konzernen alles abspielt. Die Pressestellen der Unternehmen versorgen die Medienvertreter mit Informationen – oder auch nicht, wenn es dem eigenen Image schaden könnte. Manchmal wird auch mit fiesen Tricks gearbeitet. Meist merken die Journalisten das nicht, oder sie verschweigen es in ihren Berichten, weil sie sich bei den Pressestellen nicht unbeliebt machen wollen. Man ist schließlich auch in Zukunft auf Informationen angewiesen.

Ich schreibe öfter über Energiethemen. Auch ich will es mir eigentlich nicht verscherzen mit den Pressesprechern der Stromkonzerne. Aber es gibt eine Grenze. Vor kurzem habe ich recherchiert, ob das Geld reicht, das die Unternehmen für den Rückbau der Atomreaktoren und die Endlagerung des Mülls beiseitegelegt haben. Falls nicht, müssen die Bürger womöglich Milliarden zahlen. In der Kritik steht vor allem der Eon-Konzern, der sich durch interne Umstrukturierungen möglicherweise aus der finanziellen Verantwortung stehlen will. Doch Fragen dazu beantwortet die Pressestelle nicht. Der Effekt: Die Journalisten können auch nichts zitieren.

Einfach aussitzen

Als ich meine sechs Fragen an die Pressesprecherin schicke, lässst man mich wissen, dass die Zeit nicht ausreiche. Ich habe um Antwort innerhalb eines Arbeitstags gebeten, damit mir noch genug Zeit bleibt, um Nachfragen zu stellen. Die Absage verwundert, schließlich läuft die Diskussion über die Atomrückstellungen schon seit Monaten, die Eon-Position müsste der Pressesprecherin hinlänglich bekannt sein. Alle Fragen könnte sie in jeweils einem Satz beantworten, ich habe extra erwähnt: „Es reichen auch kurze Antworten.“

Doch der Trick mit dem Aussitzen klappt in der Regel sehr gut, das wissen die Pressesprecher. Insbesondere Tageszeitungsjournalisten erwähnen vielleicht noch in einem halben Satz, dass sich das Unternehmen bis Redaktionsschluss nicht geäußert hat, danach ist die Sache vergessen, die Antwort will niemand mehr wissen.

Atomforum als Buhmann

Ich habe die Eon-Absage im Text nicht erwähnt. Ich hätte es tun können, um zu zeigen: Seht her, ich habe ordentlich recherchiert! Aber der Leser erhält dadurch keine relevante Information. Stattdessen lasse ich ihn mit der Frage allein: Will Eon etwas verbergen oder fehlte der Pressestelle wirklich die Zeit?

Mein Artikel wird gedruckt, online erscheint er aber erst zwei Wochen später, ich kann ihn ergänzen. Also bitte ich die Pressesprecherin erneut, meine Fragen zu beantworten. Jetzt erst rückt sie damit heraus, dass sie sich zu den Fragen gar nicht äußern möchte. Hätte ihr das nicht schon vorher einfallen können? Da aber war es angeblich die mangelnde Zeit.

In beiden Antwort-Mails wird auf das Deutsche Atomforum verwiesen, den Dachverband der Nuklearindustrie. Der hatte zuvor schon Fragen von mir beantwortet. Allerdings ist das eine schlechte Ausrede von Eon. Erstens waren es teilweise andere Fragen, zweitens muss Eon nicht unbedingt der gleichen Meinung sein und drittens hatte das Atomforum bei einer Frage sogar direkt auf die Unternehmen verwiesen.

Die Absicht von Eon ist klar: Wir wollen nicht im Zeitungsbericht auftauchen. Stattdessen soll das Atomforum die Rolle des Buhmanns spielen, so bleibt das Image des Eon-Konzerns unangetastet. Bis ein Journalist die Sache öffentlich macht.

Die unbeantworteten Fragen

Ich habe folgende Fragen an die Pressestelle von Eon Kernkraft geschickt. Hintergrundinformationen zu der Thematik liefert mein Text "Das Erbe strahlt".

1. Momentan wird ja überlegt, die Rückstellungen in einen öffentlich-rechtlichen Fonds zu übertragen. Was halten Sie davon und warum? Falls Sie den Vorschlag gut finden: Hat sich Ihre Meinung verändert in den vergangenen Jahren?

2. Wenn Sie gegen einen öffentlich-rechtlichen Fonds sind, ist aus Ihrer Sicht auch ein Argument, dass Sie die Rückstellungen derzeit angelegt sind und gar nicht so schnell in Geld umgewandelt werden könnten, das dann in den Fonds fließt?

3. In den Medien ist auch über den Vorschlag einer öffentlichen Stiftung berichtet und unter dem Stichwort "Bad Bank" diskutiert worden. Wäre das aus Ihrer Sicht eine geeignete Lösung? Wie unterscheidet sich das von einem öffentlich-rechtlichen Fonds, (wie ihn etwa die Grünen fordern)?

4. Wie hat sich die Höhe der Rückstellungen von Eon in den vergangenen Jahren entwickelt und woran liegt das? Hat z.B. Fukushima einen Einfluss gehabt?

5. In einer Studie des Atomforums ( http://www.kernenergie.de/kernenergie/themen/finanzierung/rueckstellungen.php ) wird darauf hingewiesen, dass momentan alle Aktiva eines Konzerns als Haftungsmasse gelten und dass sich das durch einen externen Fonds ändern würde. Insofern müssten Sie doch eigentlich ein Interesse an einem externen Fonds haben, oder? (Anm.: Diese Frage habe ich zuvor dem Deutschen Atomforum gestellt. Das antwortete: "Hier möchte ich Sie an die Unternehmen verweisen, deren Bilanzen betroffen wären.")

6. Als Pläne der Aufspaltung des Eon-Konzerns bekannt wurden, gab es auch den Vorwurf, dass sich Eon seiner Verantwortung entziehen wolle, weil das Geld dann möglicherweise nicht ausreiche und die zukünftsträchtige Ökostrom-Sparte nichts mehr mit den Atomrückstellungen zu tun habe. Können Sie diesen Vorwurf verstehen?

06:00 08.05.2015
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