Zweifelhaftes Öko-Handy

Im Gespräch Gegen das Wegwerfen? Motorola will ein Smartphone mit austauschbaren Teilen entwickeln. Jens Gröger vom Öko-Institut ist skeptisch, ob das der Umwelt wirklich hilft
Zweifelhaftes Öko-Handy
Macht das Sinn? Das Handy mit Baukastensystem
Foto: Screenshot motorala.de

Ex und hop: Viele Handys werden schon nach kurzer Zeit weggeworfen, weil sie nicht mehr modern genug sind oder weil irgendetwas kaputt ist. Dadurch entstehen riesige Müllberge. In einer Kampagne fordern daher tausende Menschen neue Smartphones, bei denen sich einzelne Teile auswechseln lassen – etwa Kamera, Speicherkarte oder Display. Nun hat der Hersteller Motorola erklärt, solche Geräte entwickeln zu wollen. Jens Gröger vom Öko-Institut ist dennoch skeptisch.

Herr Gröger, Sie befassen sich beim Öko-Institut mit umweltfreundlicher Kommunikationstechnik. Motorola will nun ein Smartphone entwickeln, bei dem sich die einzelnen Komponenten austauschen lassen. Das müsste Sie doch freuen, oder?

Jens Gröger: Die Idee eines modularen Handys ist erstmal nicht schlecht. Es wird sicher ein paar Freaks geben, die Spaß daran haben, an ihrem Smartphone herumzuschrauben. Ich glaube aber nicht, dass sich das auf dem Markt durchsetzen wird. Und ob es am Ende tatsächlich zu einem niedrigeren Energie- und Ressourcenverbrauch führt, ist auch unklar.

Woher kommt Ihr Pessimismus?

Im Prinzip wird mit einem modularisierten Handy der „App“-Gedanke auf die Hardware übertragen. Durch das Zusammensetzen von Elektro-Bauklötzen wird in das Smartphone wieder etwas Haptik zurückgeholt, die wir anderswo verloren haben. Aber die meisten Kunden sind meiner Einschätzung nach froh, ein Handy zu haben, bei dem alle nötigen Funktionen schon eingebaut sind.

Beim Computer hat sich das Prinzip durchgesetzt: Ich kann alle möglichen Geräte anschließen.

Gerade beim Computer ist der Trend gegenläufig. Ein Grund für den Boom der Tablet-Computer ist, dass sie so schlicht und untechnisch daherkommen und dadurch den Nutzer nicht überfordern. Ich gehe davon aus, dass es nur wenige Leute gibt, die gerne Computer aufschrauben und darin Komponenten austauschen. Ich schätze, dass es beim Handy genauso sein wird.

Technisch wäre es möglich, dass man sich das Smartphone individuell zusammenbauen kann?

Die Modularität ist auch mit einigen Schwierigkeiten verbunden. So müssen für alle Module zusätzliche Datenschnittstellen geschaffen werden und natürlich auch elektrische Kontakte, die prinzipiell fehleranfällig sind. Man hat also erst mal einen Mehraufwand an Ressourcen, beispielsweise Schnittstellen-Chips und Gold für die Kontakte, aber keine Umweltentlastung. Und wenn man Pech hat, kommt nachher ein störanfälliges Gerät dabei heraus, dass schnell kaputt geht und letztlich in der Mülltonne landet.

Andererseits kann eine einzelne kaputte Komponente ausgetauscht werden und man muss sich nicht gleich ein neues Smartphone kaufen?

Dieser Aspekt ist tatsächlich das eigentlich Charmante an der Idee. Das setzt allerdings auch voraus, dass die Ersatzteile auch lange verfügbar sind und einzeln nicht den Preis eines neuen Telefons übersteigen. In der Praxis wird es jedoch eher so sein, dass Komponenten ausgetauscht werden, wenn die alten noch funktionieren, aber nicht mehr gut genug erscheinen. Das führt zu neuen Problemen: Wird beispielsweise die Kamera durch eine mit besserer Auflösung ausgetauscht, wird gleichzeitig ein höherer Speicherbedarf und ein schnellerer Prozessor benötigt. Das heißt: Wenn ich die neue Kamera haben will, muss ich auch andere Teile austauschen.

Ein paar neue Teile sind immer noch billiger und ressourcenschonender als ein komplett neues Handy, oder?

Ich glaube nicht, dass weniger Geräte gekauft werden. Beim Kauf brauche ich dann nicht mehr daran zu denken, welche Funktionen ich brauche. Stattdessen kann ich sie mir später dazu kaufen. Es geht also um Zusatzwünsche, die ich mir erfülle. Insgesamt wird der Konsum angekurbelt und die Müllberge wachsen weiter.

Sie plädieren für ein Kompletthandy ohne austauschbare Teile?

Nein, es gibt durchaus Komponenten, bei denen es absolut empfehlenswert ist, wenn man sie wechseln kann: der Akku und der Datenspeicher. Da stoßen die Kunden regelmäßig an Grenzen. Wenn man diese Teile erneuern kann, verlängert das die Lebensdauer des Handys.

Die Hersteller weigern sich?

Der Trend geht zur Miniaturisierung und damit auch dazu, die Teile fest einzubauen. Bei alten Handys kann man den Akku noch mit einem Handgriff ausbauen. Heute gibt es das kaum noch. Das führt nicht nur dazu, dass die Lebensdauer sinkt, sondern auch dazu, dass es beim Recycling schwieriger ist, wertvolle Metalle wie Cobalt aus dem Akku oder das Gold aus der Elektronik herauszuholen.

Was kann ich dann überhaupt als Verbraucher tun, um das Klima zu schützen und Ressourcen zu schonen?

Der einzige Trick ist, dass Handy möglichst lange zu nutzen und es dann in die Zweitverwendung oder zum Recycling zu geben.

Warum tun das die Leute so selten?

Viele haben sicher Bedenken, weil sie ihre Daten auf dem Handy nicht sicher löschen können. Dann bleibt das Gerät lieber in der Schublade, was für den Ressourcenschutz definitiv der falsche Weg ist. Die Hersteller sollten daher einen „Alles löschen“-Knopf einbauen, wodurch die Bereitschaft steigen wird, das Handy abzugeben.

Austauschbarer Akku, Lösch-Button: Brauchen wir neue Gesetze?

Eine gesetzliche Verpflichtung wäre sicherlich der wirksamste Ansatz. Aber das ist derzeit nicht abzusehen. Es bleibt den Konsumenten also nicht erspart, sich selbst Gedanken über ihre Konsumgewohnheiten zu machen. Eine gute Strategie ist, nicht bei jedem neuen Produkt gleich zuzugreifen. Das trifft auch auf modulare Smartphones zu.

Das Gespräch führte Felix Werdermann

Jens Gröger, 43, befasst sich beim Öko-Institut mit nachhaltigem Konsum und hat die Umweltkriterien des Labels „Blauer Engel“ für ressourcenschonende Mobiltelefone mitentwickelt

12:27 01.11.2013

Kommentare 6

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar