Kulturelle Prägungen und die eigene Identität

Migration Am 04.02. und 05.02.2016 wurde im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin der Dokumentarfilm "Doppelter Herzschlag" von Su-Jin Song gezeigt mit Publikumsgespräch im Anschluss
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Eine Zeit lang, fand ich es nicht besser, aber auch nicht unbedingt schlechter, ein Deutscher zu sein. Dieser Aspekt meiner Identität hatte keine außergewöhnliche Bedeutung. Ich dachte, gerade wegen der Diversität der deutschen Gesellschaft - zu der für mich immer alle in Deutschland lebenden Menschen zählten und zählen - sei die Tatsache, deutsche Vorfahren zu haben, in Deutschland geboren und aufgewachsen, also per üblicher Definition Deutscher zu sein, ein mehr oder weniger neutraler Sachverhalt.

Selbstverständlich ein Sachverhalt, der eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Geschichte anregt, jedoch sonst nicht weiter spektakulär.
Doch mit Pegida und AFD zeigen zwei politische Phänomene die Rechtslastigkeit der Mitte der deutschen Gesellschaft. Auch bereits vorher, als klar wurde, dass ein NSU jahrelang ungehindert seine Morde begehen konnte und in einem Land, in dem nicht nur in den zurückliegenden 90ern, sondern heute wieder öfter denn je rechte Gewalt gegen Menschen und etwa nach den Angaben von Pro-Asyl oftmals gegen Unterkünfte für Asylsuchende verübt wird, seitdem ist es auch mir als Enkel der Kriegsgeneration klar geworden, wie sehr die deutsche Vergangenheit eine Kontinuität bis in unsere heutige Zeit aufweist.

Das trotz Bundes- und auf der anderen Seite Demokratischer Republik. Trotz Wiedervereinigung und europäischer Integration. Trotz der Auseinandersetzungen der 68er mit deren Elterngeneration.

Was man als Deutscher, sofern man diesen Begriff auf sich selbst anwendet, mit im Gepäck schleppt, man muss sich doch gut überlegen, ob man dies will. Diese Selbstidentifikation mit einer Nation mag ohnehin im Zeitalter der Globalisierung anachronistisch anmuten, doch sie erlebt in ganz Europa ein massives Revival.

Dabei kennen europäische Staaten, auch der deutsche, jeweils ihre eigenen Auswanderungs- und Einwanderungsgeschichten.

In Zeiten, in denen vor allem die dann als essentiell verstandene Kultur als scheinbar legitimes Ausgrenzungskriterium angewandt wird, ist letztlich auch der Kulturbegriff stark nationalistisch, ja auch rassistisch aufgeladen.

Dass bei einem solchen Kultur-Verständnis viel Konstruiertes impliziert ist, ist zunächst kein Mängel des Begriffs. Jedoch werden hierbei spezifische konkrete Konstruktionen, wie etwa ein bestimmtes Nationalitäten, bzw. Ethnien zugeschriebenes Frauenbild,zu Ausgrenzungsmechanismen, die ganz materielle Folgen haben und eine Wechselseitigkeit, bzw. einen Austausch - also jede Dynamik von kulturellen Einflüssen - leugnen.

Am 04.02. und 05.02.2016 fand im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin eine Veranstaltung statt, bei der es gerade um solche Wechselwirkungen ging.

Bereits im Jahr 2013 zeigte das Zentrum den Film "Hafu", welcher sich mit den gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen Halbjapanerinnen und Halbjapaner in Japan konfrontiert sind, beschäftigt. Auf Grund der großen Resonanz, knüpfte das Japanisch-Deutsche Zentrum nun an die Thematik an, zeigte dieses Mal den Film "Doppelter Herzschlag“ der jungen Filmemacherin Su-Jin Song, an beiden Terminen mit einem Publikumsgespräch im Anschluss.

"Doppelter Herzschlag" porträtiert auf einfühlsame Weise fünf Kulturschaffende, die als Deutsch-Koreaner der zweiten Generation in Deutschland aufgewachsen sind. Hauptsächlich aus Interviews bestehend, bildet die Frage nach dem Einfluss der koreanischen und deutschen Kultur in ihrem Leben und auf ihre künstlerische Arbeit das hauptsächliche Thema des Films.

Ihre Erfahrungen zwischen den beiden Kulturen verarbeiten die ProtagonistInnen auf ganz unterschiedliche Weise. Es spielt hin und wieder eine Rolle wenn es etwa um die Einstellung zu bestimmten Dingen geht, es beeinflusst aber zuweilen auch ganz explizit das jeweilige Werk. Dabei spielt in unterschiedlich großem Maße auch die Geschichte ihrer Eltern eine Rolle.
Diese Geschichte, ist ein eher unbekanntes Kapitel der Einwanderung nach Deutschland. In den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts war Südkorea noch ein vergleichsweise armes Land und Deutschland benötigte einerseits Arbeitskräfte für den Bergbau, zu welchem Zweck viele koreanische Männer nach Deutschland kamen aber auch Fachkräfte im Bereich der Pflege. So haben sich auch koreanische Krankenschwestern in dieser Zeit auf den Weg in die Bundesrepublik gemacht.

