Was macht Familie eigentlich aus?

Film Koreedas Shoplifters geht der Frage nach, was eine Familie zusammenhält.
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Seit kurzem ist Hirokazu Koreedas in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes Drama Shoplifters – Familienbande (2018) in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen. Es ist eine der wenigen japanischen Filmperlen, die auch jenseits solcher Festivals wie der Frankfurter Nippon Connection hierzulande auf der Leinwand zu sehen sind. Ein Gang ins Kino lohnt sich.

Wenn der Ohrwurm von Bohemian Rhapsody abgeflaut ist und während Fans des Transformers-Franchise wohl erst einmal Bumblebee ihre Referenz erweisen, werden diejenigen, die den Weg in Shoplifters finden, mit der Frage konfrontiert, was Familie eigentlich ausmacht.

Das Thema Familie ist im japanischen Kino gewissermaßen ein Dauerbrenner. Da muss nur an den großen unter den Klassikern des japanischen Kinos, Yasujiro Ozu erinnert werden. So wird schnell klar, dass sich thematisch eine Linie ziehen lässt bis hin zu neueren Produktionen. Ja selbst solch ein skandalträchtiger Regisseur wie Sion Sono widmet sich hin und wieder der Familie als eines der wichtigen Elemente eines Films. So etwa in Love Exposure. Dort dreht sich vieles um die komplizierte Beziehung zwischen Vater, Sohn und neuen potentiellen Familienmitgliedern. Ein anderer vergleichsweise ungewöhnlicher Filmemacher, Sabu, hat in dem Film Mr. Long ein vergängliches, kurzfristiges womöglich als Familienglück zu bezeichnendes Moment eingebaut.

Im letzten Jahr auf der Nippon Connection, dem größten Festival für japanischen Film, lief etwa Yukiko Mishimas Dear Etranger, der um eine Familienkrise kreist, die durch die Rebellion einer Tochter gegen ihren Stiefvater ausgelöst worden ist. Einer der großen Überraschungen auf der 2018er Nippon Connection war Akio Fujimotos Passage of Life, der auf eindrückliche Weise das Schicksal einer Familie nachzeichnet, die von der Spannung, der sie ausgesetzt ist, da sie als illegale Einwanderer in Japan leben, gezeichnet ist.

Hirokazu Koreeda reiht sich damit durchaus in eine gewisse Kinotradition ein. Was macht den Film also besonders? Shoplifters – Familienbande handelt nicht von einer mittelständigen Familie oder gar einer Familie aus einer gehobenen Schicht. Die Figuren sind nicht nur Protagonisten einer Geschichte über Familienbande und wie diese auch unter Mitgliedern einer Familie entstehen kann – oder auch nicht –, welche nicht zwangsläufig blutsverwandt sind. Es ist auch eine Geschichte um eine Familienbande, die regelmäßig auf Diebeszug geht um über die Runden zu kommen. Ob dies überhaupt wirklich immer notwendig ist beantwortet der Film nicht eindeutig und auf eine moralische Einordnung verzichtet der Film glücklicherweise. Die Ambivalenz der Lebensrealität – hier von Menschen die am unteren Rand der Gesellschaft leben – der Vater verdingt sich als Tagelöhner, die Großmutter lebt von einer Witwenrente und eine weibliche Angehörige verdient Geld im Rotlichtmilieu, während die Kinder nicht zur Schule gehen dafür aber den Ladendiebstahl perfektioniert haben - wird nicht in eine Richtung hin glattgebügelt.

Es ist nicht der Frust, es ist nicht die Verzweiflung, die den Ton angeben, es ist eher das Sichdurchschlagen und die familiäre Solidarität, wenngleich diese immer wieder brüchig zu werden droht. Dies geschieht zum ersten Mal, als die Familie ein Mädchen aufnimmt, das offenbar vor ihren gewalttätigen Eltern Reißaus genommen hat. Langsam gewöhnt sich die Familie an das neue Mitglied, doch Zweifel und auch Eifersucht bahnen sich immer wieder ihren Weg. Wie Komplex die gesamte Struktur der Familie ist, wird im Film schließlich nach und nach erkennbar.

Die Filmmusik ist dezent gehalten und der Film lebt vor allem von der starken Leistung der DarstellerInnen. Dabei wird den ZuschauerInnen vor Augen geführt, welche sozialen Verwerfungen es in den heutigen (post-)industriellen Gesellschaften gibt.

Als die zwei Hauptstränge des Films kann wohl die Frage nach dem, was eine Familie zur Familie macht, angesehen werden, wie ein Schlaglicht auf persönliche Schicksale auf der Seite derjenigen, die in der kapitalistischen Lebenswirklichkeit nicht zu denen gehören, die im üblichen Maßstab als Gewinner zählen. Es ist eine rührende, komische, hoffnungsvolle und tragische Geschichte zugleich. Es handelt sich um einen Film, der weder einseitig Mitleid induzieren will oder andersherum eine sozialromantische Verklärung darstellt. Es ist ein vielschichtiger Film, den man sicher auch mehr als einmal schauen kann.

18:25 04.01.2019
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Geschrieben von

Ferdinand Liefert

Dipl.-Theologe (Studium in Greifswald / Marburg / Interreligiöses Studienprogramm in Kyoto ).
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