Und am Ende alle Fragen offen

Netzgeschichten Als neuartigen Journalismus hatte der Reporter Michalis Pantelouris seine "Live-Reportage" angekündigt, die er auf neon.de veröffentlichte. Was hat's gebracht?

Das erste Urteil war vernichtend: „Was für ein Reporter sind Sie, wenn ich fragen darf? Und aus welchem Grund geschieht diese Veröffentlichung?“ Gerade hatte der Journalist Michalis Pantelouris auf neon.de eine Livereportage über die ungeklärten Umstände des Todes einer jungen Berliner Sängerin in Athen angekündigt, da lehnte sich die Leserschaft in den Kommentaren auf – gegen „eine Soap, die von dem Leiden der Hinterbliebenen“ leben werde.

Das Sujet mag tatsächlich etwas ­reißerisch gewählt worden sein, die Form darf aber als innovativ gelten. Das Versprechen der Livereportage: Sämtliche Rechercheergebnisse werden möglichst zeitnah im Netz dokumentiert und somit für jeden nachprüfbar. Den Journalisten als Gatekeeper, der entscheidet, welches Material die Öffentlichkeit zu sehen bekommt und welches nicht, hält Pantelouris für überholt. Er sieht sich hingegen als Chronist. Seit Mitte Juli konnte ihm nun jeder bei seinem Versuch folgen, die drei Jahre zurückliegenden Geschehnisse aufzuklären. Fast täglich schrieb er über den Fortgang der Recherchen, besuchte die Familie der ­Toten, flog nach Griechenland, sprach mit der Athener Staatsanwaltschaft und dem griechischen Anwalt der Familie.

Am 4. August zog er nun eine Bilanz. Auch wenn Pantelouris bezogen auf den Tod der jungen Frau keine neuen Hinweise entdeckte, die gegen einen im Polizeibericht festgestellten Selbstmord sprechen und eine Mord-Hypothese stützten, sei seine Reportage dennoch ein Erfolg gewesen, schreibt er. Denn sie habe eine Diskussion über den Journalismus angestoßen.

Pantelouris verfolgte mit seinem Experiment dabei einen Transparenz-Gedanken, der durch die Erfolge von Wikileaks gerade starken Auftrieb hat: Möglichst viel Material im Netz öffentlich machen – die Geschichte dazu kann sich dann jeder selbst zusammenbasteln. Wer sich auf der Neon-Webseite einige der halbstündigen Video-Interviews ansieht oder sich durch lange Blog-Texte klickt, die den Verlauf von Pantelouris' Recherchegesprächen dokumentieren, den überkommt jedoch schnell die Sehnsucht nach einer stringenten Geschichte. Diese Sehnsucht wird auch nicht in der abschließenden Bilanz befriedigt.

Das Experiment Livereportage mag sein Ziel erreichen, wenn es zeigen will, wie mühsam und oft unbefriedigend die Arbeit eines Reporters sein kann, da sich auf manche Fragen keine eindeutigen Antworten finden lassen. Nur – eine gute Geschichte wird deshalb noch lange nicht erzählt. Es fehlt das Auswählen und Anordnen des Recherchierten zu einem sinnvollen Gesamtzusammenhang. Der Reiz, dem Journalisten über die Schulter schauen zu dürfen, verliert sich schnell, wenn am Ende doch alles so unklar ist wie zu Beginn. Der Rechercheweg kann interessant sein, entscheidend bleibt aber immer noch das Ergebnis.

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13:35 06.08.2010

Ausgabe 38/2020

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