Beim Publikumsgespräch saßen neben der Filmemacherin noch andere Gäste mit japanischem und koreanischem, am zweiten Abend auch mit vietnamesischen Hintergrund - ebenfalls aus der zweiten Generation - auf dem Podium. Am ersten Abend waren dies die Regissuerin Su-Jin Song, die Leiterin der Kulturabteilung des Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin Akiko Kawauchi und Ryotaro Kajimura, der im Bereich PR in einer Agentur für Erneuerbare Energien tätig ist. Am zweiten Abend wurde die Runde um die Die Zeit-Journalistin Khue Pham erweitert.

Angesichts des niccht ganz unbelasteten Verhältnisses des südkoreanischen und japanischen Staates wurde es von den Anwesenden als bemerkenswert empfunden und dabei begrüßt, dass es sich um eine koreanisch-japanische Gemeinschafts-Veranstaltung handelte.

So waren am 04.02. als Gäste im Publikum sowohl die Gesandten der japanischen Botschaft, Kiminori Iwama als auch der koreanischen Botschaft, Kwon Sehoon und der Pressereferent Lee Dongjun anwesend.

Schließlich machen, trotz unterschiedlicher Einwanderungsgeschichten und unterschiedlicher Gegebenheiten und Kulturen der Herkunftsländer, asiatische EinwanderInnen in Deutschland doch auch ähnliche Erfahrungen.

Um solche Erfahrungen ging es sowohl im Film als auch im anschließenden Gespräch. Am ersten Abend wurde in dessen Fortgang die Frage gestellt, welche Identität nun wichtiger wäre, die japanische, bzw. koreanische oder die deutsche?

Der Berliner mit japanischem Hintergrund Ryotaro Kajimura, der auf dem Podium Rede und Antwort stand, gab zur Antwort, dass er sich das, was man alles als "Deutscher" an aufgeladener Bedeutung mit sich herumschleppen würde, nicht aufladen wolle, genauso wenig, wie das, was er sich als "Japaner" aufladen würde. Er sehe sich vielmehr als "Kind dieser Gesellschaft".

Eine andere Frage, bei der es darum ging, ob z.B. durch bestimmte, forcierte Sprachkenntnisse, welche die Kommunikation innerhalb einer bestimmten Bevölkerungsgruppe erleichtert, zur Ausbildung einer Parallelgesellschaft führen würde, wurde von den Podiumsgästen verneint.

Auch mache sich die Identität nicht unbedingt hauptsächlich an der Sprache fest, wie es in einem Votum im Anschluss an Heideggers These zur Sprache als "Haus des Seins" ins Gespräch gebracht wurde.

Ich habe mich an jenem Abend auch an meine eigenen interkulturellen Erfahrungen erinnert, die ich selbst wiederum in Japan gemacht habe. Dort war es der Studiengruppe, zu der ich gehörte, selbstverständlich wichtig, nicht zu sehr negativ aufzufallen, also auch auf die Einhaltung bestimmter japanischer Sitten zu achten. In einem speziellen Fall, hat uns ein Japanologe, der aus Deutschland nach Japan gegangen ist und dort nun schon über 40 Jahre lebt, gewissermaßen die Augen geöffnet. Er, der sich gut in Japan eingelebt hat, erklärte uns, dass es die Kommunikation gerade interessant macht, wenn man sich - in diesem Fall nach japanischen Maßstäben - nicht ganz korrekt verhält. Ja, Eigenheiten, die manchmal auch irritieren, sorgen gerade für das "Salz der Kommunikation" und machen das Gespräch auch für das Gegenüber zu einer anregenden Angelegenheit, so der Japanologe.

Sich der verschiedenen kulturellen Einflüsse bewusst zu sein und sich den daraus entstehenden Ressourcen zu bedienen, gerade das kann eine Gesellschaft bereichern - so die Quintessenz aus dieser Situation, so auch eine Tendenz, die deutlich im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin am ersten Termin der Veranstaltung zu vernehmen war.

Die Kenntnisse einer nicht-deutschen Sprache steht in diesem Zusammenhang der Kenntnis der deutschen nicht im Wege, erweitert viel mehr die Möglichkeit kognitiver und emotionaler und dabei greifbarer Zugänge zur Wirklichkeit. Die Last, die es aber bedeutet, sich entweder als "Deutscher" oder sonst durch eine ganz bestimmte (einzige) Nation definiert zu verstehen, kann bedrückend sein und die Partizipation in der Gesellschaft sogar behindern.

Migration und Integration als auch diskursive, wechselseitige Praktiken zu verstehen, kann einer Perspektive den Weg ebnen, welche den Blick auf die Möglichkeit gelingenden Zusammenlebens richtet. Dann kann die Identität auch anstatt hauptsächlich durch Nationalität oder Ethnie dadurch bestimmt sein, dass man mit sich selbst im Reinen ist und seiner Umwelt gegenüber eine grundsätzliche Empathie entgegenbringt. Empathie, wie sie hier gemeint ist, schließt Kritik freilich nicht aus, würde diese aber mit Blick auf eine Verbesserung gesellschaftlicher Verhältnisse insgesamt hervorbringen.

Ich für meinen Teil, verstehe jenen jungen Berliner mit japanischen Hintergrund im Übrigen gut, wenn er meint, dass die Selbstbezeichnung als "Deutscher" viel zu stark aufgeladen ist, als dass es etwas Erstrebenswertes sein könnte, das man besonders gerne für sich in Anspruch nähme.

12:28 09.02.2016
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Geschrieben von

Ferdinand Liefert

Dipl.-Theologe (Studium in Greifswald / Marburg / Interreligiöses Studienprogramm in Kyoto ).
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