Mater Familias - Frauen als Familienvorstand

Rollenbilder Wie gestaltet sich das Verhältnis erfolgreicher Frauen zu den von ihnen finanziell abhängigen Männern? Welche Herausforderungen entstehen für gewohnte Rollenbilder?
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In der Debatte um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht es seit einiger Zeit nicht länger bloß um die Rechte von Frauen. Die Fortschritte die darin im Verlauf des vergangenen Jahrhunderts gemacht wurden, lassen das Verhältnis der Geschlechter zueinander mit in den Vordergrund treten. Nirgendwo werden die Spannungen dabei konkreter, als im Zusammenleben, in Ehe und Partnerschaft. Schon zu Zeiten der Unterdrückung der Frauen war die wirtschaftliche Lage einer Familie oder Partnerschaft dabei nicht nur Rahmen, sondern auch Ursache von Konflikten. Waren Frauen früher finanziell von ihren Männern abhängig, können sie sich heute oft mit ihren Partnern messen, sie bisweilen sogar übertrumpfen. Was bedeutet das für das Zusammenleben von Mann und Frau?

Das Familienmodell des neunzehnten Jahrhunderts sah den Mann als Ernährer und daher Haushaltsvorstand an. Wer zahlte, schaffte an, und das war der pater familias. Frauen, aber natürlich auch Kinder, waren finanziell abhängig von der Prosperität ihrer Männer und Väter. Bis 1977 konnten Ehefrauen nur mit der Erlaubnis ihrer Männer arbeiten.1 Der Mann entschied dabei, ob der Arbeitsplatz seiner Frau, sie von der Haushaltsführung, Kindererziehung oder anderen ehelichen Pflichten abhielt. Das ist zum Glück historisch. Auf dem Weg zur völligen Gleichstellung in der Wirtschaft fehlen der emanzipatorischen Bewegung allerdings noch wichtige Stationen wie gleiche Löhne für gleiche Arbeit, Vereinbarkeit von Familie und Karriere und Parität in den Führungsetagen.

Dennoch finden sich Frauen oft im Mittelbau vieler Unternehmen, in Wissenschaft, Journalismus, Politik oder in sogenannten ›klassischen Frauenberufen‹ oft sogar eine Etage höher. Viele dieser Frauen verzichten auf längere Partnerschaften oder Kinder. Aber nur, weil früher hinter jedem starken Mann eine starke Frau stand, müssen starke Frauen heutzutage nicht zwangsläufig alleine da stehen. Wie sieht ein Miteinander in der Partnerschaft aus, wenn die Frau mindestens ebenso erfolgreich ist, wie der Mann?

Aus dem Modell von Ernährer und Hausfrau wurden Familien mit doppeltem Einkommen – hier auch oft noch mit dem Mann als Hauptverdiener. Wir sind heute weit davon entfernt, dass ein anderes Modell, in dem die Frau mehr verdient als ihr Mann, zum Alltag gehört. Aber es gibt derartige Fälle2. Die Frage ist, ob wir in manchen davon eine Rückkehr des alten Modells – des Ernährers und Hausvorstands, diesmal mit weiblicher Besetzung – wiederfinden. Es ist leider weder auszuschließen, noch ungewöhnlich, dass ein Partner finanziell vom anderen abhängig ist, und, da Frauen heute bereits die Stelle des Familienernährers einnehmen, gilt das auch für Männer. Wie ›Mann‹ damit umgeht, soll hier aber nicht im Vordergrund stehen, sondern: Wie verändert das ›Familie‹?

Eine weibliche Kopie, eine mater familias, verändert dabei die Familie als Beziehungsgeflecht zwischen Partnern und Kindern nicht, sie besetzt seine Endpunkte bloß um. Es gibt noch keine Handreichungen oder Leitvorstellungen dafür, wie wir heute das Geschlechterverhältnis in einer Beziehung entlang eines wirtschaftlichen Gefälles gestalten. Es liegt an uns, diese zu entwickeln. Einige Stationen auf diesem Weg sollen im folgenden anhand von alltagsnahen Fallbeispielen aufgezeigt werden.

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1Siehe. dazu bspw. Die Darstellung der Familienrechtsreform in einem Artikel im Magazin Emma [ http://www.emma.de/artikel/gesetzgebung-vorher-nachher-265857http://www.emma.de/artikel/gesetzgebung-vorher-nachher-265857 ]

2Die Journalistin Ingrid Müller Münch, bennent in einem Interview mit dem Spiegel, die Zahl von 20 Prozent als Anteil der Familien in denen die Frau Haupternährer ist. [ http://www.spiegel.de/karriere/frauen-als-hauptverdiener-sprengsatz-unterm-kuechentisch-a-939633.html ]

Die Miete

Ein Paar wohnt in einer Dreizimmerwohung. Ist es nicht meistens so, dass jeder die Hälfte zahlt, und man die Wohnung im ganzen gemeinsschaftlich nutzt? Was aber, wenn der Mann kein oder ein weitaus geringeres Einkommen als die Frau hat? Sie könnte mehr zahlen und das dritte Zimmer für sich einfordern. Doch was in StudentenWGs funktioniert, ist nicht immer in der Beziehung anwendbar. Wohin soll er mit seiner LP-Sammlung, soll er sie aufgeben? Vielleicht arbeitet er auch, wenn auch schlechter bezahlt, von zu Hause. Die prekäre Situation des einen Partners zöge sich dann bis ins eigene bzw. gemeinschaftliche Heim. Ist das wünschenswert, wenn wir ›Familie‹ als gleichberechtigt, harmonisch denken?

