Felix Werdermann
23.06.2011 | 17:13 2

Umdenken nach Fukushima

Atomkraft Die Glaubensgemeinschaft der Atomkraftbefürworter schrumpft weltweit: Die Katastrophe in Japan hat viele Menschen zu Kernkraftgegnern gemacht, ergibt eine Umfrage

Es ist nicht so, dass es zu wenige Umfragen zur Atomenergie gäbe. Kernenergielobby und Umweltschützer lassen immer wieder die Bevölkerung befragen, die Fragen sind dabei leicht unterschiedlich gestellt. Eben so, dass am Ende das gewünschte Ergebnis herauskommt.

In Deutschland gibt es seit Jahren eine stabile Mehrheit gegen Atomkraft – auch wenn die genauen Werte schwanken. Spannender ist der Blick über den Tellerrand: Wie wird die Hochrisikotechnik in anderen Ländern gesehen? Nun hat das Marktforschungsinstitut Ipsos im Auftrag von Reuters News Menschen aus 24 Ländern befragt – hauptsächlich aus Industriestaaten.

Die Ergebnisse:

1) In fast allen Ländern lehnt die Bevölkerung Atomenergie ab. Nur in Indien, Polen und den USA gibt es eine knappe Mehrheit für die Energiegewinnung durch Kernspaltung. Am deutlichsten sprechen sie die Deutschen, Italiener und Mexikaner gegen die Atomkraft aus. In diesen Länder unterstützt nur jeder fünfte Bürger die Kerntechnik. Selbst in Frankreich (Atomstromanteil rund 80 Prozent) ist nur jeder Dritte dafür.

2) Die Katastrophe von Fukushima hat viele Atomkraftanhänger zu Kritikern der Technik gemacht. Unter den befragten Kernkraftgegnern gibt jeder Vierte an, erst seit den Ereignissen in Japan diese Meinung zu haben. Wenn durch Fukushima niemand zum Befürworter mutiert ist, ergeben sich folgende Zahlen: Vorher war das Verhältnis Zustimmung-Ablehnung relativ ausgeglichen. Heute sind vier von zehn Personen gegen Atomkraft.
Am stärksten ist das Umdenken in Asien: In Japan, China und Indien sind unter den Kernkraftkritikern rund die Hälfte neu dazu gekommen, die Anzahl der Atomkraftgegner hat sich also verdoppelt. In Südkorea sind jetzt sogar drei mal so viele Menschen wie vorher gegen die Technik.

3) Auch in Deutschland hat Fukushima zu einem Meinungsumschwung geführt. Die meisten deutschen Atomkraftgegner haben zwar schon vor dem Unfall ihre Position vertreten, aber 16 Prozent geben auch an, dass die Atomkatastrophe ihre Meinung verändert hat. Somit ergibt sich, dass vorher jeder Dritte für Atomkraft war, jetzt nur noch jeder Fünfte.

4) Atomkraft ist so unbeliebt wie kein anderer Energieträger. Im Länderdurchschnitt unterstützen vier von zehn Personen die Stromgewinnung aus Kernspaltung. Alle abgefragten anderen Energieträger kommen besser weg: Für Kohle sind immerhin fünf, für Gas sind acht von zehn Personen. Für Sonne, Wind und Wasser sprechen sich mehr als neun von zehn Befragten aus.

5) Die Informationspolitik der japanischen Regierung wird sehr unterschiedlich bewertet. Die Hälfte der Befragten glaubt, dass die Regierung „ehrlich“ über das Ausmaß der Katastrophe berichtet habe. In Japan selbst glaubt das nicht einmal jeder Dritte. Die Deutschen sind besonders kritisch: Nur jeder Vierte hält die Informationspolitik für ehrlich. Das höchste Vertrauen genießt die japanische Regierung in Indien, Indonesien und Saudi-Arabien, dort sind 80 bis 90 Prozent mit den Informationen zufrieden.

6) Verbraucher weltweit ängstigen sich vor japanischen Produkten. Fast die Hälfte der Befragten vermeiden Fisch aus Japan, Früchte, Reis und Nudeln sind ähnlich unbeliebt. Vier von fünf Personen vermeiden mindestens ein Produkt aus Japan.

Insgesamt wurden über 18.000 Menschen befragt, die Antworten wurden entsprechend demografischen Merkmalen gewichtet. Die Umfrage wurde zwischen dem 6. und 21. April durchgeführt.
 

Kommentare (2)

Fred Thiele 23.06.2011 | 22:29

Noch nützt es nichts, dass die Zahl der Menschen offensichtlich ansteigt, die Atomkraft ablehnen, weil sich abstrakte Restrisiken vor ihren Augen durch die Kernschmelzen in Fukushima konkretisiert haben. Da ist vermutlich sehr viel mehr medial erzeugtes Gefühl im Spiel als tatsächliches Wissen über die wirklich vorhandenen Gefahren von AKW und dem strahlenden Müll, den sie erzeugen. Es dürfte auch weiterhin schwierig sein, das geistige Eng-Gestirn durch Horizonterweiterung aufzubrechen. Die beinahe religiös auftauchende "wissenschaftliche" Technikgläubigkeit vieler Menschen paart sich mit den ökonomischen Zwangsvorstellungen von Industrie und Politik (in genau dieser Reihenfolge) und gebiert in letzter Instanz den neuerlichen GAU mit dahinschmelzenden Kernreaktoren. Es wird nicht zu lange dauern, bleibt zu befürchten, bis diese Gruppe, die irgendwann nach Pripjat 1986 wieder die Oberhand gewann, auch nach Fukushima 2011 erneut mit ökonomischem Rationalismus erfolgreich wird begründen können, warum eine neue Laufzeitverlängerung "alternativlos" ist. Dabei wäre die Lösung der Energiefrage in einer globalen Abkehr von der Massen- und Überproduktion zu finden, in einer Korrektur dieses babylonischen Systems des grenzenlosen Wachstumsgedankens, der diese steigende Energienachfrage bedingt. Dann wären die friedlichen Kernwaffen auch nicht nötig.

goch 26.06.2011 | 00:38

@Fred Thiele:Die beinahe religiös auftauchende "wissenschaftliche" Technikgläubigkeit vieler Menschen paart sich mit den ökonomischen Zwangsvorstellungen von Industrie und Politik (in genau dieser Reihenfolge) und gebiert in letzter Instanz den neuerlichen GAU mit dahinschmelzenden Kernreaktoren.

Durchaus richtig, dass die wissenschaftliche Technikgläubigkeit der Knackpunkt ist.
Aber dieser Knackpunkt ist meiner Meinung nach irreversibel beschädigt.
Es gibt immer einen Punkt in einer Entwicklung, da geht es nicht mehr hinter eine einmal gewonnen Einsicht zurück. Sicher mag es Rückschläge geben, aber die Machbarkeit von Technik hat durch mit Fukushima einen weltweiten nicht nur Rückschlag sondern ihre Grenzen aufgezeigt bekommen.
Das haben weltweit sehr viele Menschen mitbekommen und es wird ihre Ablehnung und ihre Bedenken gegen die Allmacht und Gigantomanie der heutigen Technikproduzenten stärken.
Die Technologieweltmacht Japan ist erkennbar gescheitert und wird sich noch auf Jahre kenntlich machen als unfähig die Folgen zu beherrschen.
Dieses Argument wird einsickern in das Weltbewußtsein und den Techniksachzwang-Vertretern langfristig zu schaffen machen, wenn nicht ihnen sogar den argumentativen Boden unter ihren Füßen wegbrechen lassen.