Felix Werdermann
Ausgabe 3213 | 08.08.2013 | 06:00 15

Tchibo und die "18"

Geheimcodes Die Sportschuhe von Tchibo dürften Nazis erfreuen: Die Aufschrift "18" steht bei ihnen für Adolf Hitler. Dabei können Codes nützlich sein – für eine freie Gesellschaft

Tchibo und die "18"

Foto: Screenshot, tchibo.de

Deutsche, kauft deutschen Kaffee! Oder zumindest bei Tchibo. Das Hamburger Unternehmen verkauft inzwischen schließlich allerlei Dinge, jetzt auch für den alltäglichen Neonazi-Bedarf. Im Angebot gibt es Sportschuhe für 24,95 Euro, mit der Aufschrift: „18“.

Die Designer werden sich dabei wenig gedacht haben, die Näherinnen in Südostasien noch weniger. Aber Neonazis wissen: Der erste Buchstabe im Alphabet ist das A, der achte das H – die Initialien von Adolf Hitler.

Das Anti-Nazi-Blog publikative.org hat sofort reagiert und das Sportschuh-Angebot bei Facebook gepostet, seitdem verbreitet sich die Nachricht im Netz. Hätte Tchibo nicht aus der Vergangenheit lernen können? Vor wenigen Jahren bewarb der Konzern seine Kaffeesorten mit dem Slogan „Jedem den Seinen“, über dem KZ Buchenwald prangte einst der Spruch „Jedem das Seine“. Tchibo stoppte die Werbung.

Lustiges Versteckspiel?

Heute ist es komplizierter. Denn die „18“ ist ein Geheimcode, den nur versteht, wer der rechten Szene angehört – oder sich intensiver mit ihr beschäftigt.

Antifa-Aktivisten mögen es interessant finden, sich in Broschüren ausführlich über Dresscode, Zeichen und Symbole der Nazis zu informieren. Sie mögen es lustig finden, die Rechtsextremen auf der Straße zu identifizieren, indem sie ihre Codes entschlüsseln, und dann auszulachen, anzupöbeln oder auch zu verkloppen.

In Wirklichkeit sind Geheimcodes eine bedeutsame Errungenschaft für eine freie Gesellschaft – gerade in Zeiten von Prism und Tempora. Sie bieten Minderheiten Schutz vor Verfolgung durch Staat und Mehrheitsgesellschaft.

Die wirklich geheimen Symbole von heute sind – natürlich geheim. Daher lohnt ein Blick in die Geschichte: Die Urchristen, im Römischen Reich anfangs verfolgt, verwendeten einen Fisch als ihr Symbol. Treffpunkte in den Katakomben von Rom wurden so markiert, auch zeigten die Christen in ihren Wohnungen oft Bilder von Fischen. Glaubensgeschwistern konnte das auffallen, andere dachten sich nichts dabei.

Auch in der Nazizeit gab es Geheimsymbole wie „O5“ für den österreichischen Widerstand. Dieser Code wurde zwar an Wände gemalt, er war aber viel zu bekannt, als dass konspirative Gruppen ihn zur Wiedererkennung hätten nutzen können.

Und heute? Sind nur halb-geheime Symbole bekannt. Linke haben ihren rot-schwarzen Stern, militante Tierfreunde ihr Vegan-Zeichen. So lassen sich Gleichgesinnte entdecken, die für andere unsichtbar bleiben. Und wer es ganz konspirativ haben will, hatte früher Klopfzeichen – und heute die E-Mail-Verschlüsselung.

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 32/13.

Kommentare (15)

h.yuren 08.08.2013 | 08:39

Lustiges Versteckspiel

lieber felix,

kein verständnis habe ich für diese formel. auch antifagruppen dürften es gar nicht so lustig finden, was neonazis da oder sonstwo treiben. in einem land mit dieser geschichte kann es nicht lustig sein, dass es überhaupt noch spieler dieser szene gibt.

vergleiche mit anderen geheimzeichen verbieten sich. hier muss schluss mit lustig sein.

grüße, h.

Felix Werdermann 08.08.2013 | 09:17

Lieber Helder,

Der Zwischentitel bezieht sich auf den folgenden Satz: "Sie (die Antifagruppen) mögen es lustig finden, die Rechtsextremen auf der Straße zu identifizieren, indem sie ihre Codes entschlüsseln,und dann auszulachen, anzupöbeln oder auch zu verkloppen." Ich plädiere ja danach dafür, das Thema Geheimcodes ernst zu nehmen, allerdings vergleiche ich da ja schon verschiedene Geheimzeichen (ohne das inhaltlich gleichzusetzen).
Ich habe jetzt mal ein Fragezeichen hinter "Lustiges Versteckspiel" gesetzt, weil es sich dabei um das mögliche Gefühl von Antifagruppen handelt und ich ja für einen ernsten Umgang mit dem Thema bin.Grüße,Felix

Norwinhenley 08.08.2013 | 12:25

Lieber Herr Werdermann,

stets habe ich gerne Ihre Artikel gelesen, weil diese immer so einen linken Touche verspüren ließen.

Und eigentlich ist es auch gar nicht meine Art, online Leserkommentare zu schreiben, was mir in diesem Fall aber leider nicht anders möglich war.