Anschaffungen und Freizeitgestaltung

Wer hart arbeitet, soll sich von seinem Geld auch etwas leisten dürfen. Was aber, wenn die Leistungsträgerin in der Familie entweder dem Partner einen Lebensstil mitfinanziert, den er sich alleine nicht leisten könnte, oder der Partner es sich nicht leisten kann, beim Lebensstil der Hauptverdienerin mitzuhalten? Möbelkäufe, Urlaubsplanung, leistet man sich eine Putzfrau oder kann man sich eine angemessene Kinderbetreuung leisten? Überspitzt gesagt: Wie gelingt gleicher Spaß ohne gleiche Löhne?

Familienplanung, Kindererziehung, Karriere

Es ist wieder en vougue, zu Heiraten. Hochzeiten sind Happenings, die als Massenphänomen eine eigene Branche mit Zulieferern wie Caterern, Eventhallen oder Dekorateuren generieren; Happenings, die mit Jungesellenabschieden, Polterabenden, standesamtlichen, kirchlichen Trauungen, zu Festivals ausgebaut werden. Und nach der Hochzeit? Beäugen Freundinnen den Bauch der Braut, erwartungsvolle Pegelstände, die Oberfläche führt uns zurück zu alten Verhaltensmustern. Das Bohei verkennt dabei die Chancen der modernen Wissensgesellschaft. »Eigentlich wäre der beste Zeitpunkt für das Kinderkriegen das Studium gewesen.«, sagt eine Frau am Beginn ihrer Karriere. Man ist zeitlich flexibel, noch nicht vom Beruf vereinnahmt, Universitäten sind offener für Mütter als Unternehmen. Für die meisten Männer hingegen ist das Studium immer noch eine große Party. Wenn Mann und Frau dann in der Situation sind, dass sie besser verdient, bessere Karrierechancen hat, muss der Mann zurückstecken, nach dem Motto: Wer zu spät denkt, den bestraft das Leben? Das Rollenmodell ›Hausmann und Vater‹ ist noch nicht alltagstauglich in der Gesellschaft angekommen. Viele Männer nehmen sich als ›Verlierer‹ wahr, werden vielleicht auch so wahrgenommen. Sind Männer, die finanziell von ihren Frauen abhängig sind, empfindlicher, als es Hausfrauen und Mütter früher waren? Auf der anderen Seite ist es Müttern wichtiger, Zeit mit ihrem Kind zu verbringen. Das sieht man auch daran, dass erfolgreiche Männer meist nur eine kurze Elternzeit nehmen – die sogenannten Vätermonate. Und da hat man sich noch nicht gefragt, ob Männer anders erziehen, wenn sie ›Hausmann und Vater‹ sind, als das Frauen in vergleichbaren Situationen machen. Sind Selbstständigkeit, Sozialverhalten, Bildungsfortschritt, Durchsetzungsfähigkeit etc. als Erziehungsideale geschlechtsspezifisch? Wer kümmert sich besser um die alltäglichen Besorgungen und den Haushalt – Mann oder Frau? Das fängt schon bei der Frage an, wer Unordnung und Schmutz in der Wohnung schlechter aushält. Müssen sich Mütter, die Karriere machen und ihren Partnern den Haushalt und die Kinder überlassen, aus der Verantwortung zurückziehen, wie das der alte pater familias oft tat, oder müssen neue Arten gemeinschaftlicher Entscheidungsfindungen gefunden werden?

Der Namensstreit

Wer heiratet muss sich für einen Familiennamen entscheiden. Dieser kann in Deutschland kein Doppelname sein. Es muss also entweder der Name des Mannes oder der Frau sein. In Großbritannien gibt es ein lockereres Namensrecht. Dort gibt es mittlerweile den Trend, die Nachnamen zu verschmelzen. Aus Mr. Pitt und Mrs. Dunbar wird dann das Ehepaar Pinbar oder Dutt. In Spanien erhalten Kinder immer die Namen beider Eltern verbunden durch ein ›y‹, wobei der Vatersname immer zuvorderst kommt und somit weiter vererbt wird. Auch in Deutschland gab es eine Art, der Familienlinie der Mutter Respekt zu zollen. Im Neunzehnten Jahrhundert bürgerte es sich ein, Kindern als Zweit- und Drittnamen die Namen der Großväter zu geben. Die Traditionen in der Namensgebung sind patriarchal. Wenn nun Frauen von ihren Männern fordern, ihren Namen zu übernehmen, klingt das aus der Perspektive einer historischen Geschlechterrivalität heraus fair. Aber nur, weil Ungerechtigkeiten über Jahrhunderte hinweg zu Lasten der einen Seite gingen, entsteht keine Gerechtigkeit, gingen sie die nächsten hundert Jahre zu Lasten der anderen Seite. In einer Beziehung, auch wenn sie ein wirtschaftliches Gefälle aufweist, kommt es auf die Gemeinsschaftlickeit der Entscheidungen an. Das heißt, dass Kompromisse nicht einseitig belastend seien sollten. Die neue mater familias ist keine Kopie ihrer männlichen Vorgänger, Gleichberechtigung wird nicht über eine historische Waage hergestellt. Die Englische Mode zollt dem Aspekt einer Familiengründung Respekt, dass eine neue Familie gegründet wird. Diese neuen Familien verhandeln Entscheidungen in sich, nach eigenen Regeln. Sie sollten auch das Recht haben, sich einen eigenen Namen zu geben.

20:29 16.10.2016
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