Zweifelhafter Erfolg für Greenpeace

Nestlé-Palmöl Politische Kampagnen brauchen Gegner und Erfolge. Manchmal wird dann aus kleinen Unterschieden die geglückte Weltrettung - auch wenn Nestlé bloß in die Werbekiste greift

Eine gute politische Kampagne ist wie ein Krimi: Es gibt einen Guten, es gibt einen Bösen. Am Anfang steht ein schlimmes Verbrechen, am Ende die Auflösung. Im Fernsehen weiß man: Nach 90 Minuten ist die Welt wieder in Ordnung. In der politischen Realität dauert es manchmal länger.

Aber die Auflösung kommt. So meldet nun Greenpeace einen „Riesenerfolg“ beim Kampf gegen die Regenwaldzerstörung durch Nestlé. Dabei hat der Lebensmittelkonzern nur tief in die Kiste mit den Werbetricks gegriffen und eine Zusammenarbeit mit der Nicht-Regierungsorganisation (NGO) „The Forest Trust“ (TFT) bekanntgegeben. Was dabei herauskommt, ist noch völlig unklar – selbst Greenpeace gesteht ein: „Schon oft hat sich der Konzern hinter leeren Versprechungen versteckt.“

Was ist passiert? Vor zwei Monaten hatte Greenpeace eine Kampagne gegen Nestlé und dessen Schokoriegel Kitkat gestartet. Die Umweltorganisation stellte ein Video ins Netzt, das sich in Windeseile verbreitete. Bereits nach drei Wochen hatten über eine Millionen Menschen den Clip angeschaut. Auf dem einminütigen Clip ist ein Büroangestellter zu sehen, der in der Kitkatverpackung einen Affenfinger findet und genüsslich hineinbeißt. Die Botschaft: Durch Kitkat wird der Lebensraum des Orang-Utans zerstört.

Schon damals bewegte sich Greenpeace mit seiner Argumentation auf einem schmalen Grad: Nestlé rodet nämlich keine Urwälder, sondern bezieht bloß Palmöl. Und ist damit einer unter tausenden Abnehmern. Um diesen weltweiten Palmölhunger zu befriedigen, werden Plantagen angelegt und Urwälder zerstört. Das ist ein ernsthaftes Problem, keine Frage – und doch ist Nestlé bloß ein Puzzleteil in diesem beängstigendem Bild.

Jede Menge Aufmerksamkeit

Aber eine Kampagne richtet sich nicht gegen das System. Wenn sie ankommen soll, muss die Botschaft leicht verständlich sein und die Kampagne braucht einen Gegner. In diesem Fall Nestlé – der einzige große Konzern, der noch Palmöl vom umstrittenen indonesischen Palmöllieferanten Sinar Mas bezog. Dann hat Greenpeace das Video verbreitet und für jede Menge Aufmerksamkeit gesorgt. Nestlé teilte daraufhin mit, man habe den Vertrag mit Sinar Mas „zwischenzeitlich beendet“.

Greenpeace reichte das nicht: Die Umweltorganisation forderte, Nestlé solle auch sämtlichen Zulieferern kündigen, die ihr Palmöl eventuell von Sinar Mas beziehen. Im Prinzip ist das logisch, und doch stellt sich spätestens hier die Frage: Hat Greenpeace an andere Palmöl-Abnehmer die gleichen Maßstäbe angelegt? Oder wollte man die Kampagne nicht direkt zu Beginn wieder abblasen?

Auf der Greenpeace-Internetseite finden sich keine Antwort auf diese Fragen, sowieso wird immer nur von Sinar Mas und Nestlé geschrieben. Dass es um ein strukturelles Problem geht und die anderen Konzerne auch keine Unschuldsengel in Person sind, gerät leicht in Vergessenheit oder erst gar nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit.

In der Weiterverarbeitungskette

Sind Nestlés Konkurrenten Unilever und Kraft besser? Immerhin hatte Nestlé zu seiner Verteidigung behauptet, die indonesischen Zulieferer könnten „derzeit nicht garantieren, dass ein bestimmtes Unternehmen aus der Lieferkette ausgeschlossen wird, da die Herkunft des Palmöls in diesem komplexen Gefüge nicht immer eindeutig bestimmbar ist“. Auch Greenpeace-Waldexpertin Corinna Hölzel gibt zu, das sei „momentan in der Tat sehr schwer“. Palmöl von Sinar Mas könnte „in die Weiterverarbeitungskette gelangen“.

Konkret heißt das: Auch Unilever und Kraft beziehen indirekt vermutlich Palmöl von Sinar Mas. Doch die Unternehmen seien dabei, „getrennte Warenerfassungssysteme aufzubauen“, sagt Hölzel. Immerhin ein kleiner Unterschied.

Den Schritt hat nun anscheinend auch Nestlé vollzogen. Die NGO „The Forest Trust“ (TFT) soll dem Konzern „im Aufbau einer verantwortungsbewussten Lieferkette unterstützen“, heißt es in einer Mitteilung. Sinar Mas wird darin kein einziges Mal erwähnt – Greenpeace glaubt trotzdem, das umstrittene Unternehmen werde durch den neuen Aktionsplan aus der Lieferkette ausgeschlossen.

Woher diese Siegesgewissheit kommt, ist unklar. Ist TFT so vertrauenswürdig? Dass weite Bevölkerungsteile noch immer denken, NGOs seien unabhängig, unkäuflich und per definitionem moralisch überlegen, ist traurig. Aber Greenpeace dürfte es besser wissen. Nicht ohne Grund lehnt die internationale Umweltschutzorganisation Spenden aus Politik und Wirtschaft grundsätzlich ab.

Bei TFT sieht das anders aus: Mitglieder sind rund 100 Unternehmen – die zumeist auch im Bereich der Waldnutzung bestimmte Interessen verfolgen. Unabhängigkeit sieht anders aus. Mit Nestlé steht bald erstmals auch ein globales Konsumgüterunternehmen in der Mitgliederliste. Das ist also der „sensationelle Erfolg“, von dem Greenpeace spricht – „für die vielen Menschen, die sich an den Protesten im Internet beteiligt haben“. Na dann: Herzlichen Glückwunsch.

12:41 19.05.2010
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