Die Relativierer der Ungleichheit

Ökonomie In der Debatte um Thomas Piketty und die Ungleichheit wurde eine Gruppe immer lauter: Die Zweifler. Ihnen geht ein Duisburger Sozialökonom nun auf die Spur
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Die Relativierer der Ungleichheit
Warnt vor zunehmender Ungleichheit: Thomas Piketty

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

„Ungleichheit ist eine der am meisten überschätzten Thesen unserer Zeit.“ Das stammt von Tyler Cowen, Ökonom an der Georg Mason University. Mit diesem Satz würdigt er ein schmales Band des Philosophen Harry G. Frankfurt mit dem dieser 2015 in die Ungleichheitsdebatte einstieg.

Die Debatte gewann in Deutschland im Jahr 2014 durch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ von Thomas Piketty besonders an Fahrt. Im Anschluss an Piketty appellieren Ökonomen in Deutschland nun: „Die Politik wäre daher gut beraten, wenn sie der Gefahr einer Verfestigung der Ungleichheit in Deutschland entschlossen entgegenwirkt.“

Doch die Politik zögert. NGOs, Verbände und Gewerkschaften fordern mehr Umverteilung um den Trend der wachsenden Ungleichheit zu stoppen. UngleichheitsforscherInnen wie Piketty, Wilkinson, Pickett, Atkinson, Stiglitz und andere warnen vor den Folgen der rasant steigenden Ungleichheit. Doch ihnen steht ein Heer von Akteuren gegenüber, die Zweifel säen. Zweifel an den genannten Studien, Zweifel an den Ergebnissen, Zweifel an den Folgen von Ungleichheit, Zweifel an der Effektivität von Umverteilungsmaßnahmen.

Einer der sich dieser Gruppe der Zweifler angenommen hat, ist Julian Bank, Geschäftsführer des Instituts für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Er untersuchte die Mechanismen, die jene Zweifler in der Ungleichheitsdebatte bewusst oder auch unbewusst anwenden. Zu diesem Zweck analysierte Bank eine Reihe von Beiträgen der bedeutenden Akteure der Debatte: Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Jahresgutachten der Wirtschaftsweisen, Studien des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln und Kampagnen der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Entlang dieser Beiträge gelingt es Bank spezifische Mechanismen der Ungleichheitsrelativierung herauszuarbeiten, die insbesondere in der deutschen Debatte wirkmächtig wurden.

So erscheint die soziale Lage in Deutschland dadurch rosig, dass Fakten zur Ungleichheit unangemessen kontextualisiert werden, zum Beispiel durch den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung – den sogenannten Wirtschaftsweisen. Diese erklärten, es sei „so gut wie ausgeschlossen“, dass in Deutschland absolute Armut auftrete. Julian Bank hält eine solche Form der Kontextualisierung, das „Anchoring“, für problematisch, weil Menschen in Deutschland die Sorge um Armut dadurch weniger bedrückend vorkomme. Jedoch werde das Leid der relativ Armen in Deutschland dadurch nicht besser.

Neben der unangemessenen Kontextualisierung identifiziert er weitere Mechanismen der Ungleichheitsrelativierung: Einen Kampf um Begriffe, ein Ringen um Diskurshoheit, eine Monopolisierung des Expertenstatus sowie die Delegitimierung von Akteuren.

Im Gespräch mit dem Autor erklärt Bank wie eine solche Delegitimierung von Akteuren abläuft: „Mit diesem Mechanismus werden Akteure in der Ungleichheitsdebatte als inkompetente Teilnehmer dieser Debatte angegriffen. Eine besonders drastische Art der Delegitimierung von Akteuren fand sich in einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln, in der es um verzerrte Wahrnehmung von Ungleichheit ging. Diese Studie finde ich methodisch fragwürdig. Das ist aber letztlich ein wissenschaftlicher Streit. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln kommt jedoch zu dem Schluss, in Deutschland gäbe es ‚verzerrte Umverteilungspräferenzen’ – so nennen sie das. Und das finde ich hoch problematisch! Denn ein solcher Schluss unterstellt, dass ein Teil der Bevölkerung nicht in der Lage ist, bestimmte Positionen zur Verteilungspolitik zu vertreten. Leuten verzerrte Präferenzen zu unterstellen, finde ich letztlich zutiefst undemokratisch.“

Auf diesem Wege setzen Akteure wie die Wirtschaftsweisen oder das Institut der deutschen Wirtschaft Köln Dynamiken in Gang, die anderen Akteuren die Urteilskraft absprechen. Das geschieht in der Regel gar nicht explizit, erklärt Julian Bank. Werden spezifische Akteure, die eine hohe Ungleichheit der Einkommen und Vermögen anprangern, delegitimiert, relativiert das die Ungleichheit als Problem insgesamt.

Julian Bank fordert daher eine breitere Debatte. Es brauche Räume in denen jene Positionen gehört und diskutiert werden, die von anderen nicht ernst genommen werden. „Ich persönlich habe daraus den Schluss gezogen, meine wissenschaftliche Beschäftigung mit Ungleichheit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, indem ich darüber blogge“, erklärt er gegenüber dem Autor.

Damit ist er nicht der einzige. Für die New York Times bloggt der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman regelmäßig über Einkommens- und Vermögensungleichheit. Mit den Zweiflern der Ungleichheit beschäftigte sich Krugman bereits 2014: “Yet inequality denial persists, for pretty much the same reasons that climate change denial persists: there are powerful groups with a strong interest in rejecting the facts, or at least creating a fog of doubt.”

Der Schleier des Zweifels – aufrechterhalten von Leugnern und Relativierern – möchte uns dort im Unklaren lassen, wo nichts unklar ist: der Entwicklung der ökonomischen Ungleichheit im 21. Jahrhundert.

Die Untersuchung von Julian Bank lautet: Zur Relativierung der Ungleichheit in Deutschland: Foren, Akteure, Mechanismen, in: Eicker-Wolf, Kai/Truger, Achim: Ungleichheit in Deutschland – ein gehyptes Problem? Über die Verteilungsrealität und Möglichkeiten ihrer Gestaltung, 2017. Hier zu kaufen.

20:19 11.12.2017
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Geschrieben von

Felix

Student der Politikwissenschaft. Tischtennisspieler in der 3. Kreisklasse.
Felix

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