"Wir brauchen einen anderen Journalismus"

Interview In zwei Wochen beginnt die Linke Medienakademie. Organisatorin Susanne Götze erklärt, was den Kongress so besonders macht und was im Medienbetrieb falsch läuft

Die Vorbereitung läuft auf Hochtouren, in rund zwei Wochen ist es so weit: Am 23. März startet die Linke Medienakademie, kurz LiMA. Wie schon in den vergangenen Jahren werden hunderte Journalisten und Aktivisten nach Berlin kommen, um sich fortzubilden, sich zu vernetzen und über die Trends im Mediensektor zu diskutieren. Susanne Götze ist im Organisationsteam der LiMA und Geschäftsführerin des Trägervereins.

 

Der Freitag: Frau Götze, es gibt hunderte Weiterbildungsangebote für Journalisten. Warum braucht es da noch die Linke Medienakademie?

Susanne Götze: Wir sind ein gemeinnütziger Verein und wollen, dass so viele Menschen wie möglich an unseren Kursen teilnehmen können. Wenn man sich die Preise auf dem Markt anguckt, ist das sehr teuer und gerade für junge Menschen kaum zu bezahlen. Wir hingegen bieten eine gesamte Woche ab 30 Euro. Das ist einmalig, das finden Sie bei keinem anderen Weiterbildungskongress.

Ihr Kongress ist ausdrücklich links. Wollen Sie missionieren?

Nein. Aber wir haben natürlich andere Schwerpunkte als herkömmliche Kongresse. Zum Beispiel gibt es einen Workshop speziell für Flüchtlinge, eine Diskussion über engagierten Journalismus, oder auch Workshops zum Videoaktivismus. Wir versuchen, Leuten eine Stimme zu geben, die sonst in den Medien nicht so stark vertreten sind.

Richten Sie sich gar nicht an Journalisten?

Doch, auch. Wir haben Kurse für Profis und Anfänger. Es geht also von Tipps zum Berufseinstieg für freie Journalisten bis hin zu speziellen Themen wie Recherchetechniken für Umweltjournalisten. Genauso bieten wir  aber auch Kurse für Leute, die in Vereinen oder Parteien aktiv sind. Egal ob Journalist oder Aktivist: Wir wollen Anfänger ansprechen, die zum ersten Mal ein Video drehen, aber auch Fortgeschrittene, die schon im Mediensektor arbeiten.

Gibt es denn einen speziell linken Journalismus? Eine Meldung ist doch eine Meldung.

Ja, das ist die objektivste Textsorte, die es im Journalismus gibt. Aber bei einer Reportage oder einem Kommentar sieht das schon anders aus. Insofern gibt es schon linken Journalismus, man kann es auch kritischen oder engagierten Journalismus nennen. Die Herangehensweise ist anders: Linke Journalisten stellen Sachen in Frage, die im normalen Medienbetrieb nicht hinterfragt werden, zum Beispiel das Dogma vom ständigen Wirtschaftswachstum  oder den Begriff der Arbeit in einer von neoliberalen Strukturen geprägten Gesellschaft. Kritik zu üben heißt für uns auch, über Bestehendes hinaus zu denken und Alternativen aufzuzeigen. Es muss wieder mehr versucht werden, die Zustände in einen größeren Zusammenhang zu stellen und sie nicht immer nur isoliert als „gute Story“ zu betrachten. 

Das journalistische Handwerk ist aber das gleiche?

Ja. Wie ein Artikel geschrieben wird, da gibt es feste Regeln. Linker Journalismus unterscheidet sich in anderen Fragen: Welche Themen greife ich auf? Wen lasse ich zu Wort kommen? Welche Fakten suche ich raus? Die Flüchtlingspolitik beispielsweise kommt ab und an in den Medien vor, jedoch nur, wenn es Tote gibt oder wenn ein Protestcamp geräumt wird. Aber systematisch dranzubleiben, sich die Zustände in den Asylbewerberheimen anzugucken, darüber Reportagen zu machen und den Leuten die Möglichkeit zu geben, sich zu äußern – daran hapert's. Dazu gehören viel Engagement und der Mut, sich die Sachen wirklich vor Ort anzuschauen. Ein Beispiel ist der Jounalist Fabrizio Gatti, der mit den Flüchtlingen von Mali bis nach Italien mitgefahren ist und seitdem viele Skandale rund um die Thematik aufgedeckt hat. Gatti hat nicht einfach nur ein paar Flüchtlinge portraitiert, sondern mit seinen Recherchen das ganze kriminelle Milieu der Menschenschlepper und die Ignoranz der EU-Staaten dargestellt. Das können Sie linken oder einfach engagierten Journalismus nennen. 

Die Linke Medienakademie wird von der Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert. Ist das in Wirklichkeit ein Schulungsprogramm für Kader der Linkspartei?

Leider werden wir häufig mit der Linkspartei in einen Topf geworfen. Aber wir sind unabhängig und versuchen uns auch breit aufzustellen. Zwar kommt ein Großteil der Förderung von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, aber die ist nicht zu verwechseln mit der Linkspartei. Zudem haben wir andere Unterstützer wie die Aktion Mensch oder die Deutsche Journalistenunion, dju – und jedes Jahr mehr Medienpartner, unter anderem den Freitag.

Wie viele Teilnehmer erwarten Sie?

Wir haben bislang über 350Anmeldungen. Die Erfahrung zeigt aber, dass viele Leute direkt zur LiMA kommen und sich nicht über das Internet anmelden. Im vergangenen Jahr wurde ungefähr die Hälfte der Tickets erst am ersten Kongresstag verkauft. Daher rechne ich diesmal wieder mit 500 bis 600 Besuchern.

Bislang fand die LiMA einmal pro Jahr statt, diesmal gibt es im Herbst schon die nächste. Wie unterscheidet sich der Herbst-Kongress vom Frühlings-Kongress?

Im März geht es fast ausschließlich um Weiterbildung. Wir haben mehr als 100 Seminare, dazu ein paar Podiumsdiskussionen und eine Filmvorführung. Im September werden wir einige erfolgreiche Kurse wiederholen, aber ansonsten spielt die Weiterbildung eine Nebenrolle. Der Schwerpunkt wird stattdessen auf Austausch, Vernetzung und Diskussion liegen.

Das Gespräch führte Felix Werdermann. Er beteiligt sich an der Linken Medienakademie auch als Dozent. Der Freitag ist Medienpartner der Linken Medienakademie

Felix Werdermann beteiligt sich an der Linken Medienakademie auch als Dozent. Der Freitag ist Medienpartner der Linken Medienakademie

11:21 06.03.2015

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