Die Gewalt von Köln und der Rassismus

Ausländerfeindlichkeit In Köln kam es am Bahnhof während der Neujahrsfeierlichkeiten zu mindestens 15 sexuellen Belästigungen, einer Vergewaltigung sowie zahlreichen Diebstählen.
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Da ich nun von etlichen Personen aufgefordert wurde, mich doch auch mal dazu zu äußern, werde ich das an dieser Stelle tun.

Der Grund, weshalb man mich zu einer Stellungnahme bewegen möchte, ist recht simpel: Die Täter werden beschrieben als Menschen mit nordafrikanischem Aussehen. Es waren also höchst wahrscheinlich Ausländer, die diese kollektiven Straftaten begangen haben. Was man nun also von mir erwartet, ist, dass ich all denjenigen Recht gebe, die behaupten, dass wir durch unsere Willkommenskultur nun mal auch möglicherweise hunderttausende Menschen in unser Land lassen, die nicht den nötigen Respekt gegenüber Frauen besitzen und mit der persönlichen Freiheit anderer im Generellen nicht klarkommen. Selbstverständlich werde ich niemandem den Gefallen tun und Ausländerfeindlichkeit akzeptieren - nicht in diesem Zusammenhang und auch in keinem anderen. Ausländerfeindlichkeit wird von mir nur eines: bekämpft.

Wenn nun also der pöbelnde Mob mit Mistgabeln auf die Täter losgehen möchte, weil diese aller Wahrscheinlichkeit nach nicht-deutscher Abstammung sind, so instrumentalisieren sie das Geschehene für ihre intolerante Weltanschauung. Das Mitgefühl mit den Opfern ist an der Stelle dann zweitrangig - im Fokus ist die Herkunft der Täter. Dass ich Gewalt als Pazifist nie gutheiße, sollte jeder Person klar sein, die mich einigermaßen kennt. Dass ich mich als Feminist auch entschieden gegen eine Herabwürdigung der Frauen als Sexobjekte engagiere, versteht sich von selbst. Es ist in meinen Augen mehr als schrecklich, was in Köln passiert ist. Ich wünschte, es hätten sich Menschen gefunden, die eine solch kollektive Tat erkennen und im Keim ersticken. Wo war die sonst an Bahnhöfen omni-präsente Polizei, wo waren andere Männer, die hätten eingreifen können, in dieser Situation? Sexueller Missbrauch in der Öffentlichkeit geht mit Sicherheit nicht vollständig heimlich vonstatten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass von mindestens 15 Opfern sexueller Belästigung kein einziges aufgeschrien hat - wer hat also weggehört? Seit wann ist es in Deutschland bitteschön möglich - Trubel hin oder her - mit solch niederen Schandtaten in der Öffentlichkeit einfach zu entkommen? Wieso sind diese Fragen nicht Bestandteil der Entrüstung der besorgten Bürger?

Ganz einfach, weil diese Fragen zu stellen, eben eines voraussetzt: Echtes Mitgefühl mit den Opfern sowie eine tatsächliche Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Denn wir werden Gewalt gegen Frauen nicht stoppen können, indem wir die Grenzen dicht und keine Flüchtlinge mehr ins Land lassen. Aus verschiedenen Gründen: Erstens ist die Behauptung, die Täter seien Flüchtlinge, derzeit haltlos. Nicht jeder Mensch afrikanischer Herkunft ist ein Flüchtling. Und haltet euch fest: Sogar nicht jeder Mensch mit nordafrikanischem Aussehen ist Ausländer. Zweitens, weil Gewalt gegenüber Frauen in Deutschland noch immer hausgemacht ist - im wahrsten Sinne des Wortes. Jede fünfte Frau in Deutschland hat schon mal Gewalt in den eigenen vier Wänden erlebt - möglicherweise ist die Dunkelziffer noch höher.

Bitte kommt mir also nicht mit "Wir müssen unsere Frauen vor den Ausländern schützen!", wenn ihr gleichzeitig beim Thema häuslicher Gewalt wegschaut oder ausweicht. Ja, wir dürfen die Augen vor Gewalt, und das beinhaltet eben auch die Gewalt an Frauen, niemals verschließen. Wir dürfen aber auch nicht das Wichtigste aus den Augen verlieren: Die Opfer. Und diese sind halt denjenigen, die bei sexueller Gewalt lieber über Ausländer als über sexuelle Gewalt reden wollen, herzlich egal. Am Ende sind es also nicht die Feminist_innen, die sich in dieser Thematik skandalös verhalten. Es sind schlichtweg all diejenigen, die sich nur dann über Gewalt an Frauen aufregen, wenn es eben keine Deutschen waren, die diese ausüben - und das macht sie zu ekelhaften Heuchlern.

14:41 05.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

FerNiemann

Student (»Gender & Diversity«) an der Hochschule Rhein-Waal | Mitglied der Partei DIE LINKE | Gründer des Flüchtlingsprojektes »MY FIRST STEPS«
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FerNiemann

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