Zwei Whistleblower erzählen

Protokolle Was passiert mit Menschen, nachdem sie Geheimnisse an die Öffentlichkeit bringen? Wie fühlen sie sich, wie kämpfen sie? Inge Hannemann und Guido Strack berichten
Felix Werdermann | Ausgabe 29/2013 22
Zwei Whistleblower erzählen
Guido Strack und Inge Hannemann

Fotos: Petrov Ahner, Frank Schwarz (rechts)

Inge Hannemann

Die heute 45-Jährige hat in verschiedenen Jobcentern, zuletzt in Hamburg-Altona, gearbeitet und öffentlich auf Missstände wie ungerechtfertigte Leistungskürzungen hingewiesen. Im vergangenen April wurde sie freigestellt und klagt nun auf Weiterbeschäftigung.

"Ich hätte viel früher an die Öffentlichkeit gehen sollen. Seit 2005 habe ich das System beobachtet und festgestellt, wir belügen Millionen von Menschen. Die Erwerbslosen haben das immer geahnt, aber jetzt wissen sie es: In den Jobcentern herrscht die gewollte Willkür.

Wir wurden angehalten, Geld zu sparen. Wir sollten Leistungen ungerechtfertigt kürzen. Da wurde gesagt: Lassen wir es auf Gerichtsverfahren ankommen. Wir sollten nicht schnell arbeiten, um manche Rechtsvorgänge zu verschleppen, bis die Eingliederungsvereinbarung abläuft.

Zudem gibt es ein internes Ranking: Wer jünger als 50 ist, eine gute Ausbildung und einen Führerschein hat, wird bevorzugt. Vom Gesetz her müssen zwar alle gleich behandelt werden, aber mit diesem System steigen die Vermittlungsquoten, und die Standort- und Teamleiter bekommen ihre Prämien.

Die Bundesagentur für Arbeit spricht von Einzelfällen, aber in Wirklichkeit sind es Millionen. Ich kann das mit Dokumenten belegen. Die ersten Unterlagen habe ich in den Jahren 2006 und 2007 anonym an Erwerbsloseninitiativen geschickt. 2012 habe ich begonnen, im Internet über die Missstände zu schreiben. Und im Februar diesen Jahres bin ich mit einem Film auf Youtube an die Öffentlichkeit gegangen.

Inzwischen wurde ich freigestellt. Die offizielle Begründung lautet, dass es Zweifel gebe, ob ich das Sozialgesetzbuch auch gesetzeskonform umsetze. In Wirklichkeit hat die Bundesagentur für Arbeit aber extrem Angst, dass noch mehr über die Praktiken bekannt wird. Ich klage deshalb auf Weiterbeschäftigung.

Dass ich mit meinem Namen an die Öffentlichkeit gegangen bin, war trotzdem richtig und wichtig. Wenn ich anonym geblieben wäre, hätte das niemals so eine Wirkung gehabt.

Ich will noch mehr aufdecken und rechne damit, dass die Bundesagentur versuchen wird, mich finanziell kaputt zu machen. Auch mein Mann arbeitet dort, sicherlich wird man versuchen, ihm auch zu kündigen. Ich habe Angst vor persönlicher Rache.

Edward Snowden ist für mich kein Held, sondern ein verantwortungsvoller Mensch. Ich finde ihn mutig. Er wird nie mehr ein ruhiges Leben führen können, weil er sich mit dem Geheimdienst angelegt hat."

Guido Strack

Der heute 48-Jährige hat als EU-Beamter Unregelmäßigkeiten bei einer Auftragsvergabe bemerkt. Er wandte sich an die Anti-Korruptionsbehörde OLAF und klagte später vor europäischen Gerichten. 2006 gründete er das deutsche Whistleblower-Netzwerk mit und ist heute ihr Vorsitzender.

"Durch die Folgen meines Whistleblowings bin ich depressiv geworden. Trotzdem würde ich es wieder tun. Ich hatte damals auch keine andere Wahl, mein Gewissen hat mich nicht in Ruhe gelassen.

Seit 1995 habe ich bei der Europäischen Kommission gearbeitet, war dort ab 2001 zuständig im Bereich der Vereinheitlichung von EU-Rechtstexten. Wir haben einen Auftrag zur Übersetzung und Digitalisierung solcher Texte an ein externes Unternehmen gegeben, das aber die Aufgaben nicht vertragsgemäß erfüllt hat. Daraufhin wurde jedoch keine Vertragsstrafe verhängt, sondern der Vertrag nachträglich geändert. Es ging um mehrere Millionen Euro Steuergelder. Meine Vorgesetzten haben sich daran nicht gestört.

Ich habe dann die Abteilung gewechselt, um Abstand zu bekommen. Aber die Ungerechtigkeit hat mich weiter verfolgt, ich habe mich an die Anti-Korruptionsbehörde OLAF gewandt. Die hat meine Aussagen auch bestätigt; das Verhalten meiner Vorgesetzten sei trotzdem okay gewesen.

Ich habe dann vor mehreren europäischen Gerichten geklagt. Manche Prozesse laufen noch. Die Verfahren haben den Vorteil, dass ich öffentlich über die Vorgänge reden darf, weil viele Dokumente bekannt sind. Vorher hätte die Kommission mir ein Disziplinarverfahren anhängen und mich entlassen können. Ich habe zwei Kinder, an die ich denken muss. Wegen meiner Krankheit wurde ich im Jahr 2005 frühpensioniert, ich kriege eine Invalidenpension von der Kommission.

Im Jahr 2006 habe ich das deutsche Whistleblower-Netzwerk mitgegründet. Seit den Enthüllungen von Edward Snowden sind die Besucherzahlen auf unserer Website deutlich gestiegen, wir bekommen auch mehr Interviewanfragen. Ich bewundere Edward Snowden für seinen Mut, bin aber dagegen, einzelne Personen so hoch auf ein Podest zu stellen, dass niemand mehr dran kommt. Edward Snowden selbst will ja auch gar kein Held sein. Was wir brauchen, sind viele kleine Helden im Alltag, die Solidarität zeigen mit denen, die es wagen, die Wahrheit zu sagen."

Protokolle: Felix Werdermann

10:54 24.07.2013

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