Denn Ihr Artikel läuft förmlich an Klischees über, die Sie scheinbar ganz bewusst bedienen wollten.

Warum sollten AntifaschistInnen grundsätzlich Nazis auf der Straße anpöbeln oder gar verkloppen? Mir sind solche Fälle jedenfalls nicht bekannt. Damit tun Sie den Menschen Unrecht, die sich aus Überzeugung gegen rechte Strukturen in unserer Gesellschaft engagieren! Echte AntifaschistInnen werden ganz bestimmt nicht zur Gewalt greifen - Steine zu werfen ist allerdings nicht antifaschistisch.

Und was sollen militante Tierfreunde sein? Definieren Sie das bitte! Was heißt schon militant? Bin ich automatisch militant, weil ich auf jegliche Form von tierischen Produkten verzichte? Bin ich automatisch militant, wenn ich Tiere aus Ställen befreie, in denen diese auf grausamste Weise gefoltert werden? Auch hier tun Sie solchen AktivistInnen mit dieser Aussage Unrecht! Und Sie verallgemeinern, denn es gibt genug VeganerInnen und andere Tierfreunde, die sich gar als unpolitisch bezeichnen.

Abgesehen davon, dass längst nicht jede/r Linke einen solchen Stern als Identifikationsmittel verwendet...

Vielleicht verstehe ich das auch falsch - erklären Sie es mir bitte. Ich bin gespannt!

Viele Grüße!

Felix Werdermann 08.08.2013 | 12:50

Hallo,

vielen Dank für den Kommentar. Das mit den Antifa-Gruppen ist ja nur eine Variante. Dass Nazis angepöbelt werden, habe ich schon öfter mitbekommen, das Verkloppen nicht mit eigenen Augen gesehen, aber dass es das auch gibt, steht glaube ich außer Frage. Ich wollte damit keinesfalls unterstellen, dass das alle AntifaschistInnen oder alle, die sich mit den rechten Symbolen befassen, tun.

Mit den militanten Tierfreunden, da gibt es natürlich verschiedene Definitionen. In Deutschland wird unter militant in der Regel "gewalttätig" verstanden, wobei da ja auch teilweise (je nach Definition) Gewalt gegen Sachen drunter fällt. Vielleicht wäre radikale Tierfreunde besser gewesen. Im Französischen hat militant übrigens wieder eine andere Bedeutung...

Und natürlich tragen auch nicht alle Linke einen schwarz-roten Stern, es sollte an der Stelle nur um Beispiele gehen. Und eine genaue Abgrenzung, wer so einen Stern trägt und wer nicht, ist ohnehin schwierig. Hätte ich geschrieben: Anarchosyndikalisten tragen einen schwarz-roten Stern, dann kämen Beschwerden von anderen Linken, die den Stern auch als ihr Symbol sehen und gleichzeitig vermutlich auch von Anarchosyndikalisten, die aus welchen Gründen auch immer den Stern nicht tragen.

Zum anderen ist es natürlich auch dem Platz geschuldet, dass an der Stelle nur beispielhaft aufgeführt wird, welche Symbole es heute so gibt, die nicht allen bekannt sind, aber in der Szene sehr wohl.

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miauxx 08.08.2013 | 21:02

"Das Anti-Nazi-Blog publikative.org hat sofort reagiert und das Sportschuh-Angebot bei Facebook gepostet"

Vielleicht meint es publikative.org auch nicht so ganz ernst - den Eindruck kann man jdf. gewinnen. Andererseits ist es tatsächlich albern und als antifaschistisches Organ/Website/Blog usw. riskiert man mit so auch seinen Ruf; kann schnell nicht mehr ernstgenommen werden. In Zeiten des Internet muss aber offenbar auch jede Banalität hochgepusht und jede fixe Idee zum Klick-Dauerläufer erhoben werden. Übrigens gibts eine Modekette namens forever 18. Eigentlich noch besser als 'ne 18 auf'm Turnschuh, oder?

die Realistin 09.08.2013 | 21:22

Ach du armes ahnungsloses Tschibo...

Tut mir leid, aber ich habe seit 1990 das Gefühl, im falschen Land zu leben. Ich wollte nie in dem Land leben, in dem die Nazirichter und andere NS-"Würdentrager" nach 1945 weitermachen konnten. Aber die Banane-und Westauto-Woller haben mich (und nicht nur mich) überstimmt. Ich weiß, lt. "Bild" und vieler Bürger Meinung sind Stasi und SED schuld, dass in der heutigen BRD neofaschistisches Gedankengut blüht und gedeiht und zum Morden beiträgt; ich kenne die Meinung der glücklich in der freiheitlichen BRD bedingungslos und unkritisch Angekommenen...Ich komme nie in den Land "an", in dem viele stolz "88" oder "18" bewußt zeigen! Und BND und all die anderen Geheimdienst "haben alles unter Kontrolle"...

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Ehemaliger Nutzer 15.08.2013 | 01:23

Ist doch eine gute Idee, solche Schuhe zu verkaufen. Dadurch ist dafür gesorgt, dass Nazis sich NICHT MEHR an der 18 gegenseitig erkennen können. Einfach weil jeder Hinz und Kunz damit rumläuft...

Und ich bin sicher: die Geheimsymbole werden denen ebensowenig ausgehen, wie die Welt unter...